Die Höhe deutscher und russischer Renten – Ein Vergleich mit überraschendem Ergebnis

In Russland sind die Renten niedrig, das ist allgemein bekannt, und es wird immer gesagt, dass man von ihnen eigentlich nicht leben kann. Ich wollte dies einmal überprüfen und habe die russische Durchschnittsrente mit der deutschen Durchschnittsrente verglichen. Das Ergebnis ist überraschend.
 
Der Punkt ist nämlich, dass Rentner in Russland sehr viele Vorteile genießen, die es in Deutschland nicht gibt. Und da wollte ich wissen, wie groß der Unterschied zwischen den deutschen Renten und den russischen Renten tatsächlich ist, wenn man all diese Dinge mit einbezieht. Vorweg sei gesagt, dass ich hier eine Beispielrechnung gemacht habe, die keinen Anspruch darauf erhebt, vollständig oder auf den Cent korrekt zu sein. Mir ging es einfach darum, diese Dinge einmal prinzipiell gegenüber zu stellen.
 
Die Idee dazu kam mir mal wieder bei einer Diskussion mit russischen Freunden. In Russland herrscht noch das Bild der deutschen Rentner vor, deren Renten so hoch sind, dass sie in den Urlaubsorten am Mittelmeer die Strände bevölkern, während die Renten in Russland kaum zum Überleben reichen. Beide Phänomene gibt es natürlich, aber ich bin auch „vom Fach“ was Finanzprodukte und das deutsche Rentensystem angeht. Und ich begann mir im Laufe des Gespräches die Frage zu stellen, wie denn die tatsächliche Kaufkraft der durchschnittlichen Rentner in Deutschland und Russland aussieht, wenn man die monatlichen Festkosten abzieht und vergleicht, was danach zum Leben bleibt.
 
Die durchschnittliche Rente liegt in Russland bei ca. 190 Euro monatlich. Das ist in der Tat sehr wenig. In Deutschland ist die durchschnittliche Rente nicht so leicht zu ermitteln, sie liegt für Männer im Westen bei ca. 1.060 und bei Frauen bei ca. 530 Euro bei Frauen im Osten, die Bandbreite zwischen Ost und West bzw. Frau und Mann ist also sehr groß. Die Durchschnittsrente wird aktuell für Deutschland insgesamt mit 860 Euro angegeben.
 
Dabei wird schon klar, dass ein objektiver Vergleich schwer ist, da die Renten sowohl in Russland als auch in Deutschland natürlich mal über und mal unter der Durchschnittsrente liegen können. Allerdings ist in Russland der Unterschied zwischen der Frauen- und der Männerrente nicht so gravierend, weil in Russland die meisten Frauen durchgehend berufstätig waren, eine hohe Dichte an Kitas macht es möglich.
 
Ich habe mich daher einfach mal dafür entschieden, zwei fiktive männliche Rentner in Hamburg und St. Petersburg zu vergleichen, beide leben in wichtigen Großstädten ihrer Länder. Einen Mann als Berechnungsgrundlage für Deutschland zu nehmen, hat den Vorteil, dass er mehr Rente bekommt, als eine Frau. Also rechne ich schon mit Vorteil für Deutschland und für meinen Rentner in Hamburg habe ich mal eine Rente von 1.000 Euro angenommen.
 
Den russischen Rentner habe ich bei 200 Euro angesetzt, also ebenfalls etwas mehr, als der russische Durchschnitt, einfach weil es einfacher zu rechnen ist.
 
Wir sehen also, dass die Rente in Deutschland viel höher ist, als in Russland. Aber die Rechnung beginnt erst.
 
Der Rentner in Russland hat nämlich eine schuldenfreie Wohnung, weil jeder Mensch in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion seine Wohnung „privatisieren“ konnte, das kostete damals praktisch nichts und so wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion alle Wohnungen zu schuldenfreien Eigentumswohnungen, während sie in Ostdeutschland nach der Wende von der Treuhand an Wohnungsgesellschaften verschachert wurden.
 
Der durchschnittliche Rentner in Deutschland ist Mieter und ich gehe für unsere beiden Rentner von 70 Quadratmeter-Wohnungen aus. So eine Wohnung kostet in Hamburg derzeit von 500 Euro Miete monatlich aufwärts, aber da unser Hamburger Rentner kein neuer Mieter ist, gehe ich für ihn mal von 400 Euro monatlich an Mietkosten aus.
 
In Deutschland werden auf Renten außerdem Steuern und Sozialabgaben fällig, Steuern muss unser deutscher Rentner zwar nicht zahlen, dafür ist seine Rente zu niedrig, aber die Sozialabgaben schlagen mit 114 Euro zu Buche. Damit bleiben ihm von seinen 1.000 Euro nur noch 886, von denen er auch noch seine Kaltmiete zahlen muss, dann hat er noch 486 Euro übrig.
 
Unser russischer Rentner zahlt auf seine Rente keine Abgaben und die Wohnung gehört ihm, daher hat er immer noch 200 Euro zum Leben.
 
Der Unterschied ist schon deutlich geschrumpft.
 
Ich gehe mal davon aus, dass unsere beiden Rentner kein Auto haben, sondern auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Die Seniorenkarte (ich nahm eine mittlere Zonenauswahl) kostet in Hamburg 62,20 Euro, damit hat unser Hamburger Rentner noch 424 Euro übrig. Der öffentliche Nahverkehr für unseren russischen Rentner ist gratis, er bekommt die Monatskarte in St. Petersburg mit seinem Rentnerausweis umsonst.
 
