Ukraine-Konflikt

Es geht um einen Stellvertreterkrieg, nicht um den 3. Weltkrieg

Viele haben derzeit Angst, dass wegen des Konfliktes in der Ukraine der Dritte Weltkrieg ausbrechen könnte. Hier erkläre ich, warum ich das sehr unwahrscheinlich halte.

In der aktuellen Situation ist es natürlich schwierig, einen kühlen Kopf zu behalten, zu emotional sind die aktuelle Medienberichte. Aber ein kühler Kopf ist nötig, denn die Situation ist – so herzlos das klingen mag – „nur“ ein weiteres Ereignis, das man nüchtern aus geopolitischer Sicht analysieren muss. Dazu muss man die Interessen der Beteiligten Staaten kennen, vor allem die Interessen der USA. Die sind an einem großen Krieg nicht interessiert, sie wollen Russland schwächen, das sie als Gegner und als politischen Konkurrenten ansehen. Im Idealfall wollen die USA einen Regimechange in Russland und wieder eine Marionette wie Jelzin einsetzen, aber davon träumt man derzeit wohl auch in Washington nicht ernsthaft, zu fest sitzt „das System Putin“ in Russland im Sattel. Also will man Russland – und damit „das System Putin“ – so weit wie möglich schwächen. So einfach ist die Sache im Grundsatz.

Das neue rote Telefon

Journalisten fragen bei Pressekonferenzen im Pentagon, US-Außenministerium und Weißen Haus täglich danach, ob amerikanische oder NATO-Soldaten in der Ukraine eingreifen, oder ob die NATO eine Flugverbotszone über der Ukraine einrichtet. Beides wird immer konsequent abgelehnt, die USA schließen es aus, dass die NATO in irgendeiner Form in der Ukraine aktiv werden könnte.

Die USA feuern zwar Kiew an, weiterzukämpfen und schicken verstärkt Waffen, aber sie wollen nicht selbst eingreifen. Jetzt wurde gemeldet, dass ein rotes Telefon, also ein direkter Draht zwischen den Streitkräften der USA und Russlands eingerichtet wurde, der erfolgreich arbeitet. Das ist vergleichbar mit Syrien, wo es genauso einen direkten Draht zwischen den dortigen Generalstäben der USA und Russlands gibt, damit es nicht zu Zwischenfällen zwischen deren Streitkräften kommt.

Auch als Russland in Syrien eingegriffen hat, wäre die Gefahr eines Dritten Weltkrieges groß gewesen, wenn sich ein Vorfall ereignet hätte, bei dem amerikanische und russische Soldaten aufeinander schießen. Das wurde mit der Einrichtung eines direkten Drahtes erfolgreich verhindert. Gleiches soll nun auch bei der Ukraine sichergestellt werden.

Einen direkten Zusammenstoß zwischen Russen und NATO wollen beide Seiten offensichtlich verhindern.

Der Stellvertreterkrieg

Wir kennen Stellvertreterkriege aus den Zeiten des Kalten Krieges. Mit solchen Kriegen wollten die Supermächte den Gegner schwächen, weil Krieg nun einmal teuer ist und auch zu Unzufriedenheit im eigenen Land führen kann, was die gegnerische Regierung unter Druck setzen würde.

Wer die jetzige Situation in der Ukraine aus dieser historischen Sichtweise betrachtet, der sieht, dass die USA genau das erreichen wollen: Russland in einen Stellvertreterkrieg zu treiben, der Russland teuer zu stehen kommt. Das sagen westliche Politiker ja auch ganz offen, wenn sie seit Jahren davon reden, dass „Russland einen Preis zahlen“ müsse. Und jetzt erzählen Politiker sogar, dass auch der Westen bereit ist, selbst „einen Preis dafür zu zahlen“, Russland zu schwächen.

