Indo-Pazifik

Was hat es mit dem Quad-Bündnis aus USA, Indien, Japan und Australien auf sich?

Es ist interessant, dass man in deutschen Medien praktisch nichts über das Bündnis Quad hört, in dem sich die ISA, Indien, Japan und Australien zusammengeschlossen haben und unter anderem gemeinsame Flottenmanöver durchführen.

Von dem Viererbündnis Quad, das die USA, Indien, Japan und Australien gebildet haben, werden nur sehr wenige Deutsche überhaupt etwas gehört haben. Selbst auf Wikipedia muss man es erst suchen und der deutsche Wikipedia-Artikel darüber umfasst nur drei kurze Absätze mit vier Quellenangaben. Der englische Wikipedia-Artikel über Quad hingegen ist ellenlang und hat 183 Quellenangaben.

Man merkt einmal mehr, dass es Themen gibt, über die in Deutschland nicht informiert werden soll, wie ich schon bei vielen Themen gesehen habe, zum Beispiel bei der CIA-Operation Timber Sycamore, über die es bei „Qualitätsmedien“ und Wikipedia ebenfalls kaum Informationen auf Deutsch gibt, während in anderen Sprachen viel darüber zu finden ist.

Dabei bereitet Quad vor allem in Russland und China ernste Sorgen und die dortigen Medien berichten viel über Quad und bezeichnen es als eine neue Nato. Vor allem vor dem Hintergrund des neuen Bündnisses AUKUS zwischen den USA, Großbritannien und Australien wird von Experten in Russland und China derzeit viel über Quad gesprochen, wie man auf dem Anti-Spiegel erst kürzlich lesen konnte, als ich ein Interview des russischen Geostrategen Patruschew übersetzt habe.

Vielleicht ist die Sorge in Russland und Indien aber auch übertrieben. Das zumindest legt ein Artikel der russischen Nachrichtenagentur TASS nahe, den der Indienkorrespondent der TASS verfasst und in dem er die indische Sicht auf Quad erläutert hat. Da in Deutschland kaum etwas über Quad bekannt ist, habe ich den TASS-Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Das Quad-Quartett – Eine asiatische NATO? Die indische Sicht

Evegny Pachomov, Indienkorrespondent der TASS, über die Ziele der Vereinigung von Australien, Indien, den USA und Japan im asiatisch-pazifischen Raum.

Das erste persönliche Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs des Vierer-Sicherheitsdialogs (Australien, Indien, Japan und USA) am Rande der 76. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen stieß weltweit auf fast mehr Interesse als die Generalversammlung selbst. Der indische Premierminister Narendra Modi, sein japanischer Amtskollege Yoshihide Suga und der australische Premierminister Scott Morrison reisten auf Einladung des Gastgebers im Weißen Haus, Joe Biden, nach Washington, um eine Bilanz zu ziehen und eine Agenda für die neu belebte Assoziation aufzustellen. Die Welt sprach sofort von einem „anti-chinesischen Militärbündnis“ und sogar von einer „asiatischen NATO“.

Dem Quad vorausgegangen waren die internationalen Marinemanöver Malabar, die seit 1992 stattfinden, an denen aber zunächst nur Indien und die Vereinigten Staaten beteiligt waren. Japan ist seit 2015 dauerhaft dabei. Australische Marineschiffe nahmen erstmals 2007 an den Manövern teil, doch inzwischen ist Australien ein ständiger Teilnehmer.

Und das Quad-Mitglied Indien ist sowohl Mitglied der BRICS als auch der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, in der China einer der aktivsten Teilnehmer ist. Bedeutet das eine Neuausrichtung der indischen Politik?

„Nein! Die indische Politik sieht traditionell vor, dass sich das Land nicht an Militärblöcken beteiligt. Erinnern Sie sich daran, dass Indien die Bewegung der Blockfreien Staaten anführt“, sagte mir Nandan Unnikrishnan, ein renommierter indischer Politikwissenschaftler und Ehrenmitglied der Denkfabrik Observer Research Foundation in Neu Delhi. „Die Quad ist kein militärisches Bündnis. Sie hat viel umfassendere Ziele, von denen die Verteidigungszusammenarbeit nur einen kleinen Teil ausmacht“, meint er.

