Ohne Panikmache: Wie das russische Fernsehen über Corona, Influenza und neue Impfstoffe berichtet

Im russischen Fernsehen gab es am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ eine lange Reportage über die Corona-Lage und Corona-Impfstoffe. Und wieder klingt der russische Bericht völlig anders, als wir es aus Deutschland gewohnt sind.

Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass die russischen Berichte über Corona ganz anders sind, als im Westen. In Russland wird sachlich vor dem Virus gewarnt, aber es fehlt die Panikmache der westlichen Medien. Auch „Maskenverweigerer“ kommen zu Wort, ohne dass ein Moderator sie als gefährliche Zeitgenossen bezeichnet und den Zuschauern erklärt, was sie zu denken haben. Das zeigt sich auch in diesem Bericht wieder.

Gleichzeitig wird vor dem Virus gewarnt, aber es läuft sachlich ab. Auch über die steigende Zahl der Infektionen wird berichtet, aber es wird daneben gestellt, dass es derzeit keinen Anstieg der schweren Fälle der Erkrankungen gibt.

Eine gewisse Schadenfreude des russischen Moderators kann man heraushören, als er über die Probleme beim Test des westlichen Impfstoffs der Firma AstraZeneca spricht. Für die westlichen Medien war das kein großes Problem, aber man stelle sich nur einmal vor, das wäre beim Test des russischen Impfstoffs passiert. Obwohl beim Test des russischen Impfstoffs alles ohne Probleme läuft, veranstalten die westlichen Medien eine Kampagne gegen den russischen Impfstoff.

Hinzu kommt, dass AstraZenica, im Gegensatz zu den Russen, seinen Vektor-Impfstoff nicht mit menschlichen Adenoviren erstellt hat, sondern mit Adenoviren von Affen, was im Westen gar nicht thematisiert wurde.

Um die Unterschiede der Berichterstattung in West und Ost zu zeigen, habe ich den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Corona ist nicht verschwunden, aber nun erheben sich saisonale Viren

In Russland hält sich die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus seit einer Woche bei über 5.000. Seit Anfang September ist die Zahl der Infizierten gestiegen. Nicht kritisch, aber trotzdem. Und obwohl Russland im Vergleich zu Europa – und vor allem zu Amerika – viel besser aussieht, sollten sich die Menschen bei uns fragen, ob sie trotzig Masken weglassen, sich die Hände geben und die Distanz nicht einhalten sollen, schließlich sind alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektion bekannt. Und der russische Staat hat wahrscheinlich mehr getan, als jeder andere auf der Welt, um sicherzustellen, dass wir nicht krank werden und sollten wir doch krank werden, dass wir wieder gesund werden. Die Krankenhäuser sind gebaut und ausgestattet, Ärzte und Sanitäter sind ausgebildet und werden unterstützt, Medikamente wurden entwickelt und auch der weltweit erste Impfstoff. Die erste Impfcharge von „Sputnik V“ wurde in den zivilen Umlauf geschickt.

Währenddessen scheint der viel beworbene Oxford-Impfstoff der Firma AstraZeneca „gestolpert“ zu sein. Jedenfalls wurde offiziell die Aussetzung der klinischer Studien aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen verkündet. Bei einem der Geimpften kam es zu einer Entzündung des Rückenmarks, einer transsalen Myelitis. Das war eigentlich zu erwarten, weil der Impfstoff auf der Plattform eines Affen-Adenovirus, nicht auf einem menschlichen Adenovirus, hergestellt wird. So stellte sich heraus, dass Oxford eher einen Affenimpfstoff entwickelt.

Ich kann mir vorstellen, was passiert wäre, wenn das in Russland geschehen wäre. Die westlichen Medien hätten uns an die Wand geklatscht. Dafür haben die russischen Karikaturisten jetzt ein gutes Thema, zumal Amerika so auf den Impfstoff von AstraZeneca gesetzt hat. Am 12. September wurde berichtet, dass die Tests des Oxford-Impfstoffs wieder aufgenommen werden konnten. Die ganze Welt soll den Versprechen glauben, dass die Komplikation nichts mit dem Impfstoff zu tun hat. Stellen Sie sich genau die gleiche Geschichte vor, aber mit Russland. Sei es wie es ist, aber Länder mit weniger Russophobie haben nun einen Vorteil.

