Der britische Buhmann

Seit Jeremy Corbyn 2015 Chef der britischen Labour-Partei geworden ist, wird er mit so ziemlich allen Mitteln medial bekämpft. Was steckt dahinter?

Wenn wir etwas über Jeremy Corbyn lesen, dann ist es meistens etwas negatives. Immer wieder werden zum Beispiel Vorwürfe laut, unter ihm sei die Labour-Partei zu einem Hort für Antisemiten geworden. Ja, Corbyn selbst sei ein Antisemit. Einen schlimmeren Vorwurf kann es in der westlichen Welt gegen einen Politiker kaum geben.

Nachdem er 2015 Parteichef geworden ist und die Möglichkeit bestand, er könne die damals anstehenden Wahlen gewinnen, hat ein führender britischer General sogar offen über eine Art Putsch gegen einen Premierminister Corbny gesprochen:

„Die Armee würde einfach nicht dafür stehen. Der Generalstab würde es einem Premierminister nicht erlauben, die Sicherheit dieses Landes zu gefährden, und ich denke, die Menschen würden alle möglichen, fairen oder faulen Mittel einsetzen, um dies zu verhindern. Man kann nicht einem Außenseiter (im Original wird das Wort „Maverick“ benutzt, das man auf viele Arten übersetzen kann, Anm. d. Verf.) die Sicherheit eines Landes anvertrauen. Es würde Massenrücktritte auf allen Ebenen geben und Sie würden mit der sehr realen Aussicht auf ein Ereignis konfrontiert sein, das effektiv eine Meuterei wäre.“

Und im britischen Telegraph konnte man am Samstag lesen, dass die USA befürchten, ein Premierminister Corbyn würde Geheimdienstinformationen an Russland und den Iran weitergeben. Es wurde gefordert, ein von Corbyn regiertes Großbritannien aus dem Geheimdienstprogramm „Five Eyes“, einem Verbund der Geheimdienste der USA, Kanadas, Australiens, Neuseelands und Großbritanniens, auszuschließen. Sogar eine „Herabstufung“ des Nato-Status von Großbritannien wurde ins Spiel gebracht.

Warum diese massive Hysterie gegen Corbyn, an der nicht nur die gesamte westliche Presse, sondern auch Militär und Geheimdienste beteiligt sind?

Der Grund liegt in Corbyns politischen Positionen, denn er fordert Dinge, die nach dem im Westen herrschenden Verständnis des wirtschaftlichen Liberalismus und der Globalisierung Todsünden sind.

So kritisiert er die Privatisierungen, die es in Großbritannien seit Thatcher gegeben hat, weil sie zu schlechterer, aber dafür teurerer Versorgung der Menschen geführt haben und fordert die Verstaatlichung von Versorgungs- und Transportunternehmen. Außerdem will er hohe Einkommen höher besteuern und lehnt die Sparpolitik im sozialen Bereich ab.

In militärischen Fragen ist er ein Pazifist. Er ist gegen die britischen Atomwaffen, war gegen den Irak-Krieg und den Kosovokrieg. Und – völlig unverzeihlich für einen westlichen Politiker – er kritisiert die israelische Politik scharf. Er ist zwar nie durch anti-semitische Äußerungen aufgefallen, aber sehr wohl durch Kritik an Israels Regierung, was aber in den Medien gerne auf eine Stufe gestellt wird, obwohl es völlig unterschiedliche Dinge sind. Der Grund ist, dass er für eine gleichberechtigte Einbeziehung der Palästinenser in den nahöstlichen Friedensprozess plädiert.

Außerdem ist Corbyn auch noch für eine Auflösung der Nato.

Für die Medien ist das eine schwierige Situation, denn einerseits ist für sie derzeit der britische Premier Johnson – zu Recht – ein großer Buhmann. Aber im Falle von vorgezogenen Neuwahlen bestünde die Gefahr, dass Corbyn vor dem Hintergrund des Brexit-Chaos Premierminister werden könnte. Und das ist – auch wenn er in Deutschland medial momentan kaum vorkommt – ein Alptraum für die Medien, die fleißig an der Diskreditierung von Corbyn mitarbeiten.

Sollte es zu vorgezogenen Neuwahlen kommen, dürfte die Anti-Corbyn-Kampagne in den Medien wieder anlaufen und ich bin wirklich neugierig, wie die Medien diese erklären, wenn die Alternative zu Jeremy Corbyn Boris Johnson heißt.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Gedanken zu „Der britische Buhmann“

  1. Eigentlich ist es wie in den USA eine von außen betrachtet recht „hübsche“ Situation in England. All die Verlogenheit unserer westlichen Staatssysteme könnte kaum schöner vorgeführt werden. Wer jetzt noch nicht weiß wie Machtausübung in unseren Ländern funktioniert, der kann auch getrost in einer Diktatur versacken.

  2. „Antisemit“ …

    …ist ein beliebtes Totschlagargument für jeden geworden, der versucht beliebige ‚andere‘ Meinungen tot zu schlagen. Dabei wird verkannt, dass die hier in ’schlaand verwendete Bezeichnung „Semit“nicht nur für Juden gilt, sondern ursprünglich damit eine Sprachfamilie im Vorderen Orient gemeint war. Auch Palästinenser SIND Semiten! Das bezeichnet schon das ganze Dilemme. Wenn man aber differenziert in ‚Juden‘, was lediglich eine Religionsgemeinschaft bezeichnet und ‚Zionisten‘, was eine radikale politische Orientierung ausdrückt, kann man die Vorgänge besser einordnen. Einer der ersten gewalttätigen „Zionisten“ war wohl der spätere Präsident Menachem Begin, der bekanntlich das „King-Dvid Hotel“ 1946 in die Luft sprengte – ein Terrorakt!

    Unrühmlich tut sich hier in der BRD das bekannte „Amadeo-Antonio-Stift“ mit seiner Herrscherin Anetta Kahane hervor; sie schreit immer lauthals „ANTISEMITISMUS“ wenn auch nur jemand wagt die Mordaktionen des Nazi-Bibi und seines Moskauer Ex-Türstehers Avigdor Liebermann und deren Traum von „Greater-Israel“ vom Nil bis zum Euphrat zu kritisieren. Beifall gibt es da nur für den unsäglichen Spruch unseres Hosenanzugzäpfchens, dass die „Sicherheit“ Israels deutsche Staatsräson sei und durch deutsche Atom-Uboote bekräftigt werden muss …

    … zum Kotzen, das Pack – mir tun israelische, palästinensische und deutsche Staatsbürger leid, die diesen Dreck auch noch finanzieren und/oder darunter leiden müssen.

  3. Die Labour-Partei ist zu „einem Hort für Antisemiten“ geworden, weil sie kommunistische Globalisten sind, die Nationalstaaten bekämpfen. Israel hat den Migrationspakt nicht unterschrieben, steht einer Globalisierung seither also im Wege. Im Juli 2018 weigerte sich die Labour-Partei, die Antisemitismus-Definition der IHRA in das Parteistatut aufzunehmen. Labour-Parteimitglieder handeln demzufolge nicht mehr antisemitisch, wenn sie die Existenz Israels als rassistisch bezeichnen. Seitdem wird von nationaljüdischer Seite gegen Labour-Chef Corbyn geschossen. Teile der britischen Presse scheinen pro Israel (bzw. von Nationaljuden gesteuert) zu sein, und sie werden bei Neuwahlen daher für Johnson und den Brexit trommeln (was in D unmöglich ist, weil hier die ganze Presse einheitlich kommunistisch-globalistisch ist).

  4. Daß man Johnson derart angreift, ist ja nicht ohne Ironie. Es ist erst gut ein Jahr her, da hingen dieselben Medien, die jetzt konzertiert über ihn herfallen, begierig an seinen Lippen, als er – damals amtierender Außenmminister der Regierung May – erklärte, ein britisches Labor hätte die „Nowitschok“-Proben im Fall Skripal eindeutig als aus Russland stammend identifiziert. Das war derart dreist gelogen, daß das angesprochene Labor dem öffentlich widersprach! Ein ungeheurer Vorgang, wenn man bedenkt, daß das Labor (Porton Down – gleich um die Ecke von Salisbury) dem Militär untersteht und damit der Regierung weisungsgebunden ist.

    Aber weil es damals ins Narrativ paßte, schluckte man die Lüge klaglos.

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