Was die Zusammenstöße zwischen syrischen und türkischen Truppen bedeuten

An der syrisch-türkischen Grenze ist es zu Gefechten zwischen türkischen und syrischen Streitkräften gekommen. Was sind die Hintergründe und kann das den Nato-Bündnisfall auslösen?

Am Dienstag wurden Gefechte zwischen den Streitkräften der Türkei und Syriens gemeldet und Pessimisten scheinen geglaubt zu haben, dass sich daraus größer Kämpfe entwickeln könnten. So titelte der Spiegel zum Beispiel: „Nordsyrien – Erste Gefechte zwischen türkischen und syrischen Kämpfern – Dutzende Tote gemeldet„. Das klingt so, als seien weitere Kämpfe geradezu vorprogrammiert.

Das ist jedoch kaum zu erwarten und man muss sich den Vorfall genau anschauen, wenn man ihn verstehen will.

Natürlich ist Assad nicht glücklich darüber, dass die Türkei – wenn auch kleine – Teile seines Landes besetzt. Aber ich denke, dass die syrische Entrüstung auch Teil einer Show ist. Die Ankündigung der Türkei, in Nordsyrien eine Schutzzone gegen die Kurden in dem Gebiet zu errichten, hat zum überstürzten Abzug der US-Truppen aus der Gegend geführt und in der Folge mussten sich die Kurden unter Assads Schutz stellen, wenn sie nicht von der türkischen Armee vernichtet werden wollten. Das wiederum führte dann zu der russisch-türkischen Einigung, die die Kampfhandlungen endgültig beendet hat.

Welche Partei dort in dem Konflikt welche Interessen und Ziele hat, habe ich hier analysiert.

Im Ergebnis bekommt Assad nun die Kontrolle über den nordöstlichen, bisher von den Kurden mit amerikanischer Unterstützung kontrollierten, Teil Syriens zurück. Das wäre ohne den türkischen Einmarsch kaum so bald geschehen. Auch wenn Assad die Türken lieber heute als morgen aus Syrien heraushaben will, dürfte er sich heimlich über die Entwicklung gefreut haben, weil sie ihm in die Hände gespielt hat.

Aber die Medaille hat auch noch eine andere Seite. Nur am Rande hört man in den Medien davon, dass die Türkei keineswegs nur mit ihren eigenen Streitkräften in Syrien einmarschiert ist. Auf Seite der Türken sind auch Rebellen einmarschiert, die aus Syrien in die Türkei geflohen sind und nun wieder gegen Assad kämpfen wollen. Und wenn man den genannten Spiegel-Artikel aufmerksam liest, stellt man fest, dass es vor allem diese Rebellen waren, mit denen sich die syrische Armee ein Gefecht geliefert hat:

„Bei Kämpfen mit der türkischen Armee und deren lokalen Verbündeten sind im Norden Syriens Aktivisten zufolge mindestens 13 syrische Regierungssoldaten getötet worden. Auch zehn Kämpfer der pro-türkischen Rebellen seien getötet worden (…) Die türkische Artillerie habe die Regierungssoldaten beschossen, hieß es demnach.“

Wie es zu dem Artilleriebeschuss gekommen ist, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob es nicht Rebellen waren, die dort am Abzug gesessen haben. Aber es ist ein Kriegsgebiet und da kann es auch unbeabsichtigt zu einem solchen Beschuss kommen, auf den die andere Seite dann antwortet. Fakt ist, es sieht nicht nach einer gewollten Konfrontation zwischen syrischen und türkischen Streitkräften aus. Entweder war es ein Versehen oder eine Provokation der vom Spiegel „pro-türkisch“ genannten Rebellen.

Wie dem auch sein, ernsthafte Folgen hatte es nicht. Außerdem haben weder Erdogan noch Assad – bei aller bestehenden Feindschaft – ein Interesse an einem Konflikt. Beide sind auf Russland angewiesen und Russland würde einen solchen Konflikt nicht dulden. Russland will, dass dort endlich Ruhe einkehrt.

Am Mittwoch klang das im Spiegel jedoch anders, wenn man die Überschrift „