Augen zu und mitten rein! – Der Kamikaze-Kurs der EZB

Die Geldpolitik der EZB ist an Wahnwitz kaum zu übertreffen, wie ein im Spiegel veröffentlichtes Interview mit EZB-Vize Luis de Guindos (unfreiwillig) zeigt. Für finanzpolitische Laien (also die meisten Menschen) mag das Interview logisch und richtig klingen, wer aber ein wenig von der Materie versteht, dem stehen beim Lesen alle Haare zu Berge.

Der Spiegel weiß natürlich, dass die meisten Menschen von Finanzpolitik kaum etwas verstehen. Und daher ist seine Intention bei dem Interview eine andere gewesen. Wir erinnern uns, dass das deutsche Verfassungsgericht der Geldpolitik der EZB ein kleines Steinchen in den Weg gelegt hat, aber schon dass war Grund genug für einen riesigen Aufschrei von Politik und Medien. Über das Urteil habe ich berichtet, den Artikel, der das Urteil erklärt, finden Sie hier.

Im Grunde genommen ist gar nichts passiert. Die EZB muss nun dem Bundestag alle paar Monate über die Risiken der Geldpolitik für den deutschen Staat berichten, das ist alles. Und da die Parteien im Bundestag die Geldpolitik der EZB mehrheitlich toll finden, werden sie sich den Bericht anhören und dann beschließen, dass alles in bester Ordnung ist und die EZB kann weitermachen, wie bisher. Das Urteil hat also keinerlei praktische Auswirkungen.

Ein beliebtes Mittel der Medien, die Menschen zu verwirren, ist es, ihnen Dinge möglichst kompliziert mitzuteilen. Die Menschen denken dann „das verstehe ich nicht, sollen es besser die Experten entscheiden!“

So verstehe ich auch das Interview im Spiegel. Unter der Überschrift „EZB-Vize im Interview – Warum sind es immer die Deutschen, die Ärger machen, Herr de Guindos?“ ist ein Interview erschienen, in dem schöne Phrasen gedroschen werden, aber ich bin sicher, dass keine zehn Prozent der Leser den Inhalt wirklich verstanden haben. Also will ich versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Beginnen wir mit der ersten Frage. Der Spiegel fragt, ob die EZB-Kritiker Recht haben, wenn sie der EZB vorwerfen, dass sie verdeckte Staatsfinanzierung betreibt, wenn sie Staatsanleihen im Wert von Billionen von Euro aufkauft. Die Antwort war:

„Staatsfinanzierung ist durch die Europäischen Verträge verboten, und die Entscheidungen der EZB sind von unserem Mandat bestimmt, Preisstabilität zu gewährleisten. Wir erleben eine schwere Wirtschaftskrise. Unsere Prognosen sagen im mittleren Szenario voraus, dass die Wirtschaftstätigkeit in der Eurozone 2020 um fast neun Prozent sinkt und die Preise nur um 0,3 Prozent steigen. Das ist also deutlich niedriger, als es unser Inflationsziel von knapp zwei Prozent verlangt. Wir kaufen deshalb mehr Anleihen, um das Wirtschaftswachstum zu fördern, unser Inflationsziel zu erreichen und zu verhindern, dass die Finanzierungsbedingungen in den Euroländern zu stark auseinanderdriften und sich zu stark verschärfen. Wir handeln ausschließlich nach den Prinzipien unseres Mandats. Angesichts dieses starken Rückgangs der Wirtschaftstätigkeit und der Inflation mussten wir handeln. Es ist unsere Pflicht, innerhalb unseres Mandats das Notwendige zu tun.“

Und? Alles verstanden? Wahrscheinlich haben das die wenigsten verstanden, also will ich es mal aufbröseln.

Was ist Staatsfinanzierung? Die EZB kauft keine Staatsanleihen direkt von den Staaten. Sie finanziert die Staaten also erst einmal nicht. Allerdings kauft sie die Staatsanleihen von Banken. Die Frage ist also, würden die Staaten ihre Anleihen auch auf dem Markt absetzen können, wenn die EZB nicht im Hintergrund bereit stehen würde, um die Anleihen dann zu kaufen. Kritiker sprechen daher auch von einer „verdeckten Staatsfinanzierung“ und dem kann man nur schwer widersprechen.

