Ryanair-Landung in Minsk

Der weißrussische Oppositionelle Protasewitsch eröffnet ein eigenes Medium auf Telegram

Der laut westlichen Medien nach der Landung der Ryanair-Maschine in Minsk gefolterter weißrussische Oppositionelle Protasewitsch hat ein eigenes News-Medium auf Telegram eröffnet.

Während westliche Medien behaupten, der nach der Landung der Ryanair-Maschine in Minsk verhaftete weißrussische Oppositionelle Protasewitsch werde gefoltert, ist dieser längst nicht mehr in Haft und gibt immer mehr Interviews. Außerdem ist er schon länger wieder mit seinem eigenen Twitter-Account im Netz aktiv. Auf diesem Twitter-Account hat er am 11. August auch ein Interview mit einem Journalisten von RT verlinkt, in dem er unter anderem mitgeteilt hat, dass er seinen eigene Nachrichtenkanal auf Telegram eröffnen will.

Nun hat er seinen neuen Telegram-Kanal namens SPRAVA eröffnet und seine ersten Posts veröffentlicht. In seinem ersten Post hat er sich zu verhafteten weißrussischen Oppositionellen geäußert und über deren mögliche Freilassung unter anderem geschrieben:

„Die Vertreter der Regierung sind sich dessen bewusst und bereit, einen Dialog zu führen. Es gibt nur eine einzige und einfache Bedingung – sich seine Fehler und Schuld einzugestehen. Sie können so viel über die weißrussischen Gesetze und ihre Unverhältnismäßigkeit reden, wie Sie wollen, aber wenn Sie in diesem Land leben, müssen Sie sich verpflichten, sie zu befolgen. Wie auch immer sie sein mögen.
Wenn die Praxis der Anerkennung und des Schuldbekenntnisses erfolgreich ist, können wir erwarten, dass mehr Menschen freigelassen werden. Wie lange es dauert, bis ein Häftling aus dem Gefängnis entlassen wird, hängt also nur von ihm selbst ab. Und von niemandem sonst.
Die Frage ist nur, inwieweit die Gegner der Regierung selbst zu einem solchen Schritt bereit sind.“

Hier spricht Protasewitsch sicher aus eigener Erfahrung, denn er hat sofort nach seiner Verhaftung begonnen, mit den Behörden zu kooperieren und er ist schon lange aus dem Gefängnis in einen Hausarrest entlassen worden, wobei unklar ist, ob der Hausarrest noch besteht, denn auf seiner großen Pressekonferenz sagte Präsident Lukaschenko, Protasewitsch sei wieder „praktisch in Freiheit“ und Protasewitsch selbst postet im Internet was er möchte und gibt ein Interview nach dem anderen.

Dabei macht Protasewitsch bei all seinen Auftritten keinen Hehl daraus, dass er sich auch weiterhin als Regierungsgegner und Oppositionellen sieht, der keineswegs zu einem Anhänger von Lukaschenko geworden ist. Er ist hat sich nur von der radikalen Opposition distanziert, die im westlichen Ausland hofiert wird. Darüber, was er mit seinem neuen Telegram-Kanal machen möchte, sagte er in dem Interview mit RT, das er auf Twitter verlinkt hat:

Journalist: Es gab Meldungen, dass Du Dein eigenes Mediaprojekt eröffnen willst. Kannst Du dazu etwas sagen? Es heißt, Protasewitsch eröffnet sein Medium.
Protasewitsch: Ja, schon bald. Es ist noch einiges zu klären. Wird das ein redaktionelles Projekt, oder mein eigenes? Pläne habe ich, und zwar große. Vor allem, weil es in Weißrussland derzeit keine Medien gibt, die in der Mitte wären.
Journalist: Du willst was in der Mitte machen?
Protasewitsch: Ja.
Journalist: Du hast Dich von der radikalen Opposition abgewandt?
Protasewitsch: Auf jeden Fall. Weil es das ist, was die Gesellschaft jetzt möchte. Die Gesellschaft ist müde von der Propaganda und dem Hate-Speech. Die Gesellschaft ist müde von den ständigen gegenseitigen Anschuldigungen. Egal, ob man einen oppositionellen Kanal oder einen pro-Regierungskanal eröffnet, sofort gibt es Anschuldigungen und offene Propaganda. Ich will was machen, was den Wünschen der Gesellschaft entspricht, etwas neutrales. Ich will etwas machen, was alle lesen können. Etwas, das auch die Vertreter Macht und die Beamten vielleicht offener macht für kritische Kommentare. In dieser Richtung. Darum: Ich habe viele Ideen und viele Pläne, wichtig ist, dass es auch klappt.
Journalist: Dass es klappt. Trotzdem steht Dir ein Gerichtsverfahren bevor. Darum frage ich mich, wie siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?
Protasewitsch: Als Menschen. Das ist das Wichtigste: Mensch bleiben, in jeder Situation. Aber ich will nicht aus Weißrussland weg. Ich bin in meinem Leben genug weggelaufen. Du weißt es ja, ich war mein ganzes Leben mal hier und mal da. Ich bin vom Donbass nach New York gekommen und für mich ist wohl der Moment gekommen, an dem ich innehalten und leben möchte. Nicht mehr weglaufen, nicht mehr ständig kämpfen. Darum sehe ich mich in erster Linie als Menschen, der ein Fundamten hat, der seine Ansichten hat und der – hoffe ich – der Gesellschaft auch weiterhin nützen kann.
Journalist: Wie auch immer ich zu Dir stehen mag, aber einen gewissen Respekt habe ich, denn Du hast im Staatsfernsehen gesagt, dass Du auch weiterhin nicht mit der Politik der Regierung einverstanden bist, dass Du Dich weiterhin als, wenn auch gemäßigten, Oppositionellen ansiehst, Du hast gerade selbst gesagt, dass Du nicht mehr radikal bist.

Daraufhin folgten Fragen, die sehr ins Detail des Innenlebens der weißrussischen Opposition in Polen gehen, weshalb ich die Übersetzung hier abbreche. Darüber habe ich ausführlich berichtet, als ich das erste sehr lange Interview übersetzt habe, das Protasewitsch dem weißrussischen Fernsehen gegeben hat. Bei Interesse finden Sie es hier.

Ich habe seinen Telegram-Kanal abonniert und bin gespannt, wie viel Kritik an der weißrussischen Regierung man dort finden wird und was insgesamt seine Themen sein werden. Wenn es was interessantes zu berichten gibt, werde ich das tun.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Antworten

  1. Hu, was für eine pöse Diktatur das in Weißrussland ist. Da können Oppositionelle eigene Kanäle eröffnen, ohne dass sie belangt werden. Wie sieht das bei uns aus? Da werden Kanäle, die nicht der regierungsamtlichen Linie folgen, als „Verschwörungstheorien verbreitend“, „antiosemitisch“, „rechts“ oder sonstwas beschimpft, gesperrt. Das nennt man wohl Demokratie. Da liebe ich mir eine waschechte Diktatur wie in Weißrussland. [Sarkasmus Ende]

  2. Na mich würde mal interessieren, ob er denn so frei ist, dass er ohne weiteres das Land verlassen kann?
    Ist ja schon interessant, wie schnell er von der „Wahrhaftigkeit erleuchtet wurde“.

    Da frage ich mich, warum die unzähligen Demonstranten und weiteren (verhafteten) Oppositionellen das nicht genauso sehen?
    Ein Land, in der es keine echte Kritik nicht öffentlich gibt, ist halt kein freies Land. Ein Problem, dass es nicht nur Weißrussland hat, sondern eher ein „familiäres“ Problem zu sein scheint.

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