Putschversuch

Veröffentlichtes Videotelefonat zeigt, wie der Putschversuch in Kasachstan organisiert wurde

Muchtar Abljasow, ein im Ausland sitzender Gegner der kasachischen Regierung, hat in dem Glauben, mit Gleichgesinnten in einer Videokonferenz zu sein, offen über die Organisation der Unruhen in Kasachstan berichtet. Das Video wurde veröffentlicht.

Die russischen Prankster Vovan und Lexus sind in Russland sehr bekannt. Sie haben sich darauf spezialisiert, berühmte Menschen am Telefon zu täuschen, was immer wieder zu sehr interessanten Telefonstreichen führt. Die sind nicht nur lustig, sondern auch sehr lehrreich. So haben sie zum Beispiel gezeigt, wie westliche Medien arbeiten, als sie das US-Außenministerium dazu gebracht haben, einen bestellten Artikel bei Bloomberg veröffentlichen zu lassen, die Details finden Sie hier.

Aber es gab noch viele andere Beispiele. So hat die Führung von Amnesty International in einem Telefongespräch mit einem falschen Mitglied des Teams von Navalny offen zugegeben, dass es der Organisation nicht um Menschenrechte, sondern um eine anti-russische Politik geht, die Details finden Sie hier. Auch den französischen Präsidenten Macron konnten sie schon auf den Arm nehmen und haben ihn 2019 mit einem falschen, frischgewählten ukrainischen Präsidenten Selensky telefonieren lassen. Und auch Norbert Röttgen haben sie schon erwischt, allerdings hat YouTube das Video in Deutschland gesperrt, es ist aber aus dem Ausland noch abrufbar.

Das neue Video

Nun haben sie wieder zugeschlagen und ihr Opfer war Muchtar Abljasow, über den ich bereits am 9. Januar berichtet habe und den ich schon damals für einen der Organisatoren des gescheiterten Putschversuchs in Kasachstan gehalten habe. Das bestätigt sich nun, denn die russischen Prankster haben es geschafft, ihn glauben zu machen, er spreche mit Leonid Wolkow, einem der wichtigsten Helfer von Navalny. In dem Glauben, mit einem Gleichgesinnten zu sprechen, hat Abljasow 40 Minuten lang im Detail erzählt, wie er die Unruhen in Kasachstan organisiert und gelenkt hat.

Leider ist das Video mit 47 Minuten zu lang, um es komplett zu übersetzen. Ich übersetze hier daher einen Artikel aus russischen Medien über das Video, der das Gespräch zwischen Abljasow und den Prankstern gut zusammenfasst.

Beginn der Übersetzung:

Abljasow erzählte Prankstern, wie er mit Navalny gesprochen hat

Der flüchtige kasachische Bankier Abljasow rief die Prankster auf, Proteste in Russland zu organisieren

Muchtar Abljasow, ein flüchtiger kasachischer Banker, der behauptete, er habe die Januar-Unruhen in Kasachstan organisiert, erzählte den Witzbolden Vovan und Lexus, die sich in einem Gespräch mit ihm als Mitarbeiter von Navalny ausgaben, wie er Alexei Navalny an den „Fall Kirowles“ erinnert hatte. Das Video des Gesprächs wurde auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlicht. (Anm. d. Übers.: Kirowles war ein Betrugsfall, bei dem Navalny Holz eines staatlichen Forstbetriebs unterschlagen hat, wofür Navalny zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden ist)

Navalny erhielt seine erste Verurteilung auf Bewährung im Fall „Kirowles“ wegen Unterschlagung von mehr als 16 Millionen Rubel und seine zweite Verurteilung im Fall „Yves Rocher“ wegen Diebstahls von mehr als 30 Millionen Rubel.