Hinzu kommt: Dadurch dass die Banken als erste die Anleihen kaufen, dann diese Anleihen an die EZB weitergeben können, übernimmt die EZB erstens die Risiken der Banken und garantiert ihnen zweitens ihre Gewinne. Das wird selten erwähnt, aber die EZB-Programme zum Kauf von Staatsanleihen sind ein direktes Instrument zur Stützung der Gewinne der Banken.

Wenn es darum ginge, den Staaten zu helfen, dann müsste die EZB die Anleihen direkt und vor allem zu niedrigeren Zinsen von den Staaten kaufen. Das ist der EZB aber verboten. Dafür gibt es gute Gründe, aber das Verbot hat in Verbindung mit den Programmen zum Kauf von Staatsanleihen durch die EZB dazu geführt, dass die Staaten mehr Zinsen zahlen müssen und dass den Banken ihr Gewinn von der EZB garantiert wird. Die EZB ist zum Konjunkturhelfer der Banken geworden. Das war in den Verträgen der Euro-Gründung aber nie vorgesehen.

Der EZB-Vize tut in seiner Antwort etwas sehr abenteuerliches. Die EZB-Programme stellt er in Verbindung mit der Inflation. Die Inflation steigt, wenn in der Realwirtschaft zu viel Geld vorhanden ist. Aber die EZB-Programme laufen seit vielen Jahren, das Geld ist aber nie in der Realwirtschaft angekommen, die Inflation ist extrem niedrig.

Jeder denkende Mensch würde sagen: „Wenn etwas, das ich seit Jahren tue, nicht die gewünschte Wirkung hat, sollte ich etwas anderes versuchen!“

Nicht aber die EZB, die sagt: „Wenn es bisher nicht funktioniert hat, muss ich es eben noch weiter intensivieren!“

Wirtschaftswachstum könnte man erreichen, indem man die Banken zwingt, mehr Kredite auszugeben und so Investitionen und Anschaffungen zu fördern. Das hat viele Nachteile und höhere Schulden sind nichts Gutes, aber das lassen wir im Moment mal außen vor.

Die EZB sagt, sie will die Wirtschaft ankurbeln, indem sie Staatsanleihen kauft. Wie soll das gehen? Welche Firma wird investieren, welcher Verbraucher wird konsumieren, bloß weil die Banken noch mehr Staatsanleihen bei der EZB abladen dürfen?

Das könnte funktionieren, wenn das Programm dazu führt, dass die Staaten mehr Anleihen ausgeben können, als die Märkte aufnehmen wollen und sie das Geld in Konjunkturprogramme stecken. Aber das ist ja angeblich nicht der Fall, denn wenn das EZB-Programm den Effekt hätte, dass dadurch die Staaten mehr Anleihen ausgeben können, als die Märkte aufnehmen wollen, dann wäre es auf jeden Fall Staatsfinanzierung. Und Staatsfinanzierung betreibt die EZB ja angeblich nicht, die ist ja verboten.

Schon diese erste Antwort zeigt also die ganze Absurdität der Argumentation der EZB und der Unterstützer ihrer Politik.

Eine andere Frage des Spiegel gibt dem EZB-Vize die Möglichkeit, dumme Phrasen zu dreschen:

„SPIEGEL: Wenn die Vermögenspreise für Immobilien und Aktien weiter steigen, werden die Reichen noch reicher. Die, die wenig bis kein Vermögen haben, gehen leer aus. Das verstärkt die soziale Ungleichheit.
De Guindos: Die beste Politik gegen soziale Ungleichheit ist, für Wachstum und Jobs zu sorgen. Die Geldpolitik hat sehr dazu beigetragen, das zu erreichen. Bitte vergessen Sie nicht, dass wir derzeit, wie schon 2015 und 2016, deflationären Druck haben, den wir abwenden müssen.“

Das ist der Standardsatz eines jeden Neoliberalen: „Wachstum und Jobs sind gut gegen soziale Ungerechtigkeit!“ Oder auf das Niveau einer ARD-Talkshow abgeflacht: „Sozial ist, was Arbeit schafft!“

Blödsinn!

