Tagesschau lügt über angebliche Armut in Russland: „Russen können sich keine Schuhe leisten!“

Ich wurde heute auf einen Artikel bei der Tagesschau hingewiesen, der wirklich ein bemerkenswertes Stück Desinformation ist. Eigentlich wollte ich für heute aufhören, aber der Artikel lässt mich nicht schlafen. Genießen Sie also mit mir zusammen die Desinformation bei der Tagesschau!

Schon die Überschrift zeigt wohin die Reise heute geht: „Russland – Kreml bezweifelt Armutsumfrage„.

Wir lernen also, dass Russland arm ist und der Kreml es nicht wahrhaben will. Und so klingt es auch in der Einleitung:

„Die russische Führung ist irritiert: Ausgerechnet die offizielle Statistikbehörde zeigt mit einer Umfrage das Ausmaß der Armut im Land auf – und stellt damit die Politik von Präsident Putin infrage.“

Das müssen ja schlimme Zustände in Russland sein!

Weiter lernte ich bei der Tagesschau:

„Die hat gerade veröffentlicht, dass mehr als drei Viertel der Bevölkerung in Russland Schwierigkeiten hat, sich das Nötigste zu kaufen: Von den Familien könne sich etwa ein Drittel kein zweites Paar Schuhe leisten, die Hälfte der Familien nicht mal eine Woche Urlaub weg von zuhause.“

Und das las ich, während ich eine gute Freundin am Telefon hatte, sie ist 30 Jahre alt und eine durchschnittliche Angestellte, die Schuhe sammelt wie die Mädels bei „Sex in the City“ damals. Sie erzählte mir gerade wieder von einem paar Schuhe, an dem sie heute nicht vorbeigehen konnte und von ihrem für August geplanten Urlaub auf Kuba. Wir besprachen diese Dinge, weil wir mit einer größeren Gruppe ein Wochenende auf dem Oktoberfest in München planen und die Frage diskutieren, ob wir noch ein paar Tage in Prag oder Wien ranhängen wollen.

Ich war also ein wenig verwundert über den Artikel bei der Tagesschau und sah vorsichtshalber nochmal aus dem Fenster, um mich zu vergewissern, dass ich auch tatsächlich noch in Russland bin. Ja, der Zwiebelturm des Klosters steht noch schräg gegenüber, ich bin noch in Russland.

Also versuchte ich zu verstehen, worüber die Tagesschau berichtet hat und das war gar nicht einfach, denn im Gegensatz zu russischen Medien verlinken die deutschen Medien ihre Quellen fast nie und man muss sie sehr aufwändig selbst suchen. Ich verstehe nicht, warum viele westliche Medien so ein Geheimnis um ihre Quellen machen, anstatt sie – wie in Russland üblich – immer gleich im Artikel zu verlinken, damit man sie leicht überprüfen kann.

Aber ich fand schließlich, worauf sich die Tagesschau bezogen hat.

Bevor wir also zur Tagesschau zurückkommen, erzähle ich erst einmal von der Umfrage der Statistikbehörde. Die ist nämlich sehr kurios, solche Umfragen kannte ich noch gar nicht. Die Behörde befragt alle zwei Jahre 60.000 russische Familien, wie sie selbst denn ihren Lebensstandard so finden. Daraus wird dann errechnet, was eine durchschnittliche russische Familie zum Leben braucht, also nach eigenen Angaben und Wünschen. Völlig subjektiv. Und das steht auch so in der Umfrage, „die Antworten haben subjektiven Charakter„, wie es dort umständlich formuliert ist.

Es ist also grob gesagt eine Umfrage aus der Serie „Wünsch Dir was“, wobei der Sinn ernsthafter Natur ist: Man versucht die gefühlte Lebensqualität der Menschen im Land zu messen und das ist nun einmal ein sehr subjektives Feld. Befragt werden 60.000 Haushalte landesweit, jedes Interview dauert eineinhalb Stunden. Die meinen es also ernst mit ihrer Umfrage.

