Wie in Russland über den Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes berichtet wird

In diesen Tagen jährte sich die Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes zu 80. Mal und in den deutschen Medien gab es einige Artikel, die Russland vorwarfen, die Geschichte des Paktes neu schreiben zu wollen. Ist das so?

Damit Sie sich einen eigenen Eindruck davon verschaffen können, wie in Russland über dieses Thema berichtet wird, habe ich einen Beitrag des russischen Fernsehens zu dem Jahrestag übersetzt. Das habe ich auch deshalb getan, weil ich dazu in den letzten Tagen aufgrund der deutschen Berichterstattung zu dem Thema viele Mails von Lesern bekommen habe, die mich danach gefragt haben, wie darüber in Russland berichtet wird.

Bevor wir zu der Übersetzung kommen, will ich ein paar einleitende Worte zum besseren Verständnis vorausschicken, denn auf viele Aspekte des Zweiten Weltkrieges blickt man in Russland völlig anders, als im Westen und speziell in Deutschland. Das gilt vor allem für die Vorgeschichte. So heißt das „Münchener Abkommen“, bei dem die Briten und Franzosen mit Hitler über die Abtretung der Sudetengebiete von der Tschechoslowakei an Deutschland entschieden haben, in Russland „Münchener Verschwörung“. Der Grund ist, dass die Sowjetunion mit der Tschechoslowakei verbündet war und ihr Schutz versprochen hatte.

Trotzdem waren die Sowjets nicht mit am Tisch und wurden vor vollendete Tatsachen gestellt und auch eingreifen konnten sie nicht, da sie dazu eine Durchmarschgenehmigung durch Polen gebraucht hätten, die Polen aber verweigert hat. Hinzu kommt, dass, als Hitler sich Ende 1938 mit Einverständnis der Briten und Franzosen die Sudetengebiete genommen hat, auch Polen sich ein tschechisches Industriegebiet, das Teschener Gebiet, mit Einverständnis Hitlers einverleibt hat. Das findet man nicht in deutschen Geschichtsbüchern, es ist aber wahr.

Damals, also vor dem Krieg, gehörte zum „Kampf der Systeme“ auch die Theorie, dass sich Deutschland mit den Briten zusammen gegen die Sowjetunion hätte wenden können. Das war keineswegs abwegig, denn Hitler hatte von 1933 bis 1939 versucht, mit den Briten ein Bündnis zu schließen. Und 1938, nach dem Münchener Abkommen, konnte in Moskau niemand wissen, ob das Abkommen nicht auch ein Schritt in Richtung eines solchen Bündnisses war. Und nachdem auch Polen sich gemeinsam mit Deutschland einen kleinen, aber feinen Teil der Tschechoslowakei genommen hatte, konnte man in Moskau nicht wissen, ob sich Polen nicht einem möglichen deutsch-britischen Bündnis gegen die Sowjets anschließen würde.

In Moskau hatte man Angst, dass sich die „kapitalistischen Mächte“, zu denen man auch Deutschland zählte, gegen die kommunistische Sowjetunion zusammentun könnten. Schließlich hatte Polen, als die Sowjetunion mit dem russischen Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution beschäftigt war, Anfang der 1920er Jahre Teile der Sowjetunion annektiert, was man in deutschen Geschichtsbüchern meist auch vergeblich sucht.

Auch wenn es nicht zu dem deutsch-britischen Bündnis gekommen ist, sieht man in russischen Geschichtsbüchern den Weg zum Krieg doch völlig anders, als in deutschen Geschichtsbüchern. Schließlich konnte 1938 niemand wissen, was die Zukunft bringt und aus diesem Verständnis muss man Geschichte betrachten. Man kann Geschichte nur verstehen, wenn man sie aus der Sicht und mit dem Wissen ihrer Zeit betrachtet. Das wird in dem Beitrag des russischen Fernsehens deutlich werden.

Wer also verstehen will, wie man in Russland auf diese Zeit blickt, muss sich in die Lage Moskaus dieser Zeit versetzen. Die Sowjetunion war international isoliert und sah sich der Gefahr eines Angriffs aus den „kapitalistischen Ländern“ gegenüber. Und Hitlers Angriff 1941 wird durchaus als Bestätigung dieser Angst gesehen, denn wie ichin einem anderen Bericht des russischen Fernsehens über den Zweiten Weltkrieg übersetzt habe, wird in Russland durchaus thematisiert, dass Hitler-Deutschland trotz des Krieges weiterhin mit US-Firmen zusammengearbeitet hat. Ein Aspekt, der historisch wahr ist, aber in westlichen Geschichtsbüchern kaum je erwähnt wird.

