„Putins Geiseln“? – Propaganda im Spiegel zum Vorfall von Kertsch

Im Fall der Zwischenfalles von Kertsch scheint die Propaganda-Linie im Westen nun zu funktionieren. Nachdem in den ersten Tagen nach dem Vorfall die Berichte zwar betont anti-russisch aber doch noch recht informativ waren, beginnt nun die Verwischung der Fakten in den Medien, wie der Spiegel in diesem Artikel zeigt.
 
Die Korrespondentin des Spiegel in Moskau, Christian Hebel, darf immer dann schreiben, wenn es für den Leser nach einem interessanten Korrespondentenbericht aussehen soll, in Wirklichkeit aber reine Propaganda ist, für die es eigentlich gar keinen Korrespondenten braucht. Aber es sieht natürlich so aus, als würde hier exklusive Information aus Moskau kommen. Dabei wird gerade die Information aus Moskau weggelassen, so etwas kann auch jeder kleine Redakteur in Hamburg schreiben.
 
Es beginnt schon mit der Überschrift „Putins Geiseln“, damit ist schon klar, in welche Richtung der Artikel geht.
 
Und auch die ersten Sätze zeigen, dass es ein rein tendenziöser Artikel ist, der weitgehend nur eine Seite zu Wort kommen lassen wird: „Trotz internationaler Appelle bleibt Russland nach der Eskalation in der Meerenge von Kertsch hart. Matrosen der ukrainischen Marine sitzen in Untersuchungshaft.
 
„Internationale Appelle“ klingt wirklich wichtig, dabei sind es nur Appelle aus dem Westen, die Welt besteht aber aus über 190 Staaten und nicht nur den ca 30 Nato-Mitgliedern. Aber für den Leser klingt es so, als stünde in dieser Frage die ganze Welt gegen Russland, was nicht der Fall ist. Und dass die Soldaten in Haft sind, darf niemanden wundern, es wird ja von niemandem bestritten, dass die Soldaten die russische Grenze verletzt haben. Wenn russische Soldaten die britische oder amerikanische Grenze verletzen würden, würden die nicht gemäß dort geltendem Recht wegen illegalem Grenzübertritt in Haft kommen? Das ist ein völlig normaler Vorgang. Es gelten nun einmal Gesetze.
 
Übrigens wird auch in diesem Artikel natürlich der Zusammenhang zur Krim hergestellt: „Den ukrainischen Soldaten drohen nun bis zu sechs Jahre Haft. Für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, der für den Schutz der Grenzen Russlands zuständig ist, haben die Männer die Landesgrenzen bewusst verletzt und russische Beamte bedroht. Nach russischer Auslegung sind die Gewässer vor der Krim nach der Annexion der Halbinsel russisches Hoheitsgebiet.
 
Ich will jetzt nicht schon wieder über die Krim schreiben, eine Chronologie der Ereignisse finden Sie hier. Viel interessanter ist in diesem Zusammenhang, dass der Vorfall nicht in den Küstengewässern der Krim stattfand, sondern in Gewässern der russischen Festlandküste, die unbestritten russisch ist und mit der Krim nichts zu tun hat. Aber seit interessiert sich Frau Hebel für die Wahrheit?
 
Und wenn Frau Hebel dann wenig sachlich, dafür Emotionen schürend, aus dem Gericht berichtet, dann klingt das emotional, hat aber keinen echten Informationswert in der Sache, es soll den Leser nur beeinflussen und Mitgefühl für die Matrosen einerseits und Antipathie gegen Russland andererseits schüren: „Ein ukrainischer Matrose nach dem anderen wird in Handschellen in das Gerichtsgebäude von Simferopol geführt
 
Jedes andere Land der Welt würde genauso handeln, wenn Soldaten eines nicht befreundeten Landes die Grenzen verletzen.
 
Und das die „internationalen Appelle“ eben nicht wirklich international sind, sondern nur vom Westen kommen zeigt dann folgender Satz: „Die Nato, EU und USA hatten von Moskau die sofortige Freilassung der Marineangehörigen und die Rückgabe ihrer Schiffe an die Ukraine verlangt.
 