Unnikrishnan erinnerte daran, dass die Malabar-Manöver, auf die sich die Vertreter der Version einer „neuen NATO“ beziehen, lange vor der Bildung des Viererbündnisses begonnen hatten. Indien führt jedoch mit einer Vielzahl von Ländern Militärmanöver durch – bis vor kurzem sogar mit China.

Mein anderer Gesprächspartner stimmt ihm zu: „Man darf nicht vergessen, dass Indiens Politik darin besteht, sich an allen regionalen und internationalen Gruppierungen zu beteiligen. Es handelt sich um eine Diversifizierung der indischen Politik. Als Großmacht sind wir sehr daran interessiert, dass Indien, das globale Interessen hat, in allen wichtigen Allianzen mit Ausnahme von Militärblöcken vertreten ist“, sagte mir eine dem indischen Außenministerium nahestehende Quelle unter der Bedingung der Anonymität.

„Keine allzu sehr militärische Allianz“.

Der Gesprächspartner erinnerte daran, dass am 15. September die neue AUKUS-Partnerschaft angekündigt wurde, an der Australien, das Vereinigte Königreich und die USA beteiligt sind. Im Rahmen dieses Bündnisses plant Canberra mit amerikanischer Hilfe den Bau von acht atomgetriebenen U-Booten und die Neuausrüstung der Armee mit amerikanischen Marschflugkörpern. Australien hat sogar den größten Verteidigungsvertrag seiner Geschichte mit Frankreich gebrochen und damit einen diplomatischen Skandal ausgelöst. „Die Schaffung des AUKUS-Bündnisses, das einen eindeutig militärischen Charakter hat, hat in Indien sogar eine gewisse Genugtuung ausgelöst. Die Quad-Allianz kann sich nun auf andere Aspekte der Zusammenarbeit konzentrieren und den Ruf eines nicht allzu militärischen Bündnisses aufrechterhalten“, so die Quelle weiter.

Er wies darauf hin, dass Indien nicht eingeladen wurde, AUKUS beizutreten, und das sein politisches Konzept es nicht erlauben würde, dem Bündnis beizutreten.

Viele vergessen eine andere Koalition, die Washington initiiert hat: die Five Eyes Intelligence Sharing Alliance, an der Australien, Kanada, Neuseeland, Großbritannien und die USA beteiligt sind. Indien ist nicht daran beteiligt.

In dieser Hinsicht sind meine beiden Gesprächspartner zuversichtlich, dass Neu-Delhi niemals die Rolle eines „Rammbocks“ für westliche Länder gegen China akzeptieren wird. „Natürlich könnten westliche Länder Indien nutzen, um militärischen Druck auf Peking auszuüben, aber das ist unwahrscheinlich. Indien ist nur an der Verfolgung seiner eigenen nationalen Interessen interessiert“, stellte Unnikrishnan klar.

Ein Echo von Afghanistan?

Ich denke, dass sowohl die Aktivierung der Quad als auch die Gründung von AUKUS zum Teil eine Folge des Scheiterns der USA in Afghanistan waren – die Regierung Biden brauchte erfolgreiche außenpolitische Initiativen. Vor allem aber zeigen die jüngsten Schritte eine offene Neuausrichtung der US-Außenpolitik auf die indopazifische Region, so meine Quelle aus dem Umfeld des Außenministeriums. Er hat keinen Zweifel daran, dass diese Region nun im Mittelpunkt der globalen Außenpolitik stehen wird.

„Warum genau sind der Pazifik und das Südchinesische Meer zum neuen Konfrontationsherd in der Welt geworden? Die Antwort ist einfach: Chinas aggressives Verhalten hat zu Spannungen geführt, und die Bemühungen der Vereinigten Staaten, jede Herausforderung Chinas gegen ihre Vorherrschaft abzuwehren, haben Öl ins Feuer gegossen. Indiens oberstes Ziel ist jedoch ein freier, offener und inklusiver Indopazifik“, so Unnikrishnan weiter.

Das Ziel Neu-Delhis ist es, einen festen und würdigen Platz in der Welt einzunehmen, der seinen Ambitionen entspricht. Premierminister Narendra Modi hat fast unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Jahr 2014 den Versuch unternommen, Indien zu einem globalen Produktionszentrum zu machen, das vielleicht sogar China verdrängt. Es ist kein Zufall, dass Modi die „Make in India“-Agenda ausgerufen hat.

