Indien: Das russische Fernsehen über Indien: Wie stellt man 1,5 Milliarden Menschen unter Quarantäne?

In Indien wurde eine landesweite Quarantäne ausgerufen und sie wird mit aller Härte umgesetzt. Darüber, wie man 1,5 Milliarden Menschen unter Hausarrest setzen kann, hat das russische Fernsehen am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ berichtet.

Da ich mir kaum vorstellen konnte, wie das in Indien umgesetzt werden soll habe ich den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt. Auch die Bilder sind beeindruckend und mit meiner Übersetzung dürfte der Bericht auch ohne Russischkenntnisse verständlich sein.

Beginn der Übersetzung:

Die indische Regierung hat eine dreiwöchige Quarantäne für das ganze Land ausgerufen. Es ist verboten, das Haus zu verlassen. Produktion und Büros sind geschlossen. Geschäfte und Apotheken arbeiten nur zu strikt festgelegten Zeiten. In der größten Demokratie der Welt werden Quarantäneverletzer auf einfache Weise erzogen: Die Polizei lässt sie auf der Straße Kniebeugen machen, man zwingt sie auf offener Straße, niederzuknien, oder es gibt einfach kurzerhand mit einem langen Schlagstock Prügel. Wenn anderthalb Milliarden Menschen in einem Land leben und die Städten eng wie Ameisenhaufen sind, ist keine Zeit für Sentimentalitäten.

Drei Wochen nationale Quarantäne sind für Indien eine Herausforderung, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat. Normalerweise laute und wimmelnde Städte und Straßen sind nun menschenleer.

In wenigen Tagen ist Indien zu einem Land der Barrieren und Absperrungen geworden. So sieht es jetzt an den Grenzen aller 28 Staaten und 9 Unionssgebiete aus: Polizei-Checkpoints blockieren heute alle Straßen im Land. Die Durchfahrt ist nur mit besonderen behördlichen Genehmigungen möglich.

Die Produktion wurde im ganzen Land eingestellt. Ämter, Büros, Einkaufszentren und Geschäfte sind geschlossen. Es gibt keine Busse oder Züge. Der Flugbetrieb wurde komplett eingestellt. Die Regierung des 1,5 Milliarden Staates Indien hat nach einer Abschätzung des Ausmaßes der Bedrohung beispiellose Maßnahmen ergriffen. Radikale soziale Distanz, erklärte Premierminister Narendra Modi in seiner Ansprache, ist der einzige Weg, um die Pandemie im am dichtesten bevölkerten Land der Welt zu stoppen.

„Die Verantwortungslosigkeit einiger weniger kann Sie, Ihre Familie, Ihre Kinder in Lebensgefahr bringen. Es ist unmöglich, sich den Preis vorzustellen, den Indien für Unachtsamkeit bezahlen müsste. Freunde, ich ermutige alle, in diesen Tagen zu Hause zu bleiben“, sagte Modi.

Die Polizei hält alle Autos an und kontrolliert sie. Nur Ärzte, Rettungskräfte und sozial wichtige Berufe dürfen sich heutzutage auf indischen Straßen bewegen.

Solche Aufnahmen haben in den ersten Tagen der gesamtindischen Quarantäne die soziale Netzwerke erobert. Gnadenlos und methodisch schlagen Polizeipatrouillen mit Stöcken auf Menschen ein, die sich auf der Straße blicken lassen. Aus erzieherischen Gründen zwingen sie die Menschen, Liegestützen oder Kniebeugen zu machen und erinnern sie daran, dass ihnen wegen Nichtbeachtung der Vorschriften Gefängnisstrafen drohen. Tausende Menschen wurden in den Tagen der Isolation verhaftet.

Aber das vielleicht Wichtigste für das religiöse Indien sind die geschlossenen Tempel. Die Eingänge zu Hindu-, Sikh- oder Jain-Schreinen und muslimischen Moscheen sind durch Gitter blockiert. Einige Tempel sind zum ersten Mal in ihrer Geschichte geschlossen.

In seiner Ansprache an die Nation zitierte Modi das antike Epos „Ramayana“, in dem er die Bürger aufforderte, die „Lakshman-Linie“ nicht zu überschreiten, die der Held um sein Haus gezogen hatte, um es vor dem Dämon Ravana zu schützen. Heutzutage sind Millionen gesetzestreuer Bürger zum ersten Mal nicht in der Lage, Tempel zu besuchen und sie beten zu Hause darum, dass das Virus wieder verschwindet.

Aber wie kann man die häusliche Quarantäne einhalten, wenn man kein zu Hause hat? Die Regierung hat 22 Milliarden Dollar bereitgestellt, um Millionen von indischen Obdachlosen zu helfen. Eine Wochenration für die armen Leute besteht aus 3 Kilogramm Linsen, einem Kilogramm Reis, Öl und Salz.

Aber Probleme mit Wohnraum und Nahrung haben in diesen Tagen hier auch Ausländer. Zehntausende Touristen aus der ganzen Welt, die sich an die indische Gastfreundschaft gewöhnt hatten, sahen sich einer Massenvertreibung aus Hotels gegenüber, die über Nacht geschlossen wurden. Russische Diplomaten bringen Kartoffeln, Wasser und Süßigkeiten zu den in Neu-Delhi gestrandeten Russen und warten darauf, die Landsleute zu evakuieren.

Die Zahl der Infizierten pro Million Einwohner ist in Indien heute eine der niedrigsten der Welt. Eine Version des Phänomens ist die soziale Schichtung. Die überwiegende Mehrheit der Fälle sind wohlhabende Inder, die aus dem Ausland kommen und keinen Kontakt zur normalen Bevölkerung haben. Eine andere Version ist das heiße Klima.

„Es wird behauptet, dass ein heißes und feuchtes Klima, wie in Indien, das Virus in der Außenwelt tötet und seine Ausbreitung verhindert. Natürlich hoffen das viele. Malaysia und Singapur, die ein ähnliches Klima wie Indien haben, weisen jedoch eine hohe Infektionsrate auf. Daher können wir noch nicht sagen, dass dieses Klimaphänomen Auswirkungen auf die Epidemie haben wird“, sagte Arvind Kumar, Direktor des Zentrums für Lungenkrankheiten in Indien.

Nach Angaben des Bürgermeisters der indischen Hauptstadt, kann es auf dem Höhepunkt der Epidemie in der Stadt im schlimmsten Fall bis zu 1.000 Neuinfektionen täglich geben. Ein ganzer Block leerstehender Neubauten wird nun eilig für die künftige Quarantäne vorbereitet. Und es geht nicht mehr um Bequemlichkeit. Die Hauptaufgabe der Behörden besteht darin, Kranke so zuverlässig wie möglich zu isolieren. Die Türen werden von außen verriegelt.

Auch die indische Eisenbahn bereitet sich vor und rüstet Wagons zu Quarantänekammern um. Und die indische Armee setzt Feldlazarette im ganzen Land ein. Die militärische Operation gegen Coronavirus hat den Namen Namaste, das heißt übersetzt „Grüß Euch“.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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