Erzwungene Landung in Minsk

Kein „beispielloser“ Vorfall: Die erzwungenen Flugzeuglandungen des letzten Jahrzehnts

Westliche Medien und Politiker bezeichnen die erzwungene Landung des Ryanair-Fluges und die darauf folgende Festnahme eines Oppositionellen in Minsk als "beispiellosen" Vorfall und fordern harte Strafen gegen Weißrussland. Dabei gab es solche Vorfälle schon öfters, ohne dass der Westen so hysterisch reagiert hätte.

Ich habe die Fakten der erzwungenen Landung des Ryanair-Fluges in Minsk bereits ausgeführt und dabei auch darauf hingewiesen, dass es in der Vergangenheit bereits ähnliche Fälle gegeben hat, den Artikel finden Sie hier. Die Tatsache, dass es bereits vergleichbare, ja sogar praktisch identische Fälle gegeben hat, ohne das westliche Politiker und Medien überhaupt darüber berichtet haben, zeigt, dass es sich bei dem jetzt veranstalteten Medienhype um ein politisch motiviertes Theater handelt.

Die russische Nachrichtenagentur TASS hat das Thema ebenfalls aufgegriffen und die vergleichbaren Fälle von erzwungenen Landungen der letzten elf Jahre aufgelistet. Wer möchte, kann über die Fälle selbst recherchieren, was die TASS berichtet, ist alles wahr. Da die deutschen (und generell die westlichen) „Qualitätsmedien“ über die meisten Fälle nicht berichtet haben, braucht man bei der Suche nach Berichten über einige der Ereignisse jedoch Fremdsprachenkenntnisse.

Wie verlogen die Proteste des Westens (und vor allem der Ukraine) über den Vorfall von Minsk sind, zeigt sich daran, dass die Ukraine selbst 2016 genau das getan hat, was die ukrainische Regierung nun als „Staatsterrorismus“ bezeichnet, als es in Minsk passiert ist. Und da die Ukraine 2016 bereits unter der Kontrolle des Westens stand und auch westliche Politiker und Medien sich seinerzeit nicht über das Verhalten Kiews beschwert haben, kann man die Verlogenheit des Westens und sein politisch motiviertes Verhalten besonders deutlich erkennen.

Ich habe die Aufzählung der TASS über ähnliche Fälle übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Am 23. Februar 2010 fingen Kampfjets der iranischen Luftwaffe über dem Persischen Golf eine Boeing 737 Passagiermaschine der kirgisischen Fluggesellschaft Kyrgyz Airways auf dem Weg von Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) nach Bischkek ab und zwangen sie auf dem Flughafen der Stadt Bandar Abbas im Süden des Irans zur Landung. Abdulmalek Rigi, der Anführer der sunnitischen Terrororganisation Jundallah (Soldaten Allahs oder Krieger Allahs), die im Südosten des Irans operiert und im Verdacht steht, Verbindungen zur al-Qaida zu haben, wurde mit einem gefälschten afghanischen Pass aus dem Flugzeug geholt. Nach der Verhaftung von Rigi durfte die kirgisische Maschine nach Bischkek weiterfliegen. Es gab keine Proteste aus Kirgisistan oder anderen Ländern im Zusammenhang mit dem Vorfall. Im Iran wurde Abdulmalek Rigi von einem Gericht wegen Mordes, Raubes und bewaffneter Angriffe der Dschundallah für schuldig befunden. Er wurde zum Tode verurteilt und am 20. Juni 2010 in einem Teheraner Gefängnis erhängt.

