Weltweit führender Experte: Der Einfluss russischer Internet-Trolle wird übertrieben

Die angebliche Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahlen 2016 ist ja immer noch ein großes Thema, obwohl es bis heute keinen einzigen Beleg dafür gibt. Heute gab es ein überraschendes Interview im Spiegel, in dem ein Experte dazu sagte, dass die „Desinformation in sozialen Medien maßlos“ überschätzt wird. So steht es sogar in der Überschrift. Als ich das las, war mir klar, dass das nicht lange so stehen gelassen werden kann. Und tatsächlich, schon kurz darauf erschien bei Spiegel-Online ein Artikel mit der Überschrift „CrowdStrike-Bericht – Russische Hacker sind die schnellsten“. Da lohnt sich doch mal ein Blick auf die Einzelheiten und die bekannten Fakten.

Zunächst zu dem ersten Artikel. Unter der Überschrift „Geheimdienst-Operationen – „Wir überschätzen Desinformation in sozialen Medien maßlos““ fand sich dort ein Interview mit Thomas Rid, einem gefragten Experten für Desinformations- und Hacking-Kampagnen durch staatliche Akteure. Sowohl der US-Senat, als auch der Bundestag haben ihn bereits als Sachverständigen angehört. Rid ist Professor in Washington. So wurde er im Spiegel angekündigt.

Die Essenz des Interviews ist schnell erzählt: Der Erfolg der angeblichen Einflussnahmen Russlands in sozialen Netzwerken ist nicht meßbar. Eine Beeinflussung von Wahlen ist nicht nachweisbar. Zu der angeblichen Beeinflussung der US-Wahl durch Facebook-Anzeigen sagte Thomas Rid zum Beispiel: „Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat in seiner Anhörung vor dem US-Kongress gesagt, dass insgesamt 126 Millionen US-Bürger Inhalte oder Anzeigen der IRA gesehen haben. Was er nicht sagte: Das bezieht sich auf den Zeitraum von Januar 2015 bis August 2017 – also zwei Jahre und acht Monate. Die Frage ist: Wie viele Bürger haben die Inhalte vor der Wahl gesehen? Das ist schwierig zu beantworten, aber schätzungsweise waren es nur 37 Prozent dieser 126 Millionen. (…) Ich bin zumindest absolut sicher, dass wir Desinformation in sozialen Medien maßlos überschätzen.

Dass die Geschichte dennoch so viel medialen Staub aufwirbelte, begründet er so: „Weil die „New York Times“ eine große Geschichte dazu veröffentlicht hat. Aber die Anzeige ist vor der Wahl gerade einmal 71 Mal angezeigt und 14 Mal angeklickt worden. Der nachgeordnete Effekt durch die Berichterstattung nach der Wahl ist das eigentlich Wichtige geworden.

Im Klartext: Es hatte keinen Einfluss auf die Wahl und wurde erst hinterher von den Medien hochgespielt, was aber auf die Wahl keinen Einfluss mehr haben konnte, denn sie war ja schon vorbei.

Jetzt muss man sich fragen, warum wurde eine Geschichte, die es de facto gar nicht gab, von den Medien so aufgebauscht? Die Meinung des Experten im Interview dazu ist folgende: „Und genauso hat heute die russische Trollfabrik IRA (Internet Research Agency; Anmerkung der Redaktion) ein Interesse daran, ihren eigenen Erfolg zu übertreiben, weil sie dann mehr Geld bekommt. Gleichzeitig nützt es den US-Demokraten, den Erfolg der IRA-Operationen zu übertreiben, weil das Donald Trump unterminiert. Und vielen Journalisten liegt etwas daran, die IRA hochzuschreiben, weil es eine gute Geschichte ist.

Im Klartext: Die Demokraten nutzen die Kampagne, um Trump mit Schmutz zu bewerfen, wo keiner ist, die Medien freuen sich über eine gute Story (Wahrheit ist dabei zweitrangig) und die russische „Troll-Fabrik“ kann ihre dilettantische Arbeit als Erfolg verkaufen und so ihre weitere Finanzierung sicherstellen. Dass er die berühmt-berüchtigte russische Troll-Fabrik für dilettantisch hält, sagt er deutlich: „Eigentlich ist die IRA ein ziemlicher Sauhaufen. Sie sind schon vier Wochen nach ihrer Gründung im Jahr 2013 enttarnt und seither immer wieder von russischen Journalisten bloßgestellt worden. Die russischen Geheimdienste würden wahrscheinlich nicht mit der IRA arbeiten. Was ich damit sagen will: Die IRA-Leute können im Nachhinein wahrscheinlich ihr Glück kaum fassen – es war nicht ihre stümperhafte Arbeit, die ihnen so viel Erfolg eingebracht hat, es waren die Amerikaner selbst.

