Die Sicht der Anderen: Das russische Fernsehen über Vorwürfe gegen Harvey Weinstein und Kevin Spacey

Das russische Fernsehen hat sich gestern in der Sendung „Nachrichten der Woche“ mit den „Skandalen“ um Harvey Weinstein und Kevin Spacey beschäftigt. Unter großem Mediengetöse wurden ihre Karrieren wegen Vergewaltigungsvorwürfen beendet und beide wurden beruflich und gesellschaftlich zu Personen Non-Grata erklärt. Nun brechen aber alle strafrechtlichen Anschuldigungen gegen sie zusammen.
 
Bevor ich die Meldung aus dem russischen Fernsehen übersetze, zunächst meine Sicht der Dinge, um Missverständnisse zu vermeiden. Ich habe bei Vergewaltigungen keinen Humor und denke, dass ein so schweres Verbrechen noch härter bestraft werden sollte, als es heute üblich ist.
 
Auch bei sexueller Belästigung bin ich für empfindliche Strafen, wobei man jedoch definieren muss, was tatsächlich eine strafbare sexuelle Belästigung darstellt. Nicht jede Berührung des Knies ist in meinen Augen eine sexuelle Belästigung. Ich lebe in Russland und hier ist es durchaus noch so, wie es früher auch mal in Deutschland war: Wenn ein testosteron-geschwängerter Mann aufdringlich wird oder Signale einer Frau falsch interpretiert, dann hat die Frau das gute alte Mittel, ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen und die Fronten sind klar. Auch ein ins Gesicht geschütteter Drink wirkt Wunder. Man muss nicht aus jeder Berührung einen (medialen) Skandal machen. Anders ist es, wenn all dies nichts nützt oder der Mann sogar Gewalt anwendet, die zwar nicht zu einer Vergewaltigung, wohl aber zu ungewünschten Berührungen führt. Das gehört natürlich auch empfindlich bestraft.
 
In Russland sieht man die Dinge so, wie ich sie beschrieben habe und wenn man mit den Menschen spricht, dann sind es meist die Frauen und weniger die Männer, die sich über die MeToo-Debatten im Westen lustig machen. In Russland ist man konservativer, als im Westen und die Frauen erwarten in der Regel vom Mann, dass er beim Kennenlernen die ersten Schritte macht. Dazu gehört eben auch, dass der Mann mal ein Signal falsch interpretieren kann und mit der einen oder anderen Bewegung über das Ziel hinausschießt. Das lässt sich aber durch ein deutliches Wort in Ordnung bringen und wenn jemand die zarten Signale nicht erkennen will, dann hilft notfalls die gute alte Ohrfeige oder ein Drink ins Gesicht.
 
Man muss diese russische Sicht der Dinge nicht teilen, ich erkläre nur, wie es in diesem Land funktioniert und wie die Mehrheit der Menschen diese Dinge sehen.
 
Auch zu der Frage, wo eine sexuelle Belästigung beginnt, darf jeder seine eigene Meinung haben und die Grenzen nach seinem Empfinden ziehen. Worin wir uns aber einig sein sollten, zumal wenn wir für einen Rechtsstaat eintreten, ist die Tatsache, dass jeder als unschuldig zu gelten hat, bis das Gegenteil bewiesen ist. Ansonsten führen Vorverurteilungen dazu, dass Menschen beruflich und gesellschaftlich vernichtet werden und wenn sich später herausstellt, dass sie unschuldig waren, sind sie längst ruiniert. Das darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.
 
Aber genau das ist in der MeToo-Debatte passiert. Da reichte es völlig aus, wenn jemand eine Anschuldigung erhob und schon stand in der medialen Öffentlichkeit die Schuld des „Täters“ fest. Für die Feststellung von Schuld und Unschuld sind aber in einem Rechtsstaat Gerichte zuständig und nicht die Medien. Und obwohl zumindest Weinstein, den in Deutschland vorher kaum jemand kannte, nun ein miserables Image hat, brechen die Anklagepunkte vor Gericht gerade zusammen und es bleibt nichts übrig, wogegen er verstoßen hat. Vielleicht ist er ein ganz mieser Typ, das weiß ich nicht, aber das ist nicht strafbar. Und in einem Rechtsstaat sollten Recht und Gesetz die höchsten Güter sein und nicht etwa die Frage, ob jemand sympathisch ist oder nicht.
 
