Teil 3

Wie in Russland über die Ukraine berichtet wird: Ein Korrespondentenbericht aus dem Donbass

Im russischen Fernsehen wurde ein Korrespondentenbericht aus dem Donbass gezeigt und da man in einem Konflikt immer beide Seiten anhören sollte, habe ich den Bericht übersetzt.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ natürlich als Schwerpunkt die Lage in der Ukraine gehabt. Ich habe alle Beiträge aus der Sendung übersetzt, damit sich deutsche Leser einen Eindruck davon machen können, wie in Russland berichtet wird.

Der dritte Beitrag war einen Korrespondentenbericht aus dem Donbass und da solche Bilder in Deutschland praktisch nirgendwo zu finden sind, habe ich den Bericht übersetzt. Ich empfehle, den Beitrag des russischen Fernsehens auch anzuschauen, denn zusammen mit meiner Übersetzung ist er auch ohne Russischkenntnisse verständlich.

Beginn der Übersetzung:

Ein südlicher Vorort von Donezk. Es scheint, dass das Dorf fast menschenleer ist. Aber es leben Menschen hier, obwohl die Gärten der Häuser am Ortsrand an die Schützengräben grenzen.

Die Hauptstraße des Dorfes Signalnoe führt an die Frontlinie. Hier ist die letzte Kreuzung, der Laden, die Bushaltestelle und buchstäblich ein paar Häuser weiter sind die Stellungen der Soldaten. Das heißt, die Menschen, die hier leben, stehen tatsächlich an vorderster Front. Jetzt herrscht Ruhe, was in letzter Zeit eine Seltenheit ist.

„Um die Kinder habe ich Angst. Sie werden alles hören, wenn die Offensive beginnt. Wir haben schon Angst vor all jedem Rascheln“, sagt die Frau.

In den Stellungen der Volksmiliz sind überall Warnungen wegen Scharfschützen aufgehängt. Durch das Loch kann man nur mit Hilfe von speziellen Geräten schauen.

„Der Gegner schießt oft nachts, tagsüber eher selten. In letzter Zeit hat er hauptsächlich mit Drohen Granaten abgeworfen“, sagte einer der Soldaten der Volksmiliz der DNR.

Die Kommandeure haben in den Jahren des Krieges gelernt, mit Journalisten zu arbeiten. Bei unserer Ankunft zeigen sie uns eine ganze Tüte mit Munition, die von der anderen Seite gekommen ist, einschließlich Fragmenten von Minen nach NATO-Standards.

„Wir beobachten eine Verstärkung von Ausrüstung, die nach den Minsker Vereinbarungen verboten ist, größer als Kaliber 82. Alles deutet auf die Bereitschaft des Gegners hin, zu aktiven Aktionen überzugehen“, sagte einer der Soldaten der Volksmiliz der DNR.

Ein Dorf in der Nähe des Flughafens von Donezk. Wir kamen zur gleichen Zeit hierher, als der Präsident der Ukraine den Donbass inspizierte. Einen Besuch auf dieser Seite der Frontlinie hat Präsident Selensky nicht geplant, dabei gäbe es hier einiges für ihn zu sehen. So er kann es nur mit Hilfe unseres Reportage sehen. Das Dorf Vesoloe taucht jeden Tag in den Berichten über Beschuss auf und der letzte fand heute Morgen statt.

Gasarbeiter schweißen ein Rohr, das bereits oft geflickt wurde. Die Anwohner nennen es scherzhaft „unser Nord Stream 3.“ Sie haben hier schon gelernt einzuschätzen, woher die Granaten fliegen.

„Der tägliche Beschuss mit verbotenen Waffen geht weiter. Es sind Minenwerfer. Als Folge des Beschusses von Vesoloe muss ich mit Bedauern berichten, dass ein Verteidiger unserer Republik gestorben ist. Das ist der Frieden, den uns die Ukraine anbietet“, sagte Eduard Basurin, Sprecher der Volksmiliz der DPR.

