G7 oder G8? Wie Russland die Diskussion über eine Wiederaufnahme Russlands in den Klub sieht

Während des G7-Gipfels geisterte eine Diskussion über die Wiederaufnahme Russlands in die G7 durch die Medien. Da lohnt es sich zu fragen, was sind eigentlich die G7 und will Russland in dieses Format zurückkehren?

Zunächst zu den G7. Zu den G7 gehören die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, Japan und Kanada. Man erzählt uns immer, die G7 wären die sieben größten Industrienationen der Welt, daher wären ihr Treffen auch so wichtig, weil sie eben so großen Einfluss auf die Weltwirtschaft hätten. Schon das ist falsch, wie diese Grafik von Statista zeigt.

Tatsächlich haben die G7 zu keinem Zeitpunkt die größten Volkswirtschaften der Welt repräsentiert. Selbst 1980, als die Welt für den Westen „noch in Ordnung war“, hätte Kanada nicht in den „exklusiven“ Klub gehört, sondern Brasilien. Und heute haben sich die Gewichte so sehr verschoben, dass Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada nach ihrer Wirtschaftsleistung nichts mehr in dem Klub verloren haben. Stattdessen hätten in diesen Tagen in Biarritz China, Indien, Indonesien und Russland mit am Tisch sitzen müssen.

Vom weltweiten BIP in Höhe von ca. 127 Billionen Dollar entfallen auf die G7 gerade noch ca. 38 Billionen, das sind weniger als 30 Prozent, Tendenz weiter fallend.

Die G7 sind also in erster Linie ein antiquierter Klub aus der Zeit, als der Westen tatsächlich noch die Weltwirtschaft dominiert hat und zynisch könnte man sagen, dass die Teilnehmer aus der Zeit gefallen sind, weil sie sich immer noch jedes Jahr treffen, um irgendwelche Entscheidungen zu treffen, die aber immer weniger Länder der Welt überhaupt interessieren.

Überhaupt: Wer kann eigentlich Beispiele dafür nennen, was die G7 der Welt gebracht haben? Ich habe lange gesucht, um auch nur ein Beispiel zu finden, bei dem die G7 ein Projekt angeschoben haben, dass es ohne sie nicht gegeben hätte. Ergebnis: Fehlanzeige.

Die G7 waren stattdessen immer nur ein Klub, in dem sich die früher größten Volkswirtschaften (das galt noch für die G6 in den 1970er Jahren, bevor Kanada hinzu kam) getroffen und Wege gesucht haben, ihren wirtschaftlichen Vorsprung zu erhalten. Um nichts anderes ging es. Wie man sieht, waren diese Versuche erfolglos.

Bezeichnend waren hierzu Aussagen vom aktuellen Gipfeltreffen. Als Trump die Frage der Wiederaufnahme Russlands in den Klub aufwarf, da zitierte der britische Guardian einen ungenannten europäischen Diplomaten über die Reaktion der Runde der Regierungschefs:

„“In diesem Punkt … es wurde, gelinde gesagt, etwas angespannt“, sagte ein europäischer Diplomat. „Die meisten anderen Staatschefs bestanden darauf, dass dies eine Familie, ein Klub, eine Gemeinschaft liberaler Demokratien ist, und aus diesem Grund sagten sie, könne man Präsident Putin – der das nicht vertritt – nicht wieder hereinlassen.““

Das ist eine vielsagende Äußerung und die Formulierungen kommen einem erstaunlich bekannt vor. Es sind exakt die Formulierungen, mit denen sich normalerweise die Nato-Staaten selbst beweihräuchern. Und wie um das zu bestätigen, schreibt der Guardian über die Reaktionen der einzelnen Regierungschefs auf Trumps Vorschlag:

„Von den anderen Regierungschefs am Tisch bot nur Giuseppe Conte, der scheidende italienische Ministerpräsident, Trump seine Unterstützung an, so dieser Bericht. Shinzo Abe aus Japan war neutral. Der Rest – der britische Boris Johnson, die deutsche Angela Merkel, Kanadas Justin Trudeau, der EU-Ratspräsident Donald Tusk und der französische Präsident Emmanuel Macron – wehrten sich entschieden gegen den Vorschlag.“

Auch die Ablehnung des Vorschlages ist also weitgehend eine Nato-Veranstaltung. Japan, nicht Mitglied der Nato, war neutral und Italien, das derzeit ja politisch ein wenig aus der Reihe tanzt und außerdem sehr stark unter den anti-russischen Sanktionen leidet, hat den Vorschlag, Russland in die G7 aufzunehmen, unterstützt. Die anderen vier Regierungschefs – alle aus Nato-Ländern – waren strikt dagegen.