Die Schere zwischen Arm und Reich, also die soziale Ungleichheit, wächst aus nur einem einzigen Grund: Weil die Produktivität und die Gewinne der Konzerne viel schneller wachsen, als die Löhne der Arbeiter und Abgestellten. Und wenn die Einkommen „oben“ schneller wachsen, als die Einkommen „unten“, dann geht die Schere auseinander. Man muss nicht Wirtschaft studiert haben, man braucht noch nicht einmal ein Abitur, um das zu verstehen. Aber die neoliberalen Phrasendrescher wiederholen den Quatsch immer und immer wieder und die Menschen nehmen diese Parolen auf und glauben sie auch noch.

Und die Geldpolitik der EZB tut was? Sie überschwemmt die Märkte mit Geld. Und wer bekommt das Geld? Sie etwa? Oder vielleicht die Banken, Investmentfonds und so weiter? Wie aber hilft es gegen soziale Ungleichheit, wenn Banken und Fonds mit Geld zugeschmissen werden? Geben die das Geld etwa der Realwirtschaft? Nein, sie zocken damit an den Märkten.

Um den finanzpolitisch nicht so gebildeten Menschen vollends einzulullen werden danach noch Formulierungen von „deflationärem Druck“ angehängt. Klingt intelligent, hat aber nichts mit der sozialen Ungerechtigkeit zu tun. Im Gegenteil: Die niedrigen Zinsen und der damit entstandene „deflationäre Druck“ sind eine direkte Folge davon, dass die EZB seit fast zehn Jahren die Märkte mit Geld flutet.

Aber als Mittel gegen die Folgen der Geldflut plädiert der EZB-Vize wofür? Für eine noch größere Geldflut in Form neuer Programme zum Kauf von Staatsanleihen! Lernfähigkeit? Null!

Die Märkte sind wie ein Drogenabhängiger süchtig nach dem Geld der Zentralbanken und jede Sucht wird bekanntlich stärker, je mehr Drogen man nimmt. Daher ist ein Ausstieg aus den Programmen auch kaum mehr möglich, ohne den Banken schweren Schaden zuzufügen.

Man hätte diese Programme nie auflegen dürfen, genauso, wie man nie mit Drogen anfangen sollte. Jede Sucht beginnt mit dem ersten Mal. Und je später man aussteigt, desto schwerer wird der Ausstieg. Es wäre besser gewesen, die Probleme seinerzeit zu ertragen, als sie durch die Droge Geldflut zu überdecken. Die Probleme sind dadurch nicht verschwunden, sie sind sogar gewachsen.

Das ist wie bei einem Alkoholiker, der sich besoffen super fühlt und seine Sorgen vergisst. Sie sind aber noch da und während er säuft, anstatt seine Probleme anzugehen, wachsen seine Probleme weiter.

Der EZB-Vize versucht auf die Frage, ob es möglich ist, aus den Programmen auszusteigen, den Eindruck zu erwecken, das sei kein Problem. Und das klingt so:

„Auch die EZB hat 2018 entschieden, netto keine Staatsanleihen mehr zu kaufen. Daran sehen Sie, dass wir aussteigen können, wenn es die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erlauben. Damals mussten wir das Programm zwar nach zehn Monaten wieder neu auflegen, weil eine wirtschaftliche Abkühlung und sinkender Preisdruck folgten. Aber wenn sich die Situation verbessert und der Ausblick auf die Inflation sich nachhaltig auf ein Niveau bewegt, das mit unserem Mandat im Einklang ist, können wir wieder in den Ausstiegsmodus übergehen.“

Haben Sie genau zugehört? Als Beleg dafür, dass man ja wieder aussteigen könnte, führt er an, dass das mal versucht wurde, aber schon nach zehn Monaten gescheitert ist.

