Déjà-vu: Früher Anthrax, heute Rizin – Was steckt hinter den vergifteten Briefen in den USA?

Es wurden den USA angeblich Briefe gefunden, die Rizin enthielten und an das Pentagon und das Weiße Haus geschickt wurden. Ich musste dabei sofort an die Anthrax-Briefe von 2001 denken. Erinnern Sie sich noch daran und wissen Sie eigentlich, was die Ermittlungen erbrachten?
 
Im September 2001, nur Tage nach den Anschlägen, als die USA tief im Terrorschock waren, wurden mehrere Briefe an US-Regierungsbehörden verschickt und in den Poststellen gefunden, die Anthrax enthalten haben. Es gab mehrere Tote. Aber es gab nur ein paar Briefe und obwohl zunächst keine Schuldigen gefunden und verhaftet worden waren, es nach Oktober 2001 keine solchen Briefe mehr.
 
Aber Medien und Öffentlichkeit vergaßen das Thema schnell, denn danach war der Krieg in Afghanistan das wichtigste Thema. Im Oktober 2001 gab es noch ein paar Briefe, die an Senatoren verschickt wurden. Damals wurden Spekulationen in die Welt gesetzt, dass der Irak dahinter steckte.
 
Heute kann man rückblickend sagen, dass die Anthrax-Briefe im September die Stimmung für einen Krieg gegen den Terror in Afghanistan stärkte. Und als der Krieg in Afghanistan lief, da wurden neue Briefe im Oktober 2001 verschickt und nun spätestens wurde dies in Medien und Politik mit Saddam und dem Irak in Verbindung gebracht. Saddam wurde so in eine Verbindung mit den Terroristen von Al-Qaida gestellt, von der wir heute wissen, dass es sie nie gab. Aber die Stimmung für einen Krieg gegen den Irak wuchs in den USA.
 
Und wir erinnern uns an das berühmte Fläschchen mit Pulver, dass Collin Powell im UN-Sicherheitsrat als „Beweis“ für die Massenvernichtungswaffen des Irak präsentierte? Er sprach dabei von Anthrax, die Stimmung dafür war durch die Anthrax-Anschläge bereitet worden.
 
Eine weitere Folge der Vorfälle war der Patriot Act, der in den USA die Bürgerrechte massiv eingeschränkt hat und der nicht nur mit 9/11 sondern auch diesen Vorfällen begründet wurde.
 
Nun wissen wir heute, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen hatte. Aber was wurde eigentlich aus den Ermittlungen zu den Anthrax-Fällen? Im August 2008 präsentierte das FBI als Alleintäter den Mikrobiologen Bruce Edwards Ivins, der auch am US-Waffenprogramm gearbeitet hatte. Praktischerweise hatte er eine Woche zuvor Selbstmord begangen und konnte nicht mehr befragt werden, aber der Fall galt mit dem Finden des Täters als abgeschlossen.
 
Dabei gab es reichlich Zweifel an der Täterschaft Ivins: „Ein Konsortium der US-Akademie der Wissenschaften zweifelt an der Stichhaltigkeit der Beweise, die die US-amerikanische Bundespolizei FBI erbracht hatte, wonach der U.S. Armee-Forscher Bruce Ivins für die Milzbrand-Anschläge 2001 verantwortlich war. (…) Dem Forscherteam zufolge gebe es keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen den Anthrax-Bakterien in Ivins‘ Labor in Maryland und den in den Anschlagsbriefen enthaltenen Sporen.
 
Aber der Fall war inzwischen sieben Jahre alt und Geschichte, die Welt steckte in der beginnenden Finanzkrise und niemand interessierte sich mehr für die Anthrax-Fälle von vor sieben Jahren und so verschwand die Geschichte in der Versenkung.
 
Gestern und heute gab es nun Meldungen über Briefe mit Rizin in Washington. Noch wird niemand beschuldigt, mal abwarten, wen man uns demnächst als Verdächtigen präsentiert, nach Logik der heutigen Feindbilder kommen Russland und Syrien Frage.
 
Hoffentlich trügt mich mein Gefühl von Déjà-vu und diese Briefe sollen nicht wieder als Grund für den Aufbau von Feindbildern bzw. als Begründung für neue Kriege genutzt werden.

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