Die G7 sind heute im Grunde nur noch ein verlängerter Arm der Nato-Politik, wie auch die Aussage des ungenannten EU-Diplomaten zeigt. Das ist ja legitim, nur hat das mit Wirtschaft nichts mehr zu tun. Von den G7 als Vertreter der größten Volkswirtschaften der Welt kann keine Rede sein, es sind bestenfalls noch die größten Volkswirtschaften der Nato und Japan darf als asiatischer US-Vasall mit am Tisch sitzen.

Nun zu der Frage, wie Russland zu der Frage steht.

Ich habe in meinem Buch über Putin einige Aussagen von ihm zu dem Ausschluss aus den G7 zitiert. Natürlich war die kurzfrsitige Absage der Teilnahme der G7 an dem 2014 in Sotschi geplanten G8-Gipfel ein Affront und Russland war nicht begeistert. Und es war auch politisch dumm, denn man hätte dort die Gelegenheit gehabt, über die neue Krise, die sich damals nach dem Maidan-Putsch in Kiew und den folgenden Ereignissen auf der Krim ergeben hatte, zu diskutieren. Darüber habe ich in meinem Buch über die Ukraine-Krise einiges geschrieben.

Aber die USA wollten nicht diskutieren, sie wollten Russland in die Knie zwingen, was nicht funktioniert hat, wie wir heute wissen.

Russland unter Putin ist ausgesprochen pragmatisch. Man ist in Moskau offen für jede Art von Gesprächen, denn nur durch Gespräche lassen sich Probleme, Krisen und Streit lösen. Aber die Rolle der G7 wird in Russland realistisch eingeschätzt und auch ihr sinkender Einfluss auf die Weltpolitik. Russland hat schon vor dem Ausschluss aus den G7 wesentlich stärker auf die G20 und andere neue Formate gesetzt, die aufgrund ihrer Größe wesentlich eher in der Lage sind, internationale politische oder wirtschaftliche Probleme zu lösen.

Die G20 spielen in den westlichen Medien keine so große Rolle, was wohl daran liegen dürfte, dass dort nicht einfach die Nato-Versteher am Tisch sitzen, die alle einer Meinung sind. Bei den G20 zu gemeinsamen Positionen zu kommen, die dann weltweit umgesetzt werden, ist nicht einfach, denn man muss Kompromisse mit Ländern finden, die nicht blind der westlichen Politik folgen. Und Kompromisse sind nicht nach dem Geschmack der USA oder der Nato, die wollen ihren Willen diktieren und keine Kompromisse suchen.

Dass jedoch die G20 die entscheidende Plattform zur Lösung internationaler Probleme ist, zeigen die nackten Zahlen. Das BIP der G7 liegt, wie gesehen, bei ca 38 Billionen Dollar, was ca. 30 Prozent des weltweiten BIP bedeutet. Das BIP der G20 liegt bei ca. 102 Billionen Dollar, was etwa 80 Prozent des weltweiten BIP bedeutet.

Auch bei der Bevölkerung ist es ähnlich eindeutig: Die G7 vertreten ca. 10 Prozent der Weltbevölkerung, die G20 fast 70 Prozent.

Wir sehen also erneut, dass die G7 ein aus der Zeit gefallener Verein ist, der nicht mehr die weltweit dominierenden Staaten vertritt, sondern nur noch die Nato-Staaten.

Und Russland ist sich dessen bewusst, weshalb sich in Russland niemand grämt, dass man zu dem Nato-Treffen der G7 nicht mehr eingeladen wird. Putin sagte zu einer möglichen erneuten Mitgliedschaft Russlands in dem Klub mehrfach sinngemäß, dass das kein Selbstzweck sei, man aber für Gespräche jeder Art und in jedem Format zur Verfügung stehe. Im Klartext bedeutet das: Sollte die G7 Russland wieder einladen, fein. Wenn nicht, auch gut.

