Das russische Fernsehen über Ölpreis und Corona: „Doppelter Schlag für die Weltwirtschft“

Der Preiskrieg am Ölmarkt beschäftigt die Wirtschaftsexperten zusätzlich zu den wirtschaftlichen Folgen von Corona. Nun scheint es Chancen auf einen „Waffenstillstand“ zu geben.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ über die aktuellen Entwicklungen und die Folgen des „Ölkrieges“ für alle Beteiligten berichtet. Auch ein Ausblick auf eine mögliche Lösung zeichnet sich ab. Ich habe den Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Seit erst knapp drei Monaten trifft das Coronavirus die gesamte Weltwirtschaft. Alle Staaten, einschließlich Russland, zählen die Verluste. Der Rückgang der Weltproduktion hat auch zu einem starken Rückgang der Ölnachfrage geführt.

Am 31. März fiel der Preis für ein Barrel der russischen Marke Urals auf den europäischen Märkten auf 13 Dollar. So niedrige Preise für das schwarze Gold wurden zuletzt vor mehr als 20 Jahren verzeichnet. Das Finanzministerium hat errechnet, dass dem russische Haushalt allein im März und April 78 Milliarden Rubel (ca. eine Milliarde Dollar) entgehen.

Alle ölproduzierenden Länder machen aufgrund des Rückganges des Ölpreises, der seit Jahresbeginn um 60 Prozent gefallen ist, Verluste. Präsident Trump ist wütend, weil unter diesen Bedingungen amerikanische Unternehmen, die unter hohen Kosten Fracking-Öl fördern, nicht nur bankrott gehen, sondern auch von den Saudis aufgekauft werden.

Das heißt, Saudi-Arabien hat nicht nur das OPEC-Plus-Abkommen gebrochen, das es zumindest irgendwie ermöglicht hat, die Preise zu kontrollieren, sondern auch Europa und Amerika mit seinem Öl zu Dumpingpreisen und mit riesigen Rabatten geflutet. Saudi-Arabien hat dann auch noch beschlossen, die USA zu entern und in dieser für US-Unternehmen schwierigen Zeit die US-Unternehmen zu übernehmen, um den eigenen Anteil am US-Markt zu steigern.

Klar, dass Trump die Saudis aufforderte, sich zurückzuhalten und eine gemeinsame Aktionen mit Russland und anderen ölproduzierenden Ländern vermutet. Russland hat die Tür nicht zugeschlagen und ist bereit, eine gemeinsame Reduzierung der Produktion um eines vernünftigen Preises willen auszuhandeln. Tatsächlich wurde das von Präsident Putin bei einem Treffen mit Vertretern der Ölindustrie bestätigt.

Die Pandemie und das Öl sind ein doppelter Schlag für die Weltwirtschaft. Aber während die Länder bereit sind, gemeinsam gegen das Virus zu kämpfen, kämpft im Ölkrieg bisher jeder für sich alleine.

„Die Gründe für den Preisrückgang sind in erster Linie mit dem Coronavirus und dem daraus resultierenden Produktions- und Nachfragerückgang verbunden. Ein weiterer Grund für den Preisverfall ist der Rückzug unserer Partner aus Saudi-Arabien aus dem OPEC-Plus-Vertrag und ihre Steigerung der Produktion und die gleichzeitige Ankündigung unserer saudischen Partner, sogar noch Rabatte auf Öl zu gewähren. Das liegt wohl an den Versuchen unserer Partner aus Saudi-Arabien, Konkurrenten loszuwerden, die sogenanntes Fracking-Öl fördern. Um das zu erreichen, muss der Preis unter 40 Dollar pro Barrel liegen“, sagte Wladimir Putin.

„In den nächsten Wochen könnte die Nachfrage auf 15-20 Millionen Barrel pro Tag sinken, was etwa 20 Prozent der normalen Produktion der Welt entspricht. Die akuteste Situation ist in den EU-Ländern zu beobachten, die 18 Prozent des weltweiten Öls verbrauchen, und in den Vereinigten Staaten von Amerika, die etwa 20 Prozent des Weltverbrauchs ausmachen“, sagte der russische Energieminister Alexander Novak.

Während die OPEC-Plus früher die Produktion kürzte, haben die USA die hohen Preise genutzt und ihre eigene Produktion erhöht und die Saudis haben den US-Markt schnell verloren. Ihre Ölexporte in die Vereinigten Staaten sind seit den frühen 2000er Jahren auf ein Drittel zurückgegangen. Als Riad aus dem OPEC-Plus-Vertrag ausstieg und die Preise zusammenbrachen, überschwemmte es Amerika zunächst mit billigem Öl für 25 Dollar und will sich nun den zerstörten Fracking-Sektor unter den Nagel reißen.

„Sie versuchen jetzt, mit ihrem Kapital einzusteigen, bankrotte Fracking-Ölproduzenten aufzukaufen und damit ein Instrument für sehr ernsthaften politischen Einfluss zu bekommen. Für die Amerikaner sind diese Aktionen Saudi-Arabiens und die Entscheidung, ob sie auf uns zugehen oder nicht, eine politische Frage. Ein Nullsummenspiel, der Versuch, alles im Interesse eines Players zu lösen, ist ein falscher Weg, der ins Leere führt. Jetzt wäre es logisch, statt dieses abenteuerlichen Spiels und des Versuches, den gesamten Markt zugunsten eines Players zu zerstören, den Weg der Stabilisierung zu gehen“, glaubt der Politikwissenschaftler Jewgeni Mintschenko.