Der Rest der Welt sieht die offensichtlichen Fakten: Die Ukraine hat Kriegsschiffe losgeschickt, die die russische Grenze verletzen sollten. Das ist ein Versuch, Russland zu provozieren, der aber nur sehr bedingt funktioniert hat, wie wir noch sehen werden. Und nun gehen die Dinge ihren juristischen Weg, die Soldaten haben dabei auf russischen Territorium gegen russische Gesetze verstoßen und egal, ob was man von der russischen Justiz halten mag, man kann die Gesetze nachlesen und wenn die Urteile im Rahmen dessen liegen, was gesetzlich geregelt ist, dann ist das in Ordnung. In Russland stehen auf dieses Vergehen bis zu zwei Jahre Haft, das ist durchaus normal, in den USA gilt das gleiche, in Deutschland ist es bis zu einem Jahr Haft. Die Strafe kann in diesem Fall jedoch höher ausfallen, weil auch noch Kriegswaffen und Geheimdienstagenten im Spiel waren.
 
Die ukrainischen Boote sind illegal in russische Gewässer eingedrungen und haben sich den Anweisungen des Grenzschutzes widersetzt. Sie haben dann Anker geworfen. Als sie Stunden später die russischen Gewässer wieder verlassen wollten, wurden sie gestoppt. Dabei fielen auch Schüsse, drei Ukrainer wurden leicht verletzt und es wurde ein Schiff gerammt. Erst da gaben die Ukrainer auf.
 
Frau Hebel schreibt dann weiter im Spiegel: „Anwälte wurden nicht zu den Männern vorgelassen, wie der Jurist der internationalen Menschenrechtsorganisation Agora Alexej Ladin der Zeitung sagte.
 
In der Tat hat die oppoistionelle Novaya Gazetta, auf die Frau Hebel sich beruft, das berichtet und den Anwalt Herrn Ladin zitiert. Allerdings hat die Zeitung auch berichtet, dass es sich bei den Angeklagten, um die es geht, um Geheimdienstmitarbeiter des ukrainischen SBU handelte, denen Pflichtverteidiger gestellt worden waren. Sie waren also keineswegs ohne Rechtsbeistand, wie hier suggeriert wird.
 
Denn es wird im Westen ebenfalls nicht berichtet, dass der russische Geheimdienst FSB, als zuständige Grenzschutzbehörde, gestern die Ergebnisse der Durchsuchungen der Schiffe veröffentlicht hat. Und dabei wurden nicht nur ungewöhnlich viele Waffen und Munition gefunden, sondern auch die schriftlichen Befehle, die die Schiffe bekommen hatten. Sie sollten gemäß Befehl „heimlich“ die russische Grenze verletzen und sich gegen russische Maßnahmen notfalls mit Waffen wehren. Die Schiffe waren bis an die Zähne auf munitioniert, jedoch ergaben sie sich, anstatt sich als Kanonenfutter sinnlos zu opfern.
 
Im Spiegel wird das nur im Konjunktiv beschrieben: „Der FSB veröffentlichte am Dienstagabend Dokumente, die belegen sollen, dass die Ukrainer bewusst ohne Rücksprache die Straße von Kertsch durchfahren wollten und an Bord der Schiffe Waffen waren.“
 
Die Dokumente „sollen belegen“ ist eine sehr merkwürdige Formulierung, denn die Dokumente sind abfotografiert und veröffentlicht worden, damit ist klar und unstrittig, was die Dokumente, also die schriftlichen Befehle, besagen. Man könnte dem russischen FSB natürlich unterstellen, dass er Fälschungen veröffentlicht hat, nur tut das niemand, die Echtheit wird nicht bestritten. Jeder, der der Sprache mächtig ist, kann sie lesen. Da macht Frau Hebel eben den Versuch, dies in den Konjunktiv zu stellen. Das ist per Definition Falschinformation für die Leser.
 
Wenn die Ukraine etwas behauptet, wird es zitiert, wenn Russland etwas behauptet, im Konjunktiv berichtet. Das ist einseitig, entweder man setzt die Behauptungen beider Parteien in den Konjunktiv, was korrekt wäre, oder man zitiert beide unkommentiert. Aber den Leser auf diese subtile Art zu beeinflussen, das nennt man unter Fachleuten Propaganda und nicht Berichterstattung.
 
