Globalisierung und Freihandel – Wie gefährlich sind Zölle wirklich?

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht vor dem buchstäblich anstehenden Weltuntergang wegen der Zölle warnen, die Trump eingeführt hat bzw. noch einzuführen droht. Da ist es höchste Zeit, sich einmal zu fragen, ob dies wirklich so schlimm ist, wie Wirtschaft, Politik und Medien immer behaupten. Schließlich – und das ist nicht zu bestreiten – bedrohen Zölle den freien Handel. Und wir lernen doch jeden Tag beim Blick in die Zeitungen und Nachrichtensendungen, dass Globalisierung gut und Freihandel der einzige Weg zum Wohlstand ist. Deshalb werden ja auch immer mehr und immer umfangreichere Freihandelsabkommen abgeschlossen.
 
Wollen wir uns doch mal die nüchternen Zahlen ansehen.
 
Aktuell haben die USA (Straf-)Zölle auf Aluminium und Stahl beschlossen, eine für Deutschland wichtige Branche. Aber: Nur 5% der deutschen Stahlexporte gehen in die USA und so hat das IFO-Institut berechnet, dass diese Zölle die deutsche Wirtschaft mit lediglich 40 Millionen belasten. Peanuts angesichts der Tatsache, dass die Branche eine Jahresumsatz 35 Milliarden hat, es handelt sich also lediglich um ca. 0,1% des Umsatzes. Da fragt man sich schon, warum Presse und Politik so eine Panik wegen der US-Zölle machen.
 
Der Grund liegt auf der Hand: Die Wirtschaft mag nichts, was ihre Gewinne schmälert und so muss die Presse zwangsläufig gegen diese Zölle wettern. Schließlich sind die großen Medienkonzerne entweder durch Eigentumsverhältnisse eng mit der Wirtschaft verknüpft oder durch Werbung von ihr abhängig. Und darum wird uns von der Presse täglich eingebläut, dass Freihandel und Globalisierung so großartig sind. Nicht etwa weil diese in Deutschland Arbeitsplätze schaffen, die Arbeitsplätze gehen in der globalisierten Welt dahin, wo die Löhne am niedrigsten sind. Und wenn man dann aus diesen Niedriglohnländern auch noch zollfrei nach Deutschland liefern kann, dann beschleunigt sich dieser Prozess noch. Das erhöht die Gewinne der Konzerne, aber nicht Ihren Lohn.
 
Ein einfaches Beispiel belegt, dass dies tatsächlich so ist. Erinnern Sie sich noch an das Nokia-Werk in Bochum? Nokia hat das Werk 2008 geschlossen, weil die Produktion in Rumänien billiger war. Aber sind deshalb die Preise für Nokia-Handys gesenkt worden? Natürlich nicht, die Preise blieben gleich, aber die Produktionskosten sind gesunken und Nokia hat mehr Geld verdient. Das ist in einfachen Worten die viel gerühmte Globalisierung: Immer billiger produzieren und möglichst keine Zölle damit man maximalen Gewinn erwirtschaften kann. Der Dumme dabei ist in der Regel der Arbeitnehmer, der entweder seine Arbeit verliert oder mit immer weniger Lohn auskommen muss.
 
Dabei hatten und haben Zölle durchaus einen Sinn. Man kann mit ihrer Hilfe billig im Ausland produzierte Güter künstlich verteuern und damit letztendlich dafür sorgen, dass es sich für Konzerne lohnt, trotz höherer Löhne in Deutschland zu produzieren und damit gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen.
 
Dazu ein Beispiel, dass Sie wahrscheinlich nicht kennen. In Russland wird der Import von Autos sehr hoch besteuert, weit höher als alles, was Trump für die USA androht. Das hat dazu geführt, dass Autos in Russland in den 1990er Jahren sehr viel teurer waren, als in der EU. Um trotzdem Autos in Russland verkaufen zu können, es ist schließlich ein riesiger Markt, auf den niemand verzichten wollte, haben die Autohersteller Fabriken in Russland gebaut. Heute sind praktisch alle internationalen Autohersteller und auch die Zulieferer mit Fabriken in Russland vertreten, das hat hunderttausende Arbeitsplätze in Russland geschaffen und außerdem dazu geführt, dass Neuwagen in Russland nun um bis zu 20% günstiger sind, als in Deutschland.
 
