Ukraine

Beschuss im Donbass nimmt nicht ab

Die Ukraine und der Krieg im Donbass sind aus den Medien verschwunden, nachdem Russland Kiew und Washington seine roten Linien deutlich aufgezeigt hat. Aber im Donbass ist es deshalb nicht ruhiger geworden.

Als vor kurzem ein ukrainischer Angriff auf den Donbass in der Luft hing, hat Russland Kiew und Washington über alle möglichen Kanäle – inklusive der Alarmübung mit 100.000 russischen Soldaten – seine roten Linien aufgezeigt und klargemacht, dass eine ukrainische Offensive im Donbass eine harte russische Reaktion zur Folge haben würde. Der erwartete Angriff scheint abgewendet zu sein, aber das bedeutet nicht, dass es im Donbass wieder ruhig ist.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ eine Reportage aus dem Donbass gebracht. Da in Deutschland nie Bilder aus dem Donbass zu sehen sind, habe ich den Bericht übersetzt und empfehle, sich auch den Bericht anzuschauen, denn zusammen mit meiner Übersetzung ist er auch ohne Russischkenntnisse verständlich.

Beginn der Übersetzung:

Das offizielle Kiew hat beschlossen, die Ereignisse in Weißrussland als Vorwand zu nutzen, um die Umsetzung des Minsker Abkommens zu sabotieren. Nun gefällt der Ukraine die weißrussische Hauptstadt als Austragungsort für die Verhandlungen der Kontaktgruppe zum Donbass nicht. Der Leiter der ukrainischen Delegation bei den Verhandlungen, der erste Präsident der Ukraine, Leonid Krawtschuk, sagte: „Bei uns wird es keine Flüge mehr nach Weißrussland geben, wir können nicht einmal dorthin gelangen. Angesichts der aktuellen Situation und des diktatorischen Verhaltens, das der selbsternannte Präsident Lukaschenko von Weißrussland an den Tag legt, ist es also klar, dass wir den Ort der Diskussion – den Veranstaltungsort Minsk – nicht einmal in Betracht ziehen können. Wir werden uns definitiv nach einer neuen Plattform umsehen.“

Überhaupt stört Krawtschuk immer irgendetwas. Entweder gefällt ihm der Ort nicht, oder das Thema passt ihm nicht, oder er ist unglücklich über die Zusammensetzung der Verhandlungsdelegationen, die Amerikaner sollen eingeladen werden. Es gibt ständig irgendwelche Ausreden, das Minsker Abkommen nicht umzusetzen. Krawtschuk wurde jedoch sofort von Moskau gerügt.

„Er ist natürlich der Leiter der Delegation, aber es ist nicht an ihm zu entscheiden, wie die Kontaktgruppe weiter arbeiten wird. Sie wurde im Rahmen der Dokumente geschaffen, die auf dem Minsker Gipfel 2015 verabschiedet und anschließend durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrats gebilligt wurde. Und diejenigen, die diese Dokumente unterzeichnet haben, werden sich wahrscheinlich darauf einigen, wie sie diese Arbeit fortsetzen können.“, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow.

Dafür liegt es jedoch in der Kompetenz der Kiewer Regierung, den Beschuss ihrer eigenen Bürger im Donbass einzustellen. Alles, was dazu nötig ist, ist der politische Wille und ein Befehl ans Militär. Aber der Beschuss hört nicht einen einzigen Tag lang auf.

Aus der Donbass berichtet Sergey Zenin.

Svetlana Tschinyakova ist eine Freiwillige einer humanitären Organisation. Seit acht Jahren fährt sie fast täglich in das Kriegsgebiet. Was sie durchlebt hat, reicht für zehn Personen. Sie wird nicht vergessen, wie sie im Herbst 2016 Lebensmittel in ein Dorf brachten, aber es niemanden mehr gab, an den sie sie hätte verteilen können. Alles war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Auch das gab es: Die einzige Straße, die der humanitäre Konvoi nehmen konnte, war ständig unter Beschuss. Sie warteten, gekreuzigten sich und fuhren los. Und der Beschuss konnte jeden Moment wieder beginnen.

„Man kommt zu Menschen, die seit acht Jahren unter unmenschlichen Bedingungen leben. Ich nehme sogar manchmal meine Kinder mit, wenn es ruhig ist, ich möchte, dass sie alles sehen. Damit sie wissen was Krieg bedeutet und sie nicht mit Propaganda in den Krieg getrieben werden können.“, sagt Svetlana.