Grundsätzlich bin ich seiner Meinung, nur halte ich Amerikaner nicht für so blöd, dass sie unbeabsichtigt den russischen Trollen helfen. Diese Ansicht halte ich für naiv, wenn man bedenkt, dass in Washington dutzende Denkfabriken mit Milliarden-Budgets sitzen. Einleuchtender für mich ist, dass sie diese unwahren und aufgebauschten Geschichten bewusst anheizen, um das „Feindbild Russland“ weiter zu verstärken. Denn das versuchen die Kräfte in Washington ja mit allen Kräften. Da passt jede noch so schlechte Geschichte ins Bild, frei nach der alten Propaganda-Regel: „Wirf nur genug Dreck, irgendwas bleibt schon hängen.“

Es ist bemerkenswert, dass ein US-Experte den Effekt der „russischen Internet-Trolle“ für praktisch nicht messbar hält. Das steht im völligen Gegensatz zu allem, was wir sonst so in den Medien lesen und von der Politik hören. Demnach, so lernen wir in den Medien sonst immer, ist der Einfluss der „russischen Trolle“ so groß, dass sie Trump ins Weiße Haus gebracht, England in den Brexit und die Gelbwesten auf die Straße getrieben haben. Und auf der Münchener Sicherheitskonferenz hat Merkel die russischen Internet-Aktivitäten sogar hinter den aktuellen Schülerprotesten entdeckt.

Nun ist es interessant, dass sogar Sonderermittler Mueller, der mit einem Millionenbudget Verbindungen zwischen Trump und den Russen sucht, sein Publikum bereits darauf vorbereitet hat, dass er nichts finden wird. Der Abschlussbericht wird in Kürze erwartet.

Zur Erinnerung hier nochmal die Hintergründe zu den Vorwürfen gegen Russland in Sachen Wahlbeeinflussung.

Das alles konnte der Spiegel natürlich nicht so stehen lassen und so erschien schon Stunden später der zweite Artikel zu dem Thema unter der Überschrift „CrowdStrike-Bericht – Russische Hacker sind die schnellsten

Bevor wir uns den Artikel ansehen, wollen wir uns erst einmal fragen, wer ist eigentlich CrowdStrike? Das ist eine IT-Sicherheitsfirma, die ständig aufdeckt, wenn der Iran, Nordkorea, Russland oder China irgendetwas gehackt haben sollen. Hacks von Hackern anderer Länder haben sie noch nie gefunden, wie wir gleich sehen werden.

Die berühmtesten Fälle, die CrowdStrike aufgedeckt haben will, waren erstens der Sony Pictures Hack, an dem angeblich Nordkorea Schuld war. Zweitens war da der Hack der Demokratischen Partei während des US-Wahlkampfes, der Clinton in Verlegenheit brachte. Daran war angeblich Russland Schuld, obwohl Wikileaks behauptet, die Daten von einem Insider der Demokratischen Partei bekommen zu haben. Und drittens ging es um weitere Cyber-Angriffe auf die Demokratische Partei, an denen ebenfalls Russland Schuld sein soll.

Interessant ist außerdem, dass die Firma enge Verbindungen zum FBI hat, denn mit Shawn Henry und Steve Chabinsky sind unmittelbar nach Gründung der Firma zwei ehemalige leitende FBI-Beamte zu CrowdStrike gewechselt.

Im Spiegel gibt es heute den Artikel über die Firma und den Bericht, den sie gerade herausgegeben hat. Im Spiegel steht über CrowdStrike: „CrowdStrike ist jenes Unternehmen, das den Angriff auf Hillary Clintons Wahlkampfleiter wie auch den Hack des Democratic National Committee russischen Tätern zugeschrieben hatte. Mit Tausenden Kunden, von Regierungsbehörden bis Banken vor allem in der westlichen Welt, gilt es als einer der wichtigsten Dienstleister nach schweren Sicherheitsvorfällen.

