Filmtipp zum Wochenende für geschichtlich interessierte Leser

„Schon damals America First“ ist nicht der Titel dieser Doku auf Arte, aber er wäre sehr passend. Der Originaltitel „Marshall-Plan: gefährliche Waffe des US-Imperialismus“ ist auch nicht schlecht, in jedem Fall ist es eine Doku, die vieles richtig stellt, was man sonst in Dokus oder vor allem in Geschichtsbüchern zu sehen und zu lesen bekommt.

Ich will jetzt nicht viele Worte machen und Ihnen einfach interessante Unterhaltung bei der Doku wünschen. Ich möchte nur noch einen Gedanken vorausschicken: Wir alle haben gelernt, dass der Marshall-Plan uns in Deutschland und Europa den Wohlstand gebracht hat, weil die USA so nett zu uns waren und uns selbstlos geholfen haben. Diese Doku räumt mit diesem US-Propaganda-Unsinn der Nachkriegszeit auf. Und für alle Fälle: Es ist keine Verschwörungstheorie aus dubioser Quelle, es ist eine Reportage von Arte. Und Arte ist doch eher unverdächtig in dieser Richtung. Und abgesehen davon, ist es längst unter Fachleuten bekannt, dass der Marshall-Plan alles Mögliche war, aber eben keine selbstlose Hilfe der USA. Im Gegenteil.

Trotzdem fehlt etwas in der Doku, was ich vorausschicken möchte und ich fordere jeden auf, es zu recherchieren.

Die USA nutzten den Marshall-Plan in erster Linie, um europäischen Ländern den Kauf von US-Waren zu ermöglichen, das Geld floss also direkt zurück in die USA, das sehen Sie auch in dem Film. Es blieb nichts von den „Hilfen“ in Europa. Aber es machte die Empfängerländer trotzdem politisch und wirtschaftlich abhängig von den USA. Ein genialer Plan, bei dem alles Geld zurück in die USA floss, aber die Empfänger anschließend politisch unter Kontrolle der USA waren. Quasi umsonst. Am Ende des Films wird das auch als Fazit fast exakt so gesagt.

Was im Film nicht erwähnt wird, sind folgende Zahlen und Fakten: Im Zuge des Marshall-Plans bekamen die westlichen deutschen Besatzungszonen 1948 bzw. die Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1952 insgesamt 1, 4 Mrd. Dollar. Nach heutiger Kaufkraft wären das ca. 14 Mrd. Dollar, also viel Geld. Nur ist das Problem, dass Deutschland gleichzeitig den USA die Kosten für die Besetzung Deutschlands erstatten musste. Zahlen dazu sind nicht leicht zu finden, aber allein 1950 waren das 4,5 Mrd. DM oder nach damaligem Kurs etwa 1,1 Mrd. Dollar. Das bedeutet, dass Deutschland den USA an Besatzungskosten schon in der Zeit des Marshall-Plans weit mehr für die Besetzung des eigenen Landes bezahlt hat, als es gleichzeitig im Zuge des Marshall-Planes aus den USA bekommen hat. Die Deutschen haben ihren Anteil am Marshall-Plan also praktisch selbst bezahlt, sagten aber den USA brav „Danke“ für eine Hilfe, die sie sich selbst bezahlt haben. Und damit nicht genug: Auch vor Beginn des Marshall-Plans und nach seinem Ende haben die Deutschen weiterhin für die Kosten der Stationierung der US-Truppen in Deutschland bezahlt.

Wenn es Sie interessiert, recherchieren Sie selbst, was Deutschland aus dem Marshall-Plan erhalten hat und wie viel die Bundesrepublik für die Besetzung durch die USA bis 1955 bezahlt hat. Nach 1955 war die Bundesrepublik offiziell kein besetztes Land mehr und die Kosten, die die Bundesrepublik den Alliierten überwies, wurden nicht mehr „Besatzungskosten“ genannt, sondern „Kosten für die Stationierung der Nato-Truppen“. Sogar 2013 wurden unter dieser Rubrik noch 56 Mio. Euro an die ehemaligen Sieger- und Besatzungsmächte überwiesen.

Nach diesem etwas ausführlichem Vorwort wünsche ich interessante Unterhaltung bei dieser spannenden und informativen Doku!

Marshallplan: gefährliche Waffe des US-Imperialismus? | Doku | ARTE

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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