Weiter steht in den Hinweisen zur Verfahrensweise, dass man die Angaben „im Zusammenhang betrachten muss“ und vor allem „mit den Ergebnissen der früheren Umfragen vergleichen“ muss, da sie für sich allein genommen nur wenig aussagekräftig sind. Ist auch logisch, es sind ja subjektive Angaben über die Bedürfnisse der Menschen. Die bekommen erst dann Aussagekraft, wenn man sich die Entwicklung zum Vergleich anschaut.

Und da ist der Trend gemäß Statistikbehörde sehr positiv. So können sich im Vergleich zu 2016 nun 46% anstatt 38% spontan bei Bedarf neue Möbel kaufen, „nur 50% können sich eine einwöchige Urlaubsreise pro Jahr leisten, aber vor zwei Jahren waren es nur 43%“ und wirkliche Schwierigkeiten, das notwendigste zum Leben zu kaufen haben 15% gegenüber 17% vor zwei Jahren. Das waren nur Beispiele, ich will nicht alles aufzählen, aber die positive Entwicklung zieht sich über alle Themenfelder.

Das findet sich natürlich alles nicht bei der Tagesschau. Da wird ein Bild der totalen Armut in Russland an die Wand gemalt.

Einer der Punkte, die die Presse in Russland aufgegriffen hat, war die Frage, wie viele Haushalte sich pro Jahr je ein paar gute und bequeme Schuhe pro Familienmitglied für die kalte und die warme Jahreszeit kaufen können. Wie gesagt, es ist eine Statistik aus der Reihe „Wünsch Dir was“, da geht es nicht um Schuhe vom Discounter. Und diese Antwort geisterte durch die Presse, denn 36% gaben an, dass das für sie schwierig sei. Vor zwei Jahren hatten noch 50% damit Probleme.

Aber die Schlagzeile „Statistikbehörde: 36% der russischen Familien können sich keine Schuhe leisten“ war geboren und geisterte durch die sozialen Netzwerke und die Boulevardpresse in Russland.

Bei kinderreichen Familien (drei und mehr Kinder) gaben 40% an, dass das mit den Schuhen ein Problem sei. Die Tagesschau nahm natürlich diese schlechtere Zahl, ohne auf die Feinheiten hinzuweisen:

„Dennoch sei nicht von der Hand zu weisen, dass die Anzahl der Familien, die jedes Jahr nur zwei Paar Schuhe kaufen könne, im Vergleich zu 2016 von rund 50 auf mehr als 60 Prozent gewachsen sei, sagen die Statistiker“

Und da lügt die Tagesschau oder ihr Übersetzer war betrunken, denn es ging nicht um die Frage, ob sie sich „nur zwei Paar Schuhe kaufen“ können, sondern diese 60% haben kein Problem damit, sich mindestens zwei gute Paar Schuhe oder mehr pro Jahr und Familienmitglied zu kaufen.

Anstatt also zu berichten, dass sich die Situation in Russland verbessert hat, wie die Umfrage zeigt, macht die Tagesschau daraus das Gegenteil, die Lage hätte sich verschlechtert.

Nun geisterte aber die „Schuhe-Schlagzeile“ durch den Boulevard der russischen Presselandschaft und so wurde der Pressesprecher des Kreml darauf angesprochen, der die Details der Umfrage offensichtlich noch nicht kannte. Seine Antwort war:

„Ehrlich gesagt wäre ich der Statistikbehörde dankbar für eine Erklärung der Daten. Wir haben Schwierigkeiten, das zu verstehen.“

Daraus machte die Tagesschau folgendes:

„Der russischen Führung gefallen die Zahlen der Statistikbehörde nicht. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zeigte sich verwundert darüber, was das mit den Schuhen solle, und woher überhaupt die Zahlen kämen und verlangte eine Erklärung.“

Und gerade so, als wäre da nun in Moskau der Teufel los, heißt es dann weiter bei der Tagesschau:

„Daraufhin erläuterte die Behörde, dass die Studie seit Jahren eine der repräsentativsten und tiefgründigsten in Russland sei“

Blöd nur, dass auch das gelogen ist. Die Statistikbehörde hat die Umfrage zum Monatswechsel veröffentlicht und alle Hinweise und Erklärung zur Vorgehensweise auch. Nix mit „daraufhin erläuterte die Behörde“ und so weiter.