Nun zum Beitrag des russischen Fernsehens:
 
Beginn der Übersetzung:
 
Zu den Nachrichten aus Hollywood. Bei all den Nachrichten aus den Vereinigten Staaten gehen die kleinen Nachrichten völlig verloren, so wie auch die Meldung über eine alte, bereits vor mehr als zehn Jahren verschickte E-Mail von einer Frau an einen Mann, den sie sehr vermisst hat und gerne getroffen hätte. Der scheinbar harmlose Text lautet: „Hallo, was gibt’s Neues? Ob Harvey vor dem Abflug noch Zeit hat, mich zu treffen?“
 
Die Mail ist von 2007, und das ist bedeutsam. Gesendet an Harvey Weinstein, einen berühmten Hollywood-Produzenten, dessen Filme insgesamt 81 Oscars erhielten. Die Autorin der Mail war die hübsche Mimi Hayley, Produktionsassistentin bei Weinsteins Firma. Sie ist eine von ca. 50 Frauen aus Hollywood, die sagten, Harvey Weinstein habe sie in der Vergangenheit sexuell belästigt. Mimi Haley ist eine sehr wichtige Figur, für das Verständnis der Geschichte um Harvey Weinstein.
 
Erinnern wir uns, wie alles begann. Harvey Weinstein wurde im Oktober 2017 als erstes in der New York Times von der Schauspielerin Ashley Judd der sexuellen Belästigung beschuldigt. Sie besuchte den Produzenten in einem Hotelzimmer, und er öffnete die Tür – schrecklich – im Bademantel und bat sie, ihn zu massieren. Welch ein Horror! Der Fall ging vor Gericht, aber im September dieses Jahres wies das Gericht die Klage wegen Mangels an Beweisen ab. Das war´s.
 
Aber Weinstein erwies sich als lohnendes Ziel. Dem Beispiel von Ashley Judd folgten viele Stars und Sternchen aus Hollywood. Damals schien es fast, als sei eine Beschuldigung gegen Weinstein für die Damen aus Hollywood eine Art Gütesiegel. Nur wer behauptete, von Harvey belästigt worden zu sein, war wer in Hollywood.
 
Die Liste der Opfer beeindruckte ganz Amerika: Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow, Kate Beckinsale, Rose McGowan, Rosanna Arket, Cara Delevin, Lea Seydou, Heather Graham, Lucia Evans und Asia Argento, alle wurden von ihm sexuell belästigt und viele versuchte er zu vergewaltigen.
 
Harvey wurde zerstört. Er dachte an Selbstmord und ging im weit entfernten Arizona in das Rehabilitationszentrum von Meadows. Dazu war er regelrecht verpflichtet, da die Atmosphäre der Verfolgung in der amerikanischen Gesellschaft ihm keine andere Wahl ließ, als einen Kurs für Männer mit Sexsucht zu absolvieren.
 
Der Name des Kurses lautet „Gentle Way“ („Sanfter Weg“). Im anderen Flügel der gleichen Klinik wurde ein anderer Gentleman, Kevin Spacey, auf den „sanften Weg“ gebracht. Beiden verordneten die Ärzte sexuelle Abstinenz und ein 12-Stufen-Programm: Schwimmen, Yoga, Meditation, Akupunktur, Diät und Reiten.
 
Während er in Behandlung war, wurde Harvey Weinstein ruiniert, aus seiner eigenen Firma vertrieben und buchstäblich überall ausgeschlossen: aus der American Film Academy, der British Film Academy, der Producers Guild of America, der Directors Guild of America, der British Television Academy und dem British Film Institute, auch seine Ehrendoktorwürde des Staates New York wurde ihm aberkannt, es wurden Verfahren zur Aberkennung des Ordens des britischen Empire und des Ordens der Ehrenlegion von Frankreich eingeleitet. Der Mann wurde ausgelöscht.
 
Am 25. Mai dieses Jahres wurde Weinstein offiziell wegen Vergewaltigung, Straftaten sexueller Natur, sexueller Gewalt und sexueller Belästigung angeklagt. Beschuldigt wurde er von nur zwei Frauen. Der Name der einen, die er 2013 vergewaltigt haben sollte, wurde nicht genannt. Die zweite ist Lucia Evans: Sie warf Weinstein unerwünschte intime Nähe im Jahr 2004 vor.
 
Weinstein wurde verhaftet, aber das Gericht in Manhattan entließ ihn gegen Kaution von einer Million Dollar. Und er bekam ein elektronisches Armband.
 
Am 31. Mai wurde der Fall Weinstein offiziell vor Gericht gebracht. Am 5. Juni wurde die Anklage offiziell verlesen. Weinstein stritt alles ab. Am 9. Juli meldet sich beim Gericht ein drittes Weinstein-Opfer, wie später bekannt wurde, war dies die hübsche Mimi Haley.
 
Und heute, nachdem mehr als ein Jahr seit der ersten Anschuldigung vergangen ist, fällt der Fall Harvey Weinstein vor Gericht auseinander. Es scheint, dass vor Gericht nichts von den Anschuldigungen übrig bleibt, wofür man ihn verurteilen könnte.
 
