Dreiste Lüge bei SPON aufgedeckt – Reaktion: Der Spiegel vertuscht das durch heimliche Änderung im Artikel

Keine sechs Stunden nachdem ich dem Spiegel zu einem konkreten Artikel eine dreiste Lüge nachgewiesen habe, hat der Spiegel den entsprechenden Artikel verändert. Wirklich besser ist er damit nicht geworden. Aber entscheiden Sie selbst.

Ich habe heute diesen Artikel veröffentlicht, in dem ich der Moskau-Korrespondentin eine dreiste Lüge vorgeworfen habe. Ob es an meinem Artikel lag oder woran auch auch immer, weiß ich natürlich nicht, aber Fakt ist, dass die Stelle einige Stunden später verändert wurde. Normalerweise weist der Spiegel immer darauf hin, wenn er im Nachhinein etwas an einem Artikel verändert, dieser Hinweis fehlt jedoch in diesem Fall.

Der Spiegel hat also in Relotius-Manier bewusst und dreist gelogen (anders lässt sich das nicht erklären, wie Sie gleich sehen werden), diese Stelle dann heimlich verändert und seine Leser nicht auf seinen „Fehler“ hingewiesen, wie er es sonst immer tut.

Es ging um den „Skandal“ in Sachen Trump und Ukraine. Bitte lesen Sie die Details und Hintergründe bei Bedarf hier nach, ich will jetzt nur über den Teil berichten, den der Spiegel verändert hat.

US-Vizepräsident Joe Biden hat nach dem Maidan-Putsch seinen Sohn in dem ukrainischen Gaskonzern Burisma untergebracht. Dort bekam er offiziell für seinen Nebenjob – er war ja nicht dauerhaft in Kiew – 50.000 Dollar monatlich. Der damalige Generalstaatsanwalt der Ukraine, Schokin, hat gegen die Firma wegen Korruption ermittelt, wobei Bidens Sohn zusammen mit dem gesamten Vorstand im Fadenkreuz der Ermittler stand. Im März 2016 war Joe Biden in Kiew und hat die damalige Regierung unter Präsident Poroschenko und Premierminister Jazenjuk erpresst: Wenn sie Schokin nicht binnen sechs Stunden feuern, werde die Ukraine eine zugesagte US-Zahlung von einer Milliarde Dollar nicht bekommen. Schokin wurde gefeuert und der neue Generalstaatsanwalt Lutsenko hat die Ermittlungen gegen Burisma und Biden junior dann eingestellt.

Biden selbst hat im Jahr 2018 stolz vor dem Council on Foreign Relations erzählt, wie er den „Hurensohn“ („Son of a bitch“) gefeuert hat.

Joe Biden Admits to Getting Ukrainian Prosecutor who Investigated Son Fired

Was Trump nun interessiert ist, was damals in der Ukraine los war, denn der neue Staatsanwalt hat danach die Ermittlungen gegen Bidens Sohn und die Firma Burisma wunschgemäß eingestellt. Der angebliche Skandal besteht also darin, dass Trump vom ukrainischen Präsidenten Selensky gerne wissen möchte, ob Joe Biden seine Macht als US-Vizepräsident und eine Milliarde US-Dollar Hilfsgelder als Druckmittel eingesetzt hat, um seinen Sohn vor einer Strafverfolgung in der Ukraine zu schützen.

Das Problem ist, dass die Spiegel diese Hintergründe immer verschwiegen hat. Im Spiegel begann die Geschichte immer erst damit, dass Trump angeblich von Selensky etwas ganz ungehöriges gefordert hätte. Die Vorgeschichte von Joe Biden wurde immer weggelassen, wie Sie hier nachlesen können.

Das änderte sich am Dienstagabend, als die für ihre Desinformationen bekannte Moskau-Korrespondentin Christina Hebel über das Thema schreiben durfte. Sie erwähnte zwar erstmals die Vorgeschichte mit wenigen Worten, teilte dann aber mit, dass das ja ohnehin alles Unwichtig sei, weil die Ermittlungen gegen Biden Sohn schon vor dem Rauswurf von Generalstaatsanwalt Schokin eingestellt waren. Wörtlich konnte man bei ihr lesen:

„Ebendieser Schokin war für die Untersuchung des Unternehmens Burisma zuständig, die allerdings lange vor Bidens Rücktrittsforderung eingestellt wurde.“