Andererseits – auch das zeigt eben, dass jedes Land auf die Geschichte auch immer aus der eigenen Perspektive blickt – ignoriert der heutige Beitrag des russischen Fernsehens einen Aspekt, der in der russischen Geschichtsschreibung normalerweise erwähnt wird, daher möchte ich ihn noch erwähnen: In den 1930er Jahren standen der westliche Kapitalismus, der Faschismus und der Kommunismus gegeneinander und jede Ideologie wollte ihren Einfluss ausdehnen, auch Stalin wollte das natürlich. Es war noch 1938 keineswegs klar, wer in dem drohenden Krieg, der aufgrund dieses Konfliktes der drei Systeme in der Luft lag, mit wem verbündet sein würde.

Noch 1939 wurde die Sowjetunion von vielen Politikern in London als größte Gefahr bezeichnet. Heute wissen wir, wie die Geschichte dann verlaufen ist, aber im Sommer 1939, als sowohl die Briten und die Franzosen, als auch Hitler um einen Nichtangriffspakt mit Stalin buhlten, war das keineswegs ausgemachte Sache. Für deutsche Ohren mag das seltsam klingen, aber außerhalb von Deutschland diskutieren Historiker, die diese Zeit analysieren, die komplexen diplomatischen Ränkespiele des Jahres 1939 sehr intensiv.

Heute weiß man, dass jedes der drei Systeme die gleiche große Hoffnung und die gleiche große Angst hatte. Die große Hoffnung war, dass die beiden anderen Systeme sich in einem großen Krieg schwächen würden und man am Ende als lachender Dritter die geschwächten Gegner besiegen könnte. Die große Angst war, dass sich die beiden anderen gegen einen verbünden könnten. Entsprechend groß war das Entsetzen im kapitalistischen Westen über den Hitler-Stalin-Pakt. Und obwohl die Briten Stalin mit Krieg drohten, wenn er in Polen einmarschieren würde, machten sie die Drohung nicht wahr, als er es tat. Stattdessen taten sie danach alles, um sich mit ihm gut zu stellen und ihn doch noch auf ihre Seite zu ziehen.

Der Kalte Krieg war dann eine logische Folge des Kampfes der Systeme aus den 1930er Jahren. Nachdem das Zweckbündnis aus Kapitalismus und Kommunismus den Faschismus besiegt hatte, standen sich die beiden übrig geblieben Systeme in der gleichen Unversöhnbarkeit gegenüber, wie vor dem Krieg. So gesehen endete der Kampf der Systeme der 1930er Jahre erst 1989 mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes.

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich kein Historiker bin und auch keiner sein will. Ich zeige nur die Sichtweisen auf, die es in anderen Ländern, in diesem Fall in Russland, gibt. Ich mache mir diese Sichtweise keineswegs zu eigen. Es geht in diesem Artikel nicht um meine Meinung, es geht mir bei Artikeln über geschichtliche Ereignisse nur darum aufzuzeigen, wie unterschiedlich in verschiedenen Ländern auf den Zweiten Weltkrieg (und auch auf andere geschichtliche Ereignisse) geblickt wird. Jedes Land sieht die Geschichte eben auch aus der eigenen Perspektive und diese Perspektiven sind teilweise sehr unterschiedlich.

Aber nun kommen wir zur Übersetzung des Beitrags des russischen Fernsehens über den Hitler-Stalin-Pakt, der in Russland übrigens „Molotow-Ribbentrop-Pakt“ heißt.

Beginn der Übersetzung:

Der 80. Jahrestag des Nichtangriffspaktes zwischen der UdSSR und Deutschland erinnert daran, dass die Menschheit nicht gelernt hat, sich angesichts ernster Bedrohungen zu vereinen. Im August 1939 wurde deutlich, dass Moskaus Versuche, die Welt gegen den Faschismus zu vereinen, gescheitert waren. Jeder löste seine eigenen taktischen Probleme in der Hoffnung, dass ein möglicher Krieg ihn nicht treffen würde.

