Kaum beachtetes Thema: Russlands nationales Programm zur Entwicklung künstlicher Intelligenz

In Russland fand letzte Woche eine große Konferenz zum Thema künstliche Intelligenz statt, deren Entwicklung in Russland höchste Priorität genießt. Russland hat dazu ein eigenes Nationales Förderprogramm aufgesetzt.

Das russische Fernsehen hat in der Sendung „Nachrichten der Woche“ über die Konferenz und die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz berichtet. In Deutschland wird diese Zukunftstechnologie offensichtlich komplett verschlafen, weshalb ich den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt habe, damit deutsche Leser erfahren können, wie das Thema in Russland gesehen wird.

Beginn der Übersetzung:

Die russische Wirtschaft konzentriert sich auf die Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Darum ging es auch auf der Internationalen Konferenz, die am 8. November in Moskau eröffnet wurde. Zu diesem größten Forum seiner Art in Europa sind 5000 Teilnehmer aus 20 Ländern angereist. Auf dem Forum gründeten die russischen Unternehmen Yandex, Mail.ru, Gazprom Neft, Russian Private Equity Fund, MTS und Sberbank die Allianz zur Entwicklung künstlicher Intelligenz. Das Abkommen wurde am 9. November unterzeichnet.

Der Wettlauf um künstliche Intelligenz, so hört man, wird über die Machtverhältnisse der Welt von morgen entscheiden. Schon im Oktober hat Wladimir Putin die Nationale Strategie für die Entwicklung künstlicher Intelligenz bis 2030 genehmigt.

Der Roboter Gleb servierte den Teilnehmern des Forums Wasser. Er war zielstrebig, aber höflich und er löste eine der schwierigsten Aufgaben für eine Maschine: sich durch eine Menschenmasse zu bewegen, dabei beharrlich dem Ziel zu folgen und gleichzeitig unter keinen Umständen gegen einen Menschen anzurempeln. All dies hat der Roboter dank maschinellem Lernen, künstlicher Intelligenz an Bord, selbst gemeistert.

Künstliche Intelligenz kann trainiert werden. Sie analysiert eine riesige Menge an Daten, findet Muster und trifft auf der Grundlage dieses Wissens ihre eigenen Entscheidungen. Das heißt, man kann sagen, dass Roboter mit künstlicher Intelligenz in der Lage sind zu denken.

Gestern noch war das Fantasy, heute ist es Realität: Maschinen verstehen unsere Sprache fast ohne Fehler auf Anhieb. Sprachbefehle werden nicht durch einzelne Klänge oder Silben erkannt, tausende Stunden aufgezeichnete Sprache wurden auf den Computer hochgeladen und nachdem er sie studiert hatte, entwickelte sich sein IQ. Die moderne Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz ist in vielerlei Hinsicht ein Schritt ins Unbekannte, so wie früher große geografische Entdeckungen oder der erste Weltraumspaziergang. Aber das unglaubliche Potenzial ist für alle Länder offensichtlich.

„Komfortable und sichere Städte, erschwingliche und qualitativ hochwertige Medizin, Bildung, moderne Logistik und zuverlässige Transportsysteme, Weltraumforschung, die Erforschung der Ozeane und schlussendlich auch die Landesverteidigung: Künstliche Intelligenz ist eine Ressource von kolossaler Kraft. Wer auch immer sie besitzt, ich habe dies bereits wiederholt in der Öffentlichkeit gesagt, wird an der Spitze stehen und enorme Wettbewerbsvorteile erlangen. Es ist kein Zufall, dass das technologische Rennen, das bereits auf der Welt stattfindet, das härteste und kompromissloseste in der Geschichte unserer Zivilisation sein wird“, sagte Wladimir Putin.

Und nicht jeder wird es durchhalten können. Die Anzahl der Länder, die bedeutende Fortschritte in der künstlichen Intelligenz gemacht haben, ist kleiner, als die Zahl der Mitglieder im „Klub der Atommächte“. Beispielsweise verfügen nur drei Länder – Russland, die Vereinigten Staaten und China – über eine eigene Technologie für autonome Fahrzeuge.

Prognosen zufolge wird es nur noch ein paar Jahre dauern und sie werden en masse auf den Straßen erscheinen. Dabei werden die russischen autonomen Fahrzeuge natürlich unter sehr rauen Bedingungen getestet, sowohl in Bezug auf Klima, als auch auf den Fahrstil.