Abljasow, der dazu aufgerufen hatte, Proteste in Russland zu organisieren, erzählte den Prankstern, dass er einige Male mit Navalny gesprochen und ihm sogar angeboten habe, Proteste in Russland zu organisieren, aber der habe ihn zu Wladimir Aschurkow, dem Direktor von Navalnys Fonds FBK geschickt, der sich in London aufhält. Abljasow und Aschurkow wollten sich sogar in Paris treffen, aber das habe nicht geklappt. (Anm. d. Übers.: Aschurkow behauptet von sich, er habe Navalny erschaffen. Aschurkow sitzt in London, hat beste Kontakte zum britischen Geheimdienst und zieht im Hintergrund viele Fäden, ich habe darüber berichtet, Informationen finden Sie hier und hier.)

„Wenn ich Aschurkow anrufe, ist er immer auf irgendwelchen Partys, es gibt Lärm und Getöse, oder bei Präsentationen. Die Leute erzählten mir, dass sie ihn regelmäßig mit Nikolai Warenko gesehen haben, der für Nasarbajews Schwiegersohn gearbeitet ´hat. Und als ich mit Alexej (Navalny) sprach, sagte er mir: Sie haben einen umstrittenen Ruf. Nun, ich habe ihm gesagt: ‚Wissen Sie, Sie haben auch einen Wald gestohlen, nur so nebenbei'“, beschwerte sich Abljasow.

Daraufhin schlug „Wolkow“ Abljasow vor, eine Geheimorganisation zu gründen und erinnerte an den „großen Kombinator“ aus den „Zwölf Stühlen“ von Ostap Bender.

„Wir müssen unsere Bemühungen verstärken und unserer Organisation einen Namen geben. Ein Geheimbund, der Bund des Schwertes und des Adlers. Die Union von Kasachstan und Russland – KazaRossiya“, rief der Prankster, der sich als FBK-Mitarbeiter Leonid Wolkow ausgab.

Daraufhin stimmte Abljasow zaghaft zu und bestätigte, dass das möglich sei, aber „wir müssen medial abstimmen, damit das, was wir sagen, zusammenpasst, dann wird es einen ernsthaften Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen haben.“

„Übrigens wird sich auch die weißrussische Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja unserem Bündnis anschließen. Und (der venezolanische Oppositionelle Juan) Guaido kann immer noch teilnehmen. Wir werden all diese Kameraden vereinen und die Diktaturen wegfegen“, ließ Wolkow nicht locker.

„Wenn man das, was in Kasachstan passiert ist, als Welle betrachtet, dann ist die nächste Welle nicht einmal eine Welle, sondern ein Tsunami, der auf Russland zukommt. Deshalb reden wir jetzt, oder? Um das zu besprechen“, sagte Abljasow zu dem Prankster, der sich als Leonid Wolkow ausgab.

Daraufhin erklärte „Wolkow“, er sei sehr ermutigt durch die Tatsache, dass die Lage in den postsowjetischen Ländern „wackelig“ sei.

„Sicherlich müssen wir die uns zur Verfügung stehenden Fähigkeiten koordinieren. Nicht nur die Medien, sondern auch den internationalen Block, die Kommunikation und alles andere. Das wird unsere Effizienz erhöhen. Wir brauchen organisierte Kräfte“, forderte Abljasow und nannte als Beispiel seine Arbeit bei der Organisation der Proteste in Kasachstan.

Am besten sei es, die Proteste in Zellen zu organisieren, die von einem Hauptquartier koordiniert werden.

„Sie müssen geheim sein. Aber wir müssen das Regime brechen. Wir müssen überall zuschlagen, am besten zuerst in Russland“, erklärte Abljasow seine Pläne.

Der flüchtige kasachische Banker löste die Frage der Finanzierung der russischen Proteste ganz einfach: „Wir brauchen Sponsoren – Geschäftsleute innerhalb und außerhalb Russlands, wir brauchen Spenden, viele Geldströme sollten organisiert werden“.

Und dann erzählte er, wie er die Proteste in Kasachstan organisiert hat: mit Hilfe von Telegram-Kanälen und geheimen Chats.

