Jahrespressekonferenz: Putin über Multikulti und Mohamed-Karikaturen

In Russland gibt es die Probleme mit dem Islam nicht, wie es sie in Europa gibt. Das ist ein sehr komplexes, aber auch sehr interessantes Thema, denn in Russland ist die Sicht auf diese Dinge völlig anders, als man es aus Europa kennt. Wegen des Mordes an dem Lehrer in Frankreich wegen Mohamed-Karikaturen wurde Putin dazu von einem Journalisten eine Frage gestellt.

Das Thema Islam in Russland und wie sehr es sich von dem in Europa unterscheidet, ist so spannend, dass ich darüber vielleicht mal ein Buch schreibe. Denn man sieht darin die Antwort auf die Frage, warum es in Europa mit der Integration von Moslems auch in der dritten Generation noch Probleme gibt.

Im russischen Alltag gibt es keine Probleme zwischen Moslems und Christen, wie wir sie aus Deutschland oder Frankreich kennen. Der Grund ist, dass in Russland seit jeher alle Weltreligionen zu Hause sind und man in Russland in Jahrhunderten gelernt hat, friedlich miteinander zu leben. Regionen mit anderen Religionen wurden in den Jahrhunderten Teile Russlands und die Menschen dort haben Religionen, Traditionen und Kultur erhalten und leben friedlich mit zugewanderten Menschen aus anderen Teilen Russlands zusammen. Und wie selbstverständlich hält Putin nicht nur eine Ansprache für die Christen zu Weihnachten, sondern auch eine Ansprache zum Fastenbrechen der Moslems.

Moslems haben in vielen russischen Regionen, zum Beispiel in Tatarstan oder im Kaukasus, ihre traditionelle Heimat. Sie sind nicht wie in Europa von irgendwo eingewandert und fühlen sich auch in dritter Generation noch nicht in der neuen Heimat „angekommen“. Und wenn es in Russland zu islamistischen Terroranschlägen kommt, sind die Täter in der Regel nicht von Imamen in Russland radikalisiert worden, sondern von Predigern des Salafismus oder Wahhabismus.

In Russland sind Hassprediger verboten, ihnen drohen hohe Gefängnisstrafen, denn in Russland ist das Beleidigen anderer Religionen als Volksverhetzung strafbar. Entsprechend wären Karikaturen, wie die von Charlie Hebdo, in Russland genauso verboten, wie Hakenkreuze der Nazis. Damit will die russische Regierung verhindern, dass die Menschen im multi-religiösen und multi-ethnischen Russland aufeinander gehetzt werden können.

Die Mädels von Pussy Riot wurden seinerzeit nicht ins Gefängnis gesteckt, weil sie ein Lied gegen Putin gesungen haben, das wäre kein Problem gewesen. Das Problem war, dass sie es auf dem Altar einer Kirche getan haben, was die religiösen Gefühle der Christen beleidigt hat. Was sie gesungen haben, war egal, es ging um die Tatsache, dass man in Russland keine Religion beleidigen darf, indem man in einem Gotteshaus – egal welcher Religion – auf den Altar springt und da eine Show abzieht.

Entsprechend war in Russland niemand überrascht, als es aufrund der Karikaturen von Charlie Hebdo zu Terroranschlägen kam. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie fassungslos die Russen damals nach dem Anschlag auf die Redaktion waren. Und zwar nicht so sehr wegen des Anschlages, der hat kaum jemanden überrascht, sondern weil man im Westen ganz überrascht war deswegen. In Russland haben viele gesagt, das habe die Redaktion selbst provoziert und der Staat hat es billigend in Kauf genommen, wenn er solche Dinge überhaupt erlaubt.

Wie gesagt, das Thema ist komplex und vielleicht schreibe ich wirklich mal ein Buch darüber.

Auf der Jahrespressekonferenz wurde Putin zu den Terroranschlägen in Franreich befragt und ich habe die Frage und Putins Antwort komplett übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Yudanov: Igor Yudanov, Russia Today.

Wladimir Wladimirowitsch, in meiner Frage geht es um die Sicherheit, insbesondere um die terroristische Bedrohung. Russland hat stets alle Terrorakte verurteilt und verurteilt sie weiterhin, insbesondere diejenigen, die in Europa stattfinden, zum Beispiel in diesem Jahr, als Reaktion auf die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohamed. Gleichzeitig unterstützt Russland die Veröffentlichung dieser Karikaturen nicht.

Sagen Sie mir bitte, wo liegt Ihrer Meinung nach die Grenze zwischen der Meinungsfreiheit, die ein unveräußerliches Recht eines jeden Menschen ist, und der Beleidigung von Gläubigen? Und im Falle Russlands, für unser Land, sagen Sie uns bitte, was wir tun, um zu verhindern, dass wir dieses europäische Szenario bekommen?