Wäre der Westen, vor allem die USA, an Frieden in der Ukraine interessiert, dann würden sie keine Waffen in die Ukraine liefern und Kiew nicht zum Kämpfen auffordern. Was der Westen tut, ist dazu geeignet, den Krieg zu verlängern, nicht ihn zu beenden. Genau das kennen wir von den Stellvertreterkriegen aus der Geschichte des Kalten Krieges.

Die russischen Forderungen sind – in meinen Augen – ja nicht übertrieben oder unerfüllbar. Russland will lediglich, dass die Ukraine nicht in die NATO kommt, dass in der Ukraine keine NATO-Truppen, noch dazu mit Atomwaffenfähigen Raketen, in der Ukraine stationiert werden. Russland fordert nicht einmal eine pro-russische Regierung in der Ukraine, Russland will eine neutrale Regierung in Kiew, damit die Ukraine eine Brückenfunktion zwischen Russland und Europa spielen kann.

Geopolitik

Nun müssen Menschen in Ost und West den Preis für die geopolitischen Spielchen zahlen, die die USA spielen, denn es sind ja nicht russische Truppen an den Grenzen der USA aufgetaucht, sondern amerikanische und NATO-Truppen an der russischen Grenze. Und zwar auch in der Ukraine, wo fast monatlich NATO-Manöver durchgeführt wurden und wo tausende NATO-Soldaten unter dem Deckmantel der Ausbildung ukrainischer Soldaten stationiert wurden.

Man hätte die ukrainischen Soldaten ja auch in Europa ausbilden können, aber man wollte die NATO weiter an Russland heranrücken und ist mit NATO-Soldaten in die Ukraine gegangen.

Die russischen Gründe

Über die tatsächlichen Gründe für Russlands Vorgehen in der Ukraine werden wir in nächster Zeit noch viel mehr erfahren, denn es gibt immer mehr Meldungen darüber, dass Russland meldet, es habe keine andere Wahl mehr gehabt, als militärisch einzugreifen, weil es konkrete Vorbereitungen für die Stationierung von US-Raketen in der Ukraine gegeben habe. Hinzu kommen auch Meldungen über die Vorbereitung von biologischen oder chemischen Angriffen im Donbass.

Das kann man natürlich als russische Propaganda abtun, allerdings sind zumindest die Hinweise auf die Vorbereitung von Bio- oder Chemieangriffen auf den Donbass sehr konkret und belegt. Der Westen könnte darüber berichten und es dann bestreiten und widerlegen, stattdessen werden diese Dinge – und vor allem die vorgelegten Beweise – im Westen einfach verschwiegen. Dass man dem westlichen Publikum diese Dinge verschweigen will, dürfte auch der Grund dafür sein, dass die Staaten des Westens sofort und hektisch russische Medien verboten haben.

Wie war das nochmal mit dem Satz aus Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes: „Eine Zensur findet nicht statt“?

Aus historischer Sicht

Wer die Lage in der Ukraine aus der Sicht eines Historikers betrachtet, der sieht deutlich, dass die USA Russland schwächen wollen und dass es ihnen hervorragend ins Konzept passt, wenn Russland in der Ukraine in einen teuren und verlustreichen Stellvertreterkrieg gezogen wird. Daher passt es ins Bild, dass Russland meldet, es sei von den USA vor die Wahl zwischen Pest und Cholera gestellt worden, indem es entweder akzeptieren musste, dass demnächst US-Raketen vor der russischen Haustür aufgestellt werden, oder das durch ein militärisches Eingreifen in der Ukraine zu verhindern.

Die USA hätte beides gefreut: Hätten sie die Raketen an Russlands Grenze aufgestellt, von wo sie in vier Minuten Moskau erreichen können, wären sie sehr zufrieden gewesen. Und auch ein Stellvertreterkrieg, den die USA propagandistisch gegen die „bösen Russen“ instrumentalisieren und der ihnen die Möglichkeit gibt, die schlimmsten Sanktionen zu verhängen, kommt den USA sehr gelegen.