Die Stellung, von der aus der Beschuss durchgeführt wurde, wurde ausgeschaltet. Das wurde offiziell berichtet, es war die Reaktion auf den Tod eines Kämpfers der DNR. Aber während Soldaten den Eid geschworen haben, die Heimat zu verteidigen, kann der Tod von Kindern durch nichts erklärt werden.

Der Friedhof am Stadtrand von Yenakiievo. Ein frisches Grab ist unter Blumen und Spielzeugen begraben. Das waren Vladiks Lieblingsautos. Es ist jetzt neun Tage her.

Dies ist der Hof, auf dem das schlimmste und unerklärlichste Verbrechen der letzten Tage stattfand. Der vierjährige Wladik Dmitriev besuchte seine Großeltern im Dorf Alexandrowskaja. Er ging hinaus in den Hof. Und dann gab es eine Explosion. Die ukrainische Seite veröffentlichte sofort folgende Versionen: zuerst war da gar kein Kind, und dann, dass der Junge selbst irgendwo eine Granate gefunden habe. Die Angehörigen sind schockiert über diese Aussagen.

„Mehrere Zeugen unter den Nachbarn wurden befragt, Personen, die zu diesem Zeitpunkt auf der Straße waren. Wir können mit Sicherheit sagen, dass sie das Geräusch einer Drohne gehört haben“, sagte Viktor Gavrilov, stellvertretender Leiter der Ermittlungsabteilung der Generalstaatsanwaltschaft des DNR.

Vladik wurde – ohne Übertreibung – in beiden Republiken begraben. Die Generalstaatsanwaltschaft der DNR stuft den Vorfall als Terroranschlag ein, angeklagt sind Gennady Shapovalov, der Kommandeur der 59. motorisierten Infanteriebrigade der ukrainischen Streitkräfte, und seine Untergebenen.

Der Tod des Jungen beschäftigt Aktivisten in Donezk. Sie registrieren Kriegsverbrechen und stellen die Berichte dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu. Übrigens bekommen sie regelmäßig Bestätigungen, dass ihre Beschwerden eingegangen sind und bearbeitet werden. Seit Beginn des Konflikts sind es mehr als 2.600 Fälle, darunter der Tod oder die Verletzung von 225 Kindern. Vladik ist Nummer 226.

„Nach unseren Berechnungen ist Sprengsatz in einem Winkel von 70 bis 80 Grad zu Boden gefallen, was typisch ist für einen Abschuss aus der Luft ist“, sagte der Anwalt Vitaly Galakhov.

In der vergangenen Woche wurden zwei Jugendliche in der LNR in die Luft gesprengt – nur einer überlebte. Jetzt liegt er im Krankenhaus. In der DNR, in Seytsevo, trat eine Frau auf eine Mine und starb.

Auch im scheinbar unbeschwerten Donezk sind die Spannungen zu spüren. Es passen keine weißen Jeeps mehr auf den Parkplatz der OSZE, so viele gab es hier noch nie. Dann ertönt Fliegeralarm in der Stadt. Eine Übung.

„Die Geduld reicht genau bis zu dem Moment, wenn die Ukraine zu umfassenden Kampfeinsätzen übergeht. Das ist die rote Linie. Wie sich die weiteren Ereignisse entwickeln werden, kann von unserer Seite nur geplant werden, wir können uns nur auf eine solche Entwicklung der Ereignisse vorbereiten. Ich sage Ihnen, unsere Einheiten sind bereit. Aber ich würde mir sehr wünschen, dass die Situation friedlich gelöst wird. Ob das funktioniert oder nicht, hängt leider nicht nur von uns ab“, sagte Denis Puilin, Regierungschef der DNR.

Filmmaterial aus dem anscheinend schon fernen Jahr 2014. Die Proklamation der staatlichen Souveränität der DNR erfolgte in diesen Apriltagen vor 7 Jahren.