„Trump hat absolut kein Interesse an solchen Spielen, für ihn ist es eine äußerst unangenehme Situation, dass die Saudis durch ihre groben Aktionen den Ölpreis haben zusammenbrechen lassen und all dies die Fracking-Industrie der Vereinigten Staaten in eine sehr schwierige und unangenehme Lage gebracht hat. Solche eklatanten Aktionen führen zu Problemen bei allen Ölproduzenten, einschließlich Saudi-Arabiens. Noch ist es ist zu spät, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, zumal die Saudis dazu jetzt hartnäckig von ihren gestrigen politischen Partnern, den Vereinigten Staaten von Amerika, aufgerufen werden, die von einer solch tückischen Politik Saudi-Arabiens auf dem Weltölmarkt sehr überrascht waren“, sagte Konstantin Simonov, Chef des Energiesicherheitsfonds.

Putin und Trump sprachen am Telefon über den Zusammenbruch der Ölpreise. Während der russische Staatschef mit den Vertretern seiner Ölindustrie sprach, versammelte der Herr des Weißen Hauses seine Ölindustrie. Über die Ergebnisse des Gesprächs ist wenig bekannt. Ein Zitat in einer texanischen Zeitung lautete: „Energiestaaten wie Texas befinden sich in einer Notlage. Trump hat geschworen, unsere Energieindustrie zu retten. „Ich stehe zu 1.000 Prozent zu Euch“, sagte er den am runden Tisch Versammelten. Das ist ein wichtiger Bereich der Wirtschaft, ein entscheidender.“

Washington hat bisher eine Reduzierung seiner Förderung abgelehnt. Nach dem Motto: Wir würden ja gerne, aber das Anti-Kartell-Gesetz erlaubt es nicht. Aber das Öl wird in den amerikanischen Lagern bald im wahrsten Sinne des Wortese überlaufen. Und so ist das Bild auf der ganzen Welt. Sogar Tanker haben sich schon in schwimmende Kanister verwandelt. Die Vorräte übertreffen die Rekorde der Vergangenheit.

„Wenn wir keine Maßnahmen ergreifen, könnten die weltweiten Ölmärkte in den kommenden Monaten platzen, was zu einer ernsthaften Destabilisierung führen wird“, sagte Alexander Novak.

Wenn es zu viel Öl gibt, sind die Unternehmen gezwungen, die Quellen zu schließen. Aber das geht nicht schnell und wenn der Bedarf zurückkehrt, werden die Rohre leer sein. Es wird ein Defizit geben und die Preise werden steigen. Putin drängt darauf, keine Extreme zuzulassen. (Anm. d. Übers.: Hier wird etwas angesprochen, was in Russland jedes Kind weiß, was im Westen aber nicht zur Allgemeinbildung gehört: Die Ölförderung lässt sich weder problemlos schnell stoppen, noch problemlos schnell wieder starten. Das sind hochkomplexe, teure und zeitraubende Prozesse, denn man muss eine einmal geöffnete Ölquellen aufwändig versiegeln, man kann nicht einfach einen Hahn zu- und wieder aufdrehen.)

„Wir haben nie danach gestrebt, dass die Preise zu hoch sind und wir wollten eine Situation vermeiden, in der die Preise zu niedrig sind. Es ist klar, warum: Unser Haushalt wird mit einem Ölpreis von 42 Dollar pro Barrel berechnet. Und um diese Zahl herum fühlen wir uns sehr wohl“, sagte der russische Präsident.

Dem Haushalt Saudi-Arabiens liegt übrigens ein doppelt so hoher Preis zu Grunde: 82 Dollar pro Barrel. Das riskante Spiel auf Preisverfall trifft alle. Es ist nicht die Zeit für einseitige Gewinne. Es ist Zeit, sich zusammenzusetzen und eine Vereinbarung zu treffen.

„Wir sind zu Vereinbarungen mit den Partnern bereit, sowohl im Rahmen der OPEC-Plus, als auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich glaube, dass es notwendig ist, die Kräfte zu bündeln, um den Markt ins Gleichgewicht zu bringen und im Ergebnis der koordinierten Anstrengungen die Förderung koordiniert zu reduzieren. Nach vorläufigen Schätzungen denke ich, dass es etwa eine Reduzierung von um die 10 Millionen Barrel pro Tag sein könnte, ein bisschen weniger oder vielleicht ein bisschen mehr“, sagte Wladimir Putin.

Erstmals seit dem Bruch des OPEC-Plus-Abkommens wird die Gruppe am 9. April erneut zu Gesprächen zusammenkommen. Die Hauptsache ist, dass das Format der Videokonferenz, zu dem man gezwungen ist, die Länder nicht daran hindert, einander zuzuhören.

Ende der Übersetzung

Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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