Propaganda mit Zahlen: Wie der Spiegel seine Leser bei Angaben über Kriegsopfer in die Irre führt

Kriegspropganda hat im Spiegel Tradition. Der Spiegel betrügt seine Leser dabei mit Zahlenspielen. Heute kann ich bei meinen Lesern ein Versprechen dazu einlösen, denn ich habe vor einiger Zeit versprochen, das genau aufzuzeigen, sobald der Spiegel darüber berichtet. Das ist heute geschehen.

In Kriegen sterben Menschen. Das ist eine traurige Tatsache und die modernen Waffen haben dazu geführt, dass heute die meisten Kriegsopfer Zivilisten sind, was noch vor hundert Jahren völlig anders war. In beiden Weltkriegen sind die genauen Opferzahlen zwar umstritten, zumal es auch viele Hungertote gab, die in einer Statistik auftauchen, in einer anderen aber fehlen. Wer dazu recherchiert und verschiedene Statistiken und Quellen vergleicht, kommt zu dem Schluss, dass in den beiden Kriegen ca. 60 Prozent Soldaten und ca. 40 Prozent Zivilisten gestorben sind, wobei die Zahlen von Land zu Land stark schwanken. So betrug die Quote in Russland ca. 50 Prozent, während in den USA, die weit weg von den Fronten lagen, praktisch keine zivilen Todesopfer zu verzeichnen waren.

Diese Verhältnis hat sich in modernen Kriegen stark gewandelt. Entgegen aller Legenden aus den Medien, dass heute mit „chirurgischen Präzisionsschlägen“ von Präzisionswaffen weniger Zivilisten sterben, sagen die nackten Zahlen das Gegenteil. Im Irakkrieg sind nach den vorsichtigsten Schätzungen über 100.000 Zivilisten gestorben, während „nur“ etwas über 10.000 irakische Soldaten ihr Leben gelassen haben. Heute sterben im Krieg also in erster Linie Zivilisten (ca. 90 Prozent) und nicht Soldaten (ca. 10 Prozent).

Das sind die traurigen Fakten und egal, wie sehr sich heute eine kriegführende Partei bemüht, zivile Opfer zu vermeiden, es wird sie immer geben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass in den heutigen Kriegen die Fronten oft durch Städte verlaufen und sich die Kämpfer in Wohnhäusern verstecken. Wer die Kämpfer töten will (und das ist nun mal das Gesetz des Krieges), der kann zivile Opfer gar nicht vermeiden, weil die Kämpfer Zivilisten als lebende Schutzschilde missbrauchen.

Wir können jetzt lange diskutieren, ob man dann überhaupt angreifen darf oder soll, das ist hier nicht das Thema. Manchmal geht es ja auch gar nicht anders, wenn die Kämpfer aus einer Menschenmenge oder mit Artillerie aus Wohngebieten heraus auf Soldaten und Stellungen schießen. Man kann den Soldaten nicht einmal verübeln, dass sie leben wollen und sich daher verteidigen. Dabei sterben dann zwangsläufig Zivilisten.

Das ist die traurige Realität in den heutigen Kriegen zum Beispiel in Afghanistan und Syrien. Trotzdem gibt es einen Unterschied. Die Frage ist nämlich, wie sehr sich die USA in Afghanistan oder die Russen in Syrien bemühen, zivile Opfer zu vermeiden. Das kann man an den Zahlen ganz gut ablesen, denn wenn in den Jahren Tausende Menschen sterben, dann kann man am Anteil von Zivilisten und Terroristen an der Gesamtzahl der Toten ablesen, wie sehr sich die jeweiligen Gegner bemühen, zivile Opfer zu vermeiden. Zahlen lügen nicht.

Daher nun zu meinem Versprechen, das ich heute einlösen möchte.