Alte Menschen haben es am schwersten. Viele von ihnen können nicht einmal ihre Wohnung verlassen, geschweige denn in ein Geschäft gehen. „Sie haben unser ganzes Leben mit dem Krieg ruiniert“, sagt diese Dame.

Die Geschichte ihrer Familie. Der Vater der Frau hat die Faschisten aus Kertsch vertrieben. Dann hat er den Donbass befreit. Ihren Sohn wollten sie dazu zwingen, in den Reihen der ukrainischen Armee bei Donezk zu kämpfen. Aber er sagte, dass er nicht auf seine Mutter schießen würde. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Heute gibt es nicht viel zu essen. Humanitäre Organisationen kaufen Lebensmittel mit Spendengeldern. Zu Beginn des Krieges konnten sie täglich 500 Pakete ausliefern, aber jetzt reicht das Geld nur noch für die Bedürftigsten.

Die Judo-Trainerin Irina Tscherniavskaya hat bereits mehrere ukrainische Meister, EM-Medaillengewinner und die besten Judoka von Donezk trainiert. Die mehrfach ausgezeichnete Trainerin wurde vergessen. Während des Krieges ging sie nicht weg. Sie hat gearbeitet.

In den Zeiten der schrecklichste Bombardierungen kam nur dieser Junge zum Training. Vlad macht Judo seit er fünf Jahre alt ist. Er hat Diplome, Pokale, Medaillen und den unbändigen Wunsch, den Sport auszuüben, den er liebt.

In Japan werden Judokas mit Bambussprossen verglichen. Unter dem Gewicht können sie sich bis zum Boden durchbiegen. Aber früher oder später werden sie jedes Gewicht abschütteln und sich aufrichten. Und genau diese Philosophie hat die Trainerin ihren Schützlingen immer beigebracht.

„Die meisten der Jungs sind in die Ukraine gegangen und nehmen heute an den dortigen Wettkämpfen teil. Sie finden in der Ukraine statt. Ich habe sie dazu erzogen, gute Menschen zu sein“, sagte Iryna Tscherniavskaya.

Der Nachname ihres Bruders steht auf dem Mahnmal für die Toten dieses Stadtteils von Donezk. Bei Beschuss im September 2014 wurde er tödlich verwundet. Dann – ihr Herz versagte deshalb – starb ihre Mutter. Die Erinnerung an sie ist eine klingelnde Girlande an der Decke, die auf unerklärliche Weise noch ganz ist und leise im Luftzug bimmelt. Vor dem Krieg haben sie sie von der Krim mitgebracht.

Die Krim ist für Irina Tscherniavskaya jetzt genauso weit weg, wie die Antarktis. Das Geld reicht nur für Lebensmittel. Als eine Druckwelle alle Fenster in der Wohnung herausgesprengt hat, hat sie sie einfach mit Polyethylenfolie abgeklebt. Seit mehr als einem Jahr lebt sie nun schon so.

In den Frontgebieten sind die Explosionen jeden Tag zu hören. Manchmal in der Nähe, aber öfters mitten in den Dörfern. Drei Minen sind in der Nähe dieses Hauses eingeschlagen. Die Familie war bei einem Nachbarn. Die Fenster und die Eingangstür sind kaputt. Aber das streunende Kätzchen lebt.

Das sind unsere Kollegen von Oplot TV. Jeden Tag sind sie an der Front. Sie sind fast wie eine Live-Zusammenfassung des Beschusses. Die Minen und Granaten zählen sie schon lange nicht mehr.

„Wird es nicht besser?“

„Im Gegenteil. Der Beschuss ist intensiver geworden, sie zielen auf Wohngebäude.“, sagt Tatiana Tsyba, Korrespondentin von Oplot TV.

Eduard Basurin hält in seiner Hand ein Stück einer Nato-Mine vom Kaliber 60-Millimeter. Die findet man nun regelmäßig.

„Früher waren sie eine Seltenheit, wir haben sie Rarität genannt. Aber jetzt finden wir sie immer öfter. Kürzlich habe ich sogar berichtet, dass es nicht weit von hier eine Mörsereinheit mit diesem Kaliber gibt. Hier haben sie sich gezeigt.“, sagt Eduard Basurin, der Sprecher der Donezker Volksmiliz.