Schließlich ist an der Episode mit Mimi Haley, die gerne öffentlich von ihrem unheilbaren moralischen Trauma berichtete, nichts kriminelles. Ja, sie kam in Harvey Weinsteins Zimmer und tat, wie sie sagte, Dinge, die sie eigentlich nicht bereit war zu tun. Eine Vergewaltigung im Sinne des Wortes war es jedoch nicht. Ja, elf Jahre später begann sie von einer nicht heilenden emotionalen Wunde zu erzählen, die sie immer noch quält. Aber wie sich herausstellt, bat sie Harvey einige Monate nach diesem ersten Treffen um ein weiteres Treffen: „Hallo, was gibt’s Neues? Ob Harvey vor dem Abflug noch Zeit hat, mich zu treffen?“ Damit war klar, dass der Fall keine juristische Relevanz hat.
 
Vorher flog bereits die frühere Schauspielerin Lucia Evans aus dem Prozess. Am 11. Oktober wies die Staatsanwaltschaft ihre Anschuldigungen wegen Vergewaltigung gegen Weinstein aus dem Jahr 2004 zurück. Lucy hatte seinerzeit einer Freundin von Sex im Büro für das Versprechen einer Karriere erzählt. Das erzählte sie dem Staatsanwalt, der ihr riet, dies vor Gericht zu verschweigen. Als die Absprache herauskam, brach die Klage wegen Vergewaltigung zusammen, denn der Sex fand mit ihrer Einwilligung statt.
 
Und die dritte und letzte Geschichte, die vor Gericht noch übrig ist, ist die Vergewaltigung des namentlich nicht genannten Opfers. Im August legten die Anwälte jedoch E-Mails der angeblich „vergewaltigten“ Frau bei Gericht vor. Daraus geht hervor, dass die Dame vor und nach der „Vergewaltigung“ eine Beziehung mit dem Produzenten hatte. In einer der Mails schrieb sie, dass sie den Produzenten vermisst und ihn gerne wiedersehen würde. In einer anderen dankte sie ihm für alles, was er für sie tat, und fügte hinzu, dass niemand sie so gut versteht, wie Weinstein.
 
Das ist in der Tat alles, was beim Richter auf dem Tisch liegt und worüber die Jury urteilen muss. Nicht viel. Übrigens brachen auch alle Vorwürfe gegen Kevin Spacey zusammen, und die Staatsanwaltschaft hatte nicht einmal genug in der Hand, um die Sache vor Gericht zu bringen.
 
Das heißt, die Anklage gegen den Oscar-Preisträger wurde vom Gericht nicht zugelassen. Aber es spielt keine Rolle. Weder Harvey Weinstein noch Kevin Spacey werden noch mal im amerikanischen Kino zu sehen sein. Die letzte Auszeichnung, die den beiden verliehen wurde, ist ein Ehrenzertifikat der Meadows Clinic in Arizona über die Teilnahme an dem „Sanften Weg“ als Krone ihrer Karrieren in Hollywood.
 
Ende der Übersetzung
 
Ich wiederhole es nochmal: Natürlich ist die „Besetzungscouch“, die es offensichtlich in der Schauspielerei gibt, zutiefst verwerflich. Aber es ist keine Vergewaltigung. Und wer soll hinterher beweisen, ob der Produzent Sex gefordert hat oder ob die junge und ehrgeizige Schauspielerin Sex geboten hat? Beides soll bekanntlich vorkommen. Und beides ist unmoralisch. Aber es ist eben keine Vergewaltigung, es ist ein Zusammentreffen von zwei Menschen mit ziemlich kaputtem moralischen Kompass, denn nicht nur der Produzent, der seine Position zu seinem Vorteil nutzt, handelt moralisch verwerflich. Auch eine Frau, die ihren Körper zu ihrem Vorteil nutzt, tut das. Aber am Ende haben beide bekommen, was sie wollten.
 
Opfer sind dabei ganz andere. Nämlich all die anständigen Frauen, die nicht bereit sind, ihren Körper in der Form herzugeben und die eine Rolle deshalb nicht bekommen haben. Aber wie soll man das beweisen?
 
Daher hat die ganze Sache zwar einen bitteren Beigeschmack, aber ist nichts für die Justiz.
 
Aber in den Medien wurden die Fälle aufgeblasen und Menschen vorverurteilt. Das erinnert an die mittelalterliche Praxis des Prangers, was wir doch eigentlich barbarisch finden. Aber es findet heute trotzdem noch statt.
 
Und ob Weinstein seine Macht ausgenutzt hat, um Frauen zum Sex zu bewegen oder ob schöne und ehrgeizige Frauen ihn verführt haben, um an Rollen zu kommen: Beides ist gleichermaßen verwerflich. Aber es ist nicht strafbar.
 
In den USA jedoch reichen schon unbewiesene Anschuldigungen aus, um einen Skandal auszulösen und unsere deutschen Medien springen nur zu gern auf diesen Zug auf. Ob man konservative Richter mag oder nicht, aber schon eine angebliche Berührung vor 30 Jahren auf einer Studentenparty war genug, um tagelang die Medien zu beschäftigen. Jeder kann von jedem beschuldigt werden und das wird auch bereits in der Politik als Waffe eingesetzt.
 
Das ist weder demokratisch noch rechtsstaatlich.

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