Das Problem ist, dass das gelogen war und ich habe den Link so gesetzt, wie er in dem Artikel gestanden hat. Der Link verweist auf einen Artikel von Bloomberg vom Mai 2019, in dem das exakte Gegenteil von dem steht, was Frau Hebel behauptet und mit einem Link verstärkt hat: „In einem Interview mit der ukrainischen Webseite strana.ua, das am 6. Mai veröffentlicht wurde, sagte Schokin, dass er glaubt, wegen der Burisma-Ermittlungen gefeuert worden zu sein. Im Oktober 2017 hat Burisma eine Mitteilung veröffentlicht, die sagte, dass die Ukraine alle Ermnittlungen gegen sie eingestellt habe.

„In an interview with the Ukrainian website Strana.ua published on May 6, Shokin said he believes he was fired because of his Burisma investigation, which he said had been active at the time. In October 2017, Burisma issued a statement saying Ukrainian prosecutors had closed all legal and criminal proceedings against it.“

Mein Artikel über diese dreiste Lüge im Spiegel hat in einigen sozialen Netzwerken Furore gemacht, wie ich gesehen habe. Und nun habe ich – nur wenige Stunden, nachdem ich meinen Artikel veröffentlicht habe – gesehen, dass der Spiegel den Teil umgeschrieben hat. Jetzt steht dort:

„Ebendieser Schokin war für die Untersuchung des Unternehmens Burisma zuständig, die allerdings seinem damaligen Stellvertreter zufolge lange vor Bidens Rücktrittsforderung de facto eingestellt wurde. Das Verfahren sei bereits 2014 zurückgestellt worden, dies sei auch 2015 weiter der Fall gewesen, sagte der ehemalige Vize-Generalstaatsanwalt Bloomberg.“

Und siehe da: Dieses Mal zitiert Frau Hebel den verlinkten Artikel von Bloomberg korrekt. Aber leider nicht vollständig und sie verschweigt allgemein zugängliche Informationen, die ich in meinem Artikel alle zitiert und verlinkt habe, zum Beispiel Artikel der New York Times.

Das Problem ist nämlich, dass Schokin tatsächlich von allen Seiten kritisiert wurde, weil man ihm Untätigkeit beim Kampf gegen Korruption in der Ukraine vorgeworfen hat. Und als er Anfang 2016 endlich mal aktiv wurde und in Sachen Biden junior und Burisma zu ermitteln begonnen hat, kam Papa Biden nach Kiew und sorgte schon im März 2016 für dessen Kündigung. Schokin hatte einfach im falschen Fall angefangen zu ermitteln.

Und Frau Hebel hat ja immer noch den gleichen Artikel von Bloomberg verlinkt. Warum hat sie dann nicht die Stelle aus dem Artikel zitiert, in der Schokin gesagt hat, er sei wegen der Burisma-Ermittlungen gefeuert worden? Das verschweigt sie den Spiegel-Lesern weiterhin.

Sie macht es im zweiten Anlauf recht geschickt und zitiert die Aussage des Stellvertreters von Schokin korrekt aus dem Artikel, der sagte, dass die Verfahren in 2014 und 2015 zurückgestellt waren. Aber Anfang 2016 eben nicht mehr, da begann Schokin, daran zu arbeiten. Und keine drei Monate später war er gefeuert. Da kann man nachvollziehen, wie er auf die Idee kommt, er könnte wegen der Burisma-Ermittlungen gefeuert worden sein, oder nicht?

Aber das erfährt der Spiegel-Leser nicht von Frau Hebel.

Und wo wir schon bei dem von Frau Hebel zitierten Bloomberg-Artikel sind. Sie hat auch nicht erwähnt, dass der Nachfolger von Schokin als Generalstaatsanwalt nicht nur 2017 das Verfahren gegen Burisma und Biden junior eingestellt hat, unter ihm wurde auch sonst kein wichtiger Menschen in der Ukraine wegen Korruption angeklagt, wie man ebenfalls im gleichen Bloomberg-Artikel lesen kann: „Der kommende ukrainische Präsident Vladimir Selensky wird wohl einen neuen Generalstaatsanwalt ernennen, um Lutsenko zu ersetzen. Unter Poroschenko wurde kein hochrangiger Offizieller wegen Korruption angeklagt.

