Putin im O-Ton über die Wirtschaftssanktionen und ihre Folgen

Anlässlich des 20. Jubiläums von Putins Amtsantritt hat der russische Präsident der TASS ein langes Interview gegeben, von dem ich Teile übersetze. Dieses Mal geht es um die Wirtschaftssanktionen.

Ich habe aus dem Interview schon Fragen zur Wirtschaft und zu Chodorkowski und auch über das russische Verhältnis zur Ukraine übersetzt. Heute übersetze ich einen dritten Teil des Interviews, in dem es um die Wirtschaftssanktionen und ihre Folgen geht.

Beginn der Übersetzung:

Vandenko: Wir sind wegen der Ukraine sanktioniert worden.

Wladimir Putin: Drauf gespuckt auf diese Sanktionen. (Anm. d. Übers.: „Drauf gespuckt“ ist im Russischen ein umgangssprachlicher, aber nicht unanständiger Ausdruck, den man auf Deutsch mit „völlig egal“, oder auch mit „scheiß drauf“, oder noch anderen sinngemäßen Formulierungen übersetzen kann.) Nach verschiedenen Schätzungen haben wir etwa 50 Milliarden verloren, aber wir haben den gleichen Betrag auch an anderer Stelle verdient.

Vandenko: Das ist nicht wenig.

Wladimir Putin: Es ist eine Menge, aber die Sanktionen haben uns gezwungen, unsere Gehirne einzuschalten. Wir haben ziemlich viel Geld für die so genannte Importsubstitution ausgegeben und begonnen, solche Produkte und Technologien herzustellen, die wir vorher nicht hatten, oder die wir mal hatten, aber dann vergessen und verloren haben. Und das kommt uns zugute, es diversifiziert unsere Wirtschaft. Tatsächlich hat es uns geholfen, unser Schlüsselproblem zu lösen. (Anm. d. Übers.: Der Westen hat Russland immer vorgeworfen, dass seine Wirtschaft zu stark von Öl und Gas abhängig ist. Ironie des Schicksals ist es, dass ausgerechnet die westlichen Wirtschaftssanktionen der Impuls waren, den Russland brauchte, um diese Abhängigkeit abzubauen und andere Industrien zu entwickeln.)

Vandenko: Aber die Gegensanktionen wurden wahrgenommen, wissen Sie… wie eine Bombardierung von Woronesch (Anm. d. Übers.: Stadt in Russland, die Formulierung könnte also übersetzt werden mit „sich selbst ins Knie geschossen“)

Anm. d. Übers.: Die Gegensanktionen hat Russland 2014 als Reaktion auf die Sanktionen des Westens verhängt und zum Beispiel den Import von Lebensmitteln aus der EU verboten. Das war eine in Russland ausgesprochen unpopuläre Sache, denn die Russen haben zum Beispiel europäische Käse geliebt und ich erinnere mich an die Diskussionen im Freundeskreis 2014, als alle sich beschwert haben, dass es keinen Schimmel- oder Parmesankäse mehr zu kaufen gab. Inzwischen ist das vergessen und russische Hersteller haben sich Profis aus Europa geholt und stellen inzwischen selber hervorragende Käse her

Wladimir Putin: Das ist alles Unsinn. Die Gegensanktionen haben uns geholfen, unsere Landwirtschaft zu entwickeln. Sie haben unseren heimischen Markt frei gemacht für unsere eigenen Produzenten. Wenn wir über vergangene Jahre sprechen, beginnend in den 2000er Jahren und so weiter, haben wir über die Landwirtschaft immer wie über ein schwarzes Loch gesprochen, Sie erinnern sich wahrscheinlich daran. Was für ein Loch ist sie heute? Ich weiß jetzt gar nicht mehr, um das wie viel fache die Produktion der Landwirtschaft gewachsen ist. Ich glaube, sie ist um das 2,6-fache gewachsen. Wir waren immer Käufer von Getreide, jetzt sind wir der größte Weizenexporteur der Welt. Sogar die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien haben wir überholt. Sie produzieren mehr, verbrauchen aber auch mehr. Und wir liefern mehr auf den internationalen Markt.

Das bedeutet, dass wir angefangen haben, uns selbst mit Grundnahrungsmittel zu versorgen. Milch, Geflügel und Schweinefleisch, alle Grundnahrungsmittel. Ja, es gibt noch viel zu tun bei Gemüse, bei Rindfleisch liegt noch Arbeit vor uns. Aber wir tun es. Niemand hätte sich früher vorstellen können, dass wir 2019 Lebensmittel für 25 Milliarden Dollar exportieren würden. Ich denke, dass es in diesem Jahr 24 Milliarden sein werden. Wir verkaufen nur für 15 Milliarden Dollar Waffen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass wir ein so großer Exporteur werden könnten. Und es wird noch mehr werden.

Aus dieser Sicht und in Bezug auf die Entwicklung und Produktion von High-Tech-Produkten, haben die Importsubstitutionen sehr geholfen, auch bei der Entwicklung der Landwirtschaft. Ist das gut oder schlecht? Nun, aus diesem Blickwinkel, war das gut für uns. Anderes war schlecht. Es ist schlimm, dass damit die gesamte Wirtschaftswelt und der europäische Raum erschüttert wurde. Das ist schlecht. Und Wettbewerb sollte natürlich sein, ohne äußere Einschränkungen. Tatsache ist aber, dass auch unsere Partner ungefähr den gleichen Betrag verloren haben und verlieren. Europa hat nach eigenen Schätzungen etwa den gleichen Betrag verloren. Sie verlieren sogar noch sensiblere Dinge. (Anm. d. Übers.: Putin spielt darauf an, dass europäische Technologie-Firmen den russischen Markt wahrscheinlich dauerhaft verloren haben. Denn während europäische Firmen wegen der Sanktionen ihre Verträge mit Russland nicht erfüllen konnten, hat Russland sich neue Lieferanten gesucht und kauft die Produkte nun in Asien – vor allem in China – ein. Selbst wenn die Sanktionen morgen abgeschafft werden, dürften viele russische Firmen zögern, europäischen Firmen Aufträge zu geben, weil sie nicht sicher sein können, ob geschlossene Verträge morgen wieder wegen irgendwelcher Sanktionen nicht erfüllt werden. Die europäische Wirtschaft hat durch die Sanktionen in Russland sehr viel Vertrauen eingebüßt)

Vandenko: Aber es gibt 40 Länder in Europa und wir haben sie verloren.

