Valdai-Konferenz: Putin im Rückblick über seine Rede vor der Münchener Sicherheitskonferenz

Putins Rede von 2007 schlug seinerzeit ein, wie eine Bombe. In der Rede hat er die USA heftig kritisiert und vielen Beobachtern gilt sie als einer wichtigsten Wendepunkte im Verhältnis zwischen Putin und dem Westen. Heute wäre es unvorstellbar, dass der russische Präsident bei der transatlantischen Münchener Sicherheitskonferenz auftreten würde.

In meinem Buch über Putin bin ich sehr ausführlich auf seine drei wichtigsten internationalen Reden eingegangen. Das war seine Rede vor dem Bundestag 2001, seine Rede bei der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 und seine Rede vor der UNO 2015. Beim Valdai-Forum fragte am Donnerstag ein aus Deutschland zugeschalteter Teilnehmer, ob Putin seine Rede von 2001 vor dem Bundestag heute noch einmal so halten und einen gemeinsamen Raum von Lissabon bis Wladiwostok vorschlagen würde.

Putin tat etwas für ihn sehr ungewöhnliches, denn er ist der Frage ausgewichen und hat stattdessen rückblickend über seine Rede vor der Münchener Sicherheitskonferenz gesprochen, in der er die USA massiv angegriffen und ihnen vorgeworfen hat, ihre Gesetze auch anderen Ländern aufzwingen zu wollen. Putins Aussage ist bei westlichen Regierungschefs seinerzeit auf Widerstand gestoßen und wurden in der westlichen Presse scharf kritisiert.

Rückblickend muss man jedoch sagen, dass Putins Rede, wenn man sie heute liest, geradezu prophetisch wirkt, denn genau das, wovor Putin seinerzeit gewarnt hat, sehen wir heute, wie zum Beispiel die US-Sanktionen gegen europäische Firmen wegen Nord Stream 2 zeigen, um nur ein Beispiel zu nennen. Daher fand ich Putin Antwort interessant und habe sie übersetzt. Sollten Sie mein Buch über Putin zu Hand haben, lesen Sie bei der Gelegenheit noch einmal nach, was Putin 2007 in München gesagt hat.

Beginn der Übersetzung:

Frage: Wladimir Wladimirowitsch, ich spreche über Nostalgie. Ich erinnere mich an Ihre historische Rede vor 20 Jahren in Deutschland, im Bundestag, wo Sie de facto einen gemeinsamen Raum von Lissabon bis Wladiwostok angeboten haben. Bedauern Sie das?

Aber ich wollte Folgendes sagen. Die Franzosen und die Deutschen haben die Idee unterstützt. Die Osteuropäer haben sie nicht unterstützt und auch Amerika, das uns daran hindert, solche Beziehungen zu Russland aufzubauen, wie sie viele Europäer gerne hätten, hat sie nicht unterstützt. (Anm. d. Übers.: Das war damals tatsächlich so, denn der damalige Kanzler Schröder und der damalige französische Präsident Chirac haben sich seinerzeit gegen die USA gestellt und mit Putin über diese Idee verhandelt. Es war – daran muss man sich erinnern – die Zeit, als die USA den Irak angreifen wollten und Deutschland und Frankreich dagegen waren)

Wenn Sie die Gelegenheit hätten, noch einmal im Bundestag zu sprechen, würden Sie den Vorschlag nochmal machen, und ihn vielleicht auf den Bereich der Digitalisierung ausdehnen, und vielleicht auf eine Umweltpartnerschaft, die Europa und Russland auf dem Gebiet der Energieversorgung erneut vereint? Ich denke, das ist eine interessante Idee für die Zukunft.

Wladimir Putin: Die Frage ist eher, was ich sagen würde, wenn ich jetzt in München sprechen würde. Was ist damals passiert?

Nachdem ich dort geredet habe – es war 2007, nicht wahr? – sind viele Kollegen zu mir gekommen und haben mir gesagt: „Nun, das war ein bisschen hart, wozu das, das war nicht gut.“

Aber was habe ich denn damals gesagt? Ich will daran erinnern. Ich habe gesagt, dass es nicht hinnehmbar ist, dass ein Land seine Gesetze über seine nationalen Grenzen hinaus ausdehnt und versucht, andere Staaten dieser Rechtsordnung zu unterwerfen. So in etwa habe ich es gesagt.