Man sieht also, dass Zölle durchaus Vorteile für die Menschen haben. Natürlich hätten die Autohersteller den russischen Markt lieber aus Europa beliefert und sich gerne die Investitionen in neue Fabriken in Russland gespart. Aber sie hatten keine andere Wahl, wenn sie auf dem russischen Markt eine Rolle spielen wollten, als dort Fabriken zu bauen. Und trotzdem sind sie daran nicht pleite gegangen, sondern verdienen trotzdem viel Geld, trotz der hohen Zölle.
 
Aber aus Sicht der Wirtschaft und damit der Presse ist jeder, der Zölle einführt, der Teufel in Person. Und deshalb dürfen wir täglich irgendwo lesen, wie katastrophal sich diese Zölle auf Deutschland und die Welt auswirken. Obwohl wir aktuell, wie gesehen, bei den Zöllen auf Stahl von einem Schaden von nur 0,1% sprechen. Und nicht etwa für Deutschland oder die deutsche Wirtschaft als Ganzes, sondern nur für die deutsche Stahlindustrie.
 
Nun wird argumentiert, dass es auf der Welt eine Überproduktion von Stahl gibt und die Zölle der USA dafür sorgen, dass sich andere Stahlproduzenten neue Märkte suchen und Europa mit ihrem (billigen?) Stahl überschwemmen und so die deutsche Stahlindustrie in Gefahr bringen. Dazu ist zu sagen, dass die USA auch weiterhin Stahl importieren werden, auch wenn er durch die Zölle dort teurer wird. Natürlich werden die Zölle auch dazu führen, dass die USA ihre eigene Stahlproduktion erhöhen, sodass sie weniger importieren müssen. Aber sie werden trotzdem weiterhin Stahl importieren müssen, denn sie importieren ca 11 Millionen Tonnen mehr pro Jahr, als sie exportieren. Das ist so viel, wie Großbritannien pro Jahr produziert.
 
Die Zölle der USA haben also vor allem einen Effekt: Die Stahlproduktion in den USA wird erhöht und es werden dadurch Arbeitsplätze entstehen. Genau das ist es übrigens, was Trump seinen Wählern versprochen hat. Und die Erhöhung der Stahlpreise in den USA durch die Zölle wird die Gewinne der Unternehmen ein wenig belasten und das ist der Grund für die Panik in den Medien.
 
Auch wenn die USA also in Zukunft weniger Stahl importieren, ist das nicht die Katastrophe, die uns suggeriert werden soll. Wieder helfen die nackten Zahlen. Nehmen wir an, dass die USA durch die Zölle ihre Nettoimporte um die Hälfte senken können (was schon utopisch ist), dann wären das 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Die weltweite Stahlproduktion beträgt jedoch 1.606 Millionen Tonnen pro Jahr. Wir reden also von weniger 0,3% der weltweiten Produktion, die sich neue Absatzmärkte suchen müssen. Das dürfte sich kaum dramatisch auswirken.
 
Weiter wird ja z.B. auch argumentiert, dass Autos in den USA dadurch teurer werden und die Verbraucher am Ende die Dummen sind. Stahl macht ca. 45% des Gewichtes eines Autos aus. In einem Auto, dass zwei Tonnen wiegt, ist also knapp eine Tonne Stahl verbaut. Der Preis pro Tonne Stahl ist in diesem Jahr von 600$ Januar auf 900$ im Juli gestiegen. Wenn man davon ausgeht, dass so ein Auto ca. 50.000$ kostet, dann beträgt der prozentuale Anteil des Stahls am Verkaufspreis eines Autos aktuell etwas weniger als 2%. Und darauf schlägt Trump nun 25% Zoll, das bedeutet, dass das Auto um 240$ oder 0,5% teurer werden würde.
 
Anders ausgedrückt: Die Zölle dürften tausende Arbeitsplätze in der amerikanischen Stahlindustrie schaffen und um Gegenzug werden Autos eventuell um 0,5% teurer. Und das auch nur, wenn die Hersteller ihre Mehrkosten auf den Preis aufschlagen können. Wenn sie das nicht können, dann schmälert das ganze eben ihren Gewinn ein wenig. Und da haben wir den Grund, warum die Konzerne und mit ihnen die Medien die Zölle so verteufeln.
 
Übrigens ist der Stahlpreis – wie gesehen – von Januar bis Juli 2018 um 50% gestiegen, aber haben sich deshalb die Preise für Autos großartig verändert? Nein, und genau deshalb werden auch die 25% Zoll auf Stahl keinen Weltuntergang herbeiführen.
 