Dieser Platz wurde als der sicherste in der Wohnung angesehen. Hinter zwei Wänden in eine festen Ecke. Die alte Dame hat hier normalerweise auf das Ende des Beschusses gewartet. Aber irgendetwas sagte ihr, dass sie in einen anderen Raum gehen sollte. Eine Granate, die durch das Dach einflog, schoss durch die Decke und zerbarst im Boden. Sie hat genau dort getroffen, wo sich die Rentnerin normalerweise versteckt.

„Gut, dass ich hier reingehüpft bin, sonst wäre ich da umgebracht worden. Sie schießen und schießen. Was zum Teufel ist das? Kennen diese Idioten keine Grenzen?!“, fragt die Donezkerin Claudia Degtyaryova.

Es gibt wirklich keine Grenzen. Die Situation an der Frontlinie ist unruhig. Die Nachbarn haben den Waffenstillstand nie eingehalten. Und während diese Seite gezwungen ist, zu schweigen, schießen und bauen die anderen.

Wir befinden uns in den Stellungen der Volksmiliz, die so nah wie möglich an der Frontlinie und an den sogenannten Nachbarn sind. Und hier gibt es vielleicht eine Möglichkeit zu zeigen, was sie tun. Trotz des Waffenstillstands, trotz der Vereinbarungen, graben sie weiterhin Gräben und sprengen Erde für Unterstände. Und auf diese Weise kommen sie allmählich voran. Irgendwie ist kein Krieg, aber die Offensive geht weiter.

Sie sind etwa 800 Meter entfernt. So sieht es da aus. Sie arbeiten ohne Deckung. Sie wissen, dass die Kämpfer der Volksmiliz nicht auf sie schießen werden. Eine weitere Sprengung, ein weiterer Unterstand wird morgen fertig sein. Und so sind sie weitere 20 Meter vorgerückt.

Im tiefen Hinterland herrscht ein eigener Krieg: Spionage-Spielchen. Diese Woche sollten zwei unerwünschte Personen unter dem Deckmantel einer internationalen Organisation die Donezker Volksrepublik besuchen, von denen einer, so wurde angenommen, der Leiter der Außenstelle der UN-Vertretung war. Der Verfassungsschutz der Donezker Republik war auf das Treffen vorbereitet. Wir konnten den Spionageskandal auf seinem Höhepunkt beobachten.

Dies ist der Kontrollpunkt zwischen der Donezler Republik und der Ukraine. Er arbeitet mehrmals pro Woche. Soweit es die Quarantänebeschränkungen zulassen, bewegen sich die Menschen frei in beide Richtungen. Normalerweise gibt es bei gepanzerten Fahrzeugen von internationalen Organisationen keine Verzögerungen, aber hier stimmte eindeutig etwas nicht.

Ein Sprecher des Donezker-Außenministeriums spricht von der Ausweisung der UN-Mitarbeiter. Später werden die Gründe erklärt. Eradzh Kaniev und Mark Battle haben früher im „Gnaden-Corps“ gearbeitet. Diese Organisation hat ein starkes Erbe im benachbarten Lugansk hinterlassen. Die Geheimdienste der Republik Lugansk berichteten, dass das Gnaden-Corps einen Staatsstreich vorbereitet hat. Sie sammelten ausschließlich Daten über negative Stimmungen und suchten nach potenziellen Agenten. Alle Informationen gingen an das Regionalbüro in Kiew und von dort an die US-Botschaft. Das Gnaden-Corps wurde aus Lugansk rausgeschmissen. Und nun wurden ehemalige Mitarbeiter dieser Organisation nicht nach Donezk gelassen.

„Das Personal dieser internationalen Organisation wurde wegen Spionage angeklagt. Wir begrüßen humanitäre Aktivitäten. Jegliche illegalen Aktivitäten werden wir jedoch unterbinden.“, sagte Natalia Nikonorova, Außenministerin von Donezk.