Der russische Direktinvestitionsfond gab eine Vereinbarung mit Mexiko bekannt, 32 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs über die Firma Landsteiner Scientific zu liefern. Immerhin: 32 Millionen Dosen reichen für ein Viertel der mexikanischen Bevölkerung.

Wie kommt Russland mit dem Coronavirus klar, wie wird behandelt und wie wird geimpft? Darüber berichtet unsere Kollegin.

Es ist noch Sommer in Südrussland. Hier versteckt man sich vor der Hitze, nicht vor dem Coronavirus. In Rostow wächst die Welle, jeden Tag gibt es 150 neue Infizierte. Das sind mehr, als bisher von der Infektion genesen sind.

„Es ist schwer, mit der Maske zu atmen“, sagt dieser junge Mann ohne Maske.

„Ja, mit der Maske zu atmen, ist schwer, aber am Beatmungsgerät ist es noch schwerer“, sagt diese Frau mit Maske.

Bei den Neuinfektionen steht Russland mit fast 5.500 neuen Fällen pro Tag auf dem weltweit vierten Platz. Vor einer Woche waren es weniger als 5.000. Amerika führt die Liste mit großem Abstand an. An zweiter Stelle ist Indien, dann kommt Brasilien. Europa reagiert schmerzlich auf COVID.

„In Paris geht ohne Maske nichts. Die Strafen sind hoch. Die Türkei hat – wie Spanien und Italien – restriktive Maßnahmen eingeführt. Das ist die Nachlässigkeit der Bürger, die sich nach der langen Zeit der Isolierung ausgetobt haben“, sagte Nikolai Briko, Leiter der Abteilung für Epidemiologie an der Sechenov-Universität und Chefepidemiologe des russischen Gesundheitsministeriums.

Luxushotels in Paris stehen leer. Die schnell wachsenden Zahlen schrecken Gäste ab, sie stornieren die Reservierung. Restaurants haben verkürzte Öffnungszeiten. Handelsketten entlassen Mitarbeiter. Aber die Virologen meinen, das sei nicht genug, denn es gibt schon zehntausend Infektionen pro Tag.

„Das Personal hat große Angst vor einer möglichen zweiten Welle und massenhaften Krankenhauseinlieferungen. Es hat sich noch nicht von der ersten Welle erholt, es hatte keine Zeit, sich auszuruhen und zu erholen“, sagte Claudia Chatel, Ärztin am Pasteur Hospital in Colmar.

Mehr als sechs Personen dürfen sich in Großbritannien nicht versammeln, jetzt hat jeder bei einer Einladung Angst, der siebte zu sein.

In Israel hat man sich auf die Zahl zehn festgelegt. Für den elften Gast gibt es eine Geldstrafe. 40 Siedlungen werden als „rot“ bezeichnet, haben also eine hohe Infektionsrate. An den Zufahrten zu den großen Städten sind Straßensperren und Polizei, von 19 Uhr bis 6 Uhr gilt zwar keine Ausgangssperre, aber etwas Ähnliches.

„Für das Nicht-Tragen von Masken wird eine Geldstrafe von 500 Schekel verhängt. Das ist sehr viel Geld. Das zweite ist die Begrenzung der Anzahl der Menschen, die zusammenkommen dürfen, da droht eine Geldstrafe von 1.000 Schekel. Institutionen, die geschlossen sein sollen, aber offen sind, bekommen eine Geldstrafe von 2.000 Schekel“, sagte einer der Polizisten.

500 Schekel sind 10.000 Rubel (Anm. d. Übers.: Etwas über 110 Euro). Disziplin hat einen hohen Preis. Aber der Preis eines Lebens ist noch höher. In den letzten 24 Stunden hat sich in Israel eine Rekordzahl seit Beginn der Epidemie infiziert: mehr als 4.000. Die Krankenhäuser kommen bisher damit klar.