CrowdStrike hat heute einen Bericht herausgebracht, über den der Spiegel schreibt: „Nur 18 Minuten brauchen die fähigeren unter Russlands Hackern im Schnitt, um sich nach der ersten Infektion eines Computers innerhalb eines Netzwerks auszubreiten. Schneller ist niemand. So jedenfalls steht es im Global Threat Report der IT-Sicherheitsfirma CrowdStrike, der heute veröffentlicht wurde. (…) Dass Russland die derzeit fähigsten Hacker hervorbringt, wundert Alperovitch nicht. Erstaunt habe ihn aber, dass auf Platz zwei nicht etwa China gelandet ist, sondern Nordkorea. Mit zwei Stunden und zwanzig Minuten brauchen die Nordkoreaner im Schnitt zwar deutlich länger als die von CrowdStrike untersuchten russischen Hackergruppen. Aber „ich glaube, dass von allen Ländern im Cyberspace, die USA und Deutschland eingeschlossen, Nordkorea das innovativste ist“ (…) Auf den Plätzen drei bis fünf von CrowdStrikes Liste stehen China („breakout time“: vier Stunden), Iran (fünf Stunden, neun Minuten) und alle kriminellen Gruppen, unabhängig von ihrer Herkunft (neun Stunden, 42 Minuten).

Nun fragt man sich sofort, wo denn hier Hacker westlicher Länder, wie den USA, Großbritannien etc. auf der Liste sind. Aber darauf gibt es im Artikel eine einfache Antwort: „Hacker aus den USA oder Großbritannien hat CrowdStrike nach Angaben von Alperovitch nicht untersucht – weil man sie nie in den Systemen der Kunden entdeckt hat. Aber er hält sie für noch schneller als die bekannten russischen Akteure: „Ich gehe davon aus, dass sie unsere Liste anführen würden“.“

Das ist doch beruhigend.

Der Hauptkritikpunkt, den es an CrowdStrike gibt, ist folgender: Die Firma findet immer ausgerechnet Hacks von den üblichen Bösewichten wie Nordkorea, Iran, China und Russland. Wenn die Firma aber führend ist und wir wissen, dass die NSA auch Hacker hat, die zum Beispiel in Deutschland Industriespionage betreiben und Handys von Regierungsbehörden abhören, warum hat die Firma dann noch nie einen Hinweis auf die USA oder Großbritannien gefunden? Könnte es sein, dass sie selbst der US-Regierung so nahe steht, dass sie Attacken von US-Geheimdiensten gar nicht sehen will? Dazu würden ihre engen Verbindungen zu US-Geheimdiensten wie dem FBI passen. Aber der Spiegel stellt diese Frage natürlich nicht, es geht ja darum, die russische Bedrohung zu betonen, wie man schon in der Überschrift lesen konnte.

Im Spiegel steht zu den möglichen Interessen von CrowdStrike lediglich: „CrowdStrike ist ein US-Unternehmen, das von einer möglichst grimmigen Darstellung der IT-Bedrohungslage profitiert.

Ob das nicht eine etwas naive Sicht des Spiegel ist?

Und im Spiegel fehlt natürlich jeder Hinweis auf die „Internet-Trolle“ des Westens, die wesentlich aktiver sind, als die russische „Troll-Fabrik“. Dort sollen 150 Leute arbeiten, wenn man der westlichen Presse glauben darf. Dass allein das Pentagon für den Kampf um die öffentliche Meinung ein Budget von über fünf Milliarden pro Jahr hat, das erwähnt der Spiegel bei der Gelegenheit natürlich nicht.

Und auch über die Erfolge der westlichen „Trolle“ findet sich nichts, dabei weiß man schon lange, dass die #RefugeeWelcome in #Germany Kampagne auf Twitter im Jahre 2015 nicht etwa aus Deutschland, sondern aus den USA und Großbritannien kam. Und die Frage ist doch, haben sich die Twitter-Nutzer in den USA so sehr über die Flüchtlinge in Deutschland gefreut oder haben „Trolle“ in den USA damit die öffentliche Meinung beeinflussen wollen? Nur diese Frage stellen die Mainstream-Medien nicht, weil sie darüber erst gar nicht berichten.

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