Am 2. Juli 2013 landete ein Dassault Falcon 900 Passagierjet der bolivianischen Luftwaffe, der mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales an Bord aus Moskau kam, außerplanmäßig auf dem Flughafen Wien, Österreich. Der Grund war der Entzug der Überfluggenehmigungen durch die Behörden von Frankreich, Spanien, Italien und Portugal durch ihren Luftraum. Die Entscheidungen dieser Länder standen im Zusammenhang mit dem Verdacht, dass der ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden an Bord des Flugzeugs gewesen sein könnte (er war zuvor von Hongkong nach Russland geflogen; der bolivianische Staatschef schloss nicht aus, dass sein Land erwägen könnte, Snowden politisches Asyl zu gewähren). Nach Angaben der österreichischen Behörden wurde Morales‘ Flugzeug nach der Landung durchsucht. Snowden wurde nicht an Bord gefunden. Bolivianische Vertreter sagten jedoch, es habe keine Durchsuchung gegeben, aber der österreichische Präsident Heinz Fischer habe das Flugzeug betreten, um mit Morales zu frühstücken. Am 3. Juli verurteilte der bolivianische Verteidigungsminister Ruben Saavedra die „für den Präsidenten missbräuchlichen und lebensbedrohlichen Handlungen“ und gab den USA die Schuld an der erzwungenen Landung des Flugzeugs. Am 4. Juli kehrte Evo Morales sicher in sein Heimatland zurück. Bolivien und andere lateinamerikanische Länder verurteilten später den Vorfall und betrachteten ihn als einen Attentatsversuch auf Morales‘ Leben, das eine eklatante Verletzung internationaler Abkommen darstellt. Im September 2013 entschuldigten sich die Behörden in Frankreich, Portugal, Spanien und Italien, woraufhin der bolivianische Führer den Vorfall als beendet bezeichnete. Edward Snowden wurde am 1. August desselben Jahres Asyl in Russland gewährt.

Am 21. Oktober 2016 wurde eine Boeing 737-800-Passagiermaschine der weißrussischen Fluggesellschaft Belavia, die von Zhulyany (Kiew) nach Minsk flog, zur Rückkehr zum Ausgangsflughafen gezwungen. An Bord befanden sich 136 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder. 50 Kilometer vor dem Einflug in den weißrussischen Luftraum erhielt der Flugzeugkommandant von der Flugsicherung des Regionalzentrums „Kiew“ ohne jegliche Erklärung die Anweisung zur sofortigen Rückkehr zum Ausgangsflughafen. Laut Belavia wurde der Kommandant des Flugzeuges darüber informiert, dass „bei Nichteinhaltung des Befehls Jäger aufsteigen“ würden. Der ukrainische Geheimdienst dementierte diese Information jedoch später. Nachdem das Flugzeug auf dem Flughafen Zhulyany (Kiew) gelandet war, holten ukrainische Ordnungskräfte einen der Passagiere aus dem Flugzeug: den Journalisten und „Anti-Maidan“-Aktivisten Armen Martirosyan, einen armenischen Staatsbürger, der in Russland lebte. Nach dem Auftanken flog das Flugzeug nach Minsk und landete sicher in der weißrussischen Hauptstadt. Noch am selben Tag wurde Martirosyan von den ukrainischen Gesetzeshütern freigelassen und flog mit dem nächsten Flug nach Minsk. Weißrussland protestierte gegen die Maßnahmen der Ukraine, das Flugzeug gewaltsam zurückholen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko entschuldigte sich in einem Telefongespräch mit dem weißrussischen Staatschef Alexander Lukaschenko für den Vorfall.

Das Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt

Gemäß Artikel 1 des Abkommens über die internationale Zivilluftfahrt (unterzeichnet in Chicago am 7. Dezember 1944) haben die Mitgliedsstaaten der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) die volle und ausschließliche Souveränität über den Luftraum über ihrem Hoheitsgebiet. Artikel 3b des Übereinkommens legt fest, dass jeder Staat das Recht hat, ein ziviles Luftfahrzeug zur Landung auf einem bestimmten Flughafen aufzufordern, „wenn es sein Hoheitsgebiet ohne Genehmigung überfliegt oder wenn begründeter Anlass zu der Annahme besteht, dass es zu einem Zweck benutzt wird, der mit den Zielen dieses Übereinkommens unvereinbar ist.“ Gleichzeitig sieht das Dokument vor, dass die teilnehmenden Länder verpflichtet sind, die Sicherheit des Flugzeugs in jedem Fall zu gewährleisten. Die Flugregeln (Anhang 2 des Abkommens von Chicago) sowie Richtlinien der Fluggesellschaften, die Gesetzgebung der einzelnen Staaten und Rahmenabkommen zur Terrorismusbekämpfung regeln den Umgang mit Informationen über eine mögliche terroristische Bedrohung oder ein direktes Abfangen von Flugzeugen.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

20 Antworten

  1. Die Regimechange-Strategie der NATO wird immer aggressiver und dreister. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt wo nicht auszuschließen ist, dass NATO-Soldaten aus dem Baltikum oder Polen die Grenze zu Weißrussland überschreiten. Freilich wird das ganze dann in der deutschen Edelpresse so umgeschrieben werden, dass es den Eindruck erweckt, man habe sich seinerseits nur gegen eine weißrussische Aggression verteidigen wollen.