Das wäre so, als wenn Ihnen ein Alkoholiker sagt, er könne jederzeit mit dem Trinken aufhören, schließlich habe er erst vor einem Jahr einen ganzen Tag lang nichts getrunken.

Und solche Leute entscheiden über unser Geld!

Aber der Spiegel hat dazu natürlich keine kritischen Fragen…

Ein weiteres Problem ist der sogenannte „Kapitalschlüssel“. Der legt fest, wie viele Anleihen von jedem Land gekauft werden dürfen. Der Spiegel fragte daher:

„SPIEGEL: Begehen Sie Rechtsbruch, weil Sie viel mehr italienische Staatsanleihen kaufen, als es dem Kapitalschlüssel des Landes an der EZB entspricht? Zuletzt haben Sie rund 20 Prozent italienische Papiere gekauft, laut Kapitalschlüssel wären es aber nur 14 Prozent.
De Guindos: Nein, der Kapitalschlüssel der EZB ist weiterhin der Maßstab für das Kaufprogramm PEPP. Wir nutzen aber die Flexibilität, die es uns bietet in Bezug auf Zeit, Vermögensklassen und Herkunft der Wertpapiere. (…) Es wird am Ende abgerechnet. Wir werden die Angleichung an den Kapitalschlüssel sicherstellen.“

Danach stellt der Spiegel die einzige intelligente Frage in dem Interview und die Antwort von De Guindos zeigt, wohin der Weg in Wahrheit geht:

„SPIEGEL: Sie bräuchten einfach nur das Programm immer wieder verlängern und so nie den Nachweis antreten, sich an die Regeln zu halten, weil nie die Schlussrechnung kommt.
De Guindos: Ich kann nicht vorhersehen, was passieren wird und daher auch keine Verlängerung des Programms ausschließen, aber wir haben klar gesagt, dass unser Pandemie-Kaufprogramm befristet ist, und wir haben unter den jetzigen Bedingungen festgelegt, dass das Programm im Juni 2021 endet. Bis dahin nutzen wir die Flexibilität, die wir haben.“

Zur Erinnerung: Die EZB hat das Programm vor vielen Jahren aufgelegt, um für eine kurze Zeit die Märkte zu stabilisieren. Seitdem wurde es immer wieder mit immer neuen Begründungen verlängert. „Klar gesagt, dass“ die Programme „befristet“ sind, hat die EZB dabei jedes Mal. Aber irgendwie sind sie nie ausgelaufen (siehe den Vergleich mit dem Alkoholiker)

Ich könnte jede Antwort in dem Interview auf diese Weise auseinander nehmen, aber das würde den Rahmen sprengen. Was wir sehen ist, dass die EZB in ihrer Politik gefangen ist, wie ein Alkoholiker in seinem Suff. Nur will man einfach nicht zugegeben, dass man aus seiner Sucht nicht raus kommt..

Das beste Beispiel sind die Börsen. Die ganze Welt redet von einer Wirtschaftskrise, der vielleicht größten der Geschichte. Aber obwohl die Firmen über Verluste klagen, steigen die Börsenkurse von einem Rekord zum anderen. Wie kann das sein? Würden Sie Aktien einer Firma kaufen, die Verluste macht? Noch dazu zu Rekordpreisen?

Als Folge der Politik der westlichen Notenbanken ist so viel Geld in den Märkten, dass niemand weiß, wohin damit. Das Phänomen nennt man Blasenbildung. Und jeder Ökonom weiß eines: Jede Blase platzt irgendwann und wenn Blasen platzen, dann gibt es eine Wirtschaftskrise.

Nun sind wir in einer Situation, in der die weltweiten Corona-Einschränkungen eine große Wirtschaftskrise hervorgerufen haben. Und in dieser Situation dürfen wir nun darauf warten, dass die Blasen an den Finanzmärkten platzen und noch eine weitere Wirtschaftskrise oben drauf kommt.