Für Neu-Delhi ist die Konfrontation mit China von anderer Natur als für die USA – Indien konkurriert mit dem chinesischen „One Belt, One Road“-Projekt, von dem es seine Interessen bedroht sieht; es versucht, die Wirtschaftsbeziehungen in der Region auf Indien auszurichten. Aber es will eindeutig nicht in den Krieg ziehen, so die Gesprächspartner.

Gleichzeitig ist Unnikrishnan davon überzeugt, dass das Bündnis der Länder „nur in den russischen und chinesischen Medien“ als „die neue NATO“ bezeichnet wird.

Jeder hat sein eigenes Ziel

Doch schon ein flüchtiger Blick auf das Quartett (Australien, Indien, Japan und die Vereinigten Staaten) genügt, um einen gewissen Unterschied in den Erklärungen seiner Mitglieder festzustellen. Jeder scheint ein anderes Ziel zu verfolgen. Indien zum Beispiel sieht die Quad als Plattform für vielfältige Partnerschaften in verschiedenen Bereichen, zieht es aber vor, nicht von „Feinden“ zu sprechen. Aber die USA zum Beispiel erklären China und Russland offen zu Gegnern und richten ihre Außenpolitik natürlich danach aus.

Deshalb ging es beim ersten Gipfel des Quartetts meiner Meinung nach darum, eine gemeinsame Basis zu finden. Die Parteien sprachen nicht über China (das Wort wurde nicht einmal in den Mund genommen, obwohl es eindeutig gemeint war), sondern über Partnerschaften in den Bereichen Hochtechnologie, neue Technologien, Herstellung eines Impfstoffs gegen COVID-19 und so weiter. Aus dieser Liste geht hervor, dass Quad beabsichtigt, Chinas wirtschaftlicher Expansion in diesen Bereichen entgegenzuwirken. Zumindest für den Moment.

Die erste große Errungenschaft der Allianz war vielleicht die Vereinbarung über Impfstoffe: Die teilnehmenden Länder kündigten nach dem Treffen an, dass sie mehr als 1,2 Milliarden Dosen des Coronavirus-Impfstoffs der Quad Vaccine Partnership an Länder in der indo-pazifischen Region spenden werden. „Das Quartett scheint darauf bedacht zu sein, Chinas ‚Impfstoffdiplomatie‘ entgegenzuwirken, in deren Rahmen Peking Impfstoffe an eine Reihe von Ländern in der ganzen Welt liefert. Neu-Delhi wird den Impfstoff herstellen (bisher handelt es sich um ein Produkt des US-Unternehmens Johnson&Johnson), Japan und die USA werden das Projekt finanzieren, und Australien wird die Logistik für die Lieferung des Medikaments bereitstellen.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

7 Antworten

  1. >> Chinas aggressives Verhalten

    Soso. Man hätte erwähnen können, dass China praktisch keine See- oder Luftstreitkräfte hatten, bis die USA begannen, durch Flottenaufmärsche vor Chinas Küsten, eh, die Freiheit der Ozeane zu beschützen.
    China ist zu groß, als das irgendwer auch nur versuchen würde, das Land zu erobern, und zu weit weg, um irgendwen an zu greifen. Zudem ist China extrem erfolgreich mit seiner Strategie, Länder rund um den Globus wirtschaftlich an sich zu binden. #NeueSeidenstraße #Impfstoffdiplomatie #ShanghaiCooperationOrganisation

  2. Die Einleitung des Artikels ist, meiner Meinung nach, etwas daneben. Nur weil über einige Themen im deutschen Wikipedia nicht so viel steht, wie im englischen, heißt dass noch lange nicht, dass die Deutschen darüber nicht informiert werden sollen. Es gibt sicher einige Interessensgruppen bei Wikipedia, die Zensur und Desinformation betreiben. Trotzdem gilt grundsätzlich immer noch, dass die Wiki von allen betrieben wird. Solange sich keiner hinsetzt und über bestimmte Themen schreibt, tauchen sie eben in der Wiki nicht auf. Die unterschiedlichen Längen bei den verschiedensprachigen Wikis zeigt erstmal nur, dass z.B. dieses Thema im englischen Sprachraum auf mehr Interesse stößt, als im deutschen. Um hier tatsächlich eine Zensur festzustellen, müsste man sich die Historie des Wiki-Artikels anschauen.

