Die Sicht der Anderen: Wie das russische Fernsehen über die Eskalation in Libyen berichtet

In der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ waren am Sonntag auch die Entwicklungen in Libyen ein Thema. Und wie immer ist die Sicht der Russen eine andere, als im Westen, weshalb sich ein näherer Blick darauf lohnt.

Im Spiegel konnte man am Sonntag lesen, dass sich die US-Truppen wegen der Kämpfe im Land aus Libyen zurückziehen. Interessant an dem Artikel im Spiegel ist, dass dort kein Wort darüber geschrieben wurde, wie es in Libyen zu dem Chaos kommen konnte, das wir heute sehen. Das ist das russische Fernsehen wesentlich genauer und erzählt auch die Hintergründe. Es war die Nato, die völkerrechtswidrig Gaddafi gestürzt hat, woraufhin das Land im Chaos versank, ca. 100.000 Menschen getötet wurden und die Flüchtlingswelle über Libyen ihren Lauf nahm.

Im Spiegel steht lediglich ein Satz dazu:

„Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in Libyen Chaos.“

Da lobe ich mir die Berichte des russischen Fernsehens, das auch auf die Vorgeschichte heutiger Konflikte ausführlich eingeht, die die westlichen Medien einfach verschweigen. Ich habe den Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Am 6. April wurde berichtet, dass die libysche Nationalarmee unter der Führung von Marschall Khalifa Hathar die volle Kontrolle über den internationalen Flughafen der Metropole Tripolis übernommen habe. Das Ziel von Haftar ist es, die Kontrolle über die Hauptstadt selbst zu übernehmen und damit das Land zu vereinen.

Bisher gab es in Libyen zwei Regierungen. In der Hauptstadt war mit Unterstützung des Westens Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch zuständig und der westliche Teil des Landes war unter der Kontrolle von Marschall Haftar. Nach der NATO-Aggression 2011, als die Bomber von Frankreich und England das Land bombardierten und die Rebellen den langjährigen Machthaber Muammar Gaddafi töteten, zerfiel das Land.

Vor der Aggression war Libyen ein wohlhabendes Land und kontrollierte den Norden Afrikas bis in den Tschad. Aber Gaddafi machte einen Fehler, den Diebe nie machen würden, er verlieh viel Geld. Nach dem Verständnis von kriminellen Konzepten lebt man danach gefährlich, man kann getötet werden, damit die Schuld nicht zurückgezahlt werden muss. Genau das ist Gaddafi passiert.

Er investierte in den Wahlkampf des französischen Präsidenten Sarkozy, in der Hoffnung, das Geld, sagen wir mal, in „Dienstleistungen“ zurückzubekommen. Aber als das nicht geschah und Gaddafi so unvorsichtig war, an den Gefallen zu erinnern, hat Frankreichs Sarkozy mit Unterstützung der USA und Englands den Krieg und die Ermordung Gaddafis inszeniert. Natürlich war das alles als Kampf für die Demokratie deklariert.

Und was nun? Ein Teil des libyschen Territoriums wird von Marschall Haftar kontrolliert. Er kam letztes Jahr für eine Videokonferenz mit dem russischen Verteidigungsminister Schoigu an Bord unseres Flugzeugträgers Admiral Kuznetsov. Haftar hat eine besondere Beziehung mit dem Präsidenten Ägyptens, General Sisi. Das ist ein großer Aktivposten in seiner Position. Im Rest Libyens sieht es schlimm aus. Noch immer gibt es auch den IS und die Sklavenlager.

Aus Libyen berichtet unser Korrespondent

Es scheint, dass Feldmarschall Khalifa Haftar beschlossen hat, Libyen einzunehmen. Der Oberbefehlshaber der Nationalarmee zog in den Krieg gegen Tripolis, offiziell, um die Bewohner der Hauptstadt vor terroristischen und Banden zu retten, die sich in der Stadt und der Umgebung befinden, tatsächlich aber, um seine Macht zu festigen.

Nach dem Sturz von Muammar Gaddafi im Jahr 2011 wurde in Libyen keine einige Regierung mehr gebildet, die Macht liegt in den Händen mehrerer Fraktionen. Der Westen des Landes mit seiner Hauptstadt in Tripolis wird von der Regierung der nationalen Einheit unter Führung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch kontrolliert, die im Dezember 2015 unter der Schirmherrschaft der UNO geschaffen wurde. Unterstützt wird sie von den Ländern des Westens sowie der Türkei und Katar.

Im Osten und teilweise auch im Süden liegt die Macht in den Händen des 2014 gewählten libyschen Repräsentantenhauses, das auch die „Regierung in Tobruk“ genannt wird. Unterstützt wird sie von der libyschen Nationalarmee unter der Führung von Feldmarschall Khalifa Hahtar, während die Verbündeten von Haftar die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten sind. Wer ist also Marschall Khalifa Haftar?