Das ist der Nichtangriffspakt, das Originaldokument, auf hochwertigem Papier verfasst. Und das ist das geheime Zusatzprotokoll, das auf einem Zettel geschrieben ist, der wirkt, als wäre er aus einem Notizbuch herausgerissen. Um ihn haben die deutschen Diplomaten gekämpft, als sie den Kreml zu dem Treffen überredet haben. Und sobald sie die Zustimmung hatten, flog Ribbentrop nach Moskau, sofort. Die Nazis hatten es eilig. Im April genehmigte Hitler den „Fall Weiß“, den Angriff auf Polen, der spätestens am 1. September beginnen sollte.

„Stellen Sie sich vor, Sie haben alle Informationen und die Deutschen verhehlen nicht, dass sie in einer Woche den Krieg mit Polen beginnen werden. Die deutsche Lawine wird nach Osten rollen. Aber wo wird sie stoppen? In Warschau? In Minsk? In Moskau? Vielleicht erst am Ural?“ sagte Wjatscheslaw Nikonow, Enkel von Wjatscheslaw Molotow, Doktor der Geschichtswissenschaften und Mitglied der Staatsduma.

Die Polen reagierten mit einer Karikatur, weil die Kontakte der westlichen Länder mit Moskau auf ein Minimum reduziert waren. Die westliche Diplomatie kämpfte nicht gegen den Faschismus, sondern, wie es schien, gegen den Kommunismus. Und es war Nazi-Deutschland, das an vorderster Front dieses Kampfes stand, für den es in jeder Hinsicht gefördert wurde.

„Deutschland und England sind die beiden Säulen der europäischen Welt und die Hauptpfeiler gegen den Kommunismus, daher ist es notwendig, unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten friedlich zu überwinden. Vielleicht wird es möglich sein, eine Lösung zu finden, die für alle, außer Russland, akzeptabel ist“ schrieb Neville Chamberlain am 12. September 1938.

„Für Russland.“ Österreich und die Tschechoslowakei hatten in diesem Weltbild keine eigenen Interessen. Diese Politik wurde „Appeasement“ genannt. Hitler wurde beschwichtigt, indem man ihm Memel, Österreich und Geld gab. Deutschland hat rund 11 Milliarden Reparationen gezahlt und fast 30 Milliarden Dollar von den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich erhalten, um die Wirtschaft wieder aufzubauen und Technologie zu erwerben. Aber der wahre Triumph des Appeasement war natürlich die „Münchner Verschwörung“.

„Der Völkerbund hatte seine Bedeutung völlig verloren. Vor den Augen der Welt unterzeichneten die westlichen Demokratien, unter Verhöhnung ihrer Prinzipien, die Zerstückelung eines souveränen Staates, ohne den tschechoslowakischen Präsidenten Benes auch nur einzuladen. Die einzige, die dabei saubere Hände hatte, war die Sowjetunion, wie kanadische und andere Historiker schreiben“ sagte Natalia Narochnitskaya, Doktor der Geschichte und Präsidentin der Fonds für historische Perspektiven.

Die Verbündeten der Tschechoslowakei, England und Frankreich, zwangen sie, ihre Territorien mit allen Industrien an Deutschland abzugeben. Im Sudetenland lagen die „Skoda“-Werke. Deren Panzer sollten ein Jahr später nach Polen rollen und dann nach Frankreich. In der Zwischenzeit jubelte das zivilisierte Europa über die „Münchener Verschwörung“.

Chamberlain verkündete den Jahrhundertfrieden, in den Theatern wurden Aufführungen unterbrochen, um die Zerstückelung eines europäischen Staates zu feiern. Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier waren gemeinsam auf einer extra geprägten Medaille zu sehen. In Polen machte man weiterhin Witze.

„Der Münchner Vertrag betraf nur Deutschland. Und dann kam das Ultimatum Polens. Polnische Truppen überquerten die Brücke nach Teschen am 2. Oktober 1938. Sie kamen hierher, weil in diesem Gebiet viele Polen lebten. Ein wichtiger Faktor war aber, dass es hier eine Industrie mit Gießereien gab“ sagte Martin Krul, Historiker am Museum in Tschechisch Teschen in der Tschechische Republik. (Anm. d. Übers.: Teschen ist heute eine geteilte Stadt, von der ein Teil in Polen und ein Teil in der Tschechei liegt, daher der offizielle Name „Tschechisch Teschen)

Polen war rechtlich nicht an der „Münchner Verschwörung“ beteiligt. Es hatte einfach eigene Interessen in der Tschechoslowakei und ergriff die Gelegenheit. Der Fluss, der durch Teschen fließt, heißt Olsa. Und auf dieser Brücke trafen sich polnische und deutsche Truppen. Sie trafen sich und tauschten feierlich Auszeichnungen und Küsse aus. Panzer standen in den Straßen und polnische Migranten der zweiten Generation hängten weiß-rote Fahnen aus den Fenstern.

