Präsidentschaftswahlen in der Ukraine: Eine erste Einschätzung des TV-Duells im Stadion von Kiew

Die Debatte zwischen den Präsidentschaftskandidaten ist gelaufen. Hier will ich meinen ersten Eindruck unmittelbar nach der Debatte wiedergeben, später werden wir sicher auch noch die Einschätzungen anderer Analysten sehen und vielleicht sogar die Ergebnisse von Blitzumfragen.

Vor dem Bericht über die Debatte der Kandidaten noch eine kuriose Meldung aus der Ukraine. Bei einem Kiewer Gericht ist heute eine Klage eingegangen, die es Poroschenko und seinen hohen Beamten untersagen soll, im Falle von Selenskys Wahlsieg, dass Land zu verlassen. Das muss man im Zusammenhang mit den vielen Vorwürfen gegen Poroschenko und sein Umfeld sehen, in massive Korruptionsskandale verstrickt zu sein und auch mit Meldungen der letzten Tage, Poroschenko habe in unzulässiger Weise Einfluss auf Staatsanwaltschaft und Justiz des Landes genommen.

Nun zur Debatte im größten Stadion der Ukraine am heutigen Abend.

Alles begann mit einer Überraschung, denn in dem Stadion waren zwei Bühnen aufgebaut, Poroschenko und sein Anhang jedoch kamen überraschend auf die Bühne von Selensky, wodurch sich die beiden physisch so nahe kamen, wie nie zuvor.

Das Format sah ein kurzes Eingangsstatement der Kandidaten vor, anschließend durften sie sich gegenseitig Fragen stellen. Für die Frage hatten sie jeweils eine Minute, für die Antwort vier Minuten Zeit.

Auffällig war, dass Selensky seine Minute nutzte, um Poroschenko nicht eine, sondern gleich mehrere Fragen zu stellen, die alle die Entwicklungen der letzten fünf Jahre zum Thema hatten. Er sprach den Krieg an, den Poroschenko in wenigen Tagen zu beenden versprochen hatte, er sprach die Verarmung des Landes unter Poroschenko an, den Niedergang des Gesundheitssystem, den Verfall der Währung, die Erhöhung der Wohnnebenkosten um über tausend Prozent. Er erinnerte auch an Poroschenkos Wahlslogan von vor fünf Jahren „Wir werden ein neues Leben haben“ und fügte hinzu, dass die Menschen, die für Poroschenkos Versprechen auf ein „neues Leben“ gestimmt haben, nicht erwartet hätten, dass es ein Kampf ums Überleben wird. Er hatte sehr viele Fragen. Am Ende seiner Minute endete Selensky immer mit den Worten: „Suchen Sie sich eine Frage aus, auf die Sie antworten wollen.“

Poroschenko beantwortete keine der Fragen, sondern wiederholte stattdessen seine Parolen von der Annäherung an den Westen und ähnliches. Dann ging Poroschenko zum Angriff über und warf Selensky vor, die Marionette des Oligarchen Kolomoisky zu sein. Das war natürlich eine Steilvorlage für Selensky, der daraufhin Poroschenko, selbst Oligarch, frontal angehen konnte. Selensky sagte, er stehe dafür, dass „Leute wie Sie“, also Oligarchen, „keine Rolle mehr in der ukrainischen Politik spielen dürfen“.

Insgesamt kann ich trotzdem keinen echten Sieger ausmachen. Selensky dürfte die Anhänger Poroschenkos kaum überzeugt haben, sein Auftritt war schwächer, als ich persönlich von dem bühnenerfahrenen Comedian erwartet hätte. Aber Poroschenkos leere Parolen dürften vor dem Hintergrund der Verarmung unter seiner Regierung auch keinen Anhänger von Selensky überzeugt haben.

Auf Selenskys Fragen zu Poroschenkos Regierungszeit warf Poroschenko Selensky vor, in der Vergangenheit zu leben, während man in die Zukunft sehen sollte. Ich habe mich zum Beispiel gewundert, dass Selensky diesen Ball nicht aufgenommen hat, um Poroschenko zu fragen, was er den Menschen denn für die Zukunft anbietet, wenn er nicht einmal die Verantwortung für seine eigene Regierungszeit übernehmen will.