Und was geschieht jetzt? Sind es nicht die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs, die sagen, dass Sanktionen und die Ausweitung der amerikanischen Gerichtsbarkeit auf europäische Unternehmen inakzeptabel sind?

Wenn sie nur den Mut gehabt hätten, dem zuzuhören, was ich gesagt habe, und versucht hätten, zumindest behutsam auf die Situation einzuwirken, ohne die atlantische Solidarität und irgendwelche Strukturen in der NATO und anderswo zu zerstören… Darüber habe ich ja gar nicht gesprochen, sondern nur über die Tatsache, dass das inakzeptabel und schädlich – schädlich für alle – ist, auch für diejenigen, die es tun.

Nein, damals meinten unsere Partner in Europa, dass sie das nicht betrifft oder, wie Viktor Tschernomyrdin es ausdrückte: „Das hat es noch nie gegeben und nun ist es schon wieder passiert“ Jetzt passiert wieder das, was damals passiert ist. Ich sage, dass das allen schadet, auch denjenigen, die eine solche Politik der Exklusivität verfolgen oder zu verfolgen versuchen. Weil das wirklich die Beziehung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zerstört und damit letztlich den Vereinigten Staaten selbst schadet. Wozu das?

Dieser momentane, scheinbare taktische Vorteil, den die Vereinigten Staaten anstreben, kann zu negativen strategischen Konsequenzen, zur Zerstörung des Vertrauens, führen. Nun, aber das geht mich nichts an, wir treffen uns hier in einem Diskussionsclub, also erlaube ich mir, einfach zu philosophieren. Aber das ist eine absolut offensichtliche Sache.

Ich habe also, als ich 2007 in München war, nichts Ungewöhnliches, nichts Schädliches, nichts Aggressives gesagt. Aber wenn ich jetzt dort sprechen würde, würde ich natürlich nicht sagen: „Siehste, Ihr habt ja nicht gehört.“ Einfach aus Respekt vor den Kollegen würde ich das natürlich nicht sagen. Ich verstehe die Realitäten, die damals galten und was jetzt geschieht. Wir alle leben nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern unter realen Bedingungen, die Beziehungen sind real, die gegenseitige Abhängigkeit ist hoch.

Wir verstehen das alles, wir verstehen das alles hervorragend, aber man muss das irgendwie ändern. Wir sprechen über eine neue Weltordnung, nun, wir sollten dann diese Realitäten beim Aufbau moderner internationaler Beziehungen berücksichtigen, die natürlich auf der Berücksichtigung der Interessen des jeweils anderen und des gegenseitigen Respekts, auf der Achtung der Souveränität basieren sollten.

Ich hoffe, dass wir sorgfältig und ruhig, ohne das zu zerstören, was in den letzten Jahrzehnten geschaffen wurde, aber unter Berücksichtigung der heutigen Anforderungen solche Beziehungen aufbauen werden, die wirklich den Anforderungen von heute und den Interessen aller Teilnehmer an den internationalen Beziehungen gerecht werden.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Vor allem seine drei großen Reden – inklisive der hier thematisierten Rede von 2007 – und ihre geopolitische Einordnung nehmen in dem Buch sehr viel Platz ein.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Valdai-Konferenz: Putin im Rückblick über seine Rede vor der Münchener Sicherheitskonferenz“

  1. Ich kann über solche Formulierungen, aber auch den dahinterstehenden Realismus und Pragmatismus, den er konsistent über die Jahre vorlebt, nur… jubeln.
    Hier einen Seitenhieb durch die Hintertür des Konjunktiv rauszuholen, das macht er auch eher selten.
    Der Mann ist genial, sollen die, die ihn weniger studierten und es vorgeblich trotzdem besser wissen, geifern, wie so wollen!

    „Aber wenn ich jetzt dort sprechen würde, würde ich natürlich nicht sagen: ‚Siehste, Ihr habt ja nicht gehört.‘ Einfach aus Respekt vor den Kollegen würde ich das natürlich nicht sagen. Ich verstehe die Realitäten, die damals galten und was jetzt geschieht. Wir alle leben nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern unter realen Bedingungen, die Beziehungen sind real, die gegenseitige Abhängigkeit ist hoch.“

  2. Ich schätze an Putin immer wieder seine klaren Worte. Bei den Äußerungen hiesiger Politiker muss ich meistens spätestens nach einer halben Minute abschalten, weil ich deren hohle Phrasen und das nichtssagende Gewäsch einfach nicht mehr ertrage.

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