Pressefreiheit in der Ukraine: kritischer TV-Sender in Kiew wurde aus Granatwerfer beschossen

In der Ukraine wurde das Gebäude eines kritischen Fernsehsenders mit einem Granatwerfer beschossen und führende Politiker finden das dort völlig in Ordnung. Was hört man dazu in den deutschen Medien? Richtig: Nichts.

Der Sitz des Fernsehsenders „112.Ukraina“ in Kiew wurde in der Nacht auf Samstag aus einem Granatwerfer beschossen, es entstand Schaden an der Fassade. Der Sender gehört Taras Kosak, der als Abgeordneter der Opposition im Parlament sitzt.

Vor einigen Tagen habe ich schon einmal über Kosak berichtet. Ihm gehört auch der ukrainische TV-Sender „News One“, der zusammen mit dem russischen Fernsehen eine Sendung mit dem Namen „Wir müssen reden!“ machen wollte, in der Menschen aus Russland und der Ukraine über Videoschalte miteinander sprechen sollten. Keine Politiker, sondern einfache Menschen, damit die Gräben, die der Konflikt mit Russland aufgerissen hat, ein wenig kleiner werden können.

Aber mit der Pressefreiheit ist es in Ukraine so eine Sache, daher wurden nach der Ankündigung der Sendung staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Landesverrat eingeleitet und ein Verfahren zum Entzug der Sendelizenz gegen den Sender eröffnet.

Was in jedem normalen Land zu Entrüstungsstürmen führen würde, findet in der Ukraine sogar Beifall. Dimitrij Jarosch, ebenfalls ein Abgeordneter im Parlament, teilte mit, dass unbekannte Patrioten im Krieg dem Feind entgegentreten müssten, wenn die Regierung es nicht tue. Den Journalisten, die bei „Feindsendern“ arbeiten, riet er, ihren Job zu kündigen weil sie nicht nur ein Molotwcocktail erwarte. Und besorgten Menschenrechtlern riet er, einfach die Klappe zu halten.

Jarosch ist nicht irgendwer, er ist ein einflussreicher Politiker in der Ukraine und Berater des Generalstabes. Politisch kommt er aus dem national-faschistischen Lager der Ukraine, beim Maidan war er Anführer des „Rechten Sektors“, einer Schlägertruppe, die sich aus Neonazis zusammensetzte und für die Zusammenstöße mit der Polizei verantwortlich war. 2014 war Jarosch einer der Präsidentschaftskandidaten in der Ukraine und auch Führer eines nationalistischen Bataillons der Nationalgarde, die nach dem Maidan aus Mitgliedern des Rechten Sektors gebildet wurde und im Osten der Ukraine für unzählige Kriegsverbrechen verantwortlich ist.

Übrigens: Sollten Sie Italiener sein, dann sollten Sie die Ukraine meiden. In Italien wurde ein Ukrainer zu 24 Jahren Haft verurteilt, weil er als Kämpfer eines dieser Bataillone einen italienischen Journalisten und dessen Dolmetscher getötet hat. Jarosch hat darauf hin dazu aufgerufen, in der Ukraine ein paar Dutzend Italiener festzusetzen. Dann sagte er wörtlich:

„Die Gerichte werden lange verhandeln. Und dann wird unser „allerobjektivstes“ Gericht ihnen lebenslang geben.“

Das wird der ukrainische Staat nicht tun, aber Jarosch ist bei den radikalen Nationalfaschisten hoch angesehen. Und der Granatbeschuss in der heutigen Nacht hat mal wieder gezeigt, dass in der Ukraine alles möglich ist.

Übrigens haben Überwachungskameras den Beschuss aufgezeichnet.

Появилось видео выстрела из гранатомета по каналу 112 | Страна.ua

Wenn Sie sich für die Ukraine nach dem Maidan und für die Ereignisse des Jahres 2014 interessieren, als der Maidan stattfand, als die Krim zu Russland wechselte und als der Bürgerkrieg losgetreten wurde, sollten Sie sich die Beschreibung zu meinem Buch einmal ansehen, in dem ich diese Ereignisse detailliert auf ca. 670 Seiten genau beschreibe. Auch über Jarosch kann man dort einiges erfahren, denn er war damals einer der führenden Köpfe des angeblich so demokratischen Maidan. In diesen Ereignissen liegt der Grund, warum wir heute wieder von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Obwohl es um das Jahr 2014 geht, sind diese Ereignisse als Grund für die heutige politische Situation also hochaktuell, denn wer die heutige Situation verstehen will, muss ihre Ursachen kennen.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Pressefreiheit in der Ukraine: kritischer TV-Sender in Kiew wurde aus Granatwerfer beschossen“

  1. Sehr geehrter Herr Röper,

    Sie sollten semantisch sinnvollefe Begriffe wie Neofaschist anstatt Nationalfaschist verwenden. Und die Bezeichnung nationalistisch ist im Falle der Freischaren der ukrainischen Rechtsextremisten ohne das Präfix ultra oder den Zusatz radikal eine Verharmlosung und eine Beleidigung der ordinären Nationalisten.

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