„Ukraine’s incoming president, Volodymyr Zelenskiy, is likely to appoint his own top prosecutor to replace Lutsenko. Under Poroshenko, Ukraine hasn’t convicted any high-ranking officials of corruption.“

Schokin wurde also rausgeworfen, weil er angeblich nicht gegen Korruption in der Ukraine vorgegangen ist und sein Nachfolger Lutsenko, der seinen Job bis zum Machtwechsel in Kiew behalten durfte, war um keinen Deut besser. Er hat im Gegenteil einfach die schon eröffneten Korruptionsverfahren eingestellt und war so freundlich, die Geschäfte der korrupten ukrainischen Regierung unter Poroschenko und von Familie Biden nicht zu stören. Gegen Poroschenko laufen derzeit in der Ukraine rund ein Dutzend Strafverfahren, unter anderem wegen Korruption, Geldwäsche, Amtsmissbrauch und so weiter. All diese Verfahren wurden aber erst eröffnet, nachdem der freundliche Staatsanwalt und Wunschkandidat von Joe Biden, Lutsenko, die Verfahren nicht mehr verhindern konnte.

Aber auch davon hat die für Moskau und Kiew zuständige Spiegel-Korrespondentin Christina Hebel den Spiegel-Lesern bis heute nichts berichtet.

Fazit:

  1. Frau Hebel lügt bewusst in dem Spiegel-Artikel und unterlegt ihre Lüge mit einem Link, der die Lüge sogar entlarvt. Offensichtlich hat sie gehofft, dass niemand die Quelle überprüft, aber die Verlinkung sollte ihre Lüge wohl noch einmal glaubwürdiger machen.
  2. Der Spiegel bemerkt, dass diese dreiste Lügen entdeckt wurde (Vielleicht durch meinen Bericht und sein Echo in sozialen Netzwerken oder Leserbriefen?)
  3. Danach verändert der Spiegel den Teil des Artikels klammheimlich, ohne seine Leser auf diese inhaltlich sehr wichtige Änderung aufmerksam zu machen, obwohl er sonst immer auf nachträgliche Änderungen in seinen Artikeln hinweist.

Ist da der Verdacht, dass der Spiegel bewusst gelogen hat und dies nun vertuschen will, aus der Luft gegriffen?

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Gedanken zu „Dreiste Lüge bei SPON aufgedeckt – Reaktion: Der Spiegel vertuscht das durch heimliche Änderung im Artikel“

  1. Ein weiteres Beispiel wie wir von unseren „Qualitätsjournalisten/innen“ tagtäglich reingelegt werden. Lügen durch unterlassen. Ein häufig zitiertes Beispiel der Meinungsmache und Propaganda, welches von Albrecht Müller dem Herausgeber der nachdenkseiten schon oft angeführt wurde. Das Problem ist doch, dass kaum ein Bürger die nötige Zeit hat um all dieser Berichterstattung auf den Grund zu gehen, was den Wahrheitsgehalt betrifft. Etwas von den in einem Bericht transportierten Grundgedanken bleibt hängen, ob Wahr oder nicht. Ein weiteres oft zitiertes Beispiel ist das sogenannte wording, ständig in der Tagesshow und dem Heute Journal zu beobachten. Der Westen, also wir, die guten, warnt, z.B. Putin, oder sonst irgendeinen „Bösen“, die gegen unsere Werte verstoßen. Alle anderen, sprich die Bösen, die gegen unsere Werte sind, Drohen. Wenn im Falle Syriens von Terroristen und „gemäßigten Rebellen“ die Rede ist, dann dürfte klar sein, wer auf unserer Seite steht. So wird Meinung gemacht in Deutschland…

  2. Klasse, Thomas! Es ist immer wieder beeindruckend, wie gründlich und präzise du dran bleibst.
    Nur eine Sache finde ich ehrlich gesagt extrem ungerecht:
    Wenn der Spiegel schon die Schlusskorrektur im eigenen Hause abgeschafft zu haben scheint (oder lassen die solch massiven Lapsus etwa mit Absicht durchgehen?) und an dich outsourced, dann sollen sie dich gefälligst auch dafür bezahlen!!!

  3. Das ist wirklich interessant; und es zeigt es gibt in der Spiegel Redaktion offenbar keine ehrliche Haut mehr. Man hält die Redaktionslinie (offenkundig transatlantisch) und rudert gezwungenermaßen nur genausoweit zurück wie bekanntwerdende Fakten das Narrativ stören. Ansonsten bleibt man bei der herkömmlichen Strategie. Pfui!

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