Nun darf sich jeder aussuchen, welche Variante der Wahrheit näher kommt: Sind die Übersetzer bei der Tagesschau dauerhaft so besoffen, dass sie ständig falsch übersetzen oder berichtet die Tagesschau bewusst die Unwahrheit über Russland?

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Gedanken zu „Tagesschau lügt über angebliche Armut in Russland: „Russen können sich keine Schuhe leisten!““

  1. Ich bin da mal gespannt, was hier in Deutschland solch eine Umfrage ergeben hätte.
    Wir haben ein durchschnittliches Einkommen aller Arbeitnehmer von ca. 1900€ netto im Monat. Davon müssen wir in Stätten eine Miete von 1000€ im Monat bezahlen. Es bleiben noch 900€ zum Leben.
    Ein Auto kostet auch schnell 300,00€ im Monat. Es bleiben noch 600€.
    Versicherungen private Altersvorsorge sind dann noch einmal mit mindestens 100,00€ im Monat zu Buche. Da waren es noch 500.
    Der derzeitigen Hatz IV Satz liegt bei 424€ im Monat.
    Mit dem Durchschnittseinkommen habe ich also nur 76€ mehr im Monat als ein Hatzer. Jeder Hatzer darf 100 € im Monat zusätzlich verdienen, ohne dass das auf den Regelsatz angerechnet wird.
    Ich war mal eine Zeit lang Harzer, mit dem Geld auszukommen ist kein Zuckerschlecken. Damit kann man sich nicht einmal auch nur ein Paar Markenschuhe im Jahr Leisten von Reisen brauchen wir da nicht sprechen.
    Ich bin mir sicher, dass die Geleichen Umfragen in Deutschland ein viel schlechteres Bild zeigen würden.

    1. Dann verrate ich Ihnen noch, ganz im Vertrauen, was die Russen laut Umfrage angegeben haben, wie viel Geld sie als benötigtes „Lebensminimum“ nach Mietkosten ansehen: Im Durchschnitt ca. 800 Euro, wobei die Bandbreite von Rentnern, die ca. 600 angegeben haben bis zu kinderreichen Familien geht, die 1.100 Euro angegeben haben. Das haben sie natürlich auch nicht als Durchschnittseinkommen, es war ja eine Umfrage aus der Reihe „Wünsch Dir was“. Aber Sie haben Recht, eine solche Umfrage wäre für Deutschland auch mal interessant. https://www.rbc.ru/economics/03/04/2019/5ca35e979a7947004fecc392

  2. „Papageienjournalisten von der Lügenpresse“ oder „Mietmäuler mit Presseausweis“ sind für mich immer die großen Überschriften, wenn sich die Mainstreampresse äußert. Mindestens zu Themen wie Russland, Nato und Andersdenkenden. Ich weiß auch das die Schlagworte aus dem rechten politischen Spektrum kommen, zu dem ich nicht gehöre, aber diese beiden Begriffe treffen es. Bei Tagesschau.online wird die Meinungshoheit auch immer gern mit der abgeschalteten Kommentarfunktion dokumentiert. Mit ein bisschen Übung kann man schon an der Überschrift erkennen, ob ein Artikel vom Leser kommentiert werden „darf“ oder ob die Tagesschau die Deutungshoheit für sich beansprucht. Mein Fazit daraus: TagesschauArikel die ich nicht kommentieren kann sind nicht wirklich lesenswert. So auch der über die „armen Russen“. Ich habe ihn auch erst gelesen, nachdem net-news-express.de eure Sicht dazu angesprochen hat. Ist halt Propaganda, was die Tagesschau so ablässt, -staatlich finanzierte-. Man muss nicht alles glauben was da steht und schön, das es auch andere Journalisten gibt. Danke für die alternative Sichtweise. Grüße

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