Das russische Fernsehen über den D-Day und wie der Westen Russlands Rolle im 2. Weltkrieg herunterspielt

In der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ ging es am Sonntag um die Erinnerungen an den „D-Day“. In der Sendung wurde sowohl der Versuch des Westens kritisiert, den Anteil Russlands, bzw. der UdSSR an dem Sieg über die Nazis herunterzuspielen, aber auch darauf hingewiesen, warum es in unserer heutigen Zeit so wichtig ist, die Erinnerungen an den Krieg wach zu halten.

Natürlich ist die Sicht des russischen Fernsehens eine völlig andere, als die der westlichen Medien. Das ist es, was die russischen Beiträge für den deutschen Leser so interessant macht. In diesem Fall aber ist es außerdem interessant, wie das russische Fernsehen aufzeigt, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte zu kennen. George Santayana sagte einmal: „Wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Aber einen Weltkrieg zu wiederholen, kann niemand wollen.

Ich habe daher diesen Beitrag, der durchaus nachdenklich macht, übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Es war interessant zu beobachten, wie sich die Führer des Westens in Portsmouth, England, versammelten, um den 75. Jahrestag der Eröffnung der Zweiten Front gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu feiern. Trump reiste früher an und verband das mit einem Staatsbesuch in Großbritannien.

Aber „Zweite Front“ ist ein Ausdruck, den wir benutzen. Sie nennen das anders. Sie sprechen von der Landung in der französischen Normandie im Juni 1944. Damals, am „D-Day“, landeten dort 150.000 Soldaten, überwiegend Amerikaner. Bis zum Kriegsende blieb weniger als ein Jahr.

Die zentrale Figur aller Zeremonien auf den britischen Inseln und später in der französischen Normandie war US-Präsident Trump. Er verhielt sich einerseits etwas frech, erlaubte sich sogar, den Rücken der englischen Königin zu streicheln, und andererseits so pompös, als ob alle ihm zu Dank verpflichtet wären.

„Wir erinnern uns an die große Leistung der gerechten Völker und an eines der größten Ereignisse in der Geschichte. Vor fünfundsiebzig Jahren bereiteten sich auf dieser Insel mehr als 150.000 alliierte Soldaten darauf vor, in Frankreich zu landen, um die Ufer der Normandie zu stürmen und unsere Zivilisation zu verteidigen.“ verkündete Donald Trump.

Apropos „gerechte Völker“: Weder Trump noch sonst jemand erwähnte den Beitrag der Sowjetunion zur Niederlage von Nazi-Deutschland. Nicht mit einem Wort. Es war, als wären wir keines dieser „gerechten Völker“. Und da der russische Präsident Putin nicht unter den geladenen Verbündeten war, gab es auch kein Wort über die Ostfront. Als ob die mutigen amerikanischen Soldaten die Welt gerettet hätten. Also „Gott segne Amerika!“ Und das ist kein Witz.

„Gott segne unsere Verbündeten. Gott segne die Helden der Landung in der Normandie. Und Gott segne Amerika “ sagte Trump.

Der französische Präsident Macron plapperte Trump nach: „Die Größe der Vereinigten Staaten von Amerika, lieber Präsident Trump, zeigt sich nirgendwo so deutlich, wie in den Momenten, in denen sie für die Freiheit anderer kämpfen“ sagte er.

Es ist alles eine Frage der Proportionen. Es sei daran erinnert, dass die Amerikaner und Briten auf Stalins Bitten immer wieder versprochen hatten, eine Zweite Front zu eröffnen, aber mehr als einmal haben sie ihn getäuscht, indem sie für die Verzögerung mal diese, mal jene Gründe vorschoben. Erst nachdem es an unserer Front die Durchbrüche gegeben hatte und es klar war, dass Hitler besiegt war, erst da fand am 6. Juni 1944 die Landung der anglo-amerikanischen Truppen in der Normandie statt. Mit 150.000 Soldaten.