„Wer sich in Russland an die Verkehrsregeln hält, hat keine Chance, sich in den Verkehr in einem Stau einzufädeln, denn wenn man alle vorbei lässt, kann man bis Mitternacht an der Einfahrt stehen, bis der Verkehr nachlässt. Wir werden noch zwei oder drei Jahre brauchen, um die Technologie zu vervollkommnen, damit ein Auto seine Absicht durchsetzen kann, sich zum Beispiel in stockenden Verkehr einzufädeln und zu verstehen, wo es seine Lücke findet und es rein gelassen wird“, sagte Artem Fokin, Director of Business Development bei „Yandex“ für fahrerlose Autos. (Anm. d. Übers.: In Russland ist der Stau in den Städten nicht vergleichbar, mit dem, was wir in Deutschland an Stau kennen. Und beim Einfädeln braucht es eine Portion „Frechheit“, da nur selten ein Fahrer jemanden bei stockendem Verkehr in die Spur lässt, wenn man es nicht mit großem Nachdruck zeigt.)

Wenn Autos das erst einmal wirklich gelernt haben, werden Millionen von Fahrern von Autos und Lastwagen auf der ganzen Welt arbeitslos, warnte man auf dem Forum. Aber der Fortschritt ist unaufhaltsam. Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird die vierte industrielle Revolution genannt, die das Leben bis zur Unkenntlichkeit verändern wird.

„Früher wurden Felder mit Stöcken umgegraben, dann mit dem Pflug, dann kam der Traktor. Aber niemand trauert den Landarbeitern und Ochsenpflügen nach. Künstliche Intelligenz wird definitiv die Zahl der Berufe reduzieren, die mit Routinearbeit verbunden sind. Dafür entstehen etwa 50 neue Berufe rund um die künstliche Intelligenz“, sagte Alexander Vedyakhin, erster stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sberbank Russia.

Doch selbst die am weitesten entwickelten Roboter werden nicht in der Lage sein, den Menschen zu ersetzen. Ausgezeichnete mathematische Fähigkeiten sind immer noch hoffnungslos unterlegen, wenn Kreativität gefragt ist.

„Stellen Sie sich eine Kindergärtnerin vor, die Vierjährige erzieht, die schon unglaublich kreative Geschöpfe sind. Das erfordert sowohl Kreativität, als auch körperliche Mobilität. Eine riesige Menge an verschiedenen Manipulationen. Subtile motorische Fähigkeiten, Reaktionsgeschwindigkeit, Kreativität, Einfühlungsvermögen, all das werden Roboter noch sehr lange nicht leisten können. Und das wird sich in den nächsten hundert Jahren nicht ändern“, sagte Albert Efimov, Leiter des Sberbank Robotics Center.

Viele Berufe, die in allen Zeiten benötigt werden, werden von künstlicher Intelligenz jedoch Superkräfte bekommen. Beispielsweise kann ein chirurgischer Roboter die Genauigkeit während der Operation deutlich verbessern, was dann auch die Heilung beschleunigt. Nachdem der russische Direktinvestitionsfonds eingestiegen ist, wurde bereits ein russisches Modell entwickelt.

„Bisher gab es den Roboter „Da Vinci“, der ziemlich teuer und schwierig zu bedienen ist. Der russische chirurgische Roboter wird es Russland ermöglichen, einer der Marktführer auf dem Gebiet der chirurgischen Robotik zu werden. Das bedeutet, dass Operationen schon in 2-3 Jahren billiger und genauer werden, was den Russen ermöglicht, gesünder und länger zu leben“, sagte Kirill Dmitriev, CEO des russischen Direktinvestitionsfonds.

Ein Beispiel aus dem Bereich der geologischen Forschung. In einem Bohrkern sind Gesteinsproben aus einer Tiefe von drei Kilometern enthalten. Jetzt können Maschinen mit künstlicher Intelligenz den Experten helfen, eine riesige Datenbank von Fotos der Proben zu analysieren und viel schneller und genauer zu bestimmen, welche Ölreserven unter der Erde lagern.

„Wenn wir über den Effekt sprechen, den wir bekommen, der ist riesig. Schon jetzt sprechen wir über Effekte im Wert von zig Milliarden Rubel und wir haben gerade erst mehrere Dutzend Projekte mit künstlicher Intelligenz gestartet. Und nach ihrer Umsetzung wird der Effekt Hunderte von Milliarden Rubel sein. Das gilt nur für unser Unternehmen“, erklärte Alexander Dukov, Vorstandsvorsitzender von Gazprom Neft.