„Die Situation ist stabil, wir haben genug Plätze zur Behandlung von Corona-Infizierten“, sagt der Chefarzt eines Krankenhauses.

Israels Kabinett hat eine harte zweiwöchige Quarantäne beschlossen. Restaurants dürfen Essen nur ausliefern. Vom Haus darf man sich nicht mehr als 500 Meter entfernen. Um sicherzustellen, dass das Leben nicht völlig zum Stillstand kommt, verhandelt das Land über die Lieferung des russischen Impfstoffs gegen das Coronavirus.

„Wir in Isreal sind auch daran interessiert, an der dritten Testphase teilzunehmen. Wir würden uns sehr freuen, wenn unsere Kollegen in Russland positiv darauf reagieren. Wir haben einen gemeinsamen Feind, gemeinsame Interessen, ich denke, dies ist der Moment, in dem die ganze Welt zusammenarbeiten und sich vereinen sollte“, sagte Professorin Polina Stepenski.

Die dritte Phase der klinischen Tests des Gamale-Impfstoffs ist in Moskau bereits im Gange. Um 7 Uhr morgens beginnen die Kliniken der Hauptstadt, Freiwillige zu empfangen. Ihr Blut wird auf HIV, Hepatitis, Syphilis, Antikörper gegen Coronavirus, Schwangerschaft, das Coronavirus und Drogen getestet, alle Ergebnisse müssen negativ sein. Der Arzt misst die Temperatur und den Blutdruck und fällt sein medizinisches Urteil: Impfen oder ablehnen. Die ganze Prüfung dauert eine halbe Stunde.

Jetzt kann man sie nicht mehr Allgemeinärzte nennen. Allgemeinärzte sind zu Forschern geworden. Sie müssen jeden geimpften Patienten 180 Tage lang begleiten.

„Jeder Patient bekommt eine Nummer und wird beobachtet“, sagt eine Ärztin.

Der Impfstoff wird bei minus 30 Grad gelagert, ihn aufzutauen dauert zehn Minuten.

Er arbeitet an künstlicher Intelligenz und schreibt Programme für Roboter. Immunität zu programmieren und das Virus zu bekämpfen ist nur auf die altbewährte Weise möglich, mit der Einführung eines Impfstoffs. „Das Schlimmste ist, seine Verwandten, seine älteren Verwandten und Eltern zu infizieren. Die einzige zuverlässige Option, eine Infektion mit dem Coronavirus zu vermeiden, ist die Impfung“, sagte Maxim Kusnezow, ein Teilnehmer der dritten Phase der Studie.

Die Impfdosen werden per Helikopter geliefert und mit Krankenwagen verteilt. Es gibt nicht mehr viele Corona-Krankenhäuser in der Hauptstadt, es sind einfach zu wenige Patienten. Im 15. Moskauer Krankenhaus werden nach wie vor Patienten mit Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion aufgenommen. Das ist nicht mehr die Frequenz, die es zu Spitzenzeiten war, als täglich 300 Patienten gebracht wurden. Heute sind es 100 bis 130 Menschen.

Bis vor kurzem wurden hierher nur Patienten mit Coronavirus gebracht, jetzt kommen sie auch mit Fieber. Tests, CT-Scans – im Krankenhaus klären die Ärzte, ob eine Person mit dem Virus infiziert ist oder nicht.

„Wir stellen eine Expressdiagnose für das Influenzavirus und für das Coronavirus. Ein Patient mit einem bestätigten Coronavirus geht in die spezielle Abteilung. Wenn beim Patient Corona nicht bestätigt wird, ist es eine andere Geschichte, dann kommt er in ein anderes Gebäude“, erklärte der Chefarzt des 15. Krankenhauses Valery Vechorko.

Diese Gebäude, wo vorher Corona-Infizierte behandelt wurden, wurde desinfiziert. Jetzt liegen hier Patienten mit einem negativen Coronavirus-Test. Die Ärzte sind, wie zuvor – in Schutzanzügen -, denn das Virus kann mit Verspätung entdeckt werden.

Als die Temperatur stieg, fürchtete diese Frau um sich und ihre drei Kinder. Sie hatte Schwierigkeiten beim Atmen, war schwach. Trotz der besorgniserregenden Symptome hatte sie einen negativen PCR-Test.

