Unbezahlbarer Krieg: Warum Saudi-Arabien einen Weg sucht, den Jemen zu verlassen

Im Jemen hat Saudi-Arabien eine einseitige Waffenruhe verkündet und dies mit humanitären Gründen wegen der Corona-Pandemie erklärt. Humanitäre Fragen haben für die Saudis in dem Krieg aber nie eine Rolle gespielt. Was also sind die wahren Gründe für den einseitigen Waffenstillstand?

Die Verkündung des einseitigen Waffenstillstandes im Jemen war den deutschen Medien nur kurze Meldungen wert und auch ich habe darüber bisher nicht geschrieben, weil ich mir keinen wirklichen Reim darauf machen konnte, warum Saudi-Arabien sich in dem Krieg nun plötzlich auf humanitäre Gründe beruft. Dabei ist es gar nicht so schwer, die Antwort zu finden und es ärgert mich ein wenig, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin.

Gefunden habe ich die wahrscheinliche Erklärung für den Kurswechsel der Saudis in einer Analyse der russischen Nachrichtenagentur TASS. Da ich mich nicht mit fremden Federn schmücken möchte, habe ich die Analyse übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Das Coronavirus und niedrige Ölpreise könnten Riad zwingen, seine Politik in der Region zu ändern.

Während seiner fünfjährigen Beteiligung am Jemen-Konflikt hat Saudi-Arabien wiederholt vorübergehende Waffenstillstände angekündigt. Aber die aktuelle Situation könnte der Versuch von Riad sein, seine Streitkräfte im Jemen zu reduzieren oder sogar zu versuchen, den verlustreichen Krieg zu verlassen.

Vergangene Woche verkündeten Saudi-Arabien und seine Verbündeten der arabischen Koalition eine zweiwöchige Waffenruhe im Jemen. Laut Riad steht diese Entscheidung im Zusammenhang mit Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des neuen Coronavirus. Im Jemen wurde kürzlich der erste Fall einer COVID-19-Infektion gemeldet. Experten und Vertreter internationaler Organisationen haben wiederholt davor gewarnt, dass der Ausbruch der Epidemie in diesem Land in einer Katastrophe enden könnte.

Die Koalition erklärte auch, dass die vorübergehende Waffenruhe der Beginn von Verhandlungen zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten Regierung und den Rebellen der Bewegung „Ansar Allah“ sein könnten, die in Jemens Hauptstadt Sanaa sitzen. Der Waffenstillstand kann verlängert werden, damit die Konfliktparteien die Vorschläge der Vereinten Nationen für eine politische Lösung im Land erörtern können. Auf den ersten Blick sieht Riads Entscheidung wie eine humane Geste aus, die zeigt, dass das Königreich auf die Aufrufe der UN reagiert. Der Leiter der Organisation, Antonio Guterres, forderte kürzlich die Einstellung der militärischen Feindseligkeiten auf der ganzen Welt, um gemeinsam gegen die Pandemie zu kämpfen.

Der Jemen leidet seit Jahren unter Hungersnot, Cholera-Epidemien und Medikamentenmangel. Mehr als 100.000 Menschen sind in fünf Jahren Krieg mit Saudi-Arabien in dem Land ums Leben gekommen. All das war für Riad bisher aber kein Grund, den Krieg zu beenden. Was also hat sich jetzt geändert?

Was im Jemen vor sich geht

Saudi-Arabien trat in den Jemen-Konflikt ein, nachdem schiitische Houthi-Rebellen 2014 die international anerkannte Regierung des Landes gestürzt hatten.

Riad ist überzeugt, dass die Bewegung „Ansar Allah“ (Houthi-Rebellen) aus dem Iran unterstützt wird, der angeblich einen hybriden Krieg in der Region entfesseln will. Die Intervention des Königreichs verschärfte die Konfrontation im Jemen nur noch und machte sie noch zerstörerischer. Riads Operation, genannt „Determined Storm“, wurde von Bahrain, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt. Ihnen schlossen sich Ägypten, Jordanien, Marokko, Pakistan und der Sudan

In den frühen Stadien des Krieges halfen saudische Luftangriffe den Regierungstruppen, die Rebellen zu bekämpfen, sie konnten sie aber nicht aus der Hauptstadt vertreiben. Saudi-Arabiens wichtigster Verbündeter in der Koalition, die Vereinigten Arabischen Emirate, haben im letzten Jahr die weitere Teilnahme an den Kampfhandlungen verweigert. Außerdem haben die Houthi-Rebellen begonnen, Raketen auf das Königreich abzufeuern und seine Öl-Objekte anzugreifen.

Ein dekorativer Waffenstillstand

Saudi-Arabiens Entscheidung, die Feindseligkeiten in der Region auszusetzen, bedeutet nicht, dass Frieden im Jemen einkehren wird. Im Gegenteil. Ohne internationale Unterstützung werden die Regierungstruppen zu einem leichteren Ziel für die Rebellen, die bereits in die Offensive gegangen sind.

Wie die saudische Zeitung Al Riyadh letzte Woche berichtete,startete die Ansar-Allah-Bewegung, nachdem die Waffenruhe verkündet worden ist, Raketenangriffe auf die Städte Marib und Hodeida und versuchte auch, ein Militärlager in der Provinz Al-Jawf zurückzuerobern. Die Kontrolle über die Stadt Marib, einem Zentrum der Öl-Industrie, gibt den Houthis nicht nur Zugang zu wertvollen Ressourcen, sondern wäre ein großer strategischer Verlust für die Regierungstruppen und die Stämme, die sie unterstützen. Von der Stadt aus starten Flugzeuge für Luftschläge.