Aber die EZB hat eine Lösung: Einfach noch mehr Geld in die Blasen pumpen!

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

10 Gedanken zu „Augen zu und mitten rein! – Der Kamikaze-Kurs der EZB“

  1. In der DDR gab es das schöne Fach Politische Ökonomie des Kapitalismus. Dort wurden umfassend die ökonomischen Grundgesetze des Kapitalismus und seine Wirkungsweise gelehrt. Der Kapitalismus durchlebt dabei in seiner Entwicklung die typischen zyklischen (Überproduktions-)Krisen und irgendwann kommt die allgemeine Krise hinzu. 2008/09 war eine typische Überproduktionskrise im Finanzbereich. Es gab keine realen Anlagemöglichkeiten mehr, das private Geld wurde trotzdem aber immer mehr und so wurden immer neue Finanzanlagen erfunden und irgendwann knallte das System zusammen. Um hier den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, der natürlich auch den Normalbürger massiv getroffen hätte, wurde Geld über die EZB ins System gepumpt und die meisten Luftbuchungen blieben erhalten. Die verschärften Richtlinien für die Banken bei der Eigenkapitalausstattung als auch bei der Kreditvergabe änderten aber am grundlegenden Problem nichts. Es war nämlich immer noch zuviel privates Geld da, für das keine realen Anlagemöglichkeiten vorhanden waren und sind. Statt über Steuererhöhungen für Vermögende oder Vermögensabgaben die Staatshaushalte zu sanieren, wurde lediglich Geld gedruckt und das Spiel ging mit leicht veränderten Regeln weiter. Und nun kommt Corona. Aber auch jetzt passiert nichts anderes, als das, wie Thomas es beschrieben hat, die Geldpresse zwei Gänge höhergeschaltet wird.

  2. Der Grund warum die Zinslast für z.B. Italien, Griechenland etc. im Verhältnis zu Deutschland steigt,
    ist dass alle Euro-Staaten ihre Währungssouveränität aufgegeben haben und somit tatsächlich „Pleite“
    gehen können. Jedoch ein „what ever it takes“ seitens des EZB Präsidenten reicht aus, um die Zinsraten
    in Konvergenz zu bringen, das wissen die „die Märkte“ natürlich.

    Selbstverständlich finanziert die EZB Mitgliedsstaaten, ohne das wäre die Eurozone längst auseinander geflogen.
    Eine geordnete Auflösung wäre für Länder wie Italien, Griechenland die beste Lösung.

    Wie schwer das sein kann musste Syriza erfahren, denn den Euro ohne Austerität gibts nicht.
    Die griechischer Bevölkerung wollte den Euro aber behalten; ein unüberwindliches Dilemma.

    Deutsche sollten sich jedoch im Klaren sein dass eine neue DM stark aufwerten würde und die
    Exportüberschüsse ziemlich schnell Vergangenheit sein werden.

    Das Einzige was technisch funktionieren würde, wäre ein Euro-weites Finanzministerium, mit entsprechender
    fiskalischen Ausstattung; politisch nicht durchsetzbar.

    Das Problem vor dem die EZB steht, ist dass die Staaten keine aktive Fiskalpolitik machen wollen
    bzw. von Deutschland dazu gezwungen werden keine zu machen (Schwäbische Hausfrau)
    (2Pac, Fiscal Compact, Schuldenbremse etc.), denn:
    Geldpolitik ist ein stumpfes Schwert wenn es um Wirtschaftssteuerung-und Ankurbelung geht;
    Fiskalpolitik ist das Mittel der Wahl, wird aber nicht angewandt.

    Nicht alle Länder können gleichzeitig Exportüberschüsse erreichen, denn wo ein Überschuss entsteht muss zwingend irgendwo
    ein Defizit entstehen. Das aber verlangt Merkel, und mit ihr ganz Deutschland z.B. von Italien, Griechenland:
    „Wettbewerbsfähiger“ werden. Eine logische Unmöglichkeit.

