Pressefreiheit

Wie das russische Fernsehen den Friedensnobelpreis für einen kritischen russischen Journalisten kommentiert

Der Friedensnobelpreis ist in diesem Jahr an einen russischen Journalisten und eine philippinische Journalistin gegangen, die für ihren Kampf um die Meinungsfreiheit ausgezeichnet wurden. Da der russische Preisträger jedoch hohe staatliche Auszeichnungen in Russland verliehen bekommen hat und als Berater von russischen Ministern tätig ist, erschließt sich nicht, wofür er ausgezeichnet wurde.

Russland wird immer als Land dargestellt, in dem die Presse unterdrückt oder zensiert wird und in dem keine Meinungsfreiheit herrscht. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an einen regierungskritischen russischen Journalisten „für seinen Kampf um die Meinungsfreiheit“ bestätigt das in den Augen der Menschen im Westen, zumal die westliche Presse entsprechend berichtet hat.

Da dürfte es überraschen, dass der russische Preisträger, der zwar Chefredakteur einer regierungskritischen Zeitung in Russland ist, trotzdem nicht unterdrückt wird. Im Gegenteil wurde er in Russland für seine Arbeit mit mehreren hohen russischen Orden ausgezeichnet und er ist auch Berater der russischen Regierung, die sehr wohl weiß, dass man nur dann gute Entscheidungen treffen kann, wenn man auch seine Kritiker anhört.

Daher dürfte der Kommentar, den der – von den westlichen Medien so bezeichnete – russische „Chefpropagandist“ Kiselev am Sonntag in seiner Sendung „Nachrichten der Woche“ zu der Auszeichnung abgegeben hat, viele im Westen überraschen. Ich habe den Kommentar übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Das norwegische Nobelkomitee hat die Namen der diesjährigen Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Es handelt sich um zwei Personen, die wir in der offiziellen Reihenfolge nennen werden: Maria Ressa, eine Frau mit doppelter Staatsbürgerschaft, Philippinen und USA, und Dmitri Muratow, ein Russe. Beide sind Journalisten.

Maria Ressa ist Absolventin der amerikanischen Princeton-Universität, die das CNN-Büro auf den Philippinen geleitet und dann eine private Online-Nachrichtenagentur gegründet hat. Maria Ressa wurde von den philippinischen Behörden strafrechtlich verfolgt. Wahrscheinlich aus diesem Grund verweist die Erklärung des norwegischen Nobelkomitees auf die Bemühungen von Maria Ressa und Dmitri Muratov um die Verteidigung der Redefreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und dauerhaften Frieden ist.

Der russische Friedensnobelpreisträger ist im Gegensatz zu Maria Ressa Träger des Ordens der Freundschaft und des russischen Ehrenordens. Im März 2014 unterzeichnete Dmitrij Muratow mit anderen einen gemeinsamen Brief, in dem er die Wiedervereinigung Russlands mit der Krim als „höchst gefährliches Spiel“ bezeichnete und davor warnte, dass „eine echte Katastrophe auf Russland zukommt: wirtschaftlich, politisch und humanitär“. Gleichzeitig kann von einer Verfolgung Dmitry Muratovs durch die Behörden jedoch keine Rede sein. Er ist ein wohlhabender Mann, ein respektables Mitglied der Gesellschaft, ohne den Heiligenschein der Opferrolle. Er ist Mitglied des Öffentlichen Rates des Innenministeriums der Russischen Föderation. Im Gegensatz zu Maria Ressa läuft es für Muratow gut. Der Nobelpreis ist eine schöne Verbeugung vor seiner Erfolgsgeschichte.

Der frischgebackene Nobelpreisträger wurde von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, dem Pressesprecher von Premierminister Mischustin Beljakow, der Leiterin der Wahlkommission Pamfilowa und dem Vorsitzenden des russischen Journalistenverbandes Solowjow, beglückwünscht. Die wortreichsten Glückwünsche an die Preisträger kamen aber natürlich von US-Präsident Biden.

Es ist nichts Persönliches, aber wenn es um Meinungsfreiheit auf internationaler Ebene geht, die uns zu Frieden und Demokratie führt, muss man sich schon sehr anstrengen, wenn man Julian Assange oder Edward Snowden nicht bemerkt. Was Russland anbelangt, so hat sich die Preisverleihung gleich mehrfach als falsch erwiesen. Sie ist unverhältnismäßig und eindeutig peinlich für den Preisträger selbst. Und Dmitri Muratow, ein Mann, der sich mit Verhältnismäßigkeiten auskennt, spürt all das wahrscheinlich selbst.