„Es war eine lange, mehrjährige Arbeit. Ich habe das in mehr als vier Jahren aufgebaut. Ich habe im Mai 2017 damit begonnen, Zellen einzurichten“, sagte Abljasow und beklagte, dass man den Menschen sagen müsse, wie sie vorzugehen haben, um die Proteste in verschiedenen Städten Kasachstans zu synchronisieren.

Das Gespräch endete mit einem Höhepunkt: Wolkow lud Abljasow ein, die Hymne der Europäischen Union im Stehen zu hören, woraufhin der flüchtige kasachische Banker zustimmte.

Abljasow lebt seit vielen Jahren im Ausland. In Kasachstan wurde er von einem Gericht der Gründung einer kriminellen Vereinigung und der Veruntreuung von Geldern der BTA-Bank für schuldig befunden; der Schaden beläuft sich auf über 7,5 Milliarden Dollar. Abljasows nicht registrierte Bewegung „Demokratische Wahl Kasachstans“, deren Vorsitzender er ist, wird in Kasachstan als extremistische Organisation eingestuft. Darüber hinaus wurde der ehemalige Präsident der BTA-Bank in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe für den Mord an seinem Geschäftspartner Yerzhan Tatishev im Jahr 2004 verurteilt.

Die Massenproteste in Kasachstan begannen in den ersten Tagen des Jahres 2022, als die Bewohner der westlichen Städte Zhanaozen und Aktau gegen eine Verdoppelung des Flüssiggaspreises protestierten. Später griffen die Proteste auf andere Städte über, darunter auch auf Almaty, die alte Hauptstadt und größte Stadt der Republik: Dort begannen Plünderungen, Militante griffen staatliche Einrichtungen an und beschlagnahmten Waffen. Daraufhin verhängten die Behörden bis zum 19. Januar landesweit den Ausnahmezustand und leiteten eine Anti-Terror-Operation ein. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft des Landes wurden 4.578 Menschen verletzt und 225 getötet, darunter 19 Sicherheitsbeamte.

Am Morgen des 5. Januar hat der kasachische Präsident Kasym-Zhomart Tokajew den Premierminister entlassen und übernahm den Vorsitz im Sicherheitsrat. Auf der ersten Sitzung des Sicherheitsrates unter seiner Führung bezeichnete er die Situation in Kasachstan als Untergrabung der Integrität des Staates und erklärte, er habe die OVKS um Hilfe bei der „Bewältigung der terroristischen Bedrohung“ gebeten. Der kollektive Sicherheitsrat der OVKS hat eine kollektive Friedenstruppe entsandt, um die Lage in Kasachstan zu normalisieren.

Am 7. Januar erklärte Tokajew, dass die Terroristen, darunter auch ausländische, weiterhin Widerstand leisten, und versprach, diejenigen zu eliminieren, die ihre Waffen nicht niederlegen. Darüber hinaus erklärte der Präsident, dass alle Forderungen der Bürger, die in friedlicher Form geäußert wurden, Gehör gefunden haben. Am Donnerstag, dem 13. Januar, wurde die OVKS-Mission für erfolgreich abgeschlossen erklärt, und die Friedenstruppen verlassen Kasachstan

Ende der Übersetzung

Ich fand noch ein Detail an dem Gespräch interessant, das hier nicht erwähnt wurde. Abljasow erzählte, dass sein Hauptquartier, das die Proteste in Kasachstan koordiniert hat, in Kiew sitzt, dort aber Probleme bekommen hat. In der Ukraine scheint es in der Regierung unterschiedliche Ansichten über den Putschversuch in Kasachstan zu geben. Die Meinungsverschiedenheiten sind aber wohl weniger politisch bedingt, es scheint eher um finanzielle Interessen ukrainischer Oligarchen zu gehen. Leider ist er darauf nicht näher eingegangen.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Antworten

  1. Gute, entlarvende Arbeit. Ich würde die beiden „Witzbolde“ eher als Investigativ-Journalisten sehen, von denen es leider nur noch wenige gibt. Der Normaljournalist transportiert heute die ihm aufgegebene Propaganda zu den Massen.

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