Die Frage ist aber, warum waren ukrainische Geheimdienstler auf den bis an die Zähne bewaffneten Schiffen? Dass es so ist, hat der SBU in Kiew ja sogar bestätigt, es ist also keine „russische Behauptung“ mehr. Auch der Spiegel schreibt darüber später im Artikel selbst: „Der SBU teilte mit, sie seien für die Spionageabwehr im Einsatz gewesen. Was genau ihr Auftrag dabei aber war, ist bisher unklar.“
 
Der Auftrag war unklar? Man hätte dem ja die vom FSB detailliert veröffentlichten Befehle gegenüber stellen können. Aber dann wäre Russlands Verhalten für den Leser ja zu nachvollziehbar geworden. Und das will der Spiegel immer um jeden Preis verhindern, dafür wird Frau Hebel in Moskau bezahlt.
 
Aber nochmal zurück zu der Überschrift des Artikels, sie lautete: „Putins Geiseln“. Erst sehr spät im Artikel, nachdem schon sehr viel negatives einseitig über Russland geschrieben worden ist und der Leser in ausreichendem Maße anti-russisch beeinflusst ist, kommt folgendes: „Die Ukraine kritisiert die Behandlung ihrer Soldaten scharf. Allerdings hatte Kiew in der Vergangenheit ebenfalls Verfahren gegen Russen wegen Grenzverletzungen gestartet. Im Frühjahr wurde der Kapitän des Fischerbootes „Nord“ festgenommen. Ihm wurde die illegale Einreise vorgeworfen. Er musste sich vor Gericht verantworten, was man in Russland als Provokation wertete.
 
Von diesem Vorfall haben die deutschen Medien nie berichtet, dabei hätte man in diesem Jahr monatelang titeln können „Poroschenkos Geiseln“. Die Ukraine hatte ein Fischerboot von der Krim gekapert und in einen ukrainischen Hafen geschleppt. Nicht nur der Kapitän, auch die Besatzung waren monatelang in ukrainischer Gefangenschaft. Darüber gab es in der westlichen Presse kein einziges Wort.
 
Wenn die Ukraine ein Fischerboot kapert und die Seeleute vor Gericht stellt, ist das im Westen keinen Artikel wert. Wenn aber ukrainische Kriegsschiffe die russische Grenze verletzen und sich stundenlang den Anweisungen des russischen Grenzschutzes widersetzen, dann ist für den Spiegel trotzdem irgendwie Russland schuld und man titelt „Putins Geiseln
 
Objektive Berichterstattung? Nicht im deutschen Mainstream…
 
Nachtrag: Später am selben Tag veröffentlichte der Spiegel den nächsten Propaganda-Artikel, in dem der Spiegel berichtete, dass Russland seine Luftabwehr auf der Krim verstärken wolle. So weit, so sachlich. Aber im letzten Absatz wurde bereits die neue Linie festgelegt: „Eine militärische Konfrontation im Schwarzen Meer hatte zuvor die Krise zwischen Russland und der Ukraine verschärft. Russische Streitkräfte beschossen vor der Krim drei ukrainische Marineschiffe. Mehrere ukrainische Marinesoldaten wurden dabei verletzt, insgesamt 24 Besatzungsmitglieder wurden festgenommen.“
 
Schon kein Wort mehr über die tatsächlichen Ereignisse. Jetzt berichtete der Spiegel bereits nur noch, dass russische Schiffe geschossen haben, aber die ganze Vorgeschichte wurde weggelassen. Kein Wort über die Verletzung der der russischen Grenze durch ukrainische Kriegsschiffe und kein Wort über deren stundenlange Weigerung den Anweisungen der Russen zu folgen und die russischen Gewässer wieder zu verlassen.
 
Bereits jetzt baut man darauf, dass nur wenige Leser die Berichterstattung der letzten Tage verfolgt haben und man beginnt bereits, die Geschichte so zu erzählen, als hätten die bösen Russen grundlos auf friedliche ukrainische Matrosen geschossen.
Einen Hintergrundbericht über den Fall und die Frage, wer von dem Vorfall politisch profitiert, lesen Sie hier.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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