Vielen Dank.

Wladimir Putin: Sehen Sie, wo ist die Grenze? Ich werde Ihnen nichts Neues erzählen, Igor. Was bedeutet die Grenze zwischen einer Freiheit und einer anderen Freiheit? Das ist doch bekannt. Wo die Freiheit eines anderen beginnt, da endet Ihre Freiheit. Das ist ein allgemeines Postulat. Und diejenigen, die gedankenlos handeln und die Rechte der Gläubigen, ihre Gefühle beleidigen, sollten immer daran denken, dass es eine Art Reaktion geben wird.

Andererseits darf diese Reaktion nicht aggressiv sein. In allen Religionen der Welt, einschließlich des Christentums, im Islam – ich habe vor kurzem aus den heiligen Schriften zitiert, aus dem Koran, aus der Bibel, aus der Tora, aus der heiligen Schrift der Buddhisten – in allen Religionen der Welt gibt es keinen Hinweis auf Aggression. Die Verletzung Ihrer Rechte, einschließlich der Rechte der Gläubigen, darf als Reaktion nicht haben, einem Menschen das Leben zu nehmen, was im Prinzip dem Geist aller Weltreligion widerspricht. Gott hat Leben gegeben, und nur der Herr kann es nehmen. Das sollte niemand vergessen.

Wie sieht Russland das? Sie haben gefragt: Was tun wir, um das zu verhindern? Wissen Sie, Russland ist ursprünglich als multi-religiöser Staat gebildet worden. Und bei uns hat sich eine gewisse Kultur der Beziehungen zwischen den Vertretern verschiedener Religionen und ethnischer Gruppen gebildet. Das ist ein äußerst wichtiges Vermächtnis, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben, das uns frühere Generationen weitergegeben haben.

In der Geschichte unseres Landes gab es eine Menge tragischer, schwerer, man kann sagen, schwarzer Seiten. Schauen Sie, die Deportation einiger Völker nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein heißes Thema, wir versuchen so wenig wie möglich darüber zu sprechen, aber trotzdem war es Teil unserer Geschichte. Ich werde keine Einschätzung dessen geben, was jetzt passiert ist. Es ist nur klar, dass Vertreter jener Völker, die einer solchen Repression ausgesetzt waren, die Besatzer mit Brot und Salz begrüßt haben, das gilt für Vertreter fast aller ethnischen Gruppen der Sowjetunion, wo sich die Besatzer befanden. Gab es das etwa nicht? Überall gab es Verräter. Und gleichzeitig gab es Menschen, die bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Blutstropfen, heldenhaft für die Interessen ihrer Heimat gekämpft haben, übrigens auch Vertreter jener Unterdrückten.

Aber warum erzähle ich das alles? Ich erzähle das, weil es keine Repression aus religiösen Gründen gab, das heißt, es ab Unterdrückung von Priestern durch die sowjetischen Behörden, aber sie betraf alle Priester, es gab keine selektive Verfolgung einer bestimmte Religion, das gab es in unserem Land nie, wissen Sie? Das ist äußerst wichtig. Worüber spreche ich? Es geht um die Tatsache, dass sich die Kultur der Beziehungen zwischen Vertretern verschiedener Religionen und übrigens nicht nur Religionen, sondern auch Atheisten, in unserem Land seit Jahrhunderten entwickelt hat. Und daher lässt hier Gott sei Dank niemand solche beleidigenden Angriffe auf Vertreter bestimmter Konfessionen zu. Ich hoffe darauf und bitte Sie alle darum, dass dies nie geschehen darf, weil das unser Land von innen heraus zerstören würde. Wir können uns das nicht leisten.

Und bei dem, was in einigen europäischen Ländern los ist, wissen Sie, worum es da geht? In einigen europäischen Ländern machen Vertreter des Islam etwa 10 Prozent der lokalen Bevölkerung aus. Und sie sind in der Regel Migranten oder Migranten in der zweiten, dritten Generation. Aber wir haben Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen, die in ihrem eigenen Land leben, die haben keine andere Heimat. Das ist ein sehr wichtiges Unterscheidungsmerkmal dafür, wie sich die Beziehungen zwischen Vertretern der Konfessionen in unserem Land und beispielsweise in den europäischen Ländern entwickelt haben und weiterhin entwickeln. Deshalb ist dort das Projekt des Multikulturalismus gescheitert, es ist zusammengebrochen, was viele, die dieses Projekt und seine Umsetzung gefordert haben, zugeben mussten. Sie haben zugegeben, dass es zerbrochen ist. Aber bei uns hat es sich seit Jahrhunderten von ganz alleine entwickelt, und das ist uns sehr wertvoll.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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