    Man kann Exportüberschüsse übrigens auch als Importdefizit verstehen:
    Wir setzen unsere Arbeit und Rohstoffe ein und verscherbeln die erarbeiteten Produkte billig gegen Geldforderungen
    ins Ausland anstatt sie selbst zu konsumieren; wirklich toll!

    Inflation kommt nicht von „zu viel Geld“, diese Vorstellung nennt man Monetarismus (Milton Friedman)
    und ist nun wirklich „debunked“. Folgendes entspricht eher der Realität:
    1. Preisdruck-Inflation: z.B. Ölpreiskrisen 1973/1978
    2. Nachfragesog-Infaltion: Nachfrage übersteigt bzw. nähert sich dem Produktivitätsniveau der Wirtschaft.
    Wenn Geld auf Konten herumliegt, entsteht keines der beiden Dinge, nur Vermögenspreise inflationieren.

    Die Vorstellung das Geld „gedruckt“ wird entspricht nicht der Realität, das beschwört imaginäre
    Bilder mit Schubkarren voller Geld. Eine Staatsanleihe ist ein Geldschein mit Laufzeit und einem Coupon,
    gekauft mit einem Geldschein den es vorher schon gab; somit ein Tausch.
    Das alles passiert elektronisch: Zahlen werden an einer Stelle größer, an anderer Stelle kleiner.

    Banken kann man nicht zwingen Kredite zu vergeben wenn keine Nachfrage nach Krediten besteht.
    Warum sollte es auch eine solche geben, das derzeitige Produktionsniveau reicht ja offensichtlich völlig aus um die
    bestehende, dürftige Nachfrage zu befriedigen. Man braucht sich z.B. nur die „Entwicklung“ des Einzelhandels in DE
    anschauen.

    Was wir brauchen ist eine Art Glass/Steagall 2.0: Verbot von bestimmten Finanzgeschäften, Hedgefonds, etc.
    Öffentlich-Rechtliche Banken für Zahlungsverkehr und Kreditvergabe für Unternehmen.
    Weiter:
    Progressive, nicht regressive Besteuerung, deutlich bessere Entlohnung vor allem der unteren und mittleren
    Arbeitnehmer. Das macht allerdings nicht „der Markt“ von allein; das muss politisch gewollt und organisiert werden,
    genauso wie die Senkung des Lohnniveaus durch Hartz IV politische gewollt und organisiert wurde.

    Weg mit der unsinnigen Schuldenbremse, denn Staaten sind nicht(!) wie private Haushalte.

    Ein paar volkswirtschaftliche Binsen:
    Einkommen entstehen durch Ausgaben.
    Wo eine Forderung (Vermögen), da eine Verbindlichkeit (Schulden).

    Die deutschen Staatsschulden von ca. € 2 bill. entsprechen ziemlich genau den privaten Vermögen von ebenfalls ca. € 2 bill.
    Sie werden auch nicht „zurückgezahlt“, denn das würde die Auflösung dieser Vermögen bedeuten.
    Die Verteilungsfrage ist der springende Punkt!