Er ist ein Soldat und Revolutionär mit schwierigem Schicksal. Einst war er einer der engsten Unterstützer von Muammar Gaddafi. 1969 war er, damals noch Kadett der Militärakademie von Bengasi, ein aktiver Teilnehmer am Sturz des Königs von Libyen. Dann war er Mitglied des Revolutionskommandos. Gaddafi sagte über Haftar: „Er war mir ein Sohn. Und ich war ihm wie ein geistlicher Vater.“

Haftar studierte in der UdSSR, 1978 absolvierte er die höheren Offizierskurse. 1983 war er Zuhörer bei der Frunze Academy. In den späten 1980er Jahren geriet Khalifa Haftar infolge des bewaffneten Konflikts zwischen Libyen und dem Tschad in Kriegsgefangenschaft. Muammar Gaddafi lies seinen General fallen und Haftar wurde vom liebsten Freund zum liebsten Feind des Oberst. Im Tschad kontaktierte Khalifa Haftar CIA-Agenten und ging für 20 Jahre in die USA. Zurück nach Libyen kam er dann, um seinen ehemaligen Kameraden zu stürzen. Gaddafi wurde brutal ermordet, und Haftar war in den letzten 8 Jahren Chef der libyschen Nationalarmee, die das Repräsentantenhaus unterstützt und sich der Regierung der nationalen Einheit widersetzt.

Feldmarschall Haftar genießt nun die aktive Unterstützung Ägyptens, der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens, zumindest berichten Gegner von Haftar, dass die libysche Nationalarmee Waffen aus diesen Ländern erhält. Darüber hinaus wird Haftar in westlichen Medien immer öfter als „libyscher al-Sisi“ bezeichnet, was darauf hindeutet, dass das libysche Militär bereit ist, den gleichen Weg an die Macht zu nehmen, den der ägyptische Präsident gegangen ist.

Khalifa Haftar schaut auch in Richtung Moskau. Im Sommer 2016 besuchte der Marschall zum ersten Mal wieder die russische Hauptstadt, im Herbst desselben Jahres traf sich mit den Leitern des Verteidigungs- und Außenministeriums Russlands und am 11. Januar 2017 war er an Bord des Flugzeugträgers „Admiral Kuznetsov“, von wo er Gespräche mit Verteidigungsminister Sergej Shoigu geführt hatte.

Aber Moskau hat Haftar sicher nicht zum Sturm auf Tripolis gedrängt. Die Reaktion des russischen Außenministeriums spricht Bände. So sagte Sergej Lawrow, Russland unterstütze alle politischen Kräfte Libyens, die Konfliktparteien müssten sich ohne Einfluss von außen einigen. „Wir alle sollten die Libyer auffordern, alle offensiven Militäraktionen zu stoppen und sich an den Verhandlungstisch zu setzen“ sagte der Chef des russischen Außenministeriums.

Feldmarschall Haftar hat sich übrigens bereits geweigert, seinen Gegner, den Anführer der Einheitsfront, Ministerpräsidenten Sarradsch, zu treffen. Offenbar glaubt der Kommandeur der libyschen Armee, dass er in der Lage sein wird, Tripolis schnell zu erobern. Und Gründe für ein so selbstbewusstes Spiel hat er. Jetzt sind in der libyschen Nationalarmee etwa hunderttausend Soldaten und das macht sie zur stärksten Kraft im Land. Außerdem gelang es der Nationalarmee, die südlichen Landesteile von radikal-islamistischen Gruppen zu säubern und die Ölfelder unter Kontrolle zu bringen. Nun kontrollieren die Kräfte von Haftar einen großen Teil des Landes, nicht nur nach Fläche, sondern auch im wirtschaftlichen Sinne. Und dies ist ein weiterer Grund, der es dem Marschall ermöglichte, Richtung Tripolis zu marschieren.

In den ersten Tagen rückten die Truppen der Nationalarmee vor, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen. Die Armee schaffte es, die Kontrolle über drei Städte zu übernehmen: Sabrata und Surman, die 60 Kilometer westlich von der Hauptstadt liegen, und Garyan, das hundert Kilometer südlich von Tripolis liegt. Außerdem rief Haftar in seiner Ansprache vor Beginn der Offensive auf die Hauptstadt dazu auf, das Vorgehen der libyschen nationalen Armee nicht zu behindern und damit Blutvergießen zu vermeiden. Das verlagert die Verantwortung für die Eskalation des Konflikts auf Premierminister Sarradsch.

Für den Feldmarschall selbst ist genauso wichtig, eine ernsthafte Eskalation zu vermeiden, wie die Hauptstadt selbst zu erobern. Das Ziel ist keine neue Runde des Bürgerkriegs, sondern ein Versuch, staatliche Institutionen zu bilden, die Libyen effektiv regieren und Bedingungen für einen politischen Prozess schaffen können, der zum ersten Mal seit acht Jahren eine legitime Regierung bilden kann.

Ende der Übersetzung

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