Wie die Medien versuchen, aus dem neoliberalen Macron einen sozialen Wohltäter zu machen

Es ist beeindruckend, wie die Presse über Macron berichtet. Nicht die Unzufriedenheit der Franzosen ist der zentrale Punkt, sondern der „gute“ Macron. Er ist immer noch der Medienstar, obwohl seine Politik vom Volk zu inzwischen fast 80% abgelehnt wird.
 
Wie die Presse die Meinung beeinflussen will, ist immer wieder spannend. Da macht ein Macron eine Politik gegen sein Volk und er ist der Medienstar. Ein Putin sorgt dafür, dass es seinem Volk besser geht und er ist der Buhmann. Oder ein Trump, den ich nicht allzu gut finde, erfüllt seine Wahlversprechen, das geht natürlich gar nicht.
 
Wobei: Auch Macron erfüllt seine Wahlversprechen, er hatte seine unsoziale Politik angekündigt. Aber die Franzosen hatten so die Nase voll von den etablierten Parteien, dass sie eine Veränderung wollten. Da fanden sie den jungen Sunnyboy wohl so sympathisch, dass sie gar nicht zugehört haben, was er politisch angekündigt hat.
 
Macron hat einerseits die Reichen durch Abschaffung der Vermögenssteuer massiv entlastet und gleichzeitig Steuern und Abgaben für die einfachen Leute massiv erhöht. Da ist den Franzosen der Kragen geplatzt. Im Gegensatz zu den Deutschen, reicht es nicht, wenn neoliberale „Experten“ ihnen in Talkshows erzählen, dass das nun mal sein muss.
 
Nun hat Macron einen Bürgerdialog begonnen, wobei er aber keine Bürger getroffen hat, sondern Bürgermeister. Man könnte sagen, er hat wohl Angst vor seinen Bürgern und trifft daher die Bürgermeister. Man könnte aber auch sagen, dass das durchaus intelligent ist, denn wenn er die Bürgermeister für sich gewinnt, besteht die Chance, dass sie den Dialog als Multiplikatoren in die Gemeinden tragen und die Lage entschärfen.
 
Nur ob das reichen wird, während gleichzeitig nach den Feiertagen die Bewegung der Gelbwesten wieder Fahrt aufnimmt?
 
Spannend ist nun, wie der Spiegel darüber berichtet. Er führt sich regelrecht als Sprachrohr Macrons auf, denn er übernimmt die Formulierungen Macrons vom „sozialen Bruch“ oder schreibt: „Besonders die Mittelschicht würde die Rechnung für die Krisen der vergangenen Jahre zahlen, sagte Macron.“
 
Macron der Verständnisvolle, soll beim Leser ankommen. Dass die Mittelschicht nicht für die Krisen der Vergangenheit zahlt, sondern nur für die Politik Macrons zahlen soll, das wird ausgeblendet.
 
Und anstatt auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen, zeigt der Spiegel Verständnis für Macron: Die Bewegung der Gelbwesten „gilt als bislang größte Herausforderung für den jungen Staatschef. Die „Gelbwesten“ wenden sich gegen die Reformpolitik der Mitte-Regierung, einige fordern auch den Rücktritt Macrons. Immer wieder kam es in den vergangenen zwei Monaten zu Ausschreitungen“
 
Hier ist gut zu sehen, wie subtil dabei gearbeitet wird. Ein „junger Staatschef“, das klingt sympathisch, „Reformpolitik“, das klingt auch gut und natürlich redet der Spiegel von einer „Mitte-Regierung“, denn wir haben ja zwanzig Jahre gelernt, dass die politische Mitte gut ist und damit Macron schon quasi einer von uns. Im Gegensatz zum auf diese Weise zum Sympathieträger verklärten Macron, wird über die Gelbwesten nur im Zusammenhang mit Ausschreitungen berichtet, sie sind also die Unsympathischen im Spiegel.
 
Das ist psychologisch geschickte Meinungsmache, indem der Spiegel mit den beiden Parteien eindeutige Emotionen verknüpft: Macron ist jung und macht Reformen für die Mitte, die Gelbwesten machen Randale. So kommen diese Formulierungen im Unterbewusstsein des Lesers an.
 
Aber wie sieht es mit der Realität aus? Macrons „Reformen“ gehen einseitig zum Vorteil der Reichen im Land und zu Lasten der Mittelschicht. Das kann man gut finden, aber es ist kaum so, dass die Mitte es gut findet, wenn alles zu ihren Lasten geht. Ergo ist Macron wohl kaum jemand aus der Mitte.
 
Und die Gelbwesten? Sie sind in ihrer Mehrheit friedlich, letztes Wochenende waren 80.000 auf den Straßen und einige hundert haben tatsächlich randaliert. Allerdings sind bei solchen Demos die Chaoten immer dabei, das lässt sich nicht verhindern. Aber sie sind in Frankreich eine sehr kleine Minderheit, auch wenn die Presse fast nur über sie berichtet.
 
Aber die subtile Meinungsmache im Spiegel ist damit nicht vorbei: „Im Streit um die Vermögensteuer signalisierte Macron Gesprächsbereitschaft. Die Frage sei für ihn „weder ein Tabu noch ein Totem“, sagte der sozialliberale Staatschef.“
 
Hier bringt der Spiegel es fertig, nur mit Formulierungen alles zu verdrehen. Macron ist angeblich bereit, über die Vermögenssteuer zu reden (obwohl er genau das immer abgelehnt hat) und natürlich ist er nun für den Spiegel ein „sozialliberaler Staatschef“.
 
Klingt super, aber welche von seinen Maßnahmen war sozial? Ich kann mich an keine erinnern und frage mich, wie der Spiegel zu dieser Bezeichnung für einen neoliberalen Hardliner kommt.
 
Aber klingt alles ganz sympathisch im Spiegel, man darf es nur nicht hinterfragen.
 
Nachtrag: Es gibt immer mehr aktuelle Meldungen, dass in Frankreich die Polizei mit G36 Gewehren ausgerüstet wird, die nicht mit Gummigeschossen, sondern mit scharfer Munition geladen werden. Das ist nichts, was die Gelbwesten beruhigen wird, eher im Gegenteil. Trotz der vielen Meldungen und Videos auf Youtube über Polizeigewalt bei den Demos, haben bisher nur noch mehr Widerstand und steigende Zahlen von Demonstranten provoziert. Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert, wenn die Polizei tatsächlich beginnt, auf Demonstranten zu schießen.
 
Dazu passt, dass der ehemalige französische Minister für Jugend und Kultur den Einsatz von scharfer Munition gefordert hat.
 
Aber all dies findet sich nicht in den Artikeln, die der Spiegel über den „sozialen“ Macron schreibt.

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