  3. Kann man die neoliberale Wirtschaftspolitik aus der Position der neoliberalen Theorie (Paradigma) kritisieren? Man kann es. (Unendlich) Viele tun es und das Ergebnis ist immer dasselbe: Börsenblasen die morgen platzen, Schulden die morgen zur Katastrophe führen, Inflation die morgen bestimmt kommt …
    Wenn man dann ratlos wagt, bei Marx die Hilfe zu suchen, ist die Verteilung der „Stein der Weisen“. Diese ewig gestrigen verstehen nicht, dass man damit nur Symptome bekämpfen will und dass dies nie funktionieren wird.
    Soviel zur „Kritik“ der ZB-en.
    – – – – – – – – – – – – – – – –
    Sitzen in den ZB-en nur Idioten?
    Nein!
    Sie merken, dass die neoliberale Theorie nichts taugt (erklärt). Die Wirtschaft wächst nicht und die Unternehmen haben Liquiditätsprobleme. Und die ZB-en lösen diese Probleme mit dem „Gelddrucken“. Mehr können sie nicht tun, wenn sie das neoliberale Modell retten wollen. Ja, sie verhindern damit nur – auch wenn zeitlang -, dass es nicht zu einem totalen Zusammenbruch kommt. Man hofft: Russland oder China wird zusammenbrechen, dann ist man für einige Jahrzehnten gerettet. (Die Krisen des Kapitalismus werden normalerweise mit Kriegen „gelöst“.)
    Zurück zur Theorie.
    Den Sinn und die vorläufige (Schein-)Erfolge der Politik der ZB-en kann man nur verstehen, wenn man in die theoretische Analyse den NACHFRAGEMANGEL einführt. Dann begreift man, dass die ZB-en das „Richtige“ tun, wenn sie das neoliberale Modell nicht gegen die Wand fahren wollen. Sie retten die Nachfrage von der Angebotsseite
    – – – – – – – – – – – – – – – –
    Die Rückkehr des Raubtierkapitalismus durch Nachfragerettung von der Angebotsseite
    http://marktwirtschaft-neu-denken.de/referenz/referenz_2.php

  4. LOL, bei dem kleinen Fehler:
    „Weil die Produktivität und die Gewinne der Konzerne viel schneller wachsen, als die Löhne der Arbeiter und Abgestellten. “ musste ich lachen. Sehr schöm! 😀

    Ansonsten sehr gut zusammengefasst.
    Komplett unerwähnt bleibt da übrigens noch der Umstand, dass die EZB mittlerweile sogar auch beim Kauf von Unternehmensanleihen mitmischt.
    Gaby Weber hat das mal am Beispiel Bayer und die Monsanto Übernahme recherchiert. Nachlesen kann man das bei Telepolis.
    Besonders „schön“ fand ich ihre Anfrage zum Umfang dieses Programms bei der EZB, woraufhin diese sinngemäß antwortete: Die Information kann man nicht rausgeben, weil es sonst das Vertrauen der Märkte in die Geldpolitik schädigen könnte. haha! 😀

  5. „Sozial ist, was Arbeit schafft!“

    Das ist doch nicht grundsätzlich falsch. Es ist nur dann falsch, wenn Arbeit generell keine ausrechenden Löhne ergibt. Dieser Spruch stammt aber meines Wissens aus anderen Zeiten, dijenigen von L. Erhardt. Da stimmte das jedenfalls.

    Blödsinn ist aber, die „Produktivität wachse schneller als die Löhne“. Die Gewinne mögen schneller steigen, jedoch ist das aufgrund der spekulativen bzw. nicht wertschöpfenden „Wirtschaft“. Also, Kasinowirtschaft, Geld durch Geld u.ä. machen und Enteignungstricks usw.

    Die produktive Wirtschaft ist doch in den letzten 30 Jahren massiv zu Lasten der Kasinowirtschaft abgebaut worden. Ich empfehle Friedrich Lists physische Ökonomie (widerspricht in den meisten Punkten der libertären Ökonomie) zu studieren.

    Kommentator Thomas sprach von Glass-Steagall, das spekulative (investment) von geschäftslichen Bankaktivitäten gesetzlich strikt trennte. Studierenswert.

    1. Blödsinn ist aber, die „Produktivität wachse schneller als die Löhne“.
      ???
      Ist man so blöd, oder man meint die anderen wären blöd?
      1:
      Die Produktivität steigt nach den Deformen so langsam (etwas schon!), wie selten in der Geschichte des Kapitalismus. Erklärung: Reswitching-Effekt
      http://marktwirtschaft-neu-denken.de/Aufbau/ba/40p/ba40p.php?tbch=ba&auslese=__z7__&schp=reswi&ordner=40p&suchZZ=Reswitching-Effekt
      2:
      Trotz immer weiter steigenden Arbeitsdruck, wachsen die Löhne nicht, eher fallen sie.
      ALSO ganz RICHTIG:
      „Produktivität wächst schneller als die Löhne“.