Bis zu dem Zeitpunkt hatte die Sowjetunion im Kampf gegen die Nazis 20 Millionen Menschen verloren. Es geht um Proportionen. Die deutschen Truppen waren bereits bei Stalingrad besiegt worden und auch am Kursker Bogen und die Blockade Leningrads war gebrochen, Kiew und Sewastopol waren bereits befreit. Als die Alliierten in der Normandie landeten, stand die Rote Armee in Bessarabien und war auf dem Weg nach Berlin.

In dieser Situation war Roosevelt und Churchill klar, dass Stalin auf dem Kontinent auch ohne sie siegen und die UdSSR in Europa zur Macht Nummer eins aufsteigen würde und dass Moskau dann allein über das Schicksal der Nachkriegswelt entscheiden könnte. Nun konnten sie keine Zeit mehr schinden. Vorher hatten sie auf Zeit gespielt, um sowohl Deutschland zu schwächen und es mit einer geschwächten Sowjetrussland zu tun zu haben. Das heißt, da war kein Altruismus. Erst die sowjetische Offensive an der Ostfront ermöglichte die Landung der Amerikaner in der Normandie.

Wenn es um die Proportionen geht, spürt Putin sie sehr genau. Hier sind die Worte des russischen Präsidenten bei einem Treffen mit den Korrespondenten der internationalen Nachrichtenagenturen am 6. Juni, dem Tag der alliierten Feier in der Normandie: „Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass es sich um die Zweite Front handelte. Die erste Front war bei uns. Wenn man die Zahl der deutschen Divisionen und Truppen, die mit sowjetischen Truppen an der Ostfront kämpften mit der Zahl der deutschen Truppen und Ausrüstung, die seit 1944 an der Westfront gekämpft haben, vergleicht, dann wird das Bild sofort eindeutig.“

Ich denke, das ist der Grund, warum Putin nicht in die Normandie eingeladen wurde. Denn im Beisein des russischen Staatschefs wäre es peinlich gewesen, nur Amerika für den Sieg zu danken.

Allerdings ist die Frage der Einladung oder Nicht-Einladung für Putin nicht wichtig. Er ist ein Mann der Taten, nicht des Protokolls. Das sagt er selbst: „Das ist nicht wichtig. Worauf es ankommt, ist die Wahrheit der Geschichte der schrecklichen Tragödie, die die Menschheit während des Zweiten Weltkriegs heimgesucht hat, zu bewahren. Das dürfen wir nie vergessen. Wir müssen den Helden des Widerstands in Deutschland selbst Tribut zollen. Wir müssen den jungen Männern Anerkennung aussprechen, die während der Landung in der Normandie gestorben sind oder die Konvois aus dem Vereinigten Königreich nach Murmansk beschützt haben. Wir sollten niemals zulassen, dass jemand die Geschichte pervertiert und falsche Helden zu Helden macht.“

Und dann sind da noch die Fragen, die die pompöse Zeremonie der Alliierten in der Normandie hätten stören können, wenn Putin dabei gewesen wäre.

„Warum sieht man heute in einigen Hauptstädten Osteuropas, der Ukraine und des Baltikums, Menschen mit Hakenkreuzen auf den Straßen? Warum gibt es dort eine Heroisierung des Nationalsozialismus? Nur Juden haben in einigen baltischen Ländern dagegen protestiert, gegen den Abriss von Denkmälern für die Helden des Zweiten Weltkriegs, und zogen sich die Häftlingskleidung der Gefangenen in Konzentrationslagern an. Alle anderen schweigen aus Gründen, die auf heutigen, kurfristigen und taktischen politischen Überlegungen basieren. Das ist ungeheuerlich, das ist widerlich!“ sagte der russische Staatschef.