Wladimir Putin: Verstehen Sie, sie verlieren Arbeitsplätze. Wir haben derzeit die niedrigste Arbeitslosigkeit in unserer Geschichte. Wir haben in dieser Hinsicht nichts verloren. Aber sie verlieren Arbeitsplätze. Denn die Importe sind drastisch zurückgegangen. Aus einer Reihe von Gründen. Einschließlich der Sanktionen.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Über die Sanktionen und Putins Aussagen dazu im Laufe der Jahre gibt es in dem Buch ein eigenes Kapitel.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

6 Gedanken zu „Putin im O-Ton über die Wirtschaftssanktionen und ihre Folgen“

  1. Putin hat solche Äußerungen schon relativ zeitig getan und sich ja auch in öffentlichen Veranstaltungen den Fragen der Menschen in Russland geäußert.
    Russland hat Bodenschätze aller Art und es stimmt ja, dass es bequem war, die „nur“ verkaufen zu müssen……damit hatte sich das Land aber tatsächlich keinen Gefallen getan weil es die Industrie & Produktion stiefmütterlich behandelt hat.
    In Russland leben ja keine dümmeren Menschen als z.B. bei uns?
    Wir haben keine Bodenschätze, haben die Produktion ins Ausland verlagert und sind dazu noch eine Dienstleistungswüste…..was bleibt uns im Gegensatz zu Russland?
    Wenn Putin die Situation weiter so klug managt kann es in Russland steil bergauf gehen – also ziemlich viel richtig gemacht.

  2. Was mit Russland seit den 2000´ern passsierte, wird auch in Europa passieren.
    Europa hat – dank Corona – sich selber sanktioniert!
    Wieviel Dreck und Mist gibt es denn bis heute in den überfüllten Regalen, Dreck den keiner braucht, aber einige meinen, es verkaufen zu müssen.

    In Europa wird es viele Firmen und Familien betreffen.
    In Europa werden Firmen ihre eingelatschten Wege verlassen müssen, um weiter zu produzieren oder neu anzufangen. Neue Partner werden notwendig und es werden nicht nur „billige Preise“, sondern wieder Qualität hergestellt und gefordert.

    In den Familien wird sich dann auch plötzlich auf andere Dinge konzentriert, als nur Theater, Disco oder shoppen.
    Es werden die eigenen Werte und Wertmaßstäbe neu geordnet oder sie müssen komplett über den Haufen geworfen werden.
    Wer in Hamsterkäufen verfallen war, wird ggf. das Kleine und schon immer vorhandene schätzen lernen.
    Zeit mit der Familie z.B., das Unkraut vor der Haustür, die Fliege an der Wand…

    Doch die meisten werden nichts daraus lernen, sich die ganze Zeit auf die Nerven gehen und sich nur selber sehen und bemitleiden.

    1. Es wär schön, wenn sich etwas ändert. Aber ich glaube es nicht! Die Politik und ihre Medien werden dann wieder eine neue Sau durchs Dorf treiben, um von der Krise abzulenken. Und nach einer kurzen Zeit wird alles wieder so sein wie vorher. Einige Staaten werden sich vielleicht an die fehlende Solidarität der EU erinnern und vielleicht ihre Schlüsse ziehen. Oder Sie werden wieder mit Geld ruhig gestellt. Ein Mensch ist dumm, viele Menschen sind dümmer!
      Für mich ist interessant, wie z. B. die USA aus dieser Krise herauskommen, da die immer noch ein wichtiger Faktor in der Weltwirtschaft sind und andere, wie die EU, davon abhängig sind. Platzt die Fracking Blase? Hunderte von Milliarden an Krediten könnten den Bach runtergehen. Die enorme Schuldenlast der Amis ist nicht dazu angetan, grosse Hoffnungen zu hegen, dass alles gut wird. Trumps Präsidentschaft explodiert, da diese auf positive wirtschaftliche Erfolge ausgerichtet ist. Dieser Biden wird noch wegen seiner Ukraine Korruption auffliegen und dann wird es spannend, was dann passiert.
      Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird nicht so schnell zu Ende sein, da uns die Stellschrauben fehlen, an denen wir drehen könnten, um die Krise abzufedern. Diese Stellschrauben sind nach der letzten Krise nicht wieder zurück gedreht worden. Somit haben wir uns jetzt ins eigene Knie geschossen. Das könnte sich noch rächen.

    2. „Was mit Russland seit den 2000´ern passsierte, wird auch in Europa passieren.“
      Das geht aber nur mit einer Regierung wie die in Russland.

      Und bevor wir unsere NATO-US-Führung ersetzen wird es so richtig knallen, denn die werden „uns“ nicht freiwillig abgeben.

    3. Wir kaufen lieber teures, dreckiges Fracking-Gas wenn die USA das fordern als unsere eigenen Interessen zu beachten. Das ist die Gegenwat. Und das ist die Zukunft, denn ein Umdenken oder eine Entwickliung hin zu mehr Souveränität und Eigenständigkeit wird es nur mit Gewalt geben.

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