Merken Sie, wie merkwürdig die „Argumente“ sind, die uns die Presse präsentiert, wenn man sie überprüft?
 
Und deshalb nennt der Präsident der Bundesbank die unmittelbaren Auswirkungen der US-Zölle auch „begrenzt“, aber das findet sich nicht im Spiegel, sondern dafür muss man schon kleinere Zeitungen wie den Merkur lesen. Dort erfährt man, dass die Bundesbank die unmittelbaren Auswirkungen auf 0,04% des Bruttoinlandsproduktes der EU beziffert.
 
Man fragt sich angesichts dieser Fakten also wirklich, warum die Presse so einen Hype deswegen macht, aber die Antwort habe ich ja schon gegeben.
 
Die nächste aufziehende Katastrophe sind die angedrohten US-Zölle gegen Neuwagen. Aktuell beträgt der Marktanteil der deutschen Automobilindustrie in den USA ca 7%, das sind 1,33 Millionen Autos pro Jahr. Jetzt muss man noch wissen, dass die deutsche Automobilindustrie mit eigenen Fabriken in den USA 800.000 Autos pro Jahr produziert, also längst nicht alle dort verkauften deutschen Autos von den Zöllen betroffen sind. Die deutschen Hersteller produzieren weltweit derzeit ca 16,5 Millionen Autos. Die Zölle würden also vielleicht 5% der deutschen weltweit hergestellten Autos betreffen. Eine Katastrophe sieht anders aus, oder? Was die Presse aber nicht daran hindert, den Weltuntergang deswegen an die Wand zu malen.
 
Um Ihnen zu verdeutlichen, wie unsinnig die Panikmache ist, will ich noch ein anderes Beispiel anführen. Erinnern Sie sich noch daran, dass 2014 Wirtschaftssanktionen gegen Russland eingeführt wurden? Damals war die Wirtschaft auch dagegen, aber in der Presse konnte man lesen, dass die Auswirkungen nicht so schlimm sein würden. Man sieht an diesem Beispiel sehr schön, dass für die Presse die geostrategischen Ziele der USA noch wichtiger sind, als die Interessen der heimischen Wirtschaft.
 
Damals wurde von der Presse gern argumentiert, dass der Anteil Russlands am deutschen Außenhandel ja „nur“ 4% ausmachte, also „nur“ ca. 50 Milliarden. Das stelle kein existenzielles Problem dar.
 
Nun wissen wir heute, dass die deutsche Wirtschaft die Sanktionen natürlich insgesamt gut verkraftet hat, auch wenn einzelne Branchen oder Firmen schwer getroffen wurden. Der Handel mit Russland hat sich dabei halbiert, ist also um 25 Mrd. geschrumpft.
 
An diesem Beispiel wird deutlich, wie sehr die Presse uns manipulieren will. 4% des deutschen Außenhandels zu riskieren stellte 2014 kein Problem dar, wenn es gegen Russland ging. Heute wird hingegen ein Katastrophenszenario nach dem anderen an die Wand gemalt, wenn 0,04% des BIP der EU betroffen sind.
 
Die deutsche Wirtschaft konnte es also insgesamt gut verkraften, in einem Markt 25 Milliarden oder 2% ihres Außenhandels zu verlieren, also den erwähnten Rückgang im Russlandgeschäft. Was bedeutet das am Beispiel USA? Deutschland könnte es wohl genauso problemlos verkraften, 20-25% des US-Geschäftes zu verlieren, denn das wären auch „nur“ 25 Milliarden. Das will natürlich niemand, ich will damit nur sagen, dass das eben doch kein Weltuntergang wäre.
 
Natürlich führen die US-Zölle nicht zu einem solchen Verlust im US-Geschäft, wie wir ja an den Zahlen gesehen haben. Aber dieser Vergleich macht noch einmal deutlich, wie sehr die Presse uns manipulieren möchte und wie leicht man dies bemerken kann, wenn man einfach mal die Zahlen googelt und einen Taschenrechner zu Hand nimmt.
 
Zum Schluss will ich noch an zwei weiteren Beispielen aufzeigen, dass Zölle etwas sinnvolles sein können und freier Handel eher gefährlich für die Menschen ist. Weitere Beispiele gäbe es zu Hauf.
 