Nach München schlägt Moskau vor, nein, besteht Moskau auf einem vollwertigen kollektiven Sicherheitsvertrag: Eine „Neue Entente“ aus Russland, England und Frankreich. Die westlichen Partner entsenden niedere Vertreter, Abteilungsleiter und niedriger im Rang, die keine Unterzeichnungsvollmacht hatten.

„Ein war Abkommen nicht gewünscht, ein deutliches Zeichen dafür war, dass die britische und die französische Delegation nicht mit dem Flugzeug nach Moskau reiste, was sehr schnell gegangen wäre, sie kamen nicht einmal mit dem Zug, was problemlos möglich gewesen wäre, sie nahmen ein ziviles Schiff, das sehr langsam von Hafen zu Hafen nach Russland fuhr. Einen langsameren Weg nach Moskau zu kommen, gab es nicht“ sagt Alexander Dukov, Direktor der Stiftung „Historische Erinnerung“.

Man hat den Eindruck, als ob London und Paris zuversichtlich waren, dass alles nach Plan lief. Das heißt, Hitler, der von ihnen mit dem Appeasement beschwichtigt wurde, sollte nach Osten gehen. Nur er selbst sah das anders. „Die Feinde haben meine Entschlossenheit unterschätzt. Unsere Feinde sind kleine Würmer. Ich sah sie in München“ sagte Hitler.

Die Erinnerungen waren noch frisch, wie Hitler nach Warschau gereist war, um den Tod Pilsudskis zu betrauern. (Anm. d. Übers.: Pilsudski war polnischer Diktator, der mit Deutschland 1934 einen Vertrag über eine Annäherung geschlossen hatte und das Verhältnis der beiden Länder war unter Hitler und Pilsudski so gut, wie zu keinem Zeitpunkt zwischen den Weltkriegen. Nach seinem Tod 1935 verschlechterte sich das Verhältnis dann wieder) Vor nicht allzu langer Zeit jagte Himmler noch in den gastfreundlichen polnischen Wäldern und plötzlich verschlechtern sich die Beziehungen zwischen Berlin und Warschau rapide. Nach der Tschechoslowakei hatte Deutschland territoriale Ansprüche an Polen. In ihrer diplomatischen Korrespondenz deuten Botschafter verschiedener Länder ein „München-2“ an, wenn Polen keinen Widerstand leistet. Aber Moskau wollte keinen Krieg zwischen Polen und Deutschland. Moskau wollte Polen als Puffer zu Deutschland.

„Die Sowjetunion, denke ich, und Stalin waren wirklich bereit, ihren Verpflichtungen gegenüber Polen im Falle einer deutschen Aggression gegen Polen nachzukommen. Aber die Polen lavierten zwischen den Mächten. Sie waren antisowjetisch eingestellt und sie hatten Grund zur Furcht. Die Polen hatten 1920 und den Marsch nach Warschau nicht vergessen und wussten, dass sie permanent bedroht waren. Vielleicht waren ihre Ängste übertrieben. Aber wir müssen auch das im Hinterkopf behalten“ sagte Sergej Mironenko, wissenschaftlicher Direktor des Staatsarchivs der Russischen Föderation.

Das Misstrauen war wechselseitig. In den 1920er Jahren besetzte Polen die westlichen Teile der Ukraine und Weißrusslands. Die Polonisierung war rücksichtslos.

„Das ist ein Gerichtsprotokoll. 133 Menschen wurden, bevor das Lager in Berez-Kartuzskaja entstand, in Gefängnissen im Inneren Polens gehalten“ sagte Anatoly Velinki, ein führender Forscher am Nationalarchiv von Weißrussland.

Das ist ein polnisches Dekret über die Schaffung eines Konzentrationslagers. Diejenigen, denen Verbrechen gegen die Sicherheit und Ruhe in Polen vorgeworfen wurden, wurden dort interniert. Und wer ins Gefängnis kam, haben allein die „Verwaltungsorganen“ entschieden, die dafür nicht einmal polnische Richter fragen mussten. Und die „Verwaltungsorgane“ wurden von polnischen Beamten geleitet.

„Die Bedingungen waren schrecklich und alles war in erster Linie darauf ausgerichtet, die Menschen moralisch zu brechen. Körperliches Leid bildete da keine Ausnahme. Und die schrecklichste Folter war, dass die Menschen nie wussten, ob und wann sie freigelassen wurden“ sagte Galina Kravtschuk, eine leitende Forscherin am Historischen Regionalmuseum Beresowski.

