Gute Demo, böse Demo – Wie der Spiegel über vergleichbare Ereignisse völlig verschieden berichtet

Wer glaubt, dass die deutschen Medien neutral berichten, den belehrt der Spiegel heute anschaulich eines besseren. Dort gibt es heute zwei Artikel zu Protesten und Polizeigewalt, einmal geht es um Marokko und einmal um die Gelbwesten. Die unterschiedlichen Formulierungen springen ins Auge.

In Marokko ist das Problem, dass neue Lehrer nur noch befristete Arbeitsverträge bekommen, wogegen sie seit Wochen demonstrieren und auch streiken. In Frankreich protestieren die Gelbwesten ebenfalls für eine sozialere Politik, es geht gegen Steuer- und Abgabenerhöhungen für „kleine Leute“ und gegen die Abschaffung der Vermögenssteuer für die „oberen Zehntausend“. Beides also soziale Probleme, wobei in Frankreich mehr Menschen davon betroffen sind, als in Marokko.

In beiden Ländern geht die Polizei brutal vor. Sie setzt Wasserwerfer, Knüppel und in Frankreich sogar noch Gummigeschosse ein. Bei so vergleichbaren Situationen müsste man doch eine vergleichbar Berichterstattung erwarten, oder nicht?

Aber schon die Überschriften zeigen die Richtung an. Über Marokko kann man im Spiegel lesen: „Rabat – Polizisten attackieren Lehrer in Marokko mit Wasserwerfern„, während über Frankreich getitelt wird: „Frankreich – Gelbwesten machen weiter – trotz Verbotszonen„.

Und noch etwas ist interessant: Bei Frankreich hatte der Spiegel zunächst eine andere Überschrift gesetzt, diese dann aber geändert. Wie man an der Internetadresse des Artikels sehen kann, lautete die Überschrift zunächst: „Frankreich – Gelbwesten protestieren in Paris, Nizza und Toulouse“.

Das klingt nach einer großen Protestbewegung, was es ja auch ist. Der Spiegel wollte diesen Einduck offensichtlich vermeiden und veränderte die Überschrift so, dass die Aufmerksamkeit des Lesers darauf gerichtet ist, dass die Gelbwesten gegen Verbote verstoßen. Das klingt negativer, als eine Protestbewegung mit landesweitem Zulauf.

Und auch der Aufbau der beiden Artikel spricht Bände. So beginnt der Artikel über Marokko mit den sozialen Problemen der Lehrer, weckt also Verständnis beim Leser für die Proteste. Erst dann kommt die Gewalt der Polizei gegen die Demonstranten, für die der Leser nun Verständnis hat:

„Als einige von ihnen in der Nacht vor dem Parlament ein improvisiertes Lager aufschlugen und dieses nach zwei Stunden langen Verhandlungen nicht räumen wollten, trieben Sicherheitskräfte die Menschen mit Wasserwerfern und Schlagstöcken auseinander.“

Ganz anders berichtet der Spiegel über die Gelbwesten. In fünf Absätzen geht der Spiegel auf die Demonstrationsverbote ein, die sehr begründet erscheinen, weil es ja letztes Wochenende zu Gewalt gekommen ist. Die Gelbwesten haben also gegen diese Verbote teilweise verstoßen und trotzdem demonstriert. Der Leser bekommt also einen negativen Eindruck von den Gelbwesten.

Während der Artikel über Marokko ausführlich und in mehreren Absätzen schon zu Beginn des Artikels über die berechtigten Forderungen der Demonstranten berichtet, kommen die berechtigten Forderungen der Gelbwesten erst im letzten Absatz vor, nachdem dem Leser vorher ausführlich negative Assoziationen vermittelt wurden. Und es beschränkt sich auf einen einzigen Satz:

„Die Gelbwesten fordern mehr soziale Gerechtigkeit, höhere Renten und die Wiedereinführung der Vermögensteuer.“

Die Polizeigewalt in Frankreich wird gar nicht thematisiert, obwohl es bereits tausende Verletzte und fast 200 Menschen gibt, die Hände, Füße oder Augen durch den Beschuss durch die französische Polizei verloren haben.

Der Vergleich dieser beiden Artikel zu vergleichbaren Themen zeigt auf, dass es für den Spiegel nicht das Gleiche ist, wenn das Gleiche passiert. Für den Spiegel ist es wichtig, wer etwas tut. Polizeigewalt in Frankreich ist OK, Demonstrationen gegen Macrons unsoziale Politik sind böse. Wesentlich geringe Polizeigewalt in Marokko ist böse, Demonstrationen gegen Marokkos unsoziale Politik sind gut.

Was im Spiegel übrigens auch nicht erwähnt wird ist, dass die französische Zeitung „Le Journal du Dimanche“ eine aktuelle Umfrage veröffentlicht hat, die Macrons Zustimmung in Frankreich bei nur 29% sieht und die aussagt, dass er von 69% der Franzosen abgelehnt wird. Diese Meldung inklusive Verlinkung auf die französische Zeitung fand ich bei der russischen Nachrichtenagentur TASS, aber nicht im Spiegel.

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