Am 1. August habe ich über einen Spiegel-Artikel berichtet, in dem es um einen UNO-Bericht zu den Todesopfern in Afghanistan ging. Der Spiegel war sichtlich bemüht, das Wort „USA“ zu vermeiden und sprach stattdessen lieber von der „afghanischen Regierung und ihren Verbündeten„, dabei ist allen klar, wer in Afghanistan den Krieg führt und die Entscheidungen trifft. Das sind sicher nicht die Afghanen.

Das Problem war nämlich, dass die nackten Zahlen der UNO von alleine 717 toten Zivilisten in sechs Monaten durch die „afghanische Regierung und ihre Verbündeten“ berichtet haben, wobei 83 Prozent der der Opfer durch Luftangriffe getötet worden sind. Also durch die Luftwaffe der USA.

Diese Tatsache hat der Spiegel mit allen Mitteln zu kaschieren versucht. Und das sind Zahlen der UNO, die sehr konservative Schätzungen abliefert und nur namentlich genannte Tote in ihre Statistik aufnimmt, deren Todesursache einwandfrei klar ist. Die Dunkelziffer dürfte also um ein Vielfaches höher sein. Trotzdem hat der Spiegel natürlich noch das Dementi der USA zitiert, die die Zahlen der UNO natürlich in Frage gestellt haben.

Wie sehr der Spiegel sich damals gewunden hat und versucht hat, die Schuld der USA für den Tod so vieler Zivilisten herunterzuspielen, können Sie hier nachlesen.

Ich habe damals die Behauptung aufgestellt, wenn es um Russland und Syrien geht, würde der Spiegel völlig anders berichten. Die Grausamkeit der Russen würde schon in der Überschrift klar zu sehen sein, während der Spiegel das Wort „USA“ aus seiner Überschrift herausgehalten hat. Sie lautete damals: „Uno-Bericht – Afghanische Regierung und Verbündete töten mehr Zivilisten als die Taliban

Heute erschien nun ein Artikel über Syrien im Spiegel. Und die Überschrift lautete: „Beobachtungsstelle für Menschenrechte – Russische Angriffe töteten 8300 Zivilisten in Syrien

Der Unterschied springt ins Auge. Dabei gibt es schon bei der Quelle das erste Problem. Im Gegensatz zur UNO, die mit Kommissionen anrückt und genau Untersuchungen anstellt, besteht die „Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ aus einem einzigen syrische Oppositionellen, der in London lebt. Es ist also weder eine neutrale Quelle, noch liegen ihren Angaben irgendwelche nachprüfbaren Fakten zu Grunde.

Hinzu kommt, dass sich die Zahl zu Syrien auf vier Jahre bezieht, aber es klingt in der Überschrift so, als hätten die Russen gerade ein Massaker veranstaltet. Im Spiegel gab es hingegen nie eine Überschrift, wie „US-Angriffe töteten 100.000 Zivilisten im Irak“. Anstatt über die Gesamtzahl der Toten zu berichten, meldet der Spiegel lieber die Zahl der letzten sechs Monate, die ist kleiner und klingt nicht ganz so schlimm.

Aber während der Spiegel vor einem Monat das Wort „USA“ vermieden hat und auch die US-Bombardierungen von Krankenhäusern zum Beispiel in Kunduz nicht erwähnt hat, wird in dem heutigen Spiegel-Artikel alles wiederholt, egal ob wahr und bestätigt oder nicht, was man den Russen in Syrien vorgeworfen hat. Der Spiegel will seine Leser immer daran erinnern, wer aus seiner Sicht der Böse und wer der Gute ist. Damit allerdings entlarvt sich der Spiegel einmal mehr als Propagandainstrument der USA und nicht als unabhängiges (ehemaliges) Nachrichtenmagazin.

Und der Spiegel „lügt“ mit Zahlen. Die hohe Zahl von 8.300 toten Zivilisten in Syrien ist nicht überprüfbar, aber nehmen wir einfach mal an, sie würde stimmen. Das ist eine schrecklich hohe Zahl, aber im Vergleich mit insgesamt 250.000 Opfern in Syrien von 2011 bis 2014 (UNO-Schätzung) sind 8.300 wenige Opfer, so zynisch das klingt.