Damit hat unser Hamburger Rentner noch 424 Euro übrig, unser Russe immer noch seine 200.
 
Die Wohnnebenkosten werden für eine 70 Quadratmeter-Wohnung in Hamburg mit 218 Euro angegeben, unser Hamburger Rentner hat nun nur noch 206 Euro zu Leben. In Petersburg muss unser russischer Rentner auch Nebenkosten zahlen, die für so eine 70 Quadratmeter-Wohnung bei ca 30 Euro liegen, aber als Rentner werden ihm davon 50% erstattet, er zahlt also nur 15 Euro und hat damit 185 Euro zum Leben.
 
Damit stehen dem deutschen Rentner nach Abzug der Festkosten 206 Euro zum Leben zur Verfügung und dem Russen 185. Der Unterschied zwischen dem „bedauernswerten“ russischen Rentner und dem Rentner im „reichen Deutschland“ ist also minimal.
 
Nun kann man noch Medikamente in die Rechnung einbeziehen, was ich uns aber erspare. Wenn unsere Rentner Autos hätten, wäre die Rechnung auch noch eine andere, denn in Russland sind vor allem Kfz-Steuer und Benzin viel billiger als in Deutschland, der Liter Benzin kostet in Russland derzeit nur ca. 60 Cent, Diesel ist noch billiger.
 
Wie gesagt, mir geht es hier gar nicht um die einzelnen Zahlen, vielleicht ist zum Beispiel die Wohnung in Hamburg billiger oder teurer, mir ging es darum, aufzuzeigen, wie unterschiedlich die Systeme sind. In Deutschland sind Löhne und Renten viel höher als in Russland, aber komischerweise ist der Lebensstandard identisch. Das liegt einfach daran, dass bei den Renten in Deutschland viele Abzüge fällig werden, in Russland nicht.
 
Und ganz wichtig ist, dass in Russland fast alle Wohnungen Eigentumswohnungen sind. Miete oder auch Hypotheken sind ein recht neues Phänomen in Russland und es betrifft in der Regel junge Leute, die von zu Hause ausziehen oder in eine andere Stadt gehen wollen. Aber auch die sind, so ist in Russland die Mentalität, ganz wild darauf, möglichst schnell Wohneigentum zu kaufen. So kenne ich viele junge Russen unter dreißig, die sich bereits ihre Eigentumswohnung gekauft haben, wenn auch mit einer Finanzierung auf 15 bis 20 Jahre, ähnlich wie in Deutschland. Allerdings werden diese jungen Leute später die Wohnungen der Eltern erben und können diese dann verkaufen oder als Zusatzrente vermieten.
 
Vor einigen Jahren habe ich Deutsche kennengelernt, die in Russland für einige Monate an einem Projekt gearbeitet haben. Und die waren ganz überrascht, dass eine gemeinsame russische Bekannte, die zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt war, mit ca. 1.000 Euro Gehalt nicht nur eine Eigentumswohnung kaufen, sondern auch noch zwei Mal pro Jahr in den Urlaub fahren konnte. Es liegt einfach daran, dass es in Russland weniger Steuern und Abgaben gibt, ihr Gehalt war praktisch brutto für netto. Außerdem sind Wohnungen billiger, als in Deutschland. Die Bekannte konnte eine nicht zentral gelegene Einzimmer-Altbauwohnung in St. Petersburg, die zwar renovierungsbedürftig, aber gut bewohnbar ist, für ca. 60.000 Euro kaufen. Nicht ganz billig, aber doch viel günstiger als eine solche Wohnung in Hamburg gekostet hätte.
 
Man sieht, es hat keinerlei Aussagekraft, wenn man nur die nackten Zahlen vergleicht, zum Beispiel die Höhe der Renten oder die Bruttolöhne, man muss auch das „Drumherum“ mit einbeziehen.
 
Daher soll meine kleine Zahlenspielerei hier auch nicht auf den Cent korrekt sein, sondern einfach nur das Prinzip aufzeigen. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Die Höhe deutscher und russischer Renten – Ein Vergleich mit überraschendem Ergebnis“

  1. Danke für den aufschlussreichen Artikel! Die Feststellungen kann ich weitestgehend aus eigenem Erleben bestätigen. Ich bin knapp 65, lebe seit gut 14 Jahren in RUS und bekomme russische Rente, Mindestrente, seit 3 Jahren, 6.500 Rubel oder rund 70 Euro. Meine Gattin, Russin, hat knapp 200 Euro Rente – wie im obigen Beispiel beschrieben. Bis auf den kostenlosen ÖPNV (in Nishnij Nowgorod, wie auch in anderen Provunzorten bekommt man eine gewisse Anzahl Fahrscheine im Monat verbilligt, sprich 5 Euretten für 37 Fahrten) kann ich den Artikel voll und ganz bestätigen.

    1. Das liegt daran, dass jede russische Region über die Unterstützung der Rentner selbst entscheidet. In Petersburg ist der ÖPNV für sie kostenlos, bei Ihnen anscheinend ist der ÖPNV nur begrenzt subventioniert. In Polarregionen gibt es aufgrund des rauen Klimas sogar eine kostenlose Kur im Süden pro Jahr für Rentner. Darüber entscheidet jedes Region selbständig.

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