Und nun kommt das Wichtigste. Was bedeutet das alles für die moderne Welt? Es geht um Erinnerung, Aufrichtigkeit und echte Verantwortung, damit sich ein Weltkrieg nicht wiederholen kann. Schließlich gibt es jetzt ganz andere Waffen und ein globaler Konflikt wird ein ganz anderes Ergebnis haben: ein atomares Ergebnis. Und Putin denkt in großen Maßstäben, ihm geht es um die Rettung des Planeten. Putin ist überrascht, dass sich die Menschheit anscheinend einerseits um Teile des Planten Sorgen macht, um Wasser, um die Atmosphäre, seltene Fisch- und Tierarten. Andererseits wird die Gefahr, dass all das an einem einzigen Tag vernichtet werden kann irgendwie in den Hintergrund gedrängt. Und dann geht es darum, wie es so weit kommen konnte und was Amerikas Rolle dabei ist.

„Unsere US-Partner haben den ABM-Vertrag einseitig gekündigt. Und darauf, meine Damen und Herren, möchte ich hinweisen: Hat jemand von Ihnen aktiv protestiert, gab es Plakate und Demonstrationen? Nein, es herrschte Schweigen. Als ob das so richtig gewesen wäre. Aber das war der erste Schritt zur Erschütterung des gesamten globalen Systems der Sicherheit und es war ein sehr ernster Schritt. Jetzt geht es um die ebenfalls einseitige Kündigung des INF-Vertrages über das Verbot von Kurz- und Mittelstreckenraketen durch unsere amerikanischen Partner. Bei der Kündigung des ABM-Vertrages waren sie wenigstens ehrlich: Sie haben ihn einfach einseitig gekündigt. Aber jetzt, beim INF-Vertrag, haben sie verstanden, dass es notwendig ist, eine Erklärung zu liefern und sie versuchen, Russland die Schuld zu geben. Hören Sie: Nehmen Sie, verehrte Journalisten, den Vertrag über das Verbot von Kurz- und Mittelstreckenraketen und erklären sie den Ihren Lesern, Zuschauern, Ihrem Publikum. Erklären Sie ihnen den Vertrag. Dort steht Schwarz auf Weiß geschrieben: „Die Stationierung von Startrampen für landgestützte Kurz- und Mittelstreckenraketen ist verboten“. Das steht da so drin. Aber nein, die USA haben solche Startrampen in Rumänien aufgestellt und sie tun es gerade in Polen. Es ist eine direkte Verletzung des Vertrages. Schauen Sie sich an, was Kurz- und Mittelstreckenraketen per Definition sind, und vergleichen Sie das dann mit den Parametern von Kampfdrohnen. Es ist das gleiche.“ sagte Putin bei dem Treffen mit den Korrespondenten der Nachrichtenagenturen.

Putin ist überrascht, dass im Westen alle so tun, als wären sie taub und blind, als würden sie nicht verstehen, was passiert. Gleiches gilt für den letzten noch bestehenden russisch-amerikanischen Abrüstungsvertrag über die Begrenzung strategischer Waffen, den NEW START Vertrag. Demnach darf jede Seite nicht mehr als 1.550 interkontinentale ballistische Raketen haben. NEW START läuft im Februar 2021 aus. Die Amerikaner weigern sich, über eine Verlängerung zu verhandeln.

„Jetzt geht es um die Verlängerung des NEW START Vertrages. Aber man muss ihn nicht verlängern. Wir haben neue Systeme entwickelt, die die Sicherheit Russlands auf lange Perspektive gewährleisten, wir haben einen bedeutenden Schritt nach vorn gemacht. Wir haben unsere Konkurrenten bei den Hyperschallwaffen überholt. Wenn niemand den NEW START Vertrag verlängern will, dann werden wir es auch nicht einseitig tun. Wir haben schon hundertmal gesagt, dass wir bereit sind, ihn zu verlängern, aber niemand ist bereit, mit uns verhandeln. Schließlich gibt es im Vertrag keine formell festgesetzte Prozedur für den Verhandlungsprozesses über eine Verlängerung, 2021 läuft er automatisch aus. Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass es danach überhaupt keine Instrumente mehr geben wird, die das Wettrüsten begrenzen. Oder die Stationierung von Waffen im Weltraum. Es verstehen doch alle hier, was das bedeutet, oder nicht? Fragen Sie die Experten, es bedeutet, dass über unser aller Köpfen ständig Atomwaffen „hängen“ werden. Ununterbrochen, permanent! Wir machen nun das Gleiche, wie die USA, und zwar sehr schnell. Sorgt sich jetzt irgendjemand darüber, redet jemand darüber? Nein, es herrscht totales Schweigen.“ unterstrich Putin.