Der Spiegel hätte die Zahlen ins Verhältnis setzen müssen. Hätte er mitgeteilt, dass die Zahl der Opfer in Syrien seit dem russischen Eingreifen 2015 stark zurückgegangen ist und dass heute im Land weitgehend Frieden herrscht, wäre schon ein ganz anderer Eindruck entstanden. Und das lässt sich an Zahlen überprüfen: Nach Schätzungen, über die die NZZ berichtet hat, starben im Syrienkrieg seit 2011 ca. 500.000 Menschen. Darin enthalten auch die Opfer der letzten Jahre, die die NZZ benennt: 2017 waren es „nur“ noch 39.000 Menschen, nachdem die Zahlen 2016 bei 49.000 und 2015 bei 55.000 Menschen gelegen haben. Wir sehen also, dass die Opferzahlen zwar immer noch hoch sind, aber sie sind seit dem russischen Eingreifen stark gesunken. Demnach sind vor dem russischen Eingreifen ca. 360.000 Menschen in vier Jahren gestorben, in den drei Jahren danach „nur“ noch 140.000 und 2018 waren es noch einmal erheblich weniger Opfer, weil der Krieg schon weitgehend beendet war.

Und von all diesen Toten ab 2015 (insgesamt nach diesen Zahlen ca. 140.000) sollen die Russen laut Zahlen der „Beobachtungsstelle für Menschenrechte“, die keineswegs neutral ist, sondern ein Gegner von Assad und den Russen, für „nur“ 8.300 zivile Opfer in vier Jahren verantwortlich sein. Wenn das so ist, dann würde das bedeuten, dass die Russen sehr argwöhnisch darauf achten, keine Zivilisten zu schädigen.

Der Spiegel berichtet allerdings auf Basis der „Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ über andere Zahlen. Dort heißt es:

„Laut der Beobachtungsstelle wurden ferner rund 5500 Kämpfer der Rebellengruppen sowie mehr als 5200 Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) getötet. Zivilisten machten somit mehr als 40 Prozent der Todesopfer aus, hieß es weiter.“

Aber selbst 40 Prozent tote Zivilisten wäre im Vergleich zu 90 Prozent toter Zivilisten im Irak ein gutes Ergebnis und zeigt, welches Land eher versucht, zivile Opfer zu vermeiden. Der Spiegel aber setzt die Zahlen lieber nicht in Relation. Das tut er nur, wenn es um Opfer der USA geht, dann versucht er sie klein zu rechnen und wenn das – wie im Falle von Afghanistan – nicht möglich ist, dann vermeidet er einfach, die USA überhaupt zu erwähnen.

Jeder Tote ist einer zu viel, aber Krieg ist nun einmal grausam. In Syrien ist vier Jahre nach dem Eingreifen Russlands 2015 heute weitgehend Frieden eingekehrt, nur in einigen wenigen Regionen gibt es noch Kämpfe. Über Afghanistan kann man das nach 18 Jahren US-Krieg nicht sagen und auch im Irak herrscht nach 16 Jahren US-Krieg noch immer kein Frieden.

Aber urteilen Sie selbst: Betreibt der Spiegel neutrale Berichterstattung oder Propaganda?

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Ein Gedanke zu „Propaganda mit Zahlen: Wie der Spiegel seine Leser bei Angaben über Kriegsopfer in die Irre führt“

  1. Ich habe diesen Müll heute auch gelesen. Offensichtlich soll wieder eine neue Propagandaoffensive gestartet werden!
    Es ist wirklich unerträglich, jeden Tag neue Lügen, Desinformationen und Propaganda in diesen sogenannten „Qualitätsmedien“ zu erleben! Leider gibt es immer noch einen ganzen Haufen Leute, die diesen Unsinn für bare Münze nehmen und vor allem auch nichts auf diese Lügenmedien kommen lassen! Thomas, das heißt, die Aktivitäten zu verstärken!

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