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Jahrespressekonferenz: Putin im O-Ton über Libyen

Auf der Jahrespressekonferenz wurde Putin auch zu Libyen befragt, wo derzeit die Türkei eine größere Rolle spielen will und wo der Westen Russland ebenfalls Einflussnahme vorwirft.

Die Frage kam von einem türkischen Journalisten und ich fand Putins Antwort – vor allem die ironische Einleitung – so interessant, dass ich die Journalistenfrage und Putins Antwort komplett übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Türkischer Journalist: Vielen Dank. Anadolu Agentur, Ali Jura.

Russland hat wiederholt betont, dass es legitime Regierungen unterstützt, insbesondere in Syrien und anderen Ländern, in denen Krisensituationen herrschen. Auch in Libyen gibt es eine Krise. Es gibt eine legitime Regierung, die von der internationalen Gemeinschaft anerkannt wird. Westliche Medien behaupten, Russland unterstütze die sogenannte libysche Nationalarmee und russische Söldner würden sie unterstützen.

Wie können Sie das kommentieren? Werden Sie das mit Präsident Erdogan besprechen? Was werden Sie noch besprechen? Danke.

Wladimir Putin: Glauben Sie das, was die westlichen Medien berichten? Glauben Sie das alles? Lesen Sie doch, was die über die Türkei schreiben und Sie werden Ihre Meinung ändern.

Aber im Ernst, die Situation ist uns natürlich bekannt. Wir wissen, dass verschiedene Länder unterschiedliche Beziehungen zu beiden Konfliktparteien in Libyen unterhalten, und die Niveaus der Beziehungen sind unterschiedlich.

Wir, Russland, stehen übrigens in Kontakt mit der Regierung von Herrn Sarraj und wir stehen in Kontakt mit Marschall Haftar. Wir führen ständig einen Dialog mit unseren Partnern, auch mit den Partnern in der Türkei, in Europa und anderen Ländern. Wir verstehen, dass dies ein sehr heikles Thema ist.

Sie wissen auch, wer Libyen in diesen Zustand gebracht hat. Russland war gegen den Einsatz von Streitkräften in Libyen und die Resolution des Sicherheitsrates, die zu diesem Thema angenommen wurde, untersagte dem ehemaligen libyschen Machthaber Gaddafi übrigens, seine Flugzeuge gegen bewaffnete Oppositionskräfte einzusetzen. Stattdessen begann die westliche Koalition, ihre Luftwaffen gegen Libyen einzusetzen, was die Resolution des UN-Sicherheitsrates grob verletzt hat. All dies hat dazu geführt, dass sich das ehemals wohlhabende Land, der Lebensstandard in diesem Land hatte sich bereits einigen europäischen Ländern angenähert, jetzt im Chaos, im völligen Zusammenbruch versunken ist und dass der Bürgerkrieg nicht aufhört. Wer da nun recht hat und wer nicht, ist heute nur schwer zu sagen.

Und wir stehen, wie gesagt, sowohl mit Herrn Sarraj, als auch mit Haftar in Kontakt. Und unserer Ansicht nach wäre die beste Vorgehensweise, eine Lösung zwischen den Konfliktparteien zu finden, die es ermöglichen würde, die Kämpfe zu beenden und sich darüber zu einigen, wer, wie und mit welchen Vollmachten das Land regieren wird. Libyen ist meiner Meinung nach daran interessiert.

Genau darüber werden wir mit unseren Partnern in Europa sprechen, ich habe gerade noch einmal mit der deutschen Kanzlerin und dem französischen Präsidenten telefoniert und wir haben mit Präsident Erdogan darüber gesprochen. Heute und morgen wird in Moskau eine Delegation aus der Türkei ankommen, die ebenfalls über dieses Thema diskutieren wird. Ich hoffe, dass wir Lösungen finden werden, die von Libyen und vom libyschen Volk angenommen werden und dann finden wir mit dem Vertreter des Generalsekretärs, Herrn Salameh, eine endgültige Lösung.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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