Die sechs größten russischen Unternehmen haben beschlossen, ihre Kräfte zu bündeln und haben ein Konsortium zur Entwicklung künstlicher Intelligenz gegründet: Sberbank, Gazprom Neft, Yandex, Russian Private Equity Fund, MTS und die Mail.Ru Group.

„Wir müssen sehr hart arbeiten, da der Präsident diesem Thema persönlich besondere Aufmerksamkeit widmet. Und heute haben sich viele Unternehmen zu diesem Zweck zusammengeschlossen. Ich denke, wir haben eine gute Chance“, sagte Herman Gref, Chef der Sberbank.

IT-Unternehmen nutzen bereits neuronale Computernetzwerke, denen die Nutzer täglich begegnen.

„Das ist auch eine Art der Kommunikation, bei der die künstliche Intelligenz nicht nur hilft, Mails zu sortieren, zum Beispiel bei der Mail.Ru Group, sondern den Nutzern auch hilft, „intelligente“ Antworten auf diese Briefe zu verfassen. Das ist das gleiche, wie beim News-Feed von „VKontakte“, der schon lange mit künstlicher Intelligenz erstellt wird und dank dieser Technik hat sich der Grad seiner Nutzung verdoppelt. Das betrifft natürlich auch unsere E-Commerce-Dienste, wie Delivery Club, wo Kuriere, diese „grünen Leute“, die man in den Städten sieht, seit langem zu fast 100 Prozent nicht Menschen geführt werden, sondern von intelligenten Algorithmen, die sie zur richtigen Zeit an den richtigen Ort schicken, damit sie Lieferungen entgegen nehmen und ausliefern können“, sagte Boris Dobrodeyev, CEO der Mail.Ru Group. (Anm. d. Übers.: Delivery Club ist ein sehr populärer Lieferservice in Russland, bei dem man Essen in seinem Lieblingsrestaurant bestellen und sich nach Hause liefern lassen kann)

Per Dekret hat der Präsident die Nationale Strategie für die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in Russland verabschiedet. Dazu gehören sowohl die verstärkte Ausbildung des nötigen Personals, als auch die Beseitigung administrativer Hindernisse. Neue bahnbrechende Technologien für maschinelles Lernen sollen der Bürokratie-Maschinerie etwas beibringen.

„Es ist äußerst wichtig, dass die künstlichen Intelligenz hilft, die Starrheit und Schwerfälligkeit der bürokratischen Maschinerie zu überwinden, um Transparenz und Effizienz in der Verwaltung drastisch zu erhöhen, denn nur wenn das gelingt, werden die Menschen sehen, was die Regierung wie tut und woran sie sich bei bestimmten Entscheidungen orientiert. Das ist extrem wichtig. Darauf müssen wir abzielen, wenn die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz auch helfen sollen, die Probleme der einfachen Menschen zu lösen“, sagte Wladimir Putin.

Die Entwicklung beruht auf der Bündelung der Kräfte. Ja, ein Schachprogramm hat gelernt, die ehrwürdigsten Großmeister zu schlagen, aber gemeinsam besiegen Mensch und Maschine jeden Supercomputer. In der Luft etwa, wo ein Pilot und eine Drohne zusammen eine Mission ausführen, sind sie stärker, als jeder andere. Die Kombination von menschlicher und künstlicher Intelligenz ist wirklich grenzenlos. (Anm. d. Übers.: Im Beitrag werden hier Bilder gezeigt, bei denen ein neuer Kampfjet vom Typ SU-57 eine Mission mit einer neuen KI-Drohne ausführt. Die neue russische Drohne, die noch in der Entwicklung ist, wird nicht mehr von einem Piloten am Boden gesteuert, sondern ist dank künstlicher Intelligenz weitgehend autonom unterwegs und die SU-57 mit Daten und auch Waffen unterstützen. Diese neuen russischen Waffen sind noch in der Entwicklung, haben aber kürzlich erste gemeinsame Tests durchgeführt, bei denen die Drohne in Kombination mit mit dem Jet die Sensoren- und damit Einsatzreichweite und Effizienz drastisch erhöht hat.)

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Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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