„Die Alternative dazu war, den Staatsstreich in Kiew zu akzeptieren. Sich mit der wildesten Russophobie abzufinden, die wir jetzt im Rest der Ukraine sehen. Hätten wir das tun können oder nicht? Nein“, sagt Denis Puilin.

Die Spannungen entlang der Kontaktlinie nehmen deutlich und stetig zu. Wir verlassen Vesoloe. Am Straßenrand hinter Ruinen sehen wir Ziegen und einen Hirten mit einem Buch. Doch während des Gesprächs stellte sich heraus, dass das friedlich Bild täuscht und er unter seiner Jacke eine kugelsichere Weste trägt.

Ende der Übersetzung

Den ersten Teil der Berichterstattung des russischen Fernsehens finden Sie hier, den zweiten Teil finden Sie hier.


Wenn Sie sich für die Ukraine nach dem Maidan und für die Ereignisse des Jahres 2014 interessieren, als der Maidan stattfand, als die Krim zu Russland wechselte und als der Bürgerkrieg losgetreten wurde, sollten Sie sich die Beschreibung zu meinem Buch einmal ansehen, in dem ich diese Ereignisse detailliert auf ca. 670 Seiten genau beschreibe. In diesen Ereignissen liegt der Grund, warum wir heute wieder von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Obwohl es um das Jahr 2014 geht, sind diese Ereignisse als Grund für die heutige politische Situation also hochaktuell, denn wer die heutige Situation verstehen will, muss ihre Ursachen kennen.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

7 Antworten

  1. Also auf mich wirkt das so, dass die russischen Medien ihre Bevölkerung darauf einstimmen, dass Russland reagieren wird, wenn die Ukraine den Donbass angreift. Also wie in Georgien. Das ist natürlich damals im Großen und Ganzen nicht so gut für Russland ausgegangen. Aber wer weiß, vielleicht spielen die auch nur 3D-Schach und wollen, dass die Ukraine und die USA denken, dass sie reagieren werden und stattdessen werden z.b. die Nazis dort gezielt masakriert. Das Gute an Putin/Russland ist ja, das die einiges schlauer sind als die Weststrategen. Deswegen besteht noch Hoffnung.

    1. Ich gebe Ihnen Recht, dass die russischen Strategen deutlich besser sind als ihre westlichen Pendants. Allerdings lief es garnicht so schlecht für Russland damals in Georgien. Nicht nur hat man die georgische Armee massiv zurück gedrängt, sondern auch die Unabhängigkeiten der Staaten Abchasien und Südossetien gewährleisten können.

  2. „Ich kann garnicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“
    Diese unmenschlichen Drohnenmörder, die mit Hilfe der NATO-Verbrecher*innen morden und morden und morden und von deutschen Politikern auch noch unterstützt werden. Der vierjährige Vladik wird genauso wie die anderen ermordeten Menschen unvergessen bleiben! Jedes Verbrechen wird genauestens dokumentiert für das Tribunal, dass diese Bandera-Monster erwartet. Ich hoffe dass die Verantwortlichen für diese scheußlichen Verbechen endlich nach Den Haag kommen, wo sie hingehören!!

      1. Leider nicht mehr präsent. Was tun gegen eine große Zahl (relativ billiger) militärischer Drohnen? Herkömmliche Flugabwehr, elektronische Störung, Angriff auf die Sender oder irgendwas neues / billiges (rotierende Netze??). Ich denke, daß daran ohne Tamtam massiv gearbeitet wird.

  3. *** Es passen keine weißen Jeeps mehr auf den Parkplatz der OSZE ***
    Jetzt sind noch so viele da, um den NATO NAZIs, die GPS Positionen ,für ihre Feuerziele durch-zugeben. Wenn sie dann massenhaft den Donbass verlassen, weiß man, das ihre Nato Nazi Truppen, diese Feuerziele, mit Bomben und Granaten zu schütten werden.

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