      1. Ich beschäftige mich gerade mit Dr. Daniele Gansers „Imperium USA“. Wenn man liest, wie viel Unheil die USA in der Welt angerichtet haben wird einem Angst und Bange. Die USA haben ihre ganze Existenz darauf gegründet, die Weltmacht Nummer Eins zu sein und können nur fortbestehen, indem sie anderen Ländern schaden. Früher hat man Kuba und Chile platt gemacht, jetzt ist Venezuela dran. Und in Europa muss jetzt halt nach der Ukraine auch noch Weißrussland dran glauben. Wenn Weißrussland fällt, ist als nächstes Russland selbst dran.
        Glücklicherweise wissen sich die Menschen zu verteidigen und der Widerstand gegen die USA ist glücklicherweise nicht aussichtslos.

        1. Herr Ganser recherchiert sehr gewissenhaft. Auch seine anderen Bücher sind sehr empfehlenswert, z. B. über „Illegale Kriege“ (der Nato) oder NATO Geheimarmeen in Europa (Stichwort: „Gladio“).

          1. Das kann ich bestätigen. Wenn man z.B. „Illegale Kriege“ gelesen hat, ist man aufgerüttelt genug, um auf Anhieb Kriegspropaganda zu erkennen. Dies war vor einem Jahr mit dem Überfall der Medien auf die Bevölkerungen der Fall, als uns ein Killervirus als Feind eingedonnert wurde.

  2. Klare Taktik des „werte-westens“ – mit dem Finger auf Andere zeigen und ‚angebliche‘ Verfehlungen vorwerfen… – und schon schauen alle zum Anderen und sehen nicht mehr die massiven Verfehlungen des „werte-westens“… – die katholische Kirche (wie alle anderen Religionen auch!) praktiziert das schon seit weit über 1000 Jahren – und relativ erfolgreich noch dazu… – immer nach dem Motto…: „Haltet den Dieb, der hat mein Messer im Rücken“… 😉

  3. Was mir an Deiner Sichtweise fehlt, ist das nicht gesagt wird warum das alles gemacht wird. Auch wären Belege nicht schlecht.
    Es ist kein Selbstzweck das Amerikanische oder andere Präsidenten und Länder die Weltherrschaft wollen. Wozu auch.
    Ich meine das immer, immer die Ökonomie betrachtet werden muss. Danach richtet sich ein Staat aus. Daraus erwachsen dann Interessen und die gilt es durchzusetzen. Das sollte auch als legitim gesehen werden, denn das hat jeder Staat. Unbedingt sollte keine Schuldfrage oder persönliche Animositäten diskutiert werden. Es wird zwar so gemacht, zu hundert Prozent von denen die keine Inhaltliche Argumente haben.
    Von daher hätte ich auch Kritik gegen Russland, aber die richtet sich gegen das was innerhalb Russlands anders organisiert werden müsste, Außenpolitisch kann ich nicht sehen das Russland Aggressiv oder Völkerrechtsverletzens auftritt.
    Was aber geht es mich an was Russland im „treibt“ das ist Sache der Russen.
    Kann gut sein das Weiß Russland den Vorwürfen entspricht, das wird auch nicht besser wenn es die Kritiker auch getan haben. Was allerdings verwerflich ist das die Antworten so sind als ob sie alle aufgeschrieben waren und nur abzulesen waren.
    Hinzu kommt das Weißrussland der Typen gar nicht freilassen kann, da würden die Großmäuler heraus posaunen das es an ihrer Ansprache lag und wie würden sie das nächste mal agieren. Bis dahin kann Weißrussland ja von der Leidens Konten ja einfrieren.

