Das russische Fernsehen über die Lage in den USA: „Feierliche Morde und präsidialer Pathos“

Im russischen Fernsehen wurde die Lage in den USA in einem sehr deutlichen – und in meinen Augen gut argumentierten – Kommentar analysiert. Als „Kontrastprogramm“ zur Berichterstattung in Deutschland ist diese Sicht der Dinge mehr als lesenswert.

Auch an diesem Sonntag war die Situation in den USA wieder Thema in der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“. In seinem Kommentar hat der Moderator die Frage aufgeworfen, woher die heutigen USA ihre „moralische Überlegenheit“ nehmen, mit der sie die Welt über Demokratie und Wohlstand belehren wollen, wenn bei ihnen im Land soziale Not und Gesetzlosigkeit auf den Straßen herrschen. Da ein solcher Kommentar im deutschen Fernsehen undenkbar wäre, habe ich diesen langen Kommentar übersetzt, um zu zeigen, wie man außerhalb der westlichen Medienmacht auf die Ereignisse dieser Tage blickt.

Beginn der Übersetzung:

Feierliche Morde und präsidialer Pathos: Die Lage in den USA

Vergangene Woche hat Amerika seine Wunden nach dem Feiertagswochenende des Unabhängigkeitstages geleckt, der wie üblich am 4. Juli gefeiert wurde. Nach unvollständigen Angaben wurden an dem Wochenende in den USA etwa drei Dutzend Menschen erschossen und knapp einhundert verletzt. Die höchste Zahl an Todesopfern gab es mit 17 in Chicago. Auch in New York gab es Tote, mehr als vierzig wurden verletzt. Und es sind auch Kinder unter den Getöteten im ganzen Land. Das jüngste Mädchen, es wurde in Chicago erschossen, war 7 Jahre alt. Ein 8-jähriges Mädchen ist in Atlanta erschossen worden.

Außer in Atlanta oder Chicago gab es auch Schießereien in Memphis, Baltimore, Greenville und Detroit. In jeder dieser Städte gibt es Tote und Verwundete. In Washington starb ein 11-jähriger Junge durch einen Schuss in den Kopf.

In „Nachrichten der Woche“ sprechen wir jede Woche über Amerika. Und natürlich haben wir gesagt, dass der Hass, der über das Land schwappt, zu Schießereien führen wird. Schließlich gib es in den USA mehr Waffen, als Einwohner und nach den Gesetzen der Dramaturgie muss mit einer Waffe auch geschossen werden. Jetzt wird geschossen. Es ist nicht klar, wann die Schießereien nachlassen werden. Da der amerikanische Staat sein Gewaltmonopol verloren hat, ist der Prozess bereits außer Kontrolle geraten, die Lage ist unüberschaubar.

Präsident Trump versprach jedoch in seiner Festrede, Amerika zu verteidigen: seine Vergangenheit zusammen mit ihren Denkmälern und seiner Gegenwart. An die Zukunft denken dort derzeit nur wenige Menschen:

„Unsere Nation hat eine gnadenlose Kampagne erlebt, um unsere gesamte Geschichte zu zerstören, unsere Helden zu verleumden, unsere Werte auszulöschen und unsere Kinder ideologisch zu bearbeiten“, sagte Donald Trump.

Der Präsident der Vereinigten Staaten spricht den wunden Punkt an. Er spricht über die Übernahme der Presse und des Bildungssystems durch unversöhnliche Liberale, die im Kampf um eine vermeintliche Freiheit das säen, was Trump als „extremen linken Faschismus“ bezeichnet:

„In unseren Schulen, in unseren Nachrichtenredaktionen, sogar in unseren Aufsichtsräten, gibt es einen neuen, linksextremen Faschismus, der absolute Loyalität einfordert. Wenn Sie seine Sprache nicht sprechen, seine Rituale nicht befolgen, seine Mantras nicht wiederholen und seine Gebote nicht erfüllen, dann werden Sie zensiert, vertrieben, auf die schwarze Liste gesetzt, verfolgt und bestraft. Das wird mit uns nicht passieren“, sagte Trump.

Dabei ist es eigentlich schon passiert. Und übrigens gibt es erste Sprösslinge von dem, was in den Staaten geschieht, auch schon in Russland. Wenn unsere unversöhnlichen Liberalen jemanden für unberührbar erklären und vorgeben, eine Art einzige Wahrheit zu besitzen, wenn sie schwarze Listen erstellen und versprechen, andere zu verfolgen und zu bestrafen, was ist das? Trump nennt es „linksextremen Faschismus“. Bei uns ist es noch nicht so weit, aber man kann daraus lernen. Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Aber in den Staaten ist es so. Das ist sie, die Lektion:

