Der Weg zum geopolitischen Showdown in der Türkei

Wie gestern früh schon vermutet, werden die Meldungen zur Türkei in dieser Woche dramatischer. Heute kann man im Spiegel bereits lesen: „Der Türkei könnte es wie Venezuela oder Simbabwe ergehen““. Das ist insofern überraschend, weil die Fundamentaldaten der Türkei eigentlich gut sind. Letztes Jahr war die Türkei die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt und die Verschuldung liegt bei nur 26% des BIP. Sind die negativen Prognosen berechtigt oder politisch motiviert?
Einerseits haben wir in der Realwirtschaft wie gesagt gute Fundamentaldaten, die Wirtschaft wächst und die Staatsverschuldung ist gering. Das Problem der Türkei ist, dass dort Fehler wiederholt wurden, von denen man eigentlich wissen müsste, dass man sie nicht machen darf. In der Türkei war es über Jahre populär, Kredite nicht in Lira aufzunehmen, weil die Zinsen hoch waren, sondern in Euro oder Dollar, weil die Zinsen niedriger waren.
Nun weiß jeder, der auch nur Grundkenntnisse in Finanzwirtschaft hat, dass Zinsen immer auch ein Risikoaufschlag sind. Hohe Zinsen weisen in der Regel auf eine Gefahr der Währungsabwertung hin. Diese muss nicht so dramatisch sein, wie wir es jetzt in der Türkei sehen, es reicht ja auch, wenn die Währung pro Jahr 5% verliert. Das führt dazu, dass die Kreditsumme in Landeswährung pro Jahr um 5% wächst und auch die Ausgaben für Zinsen. Auf lange Sicht ist das praktisch immer teurer, als einen Kredit in Landeswährung aufzunehmen und die Kröte der anfangs höheren Zinsen zu schlucken.
Ob nun die aktuelle Abwertung der Lira auch eine Folge eines Angriffs von Spekulanten ist, kann ich noch nicht sagen. Aber klar ist, dass die Lira durch die genannte Entwicklung fragil geworden ist. Da reichen, wie am Freitag gesehen, schon eine Erhöhung von Zöllen und ein paar böse Tweets von Trump, um den Absturz auszulösen. Obwohl es eigentlich keinen aktuellen Grund dafür gibt, die Lira hat ohnehin in diesem Jahr bereits kräftig an Wert verloren.
Nun allerdings wird aus einer Währungskrise eine Wirtschaftskrise. Verbraucher und Firmen bekommen Probleme, ihre nun teuer gewordenen Kredite in Euro und Dollar zu bedienen. Und das schlägt auf die Wirtschaft durch, denn wenn die Menschen wegen der höheren Kosten für Kredite den Konsum einschränken und damit die Einnahmen der Firmen zurückgehen, die durch den Wertverlust der Lira ohnehin bereits ebenfalls Probleme mit der Bedienung ihrer Kredite in Fremdwährung haben. Dies kann eine Kettenreaktion auslösen.
Das führt dann dazu, dass die Banken ein Problem mit den vergebenen Krediten bekommen. Und die Banken haben die Fremdwährungen für die vergebenen Kredite wiederum bei europäischen oder amerikanischen Banken aufgenommen. Für die Banken gilt nun das gleiche Problem: Der Wertverfall der Lira zusammen mit Krediten, die faul werden, führt zu einem Risiko bei den Banken, das im schlimmste Fall bis zu einer Bankenpleitewelle gehen kann.
Dies ist das Worst-Case-Szenario. Am Montag hat die Regierung reagiert, die Zentralbank hat den Banken Liquidität versprochen. Diese Maßnahme hat die Märkte zunächst beruhigt und den Verfall der Lira vorübergehend gestoppt. Wie lange diese Maßnahmen wirken wird, bleibt abzuwarten. Das Problem ist nämlich, dass die Zentralbank dieses Versprechen nicht lange aufrecht erhalten kann. Die Währungsreserven der Zentralbank sind mit 21 Mrd. recht gering. Und mit dieser geringen Summe muss die Zentralbank entweder die Lira stützen, was sie kaum lange durchhalten kann, es würde die Reserven in kurzer Zeit verbrennen. Oder aber sie nimmt das Geld, um es den Banken zur Verfügung zu stellen, damit diese ihre Verbindlichkeiten gegenüber ausländischen Banken bedienen können. Auch dies wäre Selbstmord, denn die Summe ist auch dafür viel zu gering.