    1. Niemand: „Solange sich keiner hinsetzt und über bestimmte Themen schreibt, tauchen sie eben in der Wiki nicht auf.“

      Das ist mittlerweile kein Argument mehr, man weiß im Allgemeinen schon, bei welchen Themen sich das Schreiben lohnt und bei welchen garantiert zensiert wird. Aber bezüglich dieses Eintrags haben Sie vielleicht Recht.

  3. Worte sind das Eine, Taten das Andere: Das Quad-Bündnis ist unverkennbar militärisch ausgerichtet und steht unter Führung der USA – letztere würden sich das auch niemals nehmen lassen. Hingegen ist BRICS wirtschaftlich und politisch ausgerichtet und steht unter keiner hegemonistischen Führung. Nun kann man fragen, was Indien zu diesem Bündnis getrieben hat, und dort sehe ich lediglich die Befürchtungen gegenüber Chinas unverhohlener Expansionspolitik. Aus dieser Sicht kann ich Indien zwar verstehen, aber dabei einen Bund mit dem Teufel (USA) einzugehen, halte ich schon für recht bedenklich …

    Man muss wissen, dass Narendra Modi ein recht orthodoxer Hindu (im spirituellen Sinne) ist und daher von den Moslems in Indien und Pakistan mit Argwohn beobachtet wird. Im Hinduismus gibt es jedoch verschiedene Strömungen, die sich ursprünglich auf die Veden beziehen und alle Weltanschauungen nebeneinander akzeptieren, weil sie den unterschiedlichen (geistigen) Entwicklungsstand aller Menschen akzeptieren – so gibt es also neben Hindus u.a. auch Moslems und Buddhisten. Dieser individuelle Entwicklungsstand eines jeden Menschen (ob spirituell oder materialistisch) spiegelt sich im ursprünglichen Varna-System wider, das fälschlicher Weise als Kastensystem fehlinterpretiert wird …

    Ich habe also Narendra Modi in den Jahren beobachtet und leider feststellen müssen, dass er nicht (wie einst Gandhi) spirituell tolerant ist, d.h. diec in Indien lebenden Moslems werden benachteiligt. Darüber hinaus treibt er Indien in die „Moderne“, die Gandhi ebenso abgelehnt hat, weil er den aufkommenden Materialismus und dessen Kehrseiten vorhersah. Der Materialismus und die Veden stehen sich unversöhnlich gegenüber und somit ist auch Modi in meiner Wahrnehmung eher ein Scheinheiliger oder zumindest noch recht unvollkommener Hindu. Solche Leute (mit zahlreichen materialistischen Anhaftungen und Verblendungen) verfallen leider noch recht leicht dem Materialismus und letztlich auch den USA …

    Zu China: Der Kommunismus (und Maoismus) basiert grundsätzlich auf dem Materialismus und Atheismus – Ähnlichkeiten zum Kapitalismus sind daher unverkennbar. Spiritualität in jeglicher Form, sogar auch der Buddhismus als Weltanschauung ohne (spirituelle) Gottes-Beziehung, werden in China rigide unterdrückt und verfolgt (siehe u.a. Tibet), weil sie dem Materialismus schon philosophisch widersprechen, daher nicht zuletzt entgegen stehen. Auch deshalb ist die Nachbarschaft zwischen Indien und China spannungsgeladen. Indien täte gut daran, seine ursprüngliche Spiritualität mehr zu bewahren anstatt sich der „Moderne“ zu öffnen !

  4. Die merkwürdige Rolle Indiens hängt vermutlich auch mit den Grenzstreitigkeiten zwischen Indien und China zusammen. Außerdem rüstet China den indischen Erzrivalen Pakistan – mit dem Indien auch Grenzstreitigkeiten hat – seit Jahren massiv auf und engagiert sich dort beim Aufbau der Wirtschaft.

    Ich kann mich auch vage an geopolitische Strategien der USA erinnern in denen man Indien als Bollwerk gegen China aufbauen will (wenn es mit dem Regime-Change in Russland und die Russen gegen China marschieren zu lassen nicht klappen sollte).

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