„Früher hätte ich auf die 39 Grad wohl nicht reagiert, eine Tabletten genommen und mich schlafen gelegt. Aber hier arbeitet wohl der Selbsterhaltungsinstinkt und Du rufst den Notarzt“, sagte sie.

Von diesem Gebäude geht es in die „rote Zone“ durch einen langen Übergang, durch die Sanitärbarriere mit obligatorischer Desinfektions-Behandlung. Die Patienten-Ströme werden getrennt, so dass die Infektion nicht durchdringen kann. Die Abteilung hat bereits freie Zimmer, die Reserve. Heute werden 1.300 Patienten im 15. Krankenhaus behandelt. Ende April waren es 1.700.

„Als ich krank wurde, habe ich begriffen, dass es nicht so leicht wird, wie man es sich wünscht. Nicht stehen, sitzen oder liegen zu können, war keine schöne Erfahrung“, sagte dieser Patient.

„Das Coronavirus ist wirklich da. Er ist nirgendwohin verschwunden. Die Realität ist, dass es bleiben wird. Wie viel Arbeit wir arbeiten werden, weiß nur Gott. Zusammen mit dem Herbst kommn unsere üblichen Herbst-Winter-Saisonkrankheiten zu uns: das Influenza-Virus“, sagte Valery Vechorko.

Saisonale Viren schauen bereits hervor. Das Wachstum der Erkältungen ist in dieser Jahreszeit normal.

„Im Moment sind Rhinoviren und Rotoviren am relevantesten. Statistiker haben errechnet, dass wir 7 Jahre unseres Leben mit Schnupfen verbringen, aber nur sechs Jahre mit Essen. Und die schwierigsten Hieroglyphen in der chinesischen Schrift stehen für verstopfte Nase“, sagte Alexander Gorelov, stellvertretender Direktor des Zentralen Forschungsinstituts für Epidemiologie beim russischen Verbraucherschutzamt.

Die Besonderheit dieser Saison, sagen Virologen, ist, dass drei neue Grippestämme kommen werden – sie sind unbekannt und unerforscht. Es ist nicht klar, wie sie mit dem Coronavirus interagieren werden. Die Infektionen können sich gegenseitig verstärken. Impfungen können vor einem schweren Verlauf der Krankheit schützen.

„Es wurde ein spezielles Informationssystem geschaffen, das Daten über Impfstofftests enthält. Daher garantiert der Staat die Qualität des Impfstoffs, der in den zivilen Verkehr gelangt“, sagte Gesundheitsminister Michail Murashko.

Kinder dürfen mit diesem Impfstoff noch nicht geimpft werden. Er muss noch weiter erforscht werden. Sie bekommen ihn frühestens in sechs Monaten.

„Gerade hat die Schule angefangen und gerade erst haben die Kinder die Erlebnisse der Ferien ausgetauscht und schon mussten wir wieder in den Distanzunterricht“, sagte diese Lehrerin.

Nach den neuen Regeln des Verbraucherschutzamts wird als vorbeugende Maßnahme die ganze Klasse nach Hause geschickt, wenn ein Kind krank wird.

„Die strikte Einhaltung der Regeln für die persönliche Hygiene ist eine Garantie dafür, dass man sich nicht mit dem Coronavirus infiziert“, sagte Alexander Gorelov.

„Wenn alles wieder mehr oder weniger in Ordnung ist, wird das alles schnell vergessen. Das sieht man in der Stadt, wenn man in die U-Bahn geht. Früher haben fast alle eine Maske getragen, heute ist es umgekehrt“ sagte Valery Vechorko

Im Norden Russlands hat schon der echte Herbst angefangen. Es gibt halb so viele Infektionen, wie im Süden. Aber auch hier können wir nicht von einer viralen Beruhigung sprechen. Wo man sich vor der Kälte verstecken kann, gibt es kein Versteck vor dem Coronavirus. Daher erinnern Wachleute beim Betreten dieses Einkaufszentrums daran, die Masken zu tragen.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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