Polen lehnte militärische Hilfe der UdSSR sogar noch in Zeiten der Gefahr einer deutschen Invasion ab. Sie hatten nicht nur vor den Russen Angst, sondern haben auch an ihre Verbündeten geglaubt. Aber England und Frankreichs halfen Warschau kaum mehr, als vorher der Tschechoslowakei. Polen leistete verzweifelt und heldenhaft Widerstand, stand aber allein gegen Deutschland und war zum Scheitern verurteilt. Truppen der Roten Armee überquerten die Grenze erst, als der polnische Staat de facto aufgehört hatte, zu existieren. Am 22. September 1939 standen der deutsche Guderian und der sowjetische Krivoschein auf einem behelfsmäßigen Podium im Zentrum von Brest und nahmen eine gemeinsame Parade ab.

„Natürlich machte sich Krivoschein, der auf diesem Podium stand, wahrscheinlich seine eigenen Gedanken über die Situation und die Möglichkeiten seiner Armee. Aber das Ergebnis war: Am Ende hieß der Sieger Krivoschein“ sagte Larissa Bibik, stellvertretende Leiterin der wissenschaftlichen Arbeit in der Gedenkstätte „Brest Heldenfort“.

Semyon Krivoschein nahm Berlin ein und erhielt den Heldenstern der Sowjetunion. Was aus dem polnischen Soldaten wurde, der den deutschen Soldaten auf diesem Foto auf der tschechischen Brücke in Teschen küsste, ist nicht bekannt.

Ende der Übersetzung

Ich weise noch einmal darauf hin, dass ich hier nicht meine Meinung wiedergegeben habe. Ich habe einen Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt und einige einleitende Worte zum besseren Verständnis des Beitrages geschrieben.

Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt und Geschichtsbücher in verschiedenen Sprachen gelesen. Wie einleitend gesagt, geben sie den Blick ihres Landes auf geschichtliche Ereignisse wieder und zeichnen dabei ein recht schwarz-weißes Bild, manchmal mit ein paar Grautönen. Jedes Land neigt dazu, einige Handlungen besser darzustellen, als sie waren und eigene Sünden eher zu verdecken. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stadt Teschen. In westlichen Geschichtsbüchern findet man kaum einen Hinweis darauf, dass auch Polen sich nach dem Münchener Abkommen einen Teil Tschechiens „geschnappt“ hat. Entsprechend ungläubig habe ich davon zum ersten Mal in Russland gehört. Wer aber die Geschichte der Stadt Teschen sucht und darüber liest, der stellt fest, dass es auch auf Deutsch, Englisch und so weiter zu finden ist, es ist genau so gewesen. Nur die Geschichtsbücher im Westen übergehen die Episode gerne, wenn sie über das Münchener Abkommen und seine Folgen berichten.

Nachdem ich die Geschichtsbücher verschiedener Länder gelesen und die Aussagen soweit, wie mir möglich war, recherchiert und geprüft habe, ergibt sich kein rein schwarz-weißes Bild der Vorkriegszeit mehr. Wenn man die Versionen verschiedener Länder zusammen betrachtet, bekommt das Bild viele Grautöne.

Um es deutlich zu sagen: All das ändert nichts daran, dass Deutschland vor 80 Jahren den Krieg mit dem Überfall auf Polen begonnen hat und es ändert nichts daran, dass in dem Krieg die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verübt wurden, die für alle Menschen eine Mahnung sein müssen, so etwas nie wieder zuzulassen!

Auch wenn die Vorgeschichte des Krieges bei einer solchen Betrachtung differenzierter erscheint, als man das normalerweise hört: Deutschland hat die ersten Schüsse des Krieges abgegeben und so diese Katastrophe eingeleitet, daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich selber bin auf dieses Thema vor zehn Jahren gestoßen. Damals wurde Putin beim Gedenktag zum 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen auf den Hitler-Stalin-Pakt angesprochen und erwähnte dabei die Vorgeschichte, die ich bis dahin so auch nicht gekannt habe. Und – das wird in Deutschland in dem Zusammenhang nie berichtet – Putin entschuldigte sich auf der Gedenkveranstaltung auch im Namen Russlands für den Hitler-Stalin-Pakt.

