Bloß nicht an die Skandale erinnern, die Wikileaks aufgedeckt hat!

Eigentlich sollten die Medien doch jeden feiern, der Skandale aufdeckt. Im Falle von Juilan Assange gilt diese Regel anscheinend nicht, wie der Spiegel einmal mehr aufzeigt.
Es war zu erwarten, dass Assage nicht ewig in der ecuadorianischen Botschaft in London bleiben darf. Irgendwann musste eine Regierung dort an die Macht kommen, die vor dem amerikanischen Druck einknickt.
Zur Erinnerung: Wir verdanken Assange, die Aufdeckung von Mißständen im amerikanischen Foltergefängnis von Abu Ghraib. Wir verdanken ihm auch die Aufdeckung der weltweiten Überwachungspraktiken der NSA, denn er war es, der seinerzeit Edward Snowden half. Und wir verdanken ihm auch die Aufdeckung der Manipulationen zu Gunsten der Präsidentschaftsvorwahl der Demokratischen Partei. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Nun müsste man meinen, ein Mensch, der so engagiert Skandale und Mißstände aufdeckt, wäre ein gefeierter Held. Aber Fehlanzeige.
Und für die USA ist Assange einer größten Staatsfeinde überhaupt. Man muss sich diese Absurdität einmal vor Augen führen.
Er hat ungesetzliche Methoden der US-Armee in ihren Kriegen in Afghanistan und dem Irak aufgedeckt, immerhin ging es um das Töten unschuldiger Zivilisten und Foltergefängnisse. Aber anstatt ihm einen Orden zu verleihen, wird ihm Geheimdienstverrat vorgeworfen und seine Informantin Chelsea Manning wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt anstatt für ihre Courage ausgezeichnet zu werden.
Der Spiegel umschifft das Thema geschickt: „Washington macht ihn für die Veröffentlichung brisanter US-Dokumente aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak über die Wikileaks-Plattform verantwortlich.
Die hässlichen Worte „Folter“ oder „Kriegsverbrechen“ tauchen nicht auf. Bloß keine übertriebene Kritik an den USA, bloß nicht an diese Skandale erinnern. Ist schon lange her und hoffentlich haben die Leser diese unschönen Dinge längst vergessen.
Assange hat aufgedeckt, dass die NSA gegen US-Gesetze und die US-Verfassung verstößt, indem sie die US-Bürger in einem Umfang abhört und ausspioniert, dass die Stasi vor Neid erblassen müsste. Und niemand wurde für diese Gesetzesverstöße zur Verantwortung gezogen, dafür aber wurden Assange und Snowden wegen Geheimnisverrates zur Fahndung ausgeschrieben. Es war Assange, der es ermöglichte, dass Snowden rechtzeitig Hongkong verlassen konnte, um seiner Verhaftung zu entgehen, es war auch Assange, der Snowder dort einen Rechtsanwalt besorgte und diesen bezahlte.
Und der Spiegel? Erwähnt dies gar nicht. Stattdessen nur folgender Satz: „Der „Intercept“-Journalist war seinerzeit maßgeblich an der Aufarbeitung der Unterlagen des Informanten Edward Snowden beteiligt, der eine Internet-Überwachung schier gigantischen Ausmaßes durch den US-Geheimdienst NSA enthüllt hatte.
Internet-Überwachung? Der Spiegel unterschlägt die Details, er erinnert seine Leser nicht daran, dass die NSA nicht bloß das Internet überwacht, sondern auch flächendeckend Telefonate weltweit mitschneidet, SMS und E-Mails liest, Datenleitungen angezapft oder den BND dazu benutzt hat, die deutsche Wirtschaft für die USA auszuspionieren. Bloß den Leser nicht daran erinnern!
Und auch die Manipulation der Präsidentschaftsvorwahl hatte außer dem Rücktritt der Parteichefin der Demokratischen Partei keine Konsequenzen. Stattdessen wird Russland vorgeworfen, die Präsidentschaftswahlen beeinflusst zu haben, obwohl Wikileaks beteuert, dass es die Informationen von einem Insider in der Demokratischen Partei bekommen hat und nicht von Russland. Aber dieses Thema wird in den deutschen Medien totgeschwiegen, stattdessen wird die Sprachregelung der USA übernommen und von „russicher Wahlmanipulation“ gesprochen und der eigentliche Skandal wird den deutschen Leser verschwiegen.
Im Spiegel klingt das in diesem Artikel so: „Im vergangenen US-Präsidentschaftswahlkampf veröffentlichte WikiLeaks aber auch von mutmaßlich russischen Hackern gestohlene E-Mails der Demokratischen Partei und schadete damit der am Ende gegen Donald Trump unterlegenen Kandidatin Hillary Clinton
Assange „schadete Hillary Clinton“ sagt der Spiegel. Und er sagt nichts über Wahlmanipulation bei der Vorwahl.
Wie kann es sein, dass sich die Medien, die angeblich doch dafür da sind, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, diesen Mann nicht vehement verteidigen? Die Beispiele aber von Edward Snowden, Chelsea Manning und Juilan Assange zeigen, dass diejenigen, die echte Skandale aufdecken, im Gefängnis landen.
Wie muss man in diesem Licht eigentlich die „Skandale“ sehen, die uns von den Medien manchmal präsentiert werden?

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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