Wenn frühere Friedensnobelpreise an so große Persönlichkeiten wie Henri Dunant, den Begründer des Internationalen Roten Kreuzes – er war der erste Preisträger – und später Fridtjof Nansen, der die Internationale Flüchtlingsorganisation ins Leben rief, an Martin Luther King, der dem Kampf für die Rassengleichheit in den USA zum Opfer fiel, oder an Willy Brandt, deutscher Bundeskanzler, für den Abbau der Spannungen zwischen Ost und West verliehen wurden; oder auch an unsere Landsleute, den Akademiker Andrej Sacharow und den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, die alle sicherlich bedeutende Persönlichkeiten sind und Einfluss auf das Weltgeschehen hatten – man kann über sie streiten, aber ihr großer Einfluss lässt sich nicht leugnen -, fragen die Menschen in aller Welt, wenn sie die Namen der neuen Preisträger hören, als erstes: „Wer ist das?“ Wer ist zum Beispiel diese Maria Ressa? Sie ist wahrscheinlich ein sehr verdienter Mensch, nicht schlechter als andere, aber wo ist die Größe ihres Verdienstes für die Welt?

Wie schwer ist es zu bestreiten, dass auch die geisteswissenschaftlichen Nominierungen für den Nobelpreis in letzter Zeit insgesamt marginalisiert und damit abgewertet wurden. Wie war es denn früher? So wurde zum Beispiel 1957 der Nobelpreis für Literatur „für seinen großen Beitrag zur Literatur, der die Bedeutung des menschlichen Gewissens ans Licht gebracht hat“ an Albert Camus verliehen. Aber wer konkurrierte mit ihm unter den Nominierten? Arnold Toynbee, Alberto Moravia, Lyon Feuchtwanger, Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre, Boris Pasternak… Und was ist jetzt? Literaturnobelpreisträger ist Abdulrazak Gurnah aus Tansania, der in England lebt. Die Konkurrenz war so, dass seine Auswahl zufällig erscheint. Es ist eine Abwertung des Preises.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

19 Antworten

    1. Der Friedensnobelpreis wird ja auch durch ein aus Politikern zusammengesetztes Gremium im NATO-Mitgliedstaat Norwegen und eben nicht durch ein aus Wissenschaftlern, Literaten und Friedensaktivisten zusammengesetztes Gremium im Heimatland der von Alfred Nobel gegründeten Stiftung verliehen.

  1. Wenn er ein Aufrichtiger Mensch, mit einer Russischen Seele ist, dann fährt Er nach Oslo und schmeißt IHNEN den Preis vor die Füße, denn nach den ganzen Menschenschlächtern, von US Kriegspräsidenten über den in einem Meer von Blut watenden Kissinger, über die Chasarischen Eroberer und Völkermörder, der Schlächter von Millionen Russen Gorbatschow, die Kriegsverbrecher OBAMA ( „Ich glaube das Killen habe ich schon gut gelernt“ ) und dem Faschistischen Aggression Bund EU. In so einer Gemeinschaft der größten Verbrecher mag ich nicht Stehen. Прощай навсегда

        1. So wie ich das verstanden habe hat der Verräter Gorbatschow den Weg bereitet und es zu gelassen, das der Jelzin sich an die Macht putschen konnte. Die Zerstörung Russlands, das war Jelzin mit seinen ca. 1000 amerikanischen Beratern. Der hat nicht nur 500 Tonnen hoch angereichertes Uran für einen Apfel und ein Ei an die Amerikaner verscherbelt. (https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/welt-europa/weltchronik/593596_Die-letzte-Uran-Lieferung-aus-Russland.html Man beachte den letzten Absatz, dem Artikel-Schreiber könnte ich ins ……..). Die Amerikaner haben hier abgezockt ohne Ende, sogar die Pläne für ein neues Flugzeug. Das war aber ein Fehler glaube ich. Die Amerikaner sollen echte technische Schwierigkeiten mit ihrer F35 haben. Welches Leid die Russen hier in den 90igern ertragen haben kann ich mir gar nicht vorstellen Die Bevölkerung wurde systematisch über den Tisch gezogen beim totalen Ausverkauf. Meine Schwiegermutter hat Gazprom Aktien für ein paar neue Schuhe verkauft. Die haben nicht gewusst was Aktien (Voucher, wie man hier sagte) sind. Die anderen Aktien die sie hatte waren alle wertlos, weil die Firmen Pleite waren. Massenarbeitslosigkeit, kein Geld um Essen zu kaufen. Also eine Situation die nüchtern nicht zu ertragen ist. In Zlathoust stand ein Kesselwagen mit Methylalkohol auf dem Güterbahnhof. Da sind Alkoholdiebe über die Toten gestiegen um an den Stoff ran zu kommen. Der Kesselwagen musste mit Waffengewalt gesichert werden. Die Folgen sieht man noch heute: vor 10 Uhr morgens kann man keinen Alkohol kaufen, muuaaahh.

