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Anti-Spiegel auf Konferenzen und Diskussionsforen über Journalismus und Pressefreiheit

Ich will ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, denn vielleicht wundern sich manche, warum es beim Anti-Spiegel mal nur einen und mal bis acht Artikel pro Tag gibt.

Ich schreibe nun seit über zwei Jahren jeden Tag auf dem Anti-Spiegel, es gab nur wenige Tage, an denen kein Artikel erschienen ist. Ich schreibe im Urlaub, ich schreibe am Wochenende und ich tue es gerne. Freunde, die bei mir übernachtet haben, fragen mich immer, warum ich morgens aus dem Schlafzimmer immer direkt an den Computer stürme und mit einer Tasse Kaffee durch die neuesten Nachrichten blättere. Die Antwort wird jeder Serienfan verstehen, der sehnsüchtig auf die nächste Folge seiner Lieblingsserie wartet, denn so ist es bei mir auch: Die internationale Politik ist mein „Game of Thrones“ und jeden Morgen gibt es eine oder sogar mehrere neue Folgen! Das wäre ein Paradies für Serienfans, oder?

Trotzdem gibt es Tage, an denen es nur wenige „neue Folgen“ meiner Serie gibt und dann gibt es auch weniger Artikel. Andererseits komme ich manchmal nicht hinterher und kann gar nicht über alles schreiben, was ich so finde. Außerdem habe ich natürlich auch ein Privatleben und manchmal lasse ich fünfe gerade sein und habe Spaß mit Freunden, anstatt zu schreiben. Man muss ja auch mal unter Menschen.

Aber es gibt auch andere Gründe. Ich werde in letzter Zeit immer öfter zu Konferenzen eingeladen, um dort zu sprechen und natürlich kann ich an einem solchen Tag nicht oder nur wenig schreiben. Am Mittwoch war so ein Tag, die Konferenz hätte in Madrid stattfinden sollen, dss Thema war Pressefreiheit. Aber Corona sei Dank habe ich mir die Reise sparen können und die Konferenz fand online statt. Und sie war wahnsinnig interessant. Eigentlich wollte ich nur an „meinem Teil“ teilnehmen, wo ich zehn Minuten über die Probleme der Pressefreiheit und mögliche Lösungen erzählen sollte, aber die Teilnehmer und ihre Vorträge waren so interessant, dass ich den ganzen Tag vor dem Bildschirm gesessen habe und aktiv mit Professoren und Journalisten aus Russland und Europa diskutiert habe.

Eines der wichtigsten Themen war dabei die Zensur der sozialen Netzwerke und die Suche nach freien Alternativen. Ich hoffe inständig, dass unsere Diskussion von Verantwortlichen gesehen wurde oder dass ihnen davon berichtet wurde und vielleicht gelingt es mit vereinten Kräften, zum Beispiel ein freies YouTube zu gründen, das nicht einem Staat gehört oder einer Firma.

Aktuell wurde auch NuoViso für sieben Tage von YouTube gesperrt. Tacheles haben wir heute trotzdem aufgezeichnet, die Sendung wird morgen erscheinen, den Link werde ich wie immer veröffentlichen.

Ich habe das Thema YouTube auf der Konferenz angesprochen, weil es in Russland RuTube gibt (ich habe wegen der Zensur auf YouTube gerade erst darüber geschrieben, den Artikel finden Sie hier) Als ich meine Idee, RuTube für andere Sprachen als freie Videoplattform zu öffnen, präsentiert habe, hat ein russische Journalistik-Professor sofort die Frage aufgeworfen, wem denn das gehören und wer dort das Sagen haben soll. Mein Vorschlag war, es als freie Plattform zu organisieren, vielleicht als Stiftung von Journalistenverbänden oder wie auch immer, damit dort wirklich alle Meinungen zu finden sind und damit Logorythmen nicht – wie bei YouTube oder Facebook – die Herrschaft übernehmen und entscheiden, was sie alles nicht zeigen wollen. Es wäre schön, wenn die Idee aufgegriffen würde und ich habe meine Mitarbeit angeboten, sollte jemand die Idee aufgreifen.

Übrigens war auch der Vortrag des Professors für Journalistik sehr spannend. Er hat erzählt, dass in Russland Journalisten inzwischen nach unterschiedlichen Regeln ausgebildet werden, je nachdem, ob sie internationalen Journalismus machen, oder Journalismus innerhalb Russlands. Innerhalb Russlands wird demnach viel Wert auf die Vermittlung von Fakten und die strikte Trennung von Kommentar und Nachricht und auf all die anderen Dinge gelegt, die ursprünglich auch im Westen die „Regeln des Journalismus“ waren.

Da jedoch die westliche Propaganda diese Regeln längst nicht mehr befolgt, werden russische Journalisten, die international tätig sein wollen, dafür sensibilisiert und speziell dazu ausgebildet, mit dem umzugehen, was man inzwischen im Westen Journalismus nennt. Es war sehr interessant, dem im Detail zuzuhören.

Während der Diskussion habe ich mit ihm sehr angeregt diskutiert (wir waren in einigen Punkten sehr unterschiedlicher Meinung) und da er glücklicherweise in Petersburg lebt, haben wir für nächste Woche ein Treffen verabredet, um bei einigen Themen ins Detail zu gehen. Das wird sicher auch sehr spannend und das wird auch ein Tag, an dem es sicher nur wenige Artikel beim Anti-Spiegel geben wird.

