Unbürokratische Gesetzesänderung: Putin bei einer Fragestunde zum Thema Bildung

Am Dienstag gab es ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Politik in Deutschland und Russland Probleme angeht.

Seit Putins Rede an die Nation, die sich hauptsächlich um die russische Innen- und Sozialpolitik gedreht hat, haben mich Leser immer wieder gebeten, auch über solche Themen zu berichten. Das will ich an dieser Stelle gerne aufgreifen, denn am Dienstag hat Putin sich mit Vertretern von NGOs im Bereich Bildung getroffen. Solche Treffen mit Bürgern dauern immer lange, diese Fragestunde dauerte fast zwei Stunden. Man kann all diese Treffen auf der Seite des Kreml als Video anschauen.

Bei dem Treffen am Dienstag hatte eine Lehrerin eine Frage zum Lehrermangel und Putins Antwort zeigte beispielhaft auf, wie solche Treffen die Gesetzgebung in Russland im Kleinen, aber manchmal auch im Großen, beeinflussen. Viele der Dinge, die die Leute bei solchen Fragestunden ansprechen, werden später umgesetzt und manchmal sind es gerade diese Treffen, die auf Probleme hinweisen und auch gleich die Lösung zeigen. Dafür gab es am Dienstag ein Beispiel, daher habe ich die kleine Diskussion im Zuge der Fragestunde übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

V. Smirnova: Mein Name ist Viktoria Viktorovna Smirnova, ich bin Lehrerin an der Grundschule Nr. 41 in Tscheropovets.

Wladimir Putin: Was unterrichten Sie?

V.Smirnova: Ich arbeite als Grundschullehrerin…

Wladimir Putin: Also unterrichten Sie Grundschulklassen. (Anm. d. Übers.: In Russland sind die Grundschulen anders organisiert, als in Deutschland und eine Grundschullehrerin unterrichtet ihre Klassen in praktisch allen Fächern und ist als Ansprechpartner dadurch eine engere Bezugsperson für die Kinder, als es in Deutschland meines Wissens der Fall ist)

V. Smirnova: Ja, an der Grundschule. Derzeit gibt es nicht genügend Lehrer in den Schulen der Stadt. Das Problem wird besonders akut, wenn Mitte des Schuljahres Stellen frei werden. Die Gründe können unterschiedlich sein. Zum Beispiel sind Kolleginnen, junge Lehrerinnen, in den letzten Jahren immer wieder mitten im Schuljahr in den Mutterschaftsurlaub gegangen.

Wladimir Putin: Für die Kolleginnen muss man sich doch freuen.

V. Smirnova: Keine Fragen, das ist sehr gut.

Aber dann ist es fast unmöglich, einen zertifizierten Spezialisten als Ersatz zu finden. Mitten im Schuljahr arbeiten alle Lehrer, die Arbeit ist verteilt und so weiter. Wir sehen eine Teillösung für dieses Problem, wenn es möglich wäre, Studenten der pädagogischen Institute des letzten Studienjahres einzubeziehen. Aber im Moment verbietet es das Bildungsgesetz.

Soweit ich weiß, hat die Staatsduma einen Entwurf zur Änderung der entsprechenden Paragrafen des Bildungsgesetzes geprüft, in dem es ausdrücklich darum ging, Studenten die Möglichkeit zu geben, als Lehrer zu arbeiten. Genaues weiß ich nicht, aber die Änderungen wurden auf unbestimmte Zeit vertagt.

Wladimir Putin: Ich weiß, da gab es auch Vorschläge, die es Spezialisten anderer Berufe ermöglichen sollten, als Lehrer zu arbeiten. Die Einwände von Kollegen aus der Staatsduma und von Experten waren, dass sie keine Ausbildung als Pädagogen haben. Darum wurde das gestoppt. Aber ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum keine Lehramtsstudenten, die kurz vor dem Abschluss stehen, zugelassen werden sollten. (Putin drehte sich mit fragendem Blick zu seinen Mitarbeitern um)

Anm. d. Übers.: Bei solchen Veranstaltungen hat Putin immer auch seine für die Themen zuständigen Mitarbeiter dabei, die am Rand sitzen und entweder Vorschläge aufnehmen oder auch mit Informationen aushelfen, wenn Fragen auftauchen, die sonst im Saal keiner beantworten kann.

T. Golikova: Für April für die zweite Lesung vorgesehen, das lässt sich beschleunigen.

Wladimir Putin: Ja.

V.Smirnova: Wir hoffen, dass eine Entscheidung getroffen und das Problem gelöst wird.

Wladimir Putin: Ich denke, Sie haben Recht, das sollte getan werden.

Wie heißen Sie?

V.Smirnova: Victoria Viktorovna.

Wladimir Putin: Und Ihr Nachname?

V.Smirnova: Smirnova.

Wladimir Putin: Den Änderungsantrag nennen wir „Smirnova-Ergänzung“. (Gelächter im Publikum)

Ende der Übersetzung

Das war übrigens kein Witz, Putin setzt solche Dinge dann auch um. Es ist davon auszugehen, dass der Kreml diesen Vorschlag spätestens am nächsten Tag an den zuständigen Ausschuss des Parlaments weiterleiten und dass diese Änderung dann tatsächlich „Smirnova-Ergänzung“ heißen wird.


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Gedanken zu „Unbürokratische Gesetzesänderung: Putin bei einer Fragestunde zum Thema Bildung“

  1. Gedanken dieser Art sollten weder „russisch noch deutsch“ oder überhaupt „ideologisch“ sein. Ich finde, dass es absolut gesunder Menschenverstand ist – zumal da alle etwas von haben!
    Die Schulen werden entlastet, die Studenten bekommen nach Jahren der Theorie auch praktische Erfahrungen und die Kinder müssen nicht auf Lehrstoff verzichten. Wobei man sich noch vorstellen könnte, dass Lehramtsstudenten nicht erst am Ende des Studiums in die Schulen kommen…..so zwischen den Studienjahren ml ein Praktikumssemester wäre auch eine gute Idee.
    Ansonsten ist nur noch auffällig, dass Putin näher am Volk dran ist als es bei uns jemals für einen Bundeskanzler der Fall sein wird……

  2. Finde diesen Gedanken auch sehr gut. 7 Jahre in Norwegen, 4 davon in Nordnorwegen, in der Finnmark, wohnend, habe ich selbst an einer christlichen Schule in den Fächern Musik, Religion und Deutsch für ein Jahr ausgeholfen. Permanenter Lehrermangel lässt nach Alternativen Ausschau halten. Da Musik sowieso mit meinem Beruf eng verknüpft ist, ich 5 Jahre Theologie studierte und für Deutsch als Muttersprachler prädestiniert war, ging das auch ganz gut. Ich selber halte viel vom Quereinsteigen. Pädagogische Kenntnisse sind sicher wichtig; hat man ein Herz für die Kinder und ist fachlich nicht unbeschlagen ist das aber schon ein Großteil der Miete.

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