Giftgas in Syrien – Der Spiegel weiß heute nicht mehr, was er gestern geschrieben hat

Nachdem die deutschen Medien fast eine Woche geschwiegen haben, beginnt nun die nächste Propagandaoffensive gegen Syrien. Und zwar auch frei nach dem Motto, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, wenn der Spiegel schon heute anders schreibt, als gestern.
 
Gestern noch wurde der Sondervermittler der UNO im Spiegel mit folgenden Worten zitiert: „Größte Gefahr sei der Einsatz chemischer Kampfstoffe, die sowohl die Regierung als auch al-Nusra besäßen, sagte der Diplomat. Er rief die Konfliktparteien sowie ihre internationalen Unterstützer auf, vor neuen Angriffen eine Lösung für die Zivilisten zu finden und auf den Einsatz von Chemiewaffen zu verzichten.
 
Heute bereits, klingt es beim Spiegel so: „Fast schon hilflos klingt der Appell des Uno-Sondergesandten, das Assad-Regime möge wenigstens bei der Offensive in Idlib auf den Einsatz von Chlorgas und anderer chemischer Kampfstoffe verzichten.
 
Dass der Diplomat beide Seiten aufgerufen hat, auf den Einsatz von Giftgas zu verzichten, findet sich heute schon nicht mehr im Spiegel. Es beginnt bereits wieder die einseitige Anti-Assad-Propaganda. Man muss Assad nicht mögen, aber eine faire Berichterstattung sollte man erwarten können.
 
Weiter heißt es im Spiegel heute: „Verschiedene Ermittlerteams der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) haben nachgewiesen, dass das syrische Militär seit 2012 mindestens 27 Mal C-Waffen eingesetzt hat. Das Regime bestreitet das bis heute und wirft den Rebellen vor, sie habe die Angriffe inszeniert, um eine Intervention des Westens zu provozieren.“
 
Dabei stimmt auch das nicht. Eine Chronologie der Giftgas-Vorfälle in Syrien finden Sie hier.
 
Dass die Rebellen zweifelsfrei Giftgas eingesetzt haben, um die Regierung zu beschuldigen, ist zweifelsfrei erwiesen, aber die deutschen Medien verschweigen das konsequent.
 
Es ist völlig unbestritten, dass es zu einem weiteren Blutvergießen in Idlib kommen wird. Die syrische Regierung wird nicht zulassen, dass in einer syrischen Provinz Islamisten herrschen. Dass es Islamisten und keine „moderaten Rebellen“ sind, kann man auch im Spiegel heute lesen: „Die Regierung in Ankara versucht deshalb, auf die Dschihadisten in Idlib einzuwirken und verhandelt über die Auflösung des islamistischen Rebellenbündnisses Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Die Truppe nannte sich bis zum Juli 2016 Nusra-Front und gehörte dem Terrornetzwerk al-Qaida an. Vor zwei Jahren sagte sich HTS-Anführer Abu Mohammed al-Golani formal von al-Qaida los – das ist jedoch kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. HTS wird weiterhin als Teil des internationalen Terrornetzes angesehen.
 
Wer kann ernsthaft kritisieren, dass Assad nicht will, dass Dschihadisten Teile seines Landes besetzen? Noch dazu, wenn es sich de facto um die al-Qaida handelt? Trotzdem bringen die Medien es fertig, Assad als den Bösen darzustellen und nicht etwa al-Qaida. Assad ist möglicherweise kein Chorknabe, aber sicher auch nicht schlimmer als die al-Qaida.
 
Und im letzten Absatz stellt der Spiegel Meldungen, über die ich schon seit einer Woche berichte, quasi als absurde „Feindpropaganda“ dar: „Auch jetzt behaupten Moskau und Damaskus, die Aufständischen würden mit westlicher Hilfe einen Chemiewaffenangriff planen und der syrischen Seite die Schuld geben, um damit Militärschläge des Westens zu rechtfertigen.“
 
Das ist eine sehr unvollständige und verkürzte Fassung der Meldungen, die es seit einer Woche gibt, von denen aber der deutsche Leser bisher nichts in den Mainstream-Medien hören konnte.
 
Solange die deutschen „Qualitätsmedien“ so verkürzt berichten, wie das ehemalige Nachrichtenmagazin Spegel, muss man sich nicht wundern, wenn die Leser in Deutschland nicht informiert sind.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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