Aber ich will auch über weitere Einladungen zu Konferenzen berichten, denn im November bin ich noch zu zwei anderen solchen Veranstaltungen eingeladen. Eine ist historischer Natur und sie beschäftigt sich mit der Frage der Verfälschung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die andere ist richtig interessant, vor allem in Zeiten von Corona: Das russische Außenministerium organisiert eine Konferenz, deren Ziel es ist (ich zitiere aus der Einladung):

„Eine gemeinsame Basis zu finden und die internationale Expertengemeinschaft einander näher zu bringen.“

Ich werde die komplette Themenliste gleich der Vollständigkeit halber noch zeigen. Aber ich fand einen Punkt besonders interessant, den ein deutsches Ministerium derzeit wohl kaum frei und öffentlich auf einer Konferenz diskutieren lassen würde:

„Manipulation des öffentlichen Bewusstseins in der Pandemie und die Rolle der Medien“

Dass ein Ministerium dazu einlädt, die Rolle der Medien in der Pandemie öffentlich zu diskutieren, während gleichzeitig auch in Russland Corona-Maßnahmen beschlossen werden (lange nicht so strenge, wie in Deutschland, aber trotztem), finde ich in Zeiten der Pandemie bemerkenswert und da ich schon einige russische Konferenzen mitgemacht habe, freue ich mich auf die zu erwartende, sehr kontroverse Diskussion über Corona, die in Deutschland bekanntermaßen abgewürgt wird. In Russland dürfen auch Kritiker der Corona-Maßnahmen in den Medien sprechen und diese Diskussionen detailliert auf der Konferenz anzuhören, wird sicher sehr spannend.

Interessant dürfte es auch werden, wenn es um Farbrevolutionen und die Art und Weise geht, wie sie gesteuert werden. Dazu habe ich auf der russischen Sicherheitskonferenz, dem Gegenstück der Münchener Sicherheitskonferenz schon sehr interessante Diskussionen gehört, bei denen im Detail beschrieben wurde, wie diese Farbrevolutionen organisiert werden. Bei der kommenden Konferenz wird das wohl unter den folgenden Themen behandelt:

„-Soziale Netzwerke als Instrument der sozialen Mobilisierung: Psychologie, Methoden, Praxis
-Administrierung von sozialen Netzwerken, Messengern und anderen Internetplattformen und Fragen der Zensur: Wie schützt man den Nutzer?“

Ich weiß jetzt schon, dass ich an den Tagen, wenn die Konferenz läuft, sicher nicht (viel) schreiben werde, weil es bei den Themen viele sehr spannende Details geben wird und da ich als Speaker eingeladen bin, kann ich an den Diskussionen teilnehmen. Ich bin auf dem Gebiet bei weitem kein Experte, aber ich werde die Gelegenheit haben, Experten meine Fragen zu stellen und darauf warte ich sehr ungeduldig, seit ich die Einladung bekommen habe, schließlich ist das Thema gerade in Weißrussland hochaktuell, es wird wohl im November in Moldawien kommen und nicht zuletzt wird es helfen, die Black-Lifes-Matter-Unruhen besser zu verstehen, die nach dem gleichen Muster ablaufen.

Ich wollte mit diesem Artikel einen kleinen Einblick hinter die Kulissen meiner Arbeit geben, weil ich weiß, dass das viele interessiert, wie ich aus den Emails, die ich bekomme, sehen kann. Der Vollständigkeit halber will ich noch aus der Einladung zur genannten Konferenz zitieren und vor allem die komplette Themeniste zeigen:

Ziel des Forums ist es, eine gemeinsame Basis zu finden und die internationale Expertengemeinschaft einander näher zu bringen. In diesem Jahr werden wir folgende Themen diskutieren:
-Weltweite Medien vor der Herausforderung der Pandemie: Schlussfolgerungen und Lehren;
-Digitale Technologie und moderner Journalismus: Pro und Contra;
-Das Gesicht moderner Cyberattacken in der Krise der Gesellschaft: Ziele und Mittel;
-Manipulation des öffentlichen Bewusstseins in der Pandemie und die Rolle der Medien;
-Journalistennachwuchs: moderne Grundsätze der Auswahl und Ausbildung;
-Verfälschung von Informationen und das globale Informationsumfeld;
-Neue Konfliktwissenschaft: die Wirkung von Falschinformationen auf Entstehen und Entwicklung von Krisen und Konflikten;
-Soziale Netzwerke als Instrument der sozialen Mobilisierung: Psychologie, Methoden, Praxis;
-Die Zunahme der Kriminalisierung des Internets – neue Trends und Wege, um entgegenzuwirken. Kann die Gesetzgebung den Entwicklungen folgen?
-Administrierung von sozialen Netzwerken, Messengern und anderen Internetplattformen und Fragen der Zensur: Wie schützt man den Nutzer?
Es wird erwartet, dass mindestens 80 namhafte russische und ausländische Experten für Journalismus, neue Medien, Sozialpsychologie, Politikwissenschaft, Kulturwissenschaften und internationale Informationssicherheit an dem Forum teilnehmen werden. Die Teilnehmer des Medienforums können sowohl offline als auch online auftreten.
Arbeitssprachen der Konferenz: Englisch, Russisch.

Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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