Ein solches Vorgehen ist in der Geschichte nicht neu. Das Problem ist, dass viele Menschen zu glauben scheinen, heute sei so etwas, ein so zynisches Vorgehen, nicht mehr möglich, das sei in der Geschichte zwar geschehen, aber heute sind doch andere Politiker am Ruder. Die wollen nur Gutes und würden nie zu so zynischen Mitteln greifen.

Wenn ich mir die mit Lügen begründeten Kriege der letzten 20 Jahre anschaue – vor allem die Lügen, die zum Irakkrieg geführt haben, sind auch den Konsumenten der „Qualitätsmedien“ bekannt – dann muss ich sagen, dass auch heutige Politiker so zynisch sind wie ihre Vorgänger. Oder wurde auch nur ein einziger der verantwortlichen Politiker in den USA, die den Irakkrieg mit Lügen vom Zaun gebrochen haben, zur Verantwortung gezogen? Immerhin haben die USA mit dem Krieg und seinen Folgen für den Irak über eine halbe Million Tote auf dem Gewissen.

Daher ist die von mir hier aufgezeigte Analyse keineswegs abwegig, sie ist vielmehr eine logische Fortsetzung der US-Politik der letzten Jahre.


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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

24 Antworten

  1. niemand will einen 3. weltkrieg. die gefahr aber besteht, denn putin ist nicht zu trauen, was, wenn er nach ukraine auch noch die baltischen staaten angreift? putin hat die rationalität verloren, sonst hätte er nie diesen angriffskrieg befohlen. offensichtlich gibt es nur noch ja-sager in seinem engsten kreis.

  2. Nein – die „nato“ wird offiziell nicht eigreifen… – es reicht doch schon, Waffen und irreguläre „Truppen“ zu entsenden – um die Suppe am köcheln zu halten…

    Hoffentlich erreicht Russland mit seiner Säuberungsaktion in dieser „ukraine“ ein schnelles Gesamtergebnis…

  3. „Das ist vergleichbar mit Syrien, wo es genauso einen direkten Draht zwischen den dortigen Generalstäben der USA und Russlands gibt, damit es nicht zu Zwischenfällen zwischen deren Streitkräften kommt.

    Auch als Russland in Syrien eingegriffen hat, wäre die Gefahr eines Dritten Weltkrieges groß gewesen, wenn sich ein Vorfall ereignet hätte, bei dem amerikanische und russische Soldaten aufeinander schießen.“
    Entschuldigung Herr Röper das haben sie schon öfters gesagt und es war in jedem einzelnen Fall falsch. Es gab in allen Krieg Situationen in welchen sich Neutrale mit Kriegsteilnehmern beschoßen haben. Es gab auch Verluste. Aber wenn die Führung des neutralen Landes nicht in den Krieg gezogen werden will wird sie solche Vorfälle ignorieren.
    zb. die Versenkung der Lusitania 1915.

  4. Da bin ich mir eher unsicher. Wenn die Angelsachsen „auf keinen Fall“ sagen meinen sie oft „auf jeden Fall“. In der angelsächsischen Kultur ist es auch keine Schande jemand anderen reinzulegen. Dagegen ist es aber eine Schande wenn man sich reinlegen lässt.
    „Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me!“
    Das mit dem direkten Draht macht mir eher Bauchschmerzen. Besonders weil er nicht erst ins weiße Haus sondern direkt zu EUCOM geht. Da haben die Amis die Möglichkeit sehr schnell „Sorry tut mir leid“ zu sagen. Noch vor der militärischen Antwort Russlands. Sind aber nur Vermutungen auf der Grundlage wie die Nato bisher agiert hat (Israel und Syrien). Einen 3. Weltkrieg halte ich aber auch nicht für wahrscheinlich.