„Die ungeheuerliche Gesetzlosigkeit auf den Straßen der von liberalen Demokraten geführten Städte ist ein vorhersehbares Ergebnis jahrelanger radikaler, ideologischer Bearbeitung der Menschen und von Vorurteilen in Bildung, Journalismus und anderen kulturellen Institutionen. Entgegen allen Gesetzen der Gesellschaft und der Natur wird unseren Kinder in der Schule beigebracht, ihr Land zu hassen und die Männer und Frauen, die es aufgebaut haben, nicht als Helden zu ehren, sondern sie als Schurken zu hassen. Diese radikale Sicht auf die amerikanische Geschichte ist ein Netz von Lügen: die ganze Perspektive ist verschoben, jede Tugend wird verschwiegen, jedes Motiv und jede Tatsache wird verzerrt und ihre kleinsten Fehler werden so lange aufgeblasen, bis die ganze Geschichte bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben und entstellt ist“, sagte Trump.

Seine Rede dauerte 43 Minuten und wurde in dieser Zeit 63 Mal von Applaus unterbrochen. Es ist klar, dass es seine Unterstützer waren, die applaudierten.

Unterdessen säuberten seine Gegner die amerikanische Geschichte, die sie hassen. In „Nachrichten der Woche“ haben wir bereits gesagt, dass die berühmten amerikanischen Cowboy-Western-Filme dort jetzt nicht gezeigt werden dürfen. In dieser Woche gewann die Initiative der Demokratischen Partei, den kalifornischen Flughafen in Orange County umzubenennen, an öffentlicher Kraft und der Name des Oscar-prämierten Schauspielers John Wayne wurde entfernt.

John Wayne ist Amerikas größter Cowboy und Sheriff. Er starb in den späten 70er Jahren, verewigte sich aber an der Spitze der top-hundert der Größten des amerikanischen Films des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute gibt es diese Kultur nicht mehr. Sie ist verboten. Es ist sogar verboten, sich auch nur daran zu erinnern. Die liberale Ordnung verlangt, sie zu löschen, als hätte es sie nicht gegeben.

In „Nachrichten der Woche“ haben wir bereits gesagt, dass es schwieriger ist, etwas zu verstehen, als etwas zu verbieten. Und in der amerikanischen Vergangenheit gibt es Dinge, die es wert sind, verstanden zu werden. Zum Beispiel den Anti-Sklaverei-Aktivisten Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung und 3. Präsident der Vereinigten Staaten. Trump mag ihn:

„Er war Architekt, Erfinder, Diplomat, Wissenschaftler, Gründer einiger der größten Universitäten der Welt und glühender Verfechter der Freiheit. Die Amerikaner werden den Schöpfer der amerikanischen Freiheit, Thomas Jefferson, immer bewundern. Und er wird uns auch nie verlassen“, sagte Trump.

Gleichzeitig war Thomas Jefferson absolut davon überzeugt, dass Weiße und Schwarze in Amerika auch nach der Abschaffung der Sklaverei nicht in der Lage sein würden, zusammenzuleben: „Es besteht kein Zweifel, dass diese Menschen dazu bestimmt sind, frei zu sein. Mit der gleichen Sicherheit kann gesagt werden, dass zwei gleich freie Rassen nicht in einem einzigen öffentlichen Rechtssystem existieren können. Es gibt unauslöschliche Unterschiede zwischen diesen Rassen in Bezug auf ihre Natur, ihren Gewohnheiten und Meinungen“, sagte Jefferson in den 1820er Jahren.

Nun ist klar, warum das Thomas Jefferson-Monument in Portland zu den ersten gehörte, die gestürzt wurden. Aber es ist nicht klar, warum das Washingtoner Denkmal für Thomas Jefferson noch immer an seinem Platz steht.

Aber wie wollte Thomas Jefferson das Problem lösen? Jefferson schlug vor, die befreiten Schwarzen einfach aus den USA nach Afrika abzuschieben. Er wollte sie mit der gleichen Gewalt abschieben, mit der sie ins Land geholt worden waren. Heute leben 50 Millionen Schwarze in den USA, aber zu Jeffersons Zeit waren es 1,5 Millionen. Das sind auch viele, aber immer noch 33 Mal weniger als heute. Also schlug Jefferson vor, ohne darauf zu warten, dass es so wird, wie heute, die Kinder von Sklaven, die nach einem bestimmten Datum geboren wurden, für frei zu erklären. Er wollte sie bei ihren Eltern lassen, bis sie das Erwachsenenalter erreichen und sie dann aus den Vereinigten Staaten deportieren. Er hat sogar alles berechnet:

„Angenommen, der jährliche Anstieg wird 60.000 Neugeborene betragen. Fünfzig Schiffe mit einer Kapazität von 400 Tonnen im kontinuierlichen Einsatz werden, unter Berücksichtigung der kurzen Strecke, in der Lage sein, das jährliche Wachstum aufzunehmen. Die Älteren werden an natürlichen Ursachen sterben und ihre Zahl wird allmählich abnehmen, bis sie Null erreicht“, sagte Jefferson in den 1820er Jahren.