    1. Sowas lese ich…

      „Es ist nie zu vergessen, daß es sich bei der kapitalistischen Produktion nicht direkt um den Gebrauchs-wert, sondern um den Tauschwert handelt und speziell um Vermehrung des Surpluswerts. Dies ist das treibende Motiv der kapitalistischen Produktion, und es ist eine schöne Auffassung, die, um die Wider-sprüche der kapitalistischen Produktion wegzuräsonieren, von der Basis derselben abstrahiert und sie zu einer Produktion macht, die auf unmittelbare Konsumtion der Produzenten gerichtet ist.“ ( MEW, Bd. 26.2, S. 495)

      „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse,
      welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.
      Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, verfügt damit zugleich über die
      Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die
      Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts,
      als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden
      machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft. … Die Teilung der Arbeit, die wir schon oben als eine der
      Hauptmächte der bisherigen Geschichte vorfanden, äußert sich nun auch in der herrschenden Klasse als
      Teilung der geistigen und materiellen Arbeit, so dass innerhalb dieser Klasse der eine Teil als die Denker
      dieser Klasse auftritt (die aktiven … Ideologen derselben, welche die Ausbildung der Illusion dieser Klasse
      über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweig machen), während die anderen sich zu diesen Gedanken und
      Illusionen mehr passiv und rezeptiv verhalten, weil sie in der Wirklichkeit die aktiven Mitglieder dieser
      Klasse sind und weniger Zeit dazu haben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu machen.“ K.
      Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 47.

  4. Ich find’s nur geil!

    Lukaschenko hat eine der widerlichsten Regime-Change-Kakerlaken an die Wand genagelt und der gesamte wertlos-Westen hyperventiliert. Wahrscheinlich kommt nächste Woche der Spiegel-Titel „Stoppt Lukaschenko Jetzt!“

    Meinen ausdrücklichen Glückwunsch zu dieser Geheimdienst-Aktion (die auch diesen Namen verdient)!

    Das künstlich aufgeregte Geheule in der Kartellpresse ist Musik in meinen Ohren!

    Es ist immer amüsant zu sehen, wie der vereinigt-dekadente Westen völlig überrumpelt ist, wenn mal auf der anderen Seite eine gut durchgeführte Aktion passiert wie diese oder damals die Krim-Sezession. Dessen Dummgeschnatter zeigt allenfalls, wie machtlos er ist, wenn’s wirklich mal darauf ankommt. Ich könnte mir im übrigen gut vorstellen, dass Vladimir Vladimirovich auch in diesem Fall wieder mal den entscheidenden heißen Tipp gegeben hat. Irgendwie trägt das Putins Handschrift…

    Was würde ich geben, jetzt Soros‘ Gesichtsausdruck zu sehen…

    1. 1999 hat man gesehen, was passiert, wenn die Grünen an der Macht sind. Da sind die Bomben auf Belgrad gefallen. Der Kriegsverbrecher Joschka Fischer ist immer noch auf freiem Fuß.

  5. Sie könnten auch noch eine geplante, aber dann vereitelte, ukrainische Zwangsflugzeuglandung hinzufügen:

    „Second, there was an entirely analogous plan jointly implemented by the Ukraine and the US to lure Russian mercenaries from Wagner with fake job offers in Venezuela by way of Minsk and Istanbul, and nab them while they were over Ukrainian airspace. (Amusingly, after Lukashenko handed the Wagnerites back to Russia instead, the Ukrainians put him on their “Peacekeeper” list of enemies of the Ukrainian nation). Indeed, Western media coverage of this failed operation, to the extent it happened at all, was decidedly not in the “state terrorism”/”air piracy” frame. For instance, Business Insider Mitch Prothero’s title says it all: How Ukraine’s audacious secret service successfully scammed Putin and his mercenaries” by Mitch Prothero.“

    https://www.unz.com/akarlin/state-terrorism-or-audacious-intel-ops/

  6. Ich kann nicht entscheiden ob die russische oder westliche Version stimmt. Aber eins scheint mir merkwürdig. Um ein Passagierflugzeug abzufangen werden meist 2 Kampf-Jets genutzt,hier soll es nur eine MIG gewesen sein. Ein Jet würde eher zum Videobeweis einer Bombenexplosion versus eines Abschusses vom Boden gebraucht. Insofern erscheint die Bombendrohungsversion etwas glaubwürdiger

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