Gleichzeitig spricht „Ansar Allah“ davon, sich an die Waffenruhe halten zu wollen, besteht aber auf dem Abzug aller ausländischen Truppen aus dem Jemen. Die Kriegsziele der Rebellen ändern sich ständig, aber offensichtlich wollen sie zumindest Teil der Regierungskoalition werden und wahrscheinlich fordern sie die Kontrolle über den Norden des Landes, einschließlich Sanaa.

Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte Süden besteht auf eine Unabhängigkeit der südlichen Landesteile. Im Gegenzug wollen Kräfte, die der pro-saudischen Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansour Hadi loyal gegenüberstehen, dass ihr Führer als Chef eines vereinten Jemen an die Macht zurückkehrt. Die Situation wird durch die in der Region aktiven Terroristen von Al-Qaida und IS, sowie unterschiedliche bewaffnete Stämme noch verkompliziert. Es ist fast unmöglich, einen echten Waffenstillstand zwischen allen Kriegsparteien zu erreichen.

Englischer Abschied

(Anm. d. Über.: Auf russisch spricht man von einem „englischen Abschied“, wenn jemand heimlich eine Party verlässt, ohne sich zu verabschieden)

Als Saudi-Arabien 2015 die Operation im Jemen begann, setzte es auf einen schnellen und siegreichen Krieg. Riad hatte nicht erwartet, dass er sich über Jahre hinziehen und das internationale Image des Königreichs ernsthaft beeinträchtigen würde. Journalisten und Menschenrechtsaktivisten haben auf die zerstörerischen Methoden der Saudis in dem Krieg hingewiesen. Das gilt auch für den Tod von Zivilisten durch chaotische Luftangriffe sowie die Seeblockade des Jemen, die einige Regionen des Landes vom Zugang zu Medikamenten und lebensnotwendigen Versorgungsgütern abgeschnitten hat.

„Wie die Emirate möchten die Saudis verkünden, dass „dieser Krieg für uns vorbei ist“, sagte ein westlicher Beamter, der mit Riads Plänen in der Region vertraut ist, der Nachrichtenagentur AFP. „Aber die Situation vor Ort ist sehr schwierig.“

Wenn Saudi-Arabien den Krieg jetzt beendet, würde das bedeuten, dass das Königreich Milliarden von Dollar und das Leben seiner Soldaten umsonst verschwendet hat. Der Ausweg aus der Sackgasse könnte einen Vereinbarung mit den Houthis sein. Dass es einen inoffiziellen Kommunikationskanal zwischen den Parteien gibt, wurde bereits im November 2019 gemeldet.

Das Königreich wird nicht in der Lage sein, den Krieg unter den gegenwärtigen Bedingungen fortzusetzen. Der weltweite Rückgang der Nachfrage nach Öl aufgrund des Coronavirus hat den Haushalt des Landes schwer getroffen. Darüber hinaus verlassen inmitten der Pandemie die Mitarbeiter des britischen Rüstungsunternehmens BAE Systems, die saudische Bomber gewartet haben, das Land. Das hat die Fähigkeit, die Luftangriffe fortzusetzen, drastisch verringert.

Nicht tragbare Kosten

Die wirtschaftlichen Herausforderungen verzögern Saudi-Arabiens Pläne zur Modernisierung des Landes. Die Liquiditätslücke stellt die Umsetzung des Programms Vision 2030 von Kronprinz Mohammed bin Salman in Frage. Es geht um die Diversifizierung der Ölwirtschaft des Königreichs, die Reform des Gesundheitswesens, der Bildung, der Infrastruktur und die Verbesserung des Lebensstandards der Bürger. Derzeit hängen 80 Prozent der Einnahmen Riads vom Öl ab. Angesichts eines Ölpreises von knapp über 30 Dollar pro Barrel verkündete Saudi-Arabien, dass es die Staatsausgaben senken würde, solange es seine Devisenreserven nutzen muss, um die Wirtschaft vor dem Hintergrund der Schließung von Unternehmen im ganzen Land wegen der Pandemie aufrechtzuerhalten.

Unter diesen Umständen scheinen die Kosten für die die Entsendung des Militärs in den Krieg im Jemen Verschwendung zu sein. Der Wilson-Think-Tank schätzt, dass die Kosten für Luft-, Land- und Seeoperationen im Jemen die Koalition 200 Millionen Dollar pro Tag kosten könnten.

„Riad versteht sehr gut, dass ein schneller Rückzug aus dem Jemen den Houthis und ihren ausländischen Unterstützern – dem Iran – in die Hände spielen“ erklärte der Dozent Thomas Juno vom Sana´a Center der Universität Ottawa.

„Gleichzeitig wollen die Saudis die Kosten ihrer Intervention im Jemen senken. Für sie ist es offensichtlich, dass die derzeitigen finanziellen Kosten der Militäroperation heute inakzeptabel sind.“

Ende der Übersetzung

Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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  • ...auch die USA werden wohl ihr Bestreben nach Kriegsspielen wohl auch neu bewerten müssen und vor allem auch eindämmen...

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