Bleibt also nur, den Banken Lira zur Verfügung zu stellen, die die Banken dann auf dem Markt in Währungen umtauschen. Das allerdings würde die Lira weiter abwerten und die Inflation anheizen.
Das zeigt, dass die Türkei eigentlich keine Möglichkeiten hat, ernsthaft auf die Krise zu reagieren. Normalerweise helfen in solchen Fällen die Verbündeten zumindest moralisch, aber in diesem Fall tun die USA alles, um die Lira mit kritischen und schadenfrohen Äußerungen weiter unter Druck zu setzen.
Erdogan hat also durchaus recht, wenn er von einem Wirtschaftskrieg spricht. Allerdings hat er auch eigene Fehler gemacht, als er in großem Stil die Kredite in Fremdwährungen zugelassen hat. Damit wird ein Land erpressbar und das Ergebnis sehen wir gerade.
Dass die USA den Druck zurücknehmen oder der Türkei gar helfen, ist ausgeschlossen, solange Erdogan an der Macht ist. Erdogan ist den USA aus vielen Gründen ein Dorn im Auge und nachdem der Putsch vor zwei Jahren gescheitert ist, haben sich auch westliche Presse und Politik auf ihn eingeschossen. Sogar die Frage, ob man den Präsidenten eines Landes in Deutschland offiziell als Staatspräsidenten mit allen diplomatischen Ehren empfangen darf, wird in Deutschland diskutiert.
Nun wird Erdogan nicht freiwillig zurücktreten. Die Frage ist also, ob sich die Wirtschaftskrise so zuspitzt, dass es zu massenhaften Protesten kommt und was dann passiert. Erdogan stimmt sein Volk auf einen Wirtschaftskrieg gegen den Westen ein. Unrecht hat er wie gesagt nicht, auch wenn er dabei eigene Fehler lieber verschweigt. Aber welcher Politiker tut das nicht?
Erdogan wird also zwangsläufig andere Partner suchen müssen, auch der IWF ist keine Lösung, denn an seine Hilfe wird direkt oder indirekt ein Einenken gegenüber den USA gebunden sein. Bleiben ihm nur China und Russland als potente Partner.
Die BRICS-Staaten haben 2014 eine Bank als Gegenstück zum IWF gegründet, die einspringen könnte. Allerdings wird auch dies sicher an politische Zusagen gebunden sein. Vor allem in Syrien müsste Erdogan seine Positionen aufgeben und auch mit den Kurden, zumindest den syrischen, müsste er sich einigen.
Ein solches Einschwenken auf die im Endeffekt russische Politik würde zu einem vielleicht endgültigen Bruch mit dem Westen führen. Mit unabsehbaren Folgen auch für die Mitgliedschaft der Türkei in der Nato.
Die USA werden alles tun, um eine solche Entwicklung zu verhindern. Und Instrumente haben sie dafür reichlich. Sie können den wirtschaftlichen Druck zusammen mit der EU erhöhen, über NGOs die Unzufriedenheit in der Türkei verstärken und Proteste organisieren. In der Türkei gab es darüberhinaus seit dem zweiten Weltkrieg immer wieder Militärputsche, wenn die Türkei im Begriff war, die amerikanische Linie zu verlassen. Einen solchen Putschversuch gab es auch 2016 gegen Erdogan. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es zu einem weiteren Versuch kommt.
Die Situation in der Türkei könnte in den nächsten Monaten einem der entscheidendsten Faktoren in der Weltpolitik und auch im Nahen Osten werden. Wendet sich die Türkei endgültig Russland zu, schlägt das Pendel im Nahen Osten zu Ungunsten der USA aus. Brechen in der Türkei Unruhen oder ein Putsch aus, sind die Folgen für das Land, das ohnehin bereits im Krieg auch im Landesinneren gegen die Kurden steckt, nur schwer vorhersehbar.
Politik und Medien im Westen haben sich auf Erdogan eingeschossen und fordern mehr oder weniger offen seinen Rücktritt. Nach einem Einlenken des Westens sieht es nicht aus und auch nicht nach einem Einlenken Erdogans. Das kann sich natürlich ändern. Aber wenn beide Seiten stur bleiben, droht ein Showdown mit unabsehbaren.
Warum Erdogan in dem Konflikt kaum zurückweichen wird, lesen Sie hier in einer Analyse zu den Hintergründen.

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