          1. Gorbatschow hätte Atomwaffen einsetzen können / MÜSSEN, um die Souveränität der UdSSR und das Leben, seiner Menschen zu Verteidigen. So ist ER an dem Tot der Millionen Menschen SCHULD, deren Leben unter seinem Schutz, als Staatsführer standen.

  2. Christian Esch hat auch ein Artikel über den russischen Journalisten veröffentlicht.
    Schaut mal wie die Überschrift anfangs ausgesehen hat: https://web.archive.org/web/20211010143608/https://www.spiegel.de/ausland/friedensnobelpreis-dmitrij-muratow-ueberjournalismus-und-menschenrechte-in-russland-a-72d45bd6-0a45-4073-a850-f19e164314d6

    ,,»Wir vergessen nichts. Wir sind rachsüchtige Menschen«“

    Paar Stunden später hat man beim Spiegel wohl gemerkt, dass so etwas merkwürdig klingt bei einem Friedensnobelpreisträger und hat es umgeändert in:
    ,,»Wir vergessen nichts«“

    Siehe hier: https://www.spiegel.de/ausland/friedensnobelpreis-dmitrij-muratow-ueberjournalismus-und-menschenrechte-in-russland-a-72d45bd6-0a45-4073-a850-f19e164314d6

    Das sind solche Armleuchter beim Spiegel.

  3. Der Nobelpreis für Ökonomie ging an einen – ich zitiere geDeeplt. –

    der „zeigte anhand eines natürlichen Experiments – bei dem Forscher Situationen untersuchen, wie sie sich in der realen Welt entwickeln -, dass eine Erhöhung des Mindestlohns nicht unbedingt zu weniger Arbeitsplätzen führt.“

    […He showed, using a natural experiment — where researchers study situations as they unfold in the real world — that increasing the minimum wage does not necessarily lead to fewer jobs. …]
    _____://edition.cnn.com/2021/10/11/business/nobel-prize-economics-winner-2021-intl/index.html

    Aa, ja … „Reale Welt“ und so … und wie lang schon predigt da z.B. ein Herr Flassbeck?

  4. In der schweizerischen Presse steht heute:

    „Russlands Präsident Wladimir Putin hat dem neuen Friedensnobelpreisträger, dem kremlkritischen Journalisten Dmitri Muratow, gedroht und ihn zur Achtsamkeit ermahnt.
    «Wenn er sich mit dem Nobelpreis wie mit einem Schutzschild bedeckt, um russische Gesetze zu verletzen, dann tut er das bewusst», sagte Putin mit Blick auf den Chefredaktor der Zeitung «Nowaja Gaseta» bei der Russischen Energiewoche am Mittwoch in Moskau.
    «Wenn er russische Gesetze nicht verletzt und keinen Anlass dafür gibt, ihn zum ‹ausländischen Agenten› zu erklären, dann wird er das auch nicht.»

    Stimmt es, dass der pöhse Puttin ihm nicht gratuliert hat?

    1. Nein, das stimmt nicht, im Gegenteil: Der Kreml hat Muratow als einer der ersten sofort und offiziell gratuliert.
      Also wie überall anders auch. Merkel fährt ja nicht mit Blumen zu einem deutschen Nobelpreisträger, um zu gratulieren, sondern der Sprecher des Kanzleramtes gratuliert und gibt eine Pressemeldung heraus. So war auch in Russland: Kremlsprecher Peskow hat sofort gratuliert.

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