Vor Ort am Kontrollpunkt hat niemand die Situation kommentiert. Aber es gab auch keine Empörung, vielmehr schien es co, dass die Neuankömmlinge auf eine solche Wendung der Ereignisse vorbereitet waren. Sowohl beim ukrainischen Militär als auch bei den Kämpfern an der unsichtbaren Front herrscht ein erstaunliches Vertrauen in ihre volle Straffreiheit. Aber jede Geduld hat Grenzen. Wie beim Prinzip des Judo.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich für die Ukraine nach dem Maidan und für die Ereignisse des Jahres 2014 interessieren, als der Maidan stattfand, als die Krim zu Russland wechselte und als der Bürgerkrieg losgetreten wurde, sollten Sie sich die Beschreibung zu meinem Buch einmal ansehen, in dem ich diese Ereignisse detailliert auf ca. 670 Seiten genau beschreibe. In diesen Ereignissen liegt der Grund, warum wir heute wieder von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Obwohl es um das Jahr 2014 geht, sind diese Ereignisse als Grund für die heutige politische Situation also hochaktuell, denn wer die heutige Situation verstehen will, muss ihre Ursachen kennen.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

5 Antworten

  1. Svetlana Tschinyakova nimmt also ihre Kinder mit in the line of fire. Eine tolle Mutter! Bei allem humanitären Engagement… Entweder sie will, dass ihre Kinder wissen, was Krieg ist – dann handelt sie under fire verantwortungslos, und ihre Kinder kassieren ein sattes Trauma -, oder es ist Ruhe, und ihre Kinder lernen eben nicht, was Krieg ist, und dann ist es auch sinnlos, ihre Kinder mitzunehmen, zumal die Ruhe trügerisch sein kann.

    Ich verstehe nicht, worin die Strategie der Donbass-Verteidiger besteht. Wenn die Regierungstruppen sich Tag für Tag unbehelligt – wie dieser Bericht schreibt – ein paar Meter näher an ihre Stellungen herangraben, werden sie sie irgendwann erreicht haben. Und dann? Wohl kaum Handshakes.

  2. Und während die Bevölkerung des Donbass von den ukrainischen Truppen terrorisiert wird und das US-Marionettenregime in Kiew öffentlich erklärt, das Minsker Abkommen nicht umzusetzen, faselt Grünen-Chef Habeck davon, dass die Ukraine deutsche „Defensivwaffen“ zur Verteidigung haben müsse! Ich gehe davon aus, dass dieser Fast-Kanzlerkandidat und leider potentielle Minister nicht mal die zwei Seiten des Minsker Abkommens kennt und deshalb tatsächlich den ganzen Unsinn glaubt, der darüber verbreitet wird!
    Man glaubt es nicht, aber das ist so. Der kennt das Abkommen nicht und glaubt den Unsinn von der russischen Aggression, den man ihm hier und in Kiew auftischt!
    Meine letzten Informationen aus dem Donbass direkt lauteten, dass schon wieder viele aus Angst vor einem neuen Krieg nach Russland geflüchtet sind, dort ab 23.00 Uhr seit Jahren immer noch eine Ausgangssperre gilt und viel Militär unterwegs ist!

    1. Mit Kriegsverbrechen kennen sich die Grün*innen seit Joschka Fischer bestens aus (Bombardement Belgrads, Uranmunitionen, Abschuss eines Personenzuges, etc). So gesehen setzt Habeck die Tradition dieser unsäglichen Partei fort. Das wir in Deutschland am Ende sind ist sowieso klar, aber mir tun auch die Menschen im Donbass leid, die jetzt noch mehr zu leiden haben werden, wenn in Berlin erst einmal Baerdolf und Habeck an der Macht sind 🙁

  3. Dem Wahnsinn muss endlich ein Ende bereitet werden! Ich hoffe doch sehr, dass Putin doch noch den Donbass formal an die Russländische Föderation angliedern wird. Die NATO-Vasallen hassen Russland so oder, und auf diese Weise hat man wenigstens noch den Donbass gerettet.
    Das Dauerbeschießen des Donbass hat sich seit Bidens Antritt mehr als verdoppelt!
    https://www.donbass-insider.com/2021/05/17/dpr-in-2021-the-ukrainian-army-violated-the-ceasefire-2-5-times-more-than-in-late-2020/

  4. Ich frage mich was passieren würde, wenn ein Russland treues Regime in Mexico ,direkt an der US-Grenze, US treue Separatisten mit Artillerie beschießt und vorsätzlich die Zivilbevölkerung tötet und die Infrastruktur zerstört obwohl man ein Waffenstillstandsabkommen hat ?!
    Ich las gestern einen sehr interessanten Kommentar über China , indem der Autor Russland als ehemalige Weltmacht bezeichnet….
    https://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-20211/china-china-uber-alles/

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