Der russische Präsident ist ein Mann der Tat, für den pompöse Zeremonien in Frack und Abendkleid nicht so wichtig sind, ihm geht es um die historisch korrekte Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs und um eine nüchterne Einschätzung der Bedrohungen unserer Tage. Er möchte eine nüchterne Diskussion unter Experten und eine breite öffentliche Debatte. Schließlich haben die Menschen im Osten und im Westen das Recht zu erfahren, wie die Situation wirklich ist und woran die Diplomaten ihrer Länder in Wahrheit arbeiten.

Ende der Übersetzung

Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Dort gibt es ein Kapitel darüber, wie Putin den Zweiten Weltkrieg beurteilt, dass für deutsche Leser sicher sehr interesant ist. Und auch das Thema der Abrüstungsverträge, die die USA in den letzten Jahren gekündigt haben, nimmt sehr viel Raum ein. Wer die russische Sicht auf diese Dinge beurteilen möchte, sollte sie erst einmal kennen und da hilft das Buch mit vielen ausführlichen Zitaten Putins weiter, denn viele davon gab es bisher nicht auf Deutsch.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Gedanken zu „Das russische Fernsehen über den D-Day und wie der Westen Russlands Rolle im 2. Weltkrieg herunterspielt“

  1. 125 000 Alliierte, haben den Krieg beendet. Viele von ihnen sind gefallen, viele waren noch halbe Kinder, noch keine 20 Jahre. So sagten sie es im Radio.
    Da fragt man sich was in den Menschen vorgeht die Nachrichten zusammen stellen. Oder Gedenktage organisieren.
    Das Buch über Putins Reden ist unbedingt zu empfehlen, sehr einfach in der Wortwahl und hoch interessant.
    Und noch ein Wort über Trump. Präsident Trump ist kein schlechter Kerl. Ich glaube noch immer an das Gute in ihm. Wir sollten keine schlechten Gedanken gegen ihn senden. Sein Rundumschlag gegen die Presse gegen die Geheimdienste war instinktiv, weil er spürt dass in der Welt so einiges schief läuft. Ich glaube er war auch ganz entschieden gegen den Irak Krieg. Schade.

  2. Neuerdings wird die Behautpung aufgestellt, dass die Zielsetzung, die der großräumigen Militäroperation der USA, Großbritanniens und Kanadas in der Normandie zu Grunde gelegen hätte, vorrangig darin bestand Europa vor dem angeblich rücksichtlos mit den Mitteln gewaltsamer, u.a. territorialer Expansion nach Weltherrschaft strebenden sowjetischen Diktator Stalin zu retten, was aber durch bestimmte historische Fakten, wie beispielsweise den Verzicht der UdSSR die bei der Bevölkerung äußerst populären und militärisch zeitweilig sehr erfolgreichen kommunistischen Partisanen in Griechenland während des dortigen, im Anschluss an das Ende des Zweiten Weltkrieg ausgebrochenen, Bürgerkrieges Unterstützung zu gewähren, konterkariert wird.

    1. Da gibt es den berühmt-berüchtigten Zettel, auf dem Stalin und Churchill, ich glaube auf der Konferenz von Jalta, ihre Einflusszonen abgegrenzt haben. Dabei wurde Griechenland den Briten zugesprochen und daran hat Stalin sich gehalten. Ohne 2. Front, wenn also die Rote Armee hätte bis an den Ärmelkanal durchmarschieren können, hätte Stalin keinen Anlass gehabt, solche Zusicherungen zu geben.

Schreibe einen Kommentar