Jeffersons Ideen über die Abschiebung befreiter Sklaven waren populär, und die „Menschlichkeit“ bestand darin, dass sie, wenn sie die Schwarzen nach Afrika zurückbringen, ihnen Jagdwaffen, Saatgut und andere notwendigen Güter mitgeben wollten. Aber sie abzuschieben, das sei unumgänglich.

Die Argumente des Gründervaters der Vereinigten Staaten waren: „Es geht darum, dass Menschen, die von Kindheit an nicht die Notwendigkeit spüren, zu denken oder den Lauf der Ereignisse vorauszudenken, in ihrem Geiste Kinder bleiben, die nicht in der Lage sind, sich um sich selbst zu kümmern und die junge Generation zu erziehen. Das kann mit Menschen jeder Hautfarbe passieren, aber in Bezug auf diese Hautfarbe wissen wir es sicher. Gleichzeitig werden sie aufgrund ihres Müßiggangs und der daraus resultierenden Empörung zu Geschwüren am Körper der Gesellschaft.“

Und noch einer als Sahnehäubchen. Thomas Jefferson über die Möglichkeiten dessen, was er „liberales Konstrukt“ nannte: „Ich verstehe, dass dieses Thema schwierige verfassungsrechtliche Fragen aufwirft, aber das liberale Konstrukt mit seinem vernünftigen Zweck kann viel tun, bis hin zur Annahme der notwendigen Verfassungsänderung. Die Trennung von Säuglingen von ihren Müttern kann Gewissensbisse hervorrufen.“

Hinter Trump, der am Fuße des Mount Rushmore sprach, war Thomas Jeffersons Kopf der zweite von links. Trump hat öffentlich geschworen, das Denkmal zu schützen. Aber wie? Es reicht nicht zu sagen, dass Jefferson, wie die anderen Gründerväter, gut ist. Und es reicht nicht, die Nationalgarde rund herum aufzustellen. Dazu hätte man in Amerika eine andere Generation erziehen müssen. Die Aufgabe ist weder für Trump, noch für seine Generation lösbar. Schließlich wurde Amerika politisch immer für unfehlbar erklärt und das Hochglanzbild, das sich auf der ganzen Welt verbreitete, war bis über das Zumutbare vereinfacht und, wie sich herausstellt, falsch.

Infolgedessen zerbricht das amerikanische Modell, das allen so lange ideal und universell erschien, heute vor den Augen der ganzen Menschheit. Und die moralische Führungsrolle, die ihnen das Recht gibt, andere zu belehren, hat sich verflüchtigt. Es gibt sie nicht, die moralische Führungsrolle. Ja, es gab sie mal, und die amerikanische Kultur baute darauf auf, aber sie ist Vergangenheit, sie hat sich überlebt.

Natürlich gibt es immer noch eine Menge Geld in den USA und sie drucken es weiterhin. Ja, amerikanische Astronauten tragen Designer-Raumanzüge. Ja, Wissenschaft und Technologie werden sich dort entwickeln, sie werden Waffen herstellen, aber die Vereinigten Staaten haben vor unseren Augen das Wichtigste verloren: das innere Gefühl der Überlegenheit, das es beispielsweise Präsident Obama ermöglichte, bei der Verleihung des im Voraus vergebenen Friedensnobelpreis so zu sprechen. Hören Sie es sich an, es ist aus der Vergangenheit und es ist so offensichtlich, dass bei dem Theater kein einziges wahres Wort gesprochen wurde:

„Der Dienst und die Opfer unserer Männer und Frauen in Uniformen brachten Frieden und Wohlstand in alle Ländern, von Deutschland bis Korea, sie haben die Demokratie auf dem Balkan Fuß fassen lassen. Wir Amerikaner haben diese Last nicht getragen, weil wir jemandem unseren Willen aufzwingen wollen. Wir haben es aus aufgeklärtem Egoismus getan: Wir bereiten eine bessere Zukunft für unsere Kinder vor und deshalb glauben wir, dass es möglich sein wird, dass nicht nur unsere Kinder, sondern auch die anderen Kinder, in Frieden und Wohlstand leben werden“, sagte Obama bei der Preisverleihung.

Obama liebte Pathos. Trump auch. Aber gleichzeitig erklärt der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten nicht mehr, dass Amerika bereit ist, „der ganzen Welt Frieden und Wohlstand zu bringen“. Im Gegenteil, Trump verspricht, keine Regime mehr zu stürzen und sich nicht am „Aufbau der Demokratie“ in anderen Ländern zu beteiligen. Und das ist auch verständlich. Sie haben zu Hause genug zu tun. Und es gibt nichts mehr, was sie den Planeten lehren könnten. Und das, was man „Amerikas Soft Power“ genannt hat, gibt es nicht mehr. Das gab es mal, aber es wurde hinweggefegt.

Ende der Übersetzung

Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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