    >Oder wurde auch nur ein einziger der verantwortlichen Politiker in den USA, die den Irakkrieg mit Lügen vom Zaun gebrochen haben, zur Verantwortung gezogen?< Dickes Nein! https://www.spiegel.de/ausland/colin-powell-ist-tot-so-reagieren-joe-biden-george-w-bush-tony-blair-und-andere-a-9a0c238d-a402-4bf5-9a72-e24c0cfbd1ff

  5. Ich kann Ihrer Argumentation nicht folgen.
    wenn man nur noch die Wahl zwischen Pest und Colera hat, was wählt man dann?
    Sie sollten Schach spielen lernen, um zu erkennen, daß eine Rochade oft der letzte
    Ausweg ist, der auf vorherige Versäumnisse basiert.
    Fazit: Die russische Diplomatie war zu schlafmützig. Die haben einfach verpennt, ihre roten Linien konsequent und rechtzeitig durchzusetzen.
    Putin wird den Krieg gewinnen und trotzdem immer der Verlierer sein. Es ist sein Schicksal. Das hat er nicht verdient, denn er hat viel für Russland getan.

    1. Ich habe extra für Sie eine völlig andere Theorie: Der ukrainische Präsident wirft der NATO vor, nicht bereit zu sein, Kiew zu helfen, und den Gipfel des Blocks am Vortag als ’schwach‘ bezeichnet. Experten nannten die Reaktion der ukrainischen Führung ‚den Zusammenbruch der Illusionen‘ über Partnerschaften mit dem Westen. Die sogenannten Verbündeten von Kiew haben ihn lange zu antirussischen Aktionen provoziert, ohne die Absicht, sich am Kampf gegen die möglichen Folgen einer solchen Politik zu beteiligen, sagen Analysten. – Meine unmaßgebliche Meinung: „Selenskyj hatte und hat nie vor, ernsthaft zu verhandeln. … ein Komiker?“ Und Putin und Völker Russlands sollen einem Komiker dienen, den beide nicht verdient haben, denn beide: Präsident und die Völker bis in den Fernen Osten … haben viel für Russland getan?

  6. Nun, das was geschehen ist, war die Rochade. Ein verzweifelter Schachzug, um den Gegenspieler mit einer evtl. von ihm nicht einkalkulieten (?) Situation überraschend zu konfrontieren. Ob die Rechnung aufgeht?

    1. Ah okay, danke – dann hatte ich das falsch verstanden in Ihrer ersten Aussage.
      Vielen Dank …

      Ob die Rechnung aufgeht?
      Um beim Beispiel der Rochade zu bleiben, die Überraschung sollte dann auch umgehend genutzt werden, ansonsten hat die Rochade auch einen Nachteil – der König ist in die Ecke gedrängt.

    2. It’s the economie, stupid! (U.S. President Clinton) Verfolgen Sie die Wirtschaftsnachrichten, dann werden Sie mitverfolgen, wer die Luft länger anhalten kann, die Völker ‚Europas‘ oder die ‚föderativen‘ Völker. China schaut interessiert zu. Ich vermag auch nicht zu sagen, welchen Völkern China: ‚Krankenschein‘ und ‚Apotheken-Rezept‘ ausstellen wird … wenn China das ‚falsche‘ ausstellen wird … ja, das war’s wohl dann …

  7. Ein 3. Weltkrieg wäre niemandem nützlich! Die NATO ist Russland konventionell überlegen, aber Russland würde sich niemals dem Westen unterwerfen, solange es Atomwaffen hat, wofür wurden diese schließlich erschaffen. Die NATO weiß das. Was bringen also Hunderte von Atombomben auf NATO-Länder und ebenso auf Russland: Die totale Vernichtung der Erde und dann könnte niemand mehr irgendjemanden versklaven!

  8. Ich bin verunsichert – Frau Wagenknecht sagt doch auch, sie hat sich geirrt als sie meinte, Putin würde nicht noch mal in die Ukraine einmarschieren. Wieviel Garantie geben Sie denn auf das, was Sie für unwahrscheinlich halten und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie falsch liegen?

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