Auf Poroschenkos wiederholte Hinweise, Selensky sei zu unerfahren und die Wähler würden die „Katze im Sack“ wählen, wenn sie für ihn stimmten, erwiderte Selensky mit Blick auf die Verarmung des Landes und zehntausende Kriegsopfer, es sei „besser, die Katze im Sack, als den Wolf im Schafspelz zu wählen“.

Poroschenko hat Selensky vorgeworfen, mit Putin über den Krieg reden zu wollen. Das führte zu der merkwürdigsten Szene des Abends, als Selensky erklärte, er sei bereit, vor jedem auf die Knie zu gehen, vor jeder Mutter, deren Sohn nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist, vor jedem Kind, dessen Vater im Krieg geblieben ist und so weiter und er dann Poroschenko vorschlug, es ihm gleich zu tun. Selensky trat daraufhin an den Bühnenrand und kniete vor dem Publikum nieder. Poroschenko hingegen ging nach kurzem Zögern nach hinten und kniete sich mit dem Rücken zu Publikum und mit dem Gesicht zu seinen auf der Bühne stehenden Unterstützern hin. Ob er vor ukrainischen Flagge oder der Frau, wer immer sie ist, niederkniete, ist nicht ersichtlich und sorgt derzeit im Netz für Diskussionen. Jedenfalls war das Bild mehr als merkwürdig, als Poroschenko in Gegensatz zu Selensky, dem Publikum sein Hinterteil zu wandte, während er niederkniete.

Am Ende durfte jeder noch eine Frage stellen, die der andere mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten durfte. Selensky fragte einfach: „Schämen Sie sich nicht?“

Poroschenko antwortete mit „Nein“ und holte dann zu einer langatmigen Antwort aus, die jedoch von den Moderatoren unterbrochen wurde, weil eben nur „Ja“ oder „Nein“ als Antwort erlaubt waren. Poroschenko ließ seine Möglichkeit zur Gegenfrage verstreichen, indem er wieder zu einer langen Rede über Kolomoisky ansetzte, die dann von den Moderatoren schließlich unterbrochen wurde, weil er keine einfache Frage „Ja/Nein-Frage“ stellte.

Wer sich selbst ein Bild von der Debatte machen möchte, aber weder Russisch, noch Ukrainisch versteht, dem sei hier die Übertragung von Ruptly mit englischer Simultanübersetzung empfohlen.

LIVE: Poroshenko and Zelenskiy face off in stadium debate

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Ein Gedanke zu „Präsidentschaftswahlen in der Ukraine: Eine erste Einschätzung des TV-Duells im Stadion von Kiew“

  1. Dieses „TV-Duell“ erinnert an die nichtssagenden „Duelle“ im deutschen Fernsehen. Man hält sich gegenseitig die Fehler vor, hat aber auch kein Konzept, diese Dinge abzustellen! Bei Sputnik News war heute zu lesen, dass US-Protektor Kurt Volker erklärte, dass die USA dauerhaft in der Ukraine bleiben wollen. D.h. im Klartext, egal, wer dort Präsident wird, er bleibt eine US-Marionette und die USA werden bestimmen, was dort vor sich geht! Sie haben das Land in die Schuldsklaverei des IWF geführt, sie haben erfolgreich einen massiven Keil zwischen Ukrainer und Russen getrieben und außer Waffen und die Fortsetzung des Konfliktes mit Russland haben sie den Ukrainern nichts zu bieten! Aber die werden sich weiter als Manövriermasse gegen Russland mißbrauchen lassen! Dem Selensky werden sie erklären, was er zu tun und zu lassen hat und wenn er sich nicht fügt, werden sie dafür sorgen, dass er abgelöst wird. Für die Bevölkerung wird sich also in den sozialen Fragen nichts ändern.

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