Interview mit der Financial Times: Putin im O-Ton über China und die gemeinsamen Pläne der Länder

Vor seiner Abreise nach zum G20-Gipfel in Japan hat Putin dem Redakteur Lionel Barber von der Financial Times ein anderthalb stündiges Interview gegeben, bei dem auf viele aktuelle Fragen der Weltpolitik eingegangen wurde.

Da das Interview sehr lang ist, veröffentliche ich es in Teilen. Ich werden so das ganze Interview ungekürzt veröffentlichen, aber „am Stück“ ist es einfach zu lang.

Den ersten Teil habe ich am Freitag Morgen veröffentlicht, dies ist der zweite Teil. Hier geht es um die Beziehungen zwischen Russland und China, um die gemeinsamen Interessen und Pläne der beiden Länder für die Zukunft und auch um den Konflikt zwischen den USA und China.

Beginn der Übersetzung:

Barber: Herr Präsident, Sie haben sich oft mit Präsident Xi, dem Präsidenten Chinas, getroffen. Russland und China sind definitiv viel näher zusammengerückt. Aber legen Sie nicht zu viele Eier in den chinesischen Korb? Weil die russische Außenpolitik, auch unter Ihrer Führung, es immer als Tugend angesehen hat, mit allen und jedem zu verhandeln.

Wladimir Putin: Erstens haben wir mehr als genug Eier, aber Körbe, in die man sie legen kann, gibt es nicht sehr viele. (Putin und Barber lachen)

Zweitens bewerten wir immer die Risiken.

Drittens werden unsere Beziehungen zu China nicht von einer kurzfristigen politischen oder anderen Notwendigkeit diktiert. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass der Freundschaftsvertrag mit China, wenn ich mich richtig erinnere, 2001 unterzeichnet wurde. Lange vor der heutigen Situation, lange vor den heutigen, gelinde gesagt, wirtschaftlichen Streitigkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und China.

Russland und China müssen sich nichts und niemandem anschließen und wir müssen unsere Politik nicht gegen irgendjemanden richten. Wir führen generell keine Politik gegen irgendjemanden. Wir setzen unsere Pläne für die Entwicklung unserer Zusammenarbeit einfach konsequent um. Seit 2001 tun wir das, und wir werden diese Pläne konsequent fortsetzen.

Schauen Sie in das Abkommen. Wir haben nichts getan, was nicht im Rahmen dieses Abkommens wäre. Es gibt hier also nichts Ungewöhnliches und es besteht keine Notwendigkeit, bei der Annäherung zwischen China und Russland irgendetwas zwischen den Zeilen zu suchen. Natürlich schauen wir uns an, was heute in der Welt geschieht, wir haben einen gemeinsamen Standpunkt zu einer Reihe von Fragen der heutigen Weltpolitik, einschließlich unserer Haltung zur Einhaltung allgemein anerkannter Regeln im Handel, im internationalen Finanzwesen und in Zahlungssystemen.

Die G20 spielen eine sehr wichtige Rolle. 2008, ganz am Anfang ihrer Existenz, als die Finanzkrise ausbrach, hat die G20 eine Menge nützlicher Dinge zur Stabilisierung der Weltfinanzen getan, viel Nützliches in Bezug auf die Entwicklung des Welthandels getan, für die Stabilisierung in diesem Bereich. Auch für den Kampf gegen die Korruption und so weiter. Daran halten wir fest, sowohl China als auch Russland.

Die G20 haben viel getan, um die Änderung Mehrheitsverhältnisse etwa beim Internationalen Währungsfonds oder bei der Weltbank zu fördern. Und das ist ein gemeinsames Interesse von Russland und China. Angesichts des globalen Wachstums des Anteils der Schwellenmärkte an der Weltwirtschaft ist das nur fair und richtig und wir haben diese Position von Anfang an unterstützt. Und wir sind froh, dass sich dies entwickelt, dass sich diese Veränderung in der Landschaft des Welthandels widerspiegelt.

Schauen Sie auf die letzten 25 Jahre. Wenn ich mich richtig erinnere, ist der Anteil der G7-Länder am weltweiten BIP von 58 Prozent auf 40 Prozent gesunken. Und das sollte sich doch irgendwie in den internationalen Institutionen widerspiegeln. Das ist eine gemeinsame Position sowohl Russlands als auch Chinas. Das ist fair, daran ist nichts Besonderes.

Ja, wir haben viele gemeinsame Interessen mit China, das stimmt. Daher unsere häufigen Kontakte mit Präsident Xi Jinping. Natürlich hat sich zwischen uns auch eine sehr gute persönliche Beziehung entwickelt, das ist normal.

Wir folgen also unserem gemeinsamen Fahrplan, der bereits 2001 gebildet wurde, aber wir reagieren schnell auf das, was in der Welt geschieht. Aber wir bauen niemals bilaterale Beziehungen gegen irgendjemanden auf. Wir arbeiten nicht gegen irgendwelche Länder, sondern für unsere eigenen Beziehungen.

Barber: Das ist eine sehr deutliche Linie, aber Sie kennen Graham Allisons Buch über die Gefahren, über die Falle eines militärischen Konflikts der herrschenden Macht und der aufstrebenden Macht, also zwischen den Vereinigten Staaten und China. Glauben Sie, dass in unserer Zeit die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen Amerika und China besteht?

Wladimir Putin: Wissen Sie, die ganze Geschichte der Menschheit ist voll mit militärischen Konflikten. Aber nach dem Aufkommen von Atomwaffen ist das Risiko globaler Konflikte gerade wegen der möglichen tragischen Folgen für die gesamte Menschheit im Falle eines solchen Konflikts zwischen Atommächten gesunken. Ich hoffe, es kommt nicht dazu.

Obwohl wir natürlich anerkennen müssen, dass es nicht nur um chinesische Industriesubventionen auf der einen Seite oder um die Zollpolitik der Vereinigten Staaten auf der anderen Seite geht. Nein, wir sprechen hier natürlich zuerst über verschiedene Entwicklungsplattformen, so würde ich das vorsichtig nennen, in China auf der einen Seite und in den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite. Unterschiedliche historische Wurzeln, ich glaube, Sie als Historiker stimmen mir zu, unterschiedliche Philosophien, sowohl in der Innen-, als auch der Außenpolitik.

Aber wissen Sie, was ich aus meinen persönlichen Beobachtungen sagen würde, die haben jetzt nichts mit freundlichen Beziehungen mit dem Einen oder einer Konfrontationen mit dem Anderen zu tun, ich schaue nur auf das, was geschieht: China zeigt eine große Loyalität und Flexibilität sowohl mit seinen Partnern, als auch mit seinen Gegnern. Vielleicht sind das nur die historischen Merkmale der chinesischen Philosophie, der Ansatz, wie wie Beziehungen mit anderen aufbauen.

Daher glaube ich nicht, dass es solche Bedrohungen von China ausgehen wird. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Aber wie sehr die Vereinigten Staaten in der Lage sein werden, geduldig zu sein und keine drastischen Entscheidungen zu treffen und ihre Partner mit Respekt zu behandeln, auch wenn sie sie nicht mögen, das ist für mich schwer zu sagen. Aber ich hoffe, ich wiederhole es nochmal, ich hoffe, dass es zu keiner militärischen Konfrontation kommen wird.

Ende der Übersetzung

Den dritten Teil des Interviews werde ich am Samstag veröffentlichen.


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Schreibe einen Kommentar