      1. Beides ist Richtig:

        1) Die Produktivität der Konzerne wachsen schneller als die Löhne (im Mittel- bis Niedriglohnsektor)

        2) Die Gewinne der Konzerne und Manager-Gagen wachsen schneller als die Löhne (im Mittel- bis Niedriglohnsektor)

  6. „Sozial ist, wer Arbeit schafft“.
    Slogan der „Deutsch Nationalsen“ von 1933

    „Sozial ist, was Arbeit schafft“.
    Slogan des „Arbeitgeberverband Gesamtmetall“ (und anderer Mitglieder dieser Propaganda!) von 2000.

    Schon der 2000 aufkommende Slogan hätte jeden wach werden lassen müssen, was die SPD und die Grünen in Wahrheit sind! NAZIPARTEIEN!!!!

    Denn beide Slogan würden ja bedeuten, dass jedes KZ eine „Sozialstation“ (was) und die Nazis „Sozialarbeiter“ (wer) waren!!!

    Den Slogan mit „was“, nahm dann die CDU 2002 auf und 2009 sogar die FDP!
    Hat aber die CDU auch nicht interessiert, dass es 2002 massive Proteste gegen diesen Slogan gab. Warum auch, das Naziprogramm der SPD und Grünen musste ja jemand, dann die CDU, fortsetzen!

    Und dieses Nazisprogramm „marktwirtschaftliche Reformen“ wird bis heute fortgeführt!

  7. Hin und wieder sollten wir scheinbar feststehende Begriffe hinterfragen und ihren Ursprung erforschen. So den Begriff von „Arbeit“. Diese degenerierte Gesellschaft hat es geschafft, den Begriff derart „positiv“ zu besetzen, daß ein Hinterfragen als ketzerisch gilt. Dabei ist der Ursprung des Wortes in der Bedeutung „Mühe“ und „Plage“ zu finden. Unsere Altvorderen wußten noch, daß Arbeit nicht erstrebenswert, nicht Ziel allen Handelns ist. Sondern notwendiges Übel. Mittel zum Zweck. Die Mühe der Feldarbeit etwa war nie Selbstzweck, sondern notwendig, um Nahrung zu beschaffen. Und niemandem wäre eingefallen, doppelt oder dreimal soviel Früchte anzubauen, als man selbst und für den Tauschhandel benötigte – auch weil dieses Zuviel schlicht verdorben wäre. Niemandem wäre es eingefallen, auch noch das Korn für die Nachbargemeinde mitzuerarbeiten, und die dortigen Bauern arbeitslos zu machen. Wozu auch? Wer hätte davon einen Vorteil?

  8. „SPIEGEL: Wenn die Vermögenspreise für Immobilien und Aktien weiter steigen, werden die Reichen noch reicher. Die, die wenig bis kein Vermögen haben, gehen leer aus. Das verstärkt die soziale Ungleichheit.
    De Guindos: Die beste Politik gegen soziale Ungleichheit ist, für Wachstum und Jobs zu sorgen. Die Geldpolitik hat sehr dazu beigetragen, das zu erreichen. Bitte vergessen Sie nicht, dass wir derzeit, wie schon 2015 und 2016, deflationären Druck haben, den wir abwenden müssen.“

    Wenn ich so einen Mist schon lese. Die Journalismus-Schauspieler vom Spiegel hätten nur mal nach dem Gini-Koeffizient fragen müssen. Ein Koeffizient von null bedeutet, alle haben gleich viel. Ein Koeffizient von eins bedeutet, einer hat alles und alle anderen haben nichts.

    Dazu Jens Berger von den Nachdenkseiten am 10.12.2019 in dem Artikel: „Springers Kampf für die Vermögenden – Manipulation im Reinformat.“

    „Der am ehesten korrekte Gini-Koeffizient für die Vermögensverteilung in Deutschland beträgt jedoch 0,816! Dies ist zumindest der Wert, den die Vermögensverwaltung der Credit Suisse in ihrem eigentlich sehr zuverlässigen World Wealth Report nennt.“

    Das sagt alles aus!

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