Wen es interessiert, hier ist der Beitrag des russischen Fernsehens über die Gedenkveranstaltung von vor zehn Jahren mit deutschen Untertiteln, der mich damals dazu brachte, über das Thema nachzudenken und es mir genauer anzuschauen.


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Auch über den Zweiten Weltkrieg und wie Putin und die Russen ihn heute einschätzen, gibt es in dem Buch ein Kapitel, das für den deutschen Leser einige Überraschungen bereithalten dürfte.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

9 Gedanken zu „Wie in Russland über den Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes berichtet wird“

  1. Putin entschuldigte sich auf der Gedenkveranstaltung auch im Namen Russlands für den Hitler-Stalin-Pakt

    Wie erwähnt, fast jeden Tag schaue ich mir die Diskussionen in PLANETA an. Ich begreife was nicht … ob mir man da weiter helfen kann
    Den „normalen“ Russen ist klar, wie Westen lügt, fälscht, wie dreißt er ist, ohne Moral und Anstand, bricht alle Verträge und Versprechen … aber Putin ist so zahm, wie ein Lamm, … Wie lange können Russen so einen Präsidenten ertragen
    Oder woran es liegt, wenn es „so sein muss“

    1. Im „richtigen Leben“ heißt es : „Man trifft sich immer zweimal.“
      Wer die hinter diesem Satz stehende „Philosophie“ in ihrer ganzen Tragweite verstanden hat, kann das, wir geben zu, selbst für uns manchmal zu nachgiebige, scheinbar „schwächliche“ Herangehen in der russischen Politik gegenüber dem sog. „freien Westen“ durchaus nachvollziehen.

      Im „Leben von Staaten“ trifft man sich nämlich immer wieder.

      (Und nur dem Wahn allumfassender Überlegenheit Verfallene meinen, solchem keine Beachtung schenken zu müssen.)

    2. Kann man der Welt besser beweisen, wer Sitte und Anstand ernst nimmt? Es ist u. a. genau dieses Verhalten, was die weltpolitischen Erfolge Russlands erklärt. Je öfter der Westen die ausgestreckte Hand Russlands zurückschlägt, desto mehr Staaten wenden sich vom Westen ab. Sitte und Anstand werden außer im Westen in der Regel immer noch groß geschrieben.

  2. Wir erlauben uns doch noch einige Anmerkungen zum Text:

    1. Warum distanziert er sich so vehement von der „russischen“ Sichtweise. Das hat er doch gar nicht nötig. Er gehört doch zu denjenigen, nicht allzu reichlich gesäten, die nicht nur über ein Gehirn sondern auch über Verstand verfügen und selbigen zudem auch noch zu gebrauchen wissen (gut – ein bißchen Mut gehört natürlich auch dazu).

    2. Alles ist Geschichte.
    Jedoch zwischen „Geschichtskenntnis“ und „Geschichtsverständnis“ liegen „Welten“.

    Die Menschen schleppen ihren gesamte historischen „Ballast“– meist unbewußt – über Jahrzehnte, Jahrhunderte, über viele Generationen mit sich – und – manchmal – oft völlig unerwartet (gar noch zur „Unzeit“) – schlägt das eine oder andere da erbarmungslos zu.

    3. So – genug gesülzt – jetzt geht`s zur Sache:

    a)
    Es muß „Der Warschauer VERTRAG“ heißen!
    Ein Bündnis, welches Teil einer in der Geschichte bisher einmaligen, halbwegs funktionierenden, globalen „Gewaltenteilung“ war, und insoweit maßgeblich für die Etablierung und den Erhalt des Völkerrechtes nach 1945 stand.

    Mit dessen Ende begann das Elend, und zwar bereits 1991 in Kroatien unter tatkräftiger Anteilnahme einer neugroßdeutschen Bundesrepublik, in Person ihres damaligen, viel gerühmten, Außenministers – bis dann mit dem Machtantritt Clintons die Amerikaner übernahmen.
    (Nebenbei – es scheint niemandem aufzufallen, daß die Bundesrepublik in Europa heute genau die Rolle spielt, welche Mitterrand und Thatcher 1989 befürchteten, daß sie ein „vereintes Deutschland“ spielen könnte, weshalb sie von der Aussicht einer deutschen Einheit zunächst nicht allzu angetan waren.)

    b)
    Das „Zweckbündnis“ zwischen „Kapitalismus“ und „Kommunismus“ gegen den „Faschismus“ also.
    Nun in dieser Klarheit bekommt man historisches Wunschdenken westlicher „Wertegemeinschaftler“ selten zu lesen.