Das erste Beispiel ist Griechenland. Die wirtschaftliche und soziale Katastrophe, die wir heute in Griechenland sehen, wäre nie entstanden, wenn Griechenland erstens nicht im Euro wäre und zweitens Zölle innerhalb der EU einführen könnte. Vor der Einführung des Euro war Griechenland zwar keines der reichen Länder in der EU, aber es war eben auch nicht pleite. Das lag daran, dass die Griechen bei Bedarf ihre Währung abwerten konnten, wenn es zu Ungleichgewichten im innereuropäischen Handel kam. Das führte dazu, dass die griechischen Produkte in Europa billiger wurden und damit konkurrenzfähig blieben und gleichzeitig Importe teurer wurden und so eigene Produzenten geschützt wurden. Und in eigener Währung sind die Einnahmen aus dem Tourismus ebenfalls anstiegen. Und natürlich wurden auch die griechischen Staatsschulden dadurch in eigener Währung nicht zu dem Problem, wie sie es durch den Euro geworden sind.
 
Nachdem diese Möglichkeit der Abwertung ihrer Währung nach der Einführung des Euro wegfiel, explodierten die griechischen Defizite und Staatsschulden. Heute sind in Griechenland die industriell produzierten holländischen Tomaten Marktführer und nicht mehr die eigenen, sonnengereiften und oft biologisch angebauten Tomaten. Und Griechenland hat keine Möglichkeit, sich dagegen zu schützen, denn die eigenen kleinen Landwirte sind chancenlos gegen industriell betriebene Landwirtschaft.
 
Das zweite Beispiel sind die afrikanischen Länder. Auch dort führen die industriell in Europa hergestellten Lebensmittel dazu, dass sich die Landwirte dort nicht halten können. Sie können keine Hühner zu einem Herstellungspreis von wenigen Cent produzieren. Und nachdem die EU auch noch – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – mit vielen Staaten dort Freihandelsabkommen geschlossen hat, ist die Situation noch extremer geworden, weil nun auch Zölle weggefallen sind, mit denen man die eigenen Farmer wenigstens ein wenig schützen konnte.
 
Im Ergebnis wächst in Afrika die Armut und die Menschen flüchten nach Europa auf der Suche nach einem besseren Leben. Man kann es ihnen nicht einmal verübeln, denn sie sind gegen in Europa industriell hergestellte und im Falle der Landwirtschaft auch noch massiv subventionierte Produkte chancenlos. So schafft sich Europa Absatzmärkte auf Kosten der Lebensbedingungen in afrikanischen Ländern.
 
Das ist eine der vielen sogenannten Fluchtursachen, über die unsere Politiker immer so wolkig reden, wenn es um die Flüchtlinge geht. Und die Fluchtursachen will man ja angeblich bekämpfen. Um diese Fluchtursachen zu bekämpfen müsste man unter anderem den Export aller Produkte, die diese Länder auch selbst herstellen könnten, massiv verteuern, damit sich eine Produktion vor Ort lohnt und dann noch kostenlose Kredite an Existenzgründer dort geben, damit diese die Produktion beginnen und so Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen können.
 
Und da Europa dies nicht tun wird, wäre es aus Sicht dieser Länder durchaus sinnvoll, dieses Problem selbst mit Zöllen zu regulieren. Aber gegen jede Einführung von Zöllen wird von den westlichen Industrienationen Druck gemacht, weil dies ja den freien Handel stören würde.
 
Ganz abgesehen davon, dass es auch aus Sicht der Umwelt sinnvoll wäre, nicht jedes Produkt vom billigsten Produzenten um die halbe Welt zum Konsumenten zu transportieren, wenn man es in der Nähe produzieren kann. Besonders absurd wird es bei den viel beschworenen Lieferketten, wenn ein Bauteil um die halbe Welt verschifft wird (z.B. ein Computerchip), um dann in einem anderen Bauteil (z.B. einem ABS-System) verbaut zu werden und dann erneut weite Wege transportiert werden muss, um schließlich in einem Auto zu landen. Das gleiche gilt auch für Lebensmittel und alles andere. Warum muss eine Tomate aus der holländischen industrialisierten Landwirtschaft nach Griechenland gefahren werden, wenn die Griechen selbst Tomaten anbauen können? Oder was hat ein Huhn aus deutscher Massentierhaltung in Afrika verloren?
 
Aber was ist wichtiger? Freier Handel einerseits oder andererseits (relativer) Wohlstand für die Menschen und Umweltschutz durch kurze Transportwege?
 
Die Antwort gibt uns die Presse jeden Tag aufs Neue.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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