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Russlands Politik, trotz der verzweifelten Versuche des Westens, Moskau zu isolieren, durchaus erfolgreich ist. Russlands im Westen verteufeltes Eingreifen in Syrien hat Russland im Nahen Osten viel Ansehen gebracht, denn es stabilisiert die Lage in der Region. Und Russland ist dabei, den USA den Rang als wichtigste Macht der Region streitig zu machen. Die Friedensgespräche zu Syrien finden im „Astana-Format“ statt, benannt nach der Hauptstadt Kasachstans, wo sich die Teilnehmer erstmals trafen. Dabei sitzt kein Staat des Westens mit am Tisch, was noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Oder wie es ein verwunderter Kommentator im russischen Fernsehen mal sagte: „Früher hätte man sich in Camp David getroffen, heute trifft man sich in Astana“.

Astana! Wer im Westen weiß überhaupt, wo das liegt? Das zeigt, wie sich die Gewichte in der Welt verschieben. Aber der Westen hält sich immer noch für den Nabel der Welt und blickt immer noch auf die G7, wo er Selbstgespräche führt, anstatt die Probleme der Welt mit den Beteiligten zu besprechen.

Entsprechend entspannt – ja, teilweise belustigt – beobachtet man in Russland die Diskussion über eine Wiederaufnahme Russlands in die G7.


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Auch die Versuche des Westens, Russland zu isolieren, kommentiert er in dem Buch mehrfach.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „G7 oder G8? Wie Russland die Diskussion über eine Wiederaufnahme Russlands in den Klub sieht“

  1. In Biarritz feiern sich die G7, von sich behauptend, die 7 größten Industrie-Nationen zu sein und damit berufen sind, die Probleme der Welt zu lösen.
    Die wirklichen „Sieben“ sind heute längst andere und sicher, zum Ärger des Westens, nur noch 2 NATO-Länder mit den USA und Deutschland dabei. Dieser G7-Schwatzclub, der sich alljährlich immer wieder der gegenseitigen Bedeutsamkeit versichert, hat bisher schlimmstenfalls Probleme geschaffen statt zu lösen. Die NATO, mit dem derzeitigen Stand (Ausnahme Japan) ist unter sich und Entsprechendes kommt denn auch dabei heraus.
    Nach der Einladung des iranischen Außenministers durch Macron (Schulterklopfen) will man also wieder mit Teheran reden.
    Der Konflikt wäre nie entstanden, hätte sich der Westen an den unterschriebenen Vertrag gehalten. Statt mit Bomben zu drohen, hätte es nur einen gemeinsamen Tisch gebraucht, nun, nachdem es schien, als gerate die Welt dort in Brand, will man doch wieder Stühle rücken..
    G7, erinnert an Don Quijote, verblichener westlicher Wirtschaftsübermacht unter die Flügel greifen zu wollen, aber, Vorsicht mit den Windmühlen!!!

  2. G 20 – informeller Zusammenschluss aus 19 Staaten und der Europäischen Union.

    Zweck: Austausch über Probleme des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems
    aber auch zur Koordination bei weiteren globalen Themen wie Klimapolitik, Frauenrechte, Bildungschancen, Migration und Terrorismus

    Erkenntnisse: Zielrichtung und Wirksamkeit ihrer Beschlüsse sind umstritten – also kann man getrost streichen, dient dem Umweltschutz

    https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_der_zwanzig_wichtigsten_Industrie-_und_Schwellenländer

    G 7 – informeller Zusammenschluss

    Zweck: Fragen der Weltwirtschaft zu erörtern

    Erkenntnisse: falls es Sie gibt sind die geheim denn neues Ideen auf alte Fragen kommen nicht im medialen Alltag an

    https://de.wikipedia.org/wiki/G7

    Bilderberg-Konferenzen – informelle Treffen

    Zweck: einflussreichen Personen aus Wirtschaft, Politik, Militär, Medien, Hochschulen, Hochadel und Geheimdiensten, bei denen Gedanken über aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen ausgetauscht werden

    Erkenntnisse: ist so geheim das man nichts aussagekräftiges erfährt

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bilderberg-Konferenz

    Das sind Quasselrunden die nichts hervorbringen außer vllt noch eine steuerfinanzierte NGO die uns die Welt erklärt, vom Geld Anderer lebt und bestenfalls nur geringen Schaden anrichtet.
    Warum hüpfen die nicht mit Greta dann brauch Frau Kanzlerin nicht immer 2 Flieger um einmal zum Ziel zu kommen.

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