    Das möchte der Westen gern, daß Faschismus überhaupt nichts mit Kapitalismus, schon gar nicht mit einem freiheitlichen, westlichen, zu tun hat bzw. hatte.
    Auch wenn ein solcher Wunsch nach Distanz durchaus verständlich ist, bleibt doch die unbestreitbare Tatsache einer sehr weitgehenden, gar transatlantischen Sympathie für die sich ab 1933 im deutschen Reich etablierende Herrschaftsform – worüber man nur am Rande berichtet, woran man nur ungern erinnert wird – verständlich.

    Jedoch der wahre Grund für diesen Wunsch nach Distanz ist nicht „die Diktatur“, auch nicht „der Krieg“.
    Der einzige Grund dafür ist ausschließlich das Geschehen, für welches synonym und exemplarisch „Auschwitz“ steht.

    Das war der GAU.
    Solches war „nicht vorgesehen“, konnte nach dem Selbstverständnis der Europäer (ihre transatlantischen Ableger eingeschlossen) einfach nicht geschehen – ein Selbstverständnis, welches sich über die Jahrhunderte herausgebildet hatte, das seine Anfang nahm im 15. Jahrhundert, als man auszog, diese Welt in Besitz zu nehmen, und zu deren Legitimation man auch noch rund zweitausend Jahre antike Geschichte vereinnahmte.
    Kurz – heute nennt man sich „westliche Wertegemeinschaft“, vor nicht einmal 100 Jahren nannte man das einfach nur „Zivilisation“.

    Und so ist der „Westen“ seit 1945 damit beschäftigt, etwas zu finden, was mit diesem in vieler Hinsicht singulären Zivilisationsbruch vergleichbar sein könnte – und – man fand den „Stalinismus“, dessen Kristallisationspunkt die Hexenprozesse um 1937, 38 waren, und welcher mit all dem in diesem Zusammenhang stehenden Elend, davor und danach, natürlich auch für uns ein GAU war.
    Für den Westen war das geradezu ein Glücksfall, sozusagen die Steilvorlage im „Kampf gegen den Kommunismus“ – aber das ist ein anderes Thema.
    Damit mögen sich die „Russen“ befassen, es ist ihre Geschichte und wir hoffen, daß sie da einen kühlen Kopf bewahren.
    Allerdings ist dem Westen auch nicht so recht wohl bei der Sache, wenn man sieht, mit welch z.T. aberwitzigen, recht beliebig erscheinenden Zahlen man da meint operieren zu müssen. Daran haben zudem russische antikommunistische Intellektuelle, wie z.B. Solschenizyn, einen nicht unerheblich Anteil.

    Dessen ungeachtet sollte man sich im Klaren darüber sein, daß es gerade dieser Terror der späten 30iger Jahre war, der unmittelbar zur Katastrophe 1941 geführt hat. Wenn in Erwartung eines Krieges die Streitkräfte großer Teile ihrer mittleren und höheren Führungskader beraubt werden, ist ein derartiger Kriegsverlauf kaum zu vermeiden. Für eine solche Erkenntnis genügt etwas Ahnung von der Funktionsweise einer Hierarchie: Selbst wenn jede Ebene und jeder Posten „ideal“ besetzt sind – es braucht seine Zeit, bis das ganze „rund läuft“.

  3. Der Kampf der Systeme ist auch in meinen Augen Hauptursache der Kriege.
    Wenn es nicht immer private Machtinteressen (Wirtschaft) in Verbindung mit Machterhalt degenerierter Adelshäuser gegeben hätte, wäre der Menschheit viel Leid erspart geblieben. Das gnadenlose Ausbeuten der Menschen musste irgendwann eine Reaktion auslösen.
    Die Vordenker sozialistischer Ideen machen den Ausgebeuteten ein alternatives Angebot wie sie leben könnten. Global betrachtet erkannten die Menschen die Vorzüge/Verheißungen.
    Das sie damit den aggressiven Sturm des Kapitalismus entfachten wurde ihnen erst durch mehrere Kriege/Umstürze richtig bewusst. Es begann mit Russland und Deutschland ging über Vietnam, Cuba, Chile, Nikaragua, Jugoslawien, Venezuela, Golfregion und Nordkorea, China und trifft wieder auf Russland. Deshalb wird Deutschland zur Zeit auch von allen Seiten angegangen.
    Betrachtet man einige Ereignisse, Entscheidungen, Aktivitäten die eindeutig die Disziplinierung Deutschlands zum Ziel haben muss doch klar sein was uns blüht.
    Deshalb sage ich auch immer lieber den Russen vor dir als Frankreich im Rücken und GB von der Seite.

    Von wegen die Nazi-Deutschen und ihre Alleinschuld, das Ammenmärchen von Versailles, die Kriegslügen gegen Deutschland zum 1.WK und die fleißigen Helfer im 2.WK, so lange Geschäfte gemacht werden konnten war es egal was Hitler trieb.
    Aber unabhängige Historiker rücken nach und nach die Ereignisse zurecht.

    https://de.wikipedia.org/wiki/RMS_Lusitania – das Passagierschiff mit Waffen im Bauch

    https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/ostblogger/polen-anhaltende-debatte-um-holocaust-gesetz-100.html

    https://www.tagesspiegel.de/politik/konflikt-um-nazi-kollaboration-visegrad-gipfel-nach-israelisch-polnischem-streit-abgesagt/24008762.html

    https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/ostblogger/aufstand-warschauer-ghetto-100.html

    https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/das-haavara-abkommen-1933/

    https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938

    Der unendlich scheinende Gier nach Macht und Besitz hat über Jahrhunderte den Menschen nur Elend und Tod gebracht. Da konnte man verstehen das die sozialistische Idee wie der Himmel auf Erden klingen musste.
    Der Krieg gegen diese Idee ist nur moderner geworden. Da sind 500.000 Opfer es eben wert gewesen, da vernichtet man auch gern ein ganzes Land ohne Waffen usw.

    Gerade die Länder die am lautesten über Russland oder auch Deutschland wettern sollten ruhig mal einen klaren Blick zurück in die eigene Geschichte wagen.

    Wenn Deutschland wirklich einmal aus der Geschichte lernt kann die einzigste Antwort nur die Neutralität bedeuten.

  4. In Zusammenhang mit dem Hiter-Stalin-Pakt muss ich immer an das Buch „Wer hat Hitler gezwungen, Stalin zu überfallen“ von Nikolay Starikov denken, in dem der Autor das Ende des Paktes aus russischer Sicht beleuchtet. Ich finde das Buch sehr interessant, auch wenn die Übersetzung an manchen Stellen sehr holperig ist.

    Frage an @Thomas Röper: Kennen Sie den Autor oder gar das Buch? Falls ja: was halten Sie von ihm?
    Er scheint in Russland kein ganz Unbekannter zu sein. Sein youtubekanal kommt auf 158 000 Abos:
    https://www.youtube.com/user/nstarikovru

  5. „Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich kein Historiker bin und auch keiner sein will. Ich zeige nur die Sichtweisen auf, die es in anderen Ländern, in diesem Fall in Russland, gibt. Ich mache mir diese Sichtweise keineswegs zu eigen. Es geht in diesem Artikel nicht um meine Meinung, es geht mir bei Artikeln über geschichtliche Ereignisse nur darum aufzuzeigen, wie unterschiedlich in verschiedenen Ländern auf den Zweiten Weltkrieg (und auch auf andere geschichtliche Ereignisse) geblickt wird. “
    Thomas, im Grunde bestätigst du mein Bild, wonach sich die Sowjetunion in diesem Haifischbecken behaupten musste, um nicht selber das Ziel einer europäischen Invasion zu werden, denn die kommunistische Bewegung war damals sehr stark und wurde von den Westmächten als viel größere Gefahr betrachtet als Hitlerdeutschland! Natürlich war Stalin als ihr Anführer gezwungen, auch Dinge zu tun, wie die Besetzung des Baltikums, des Krieges gegen Finnland oder eben auch der Einmarsch in Polen, die vermutlich heute als völkerrechtlich fragwürdig angesehen werden können. Nur wären diese Gebiete zum Schluss auch nur Aufmarschgebiete für die Wehrmacht geworden, denn Hitler wäre dort ohne jeden Zweifel einmarschiert und vor diesem Hintergrund ist es zumindest nachvollziehbar, dass Stalin so handelte, um einen möglichen Krieg gegen Deutschland bzw. eine antisowjetische Koalition weiter vom russischen Kernland aus führen zu können. Was wäre geworden, wenn die Wehrmacht von dort aus ihren Angriff auf die UdSSR begonnen hätte? Aber solche Fragen werden im Westen erst gar nicht gestellt! Dieser Kontext, der im Grund jedem klar sein müsste, wird ausgeblendet und es werden die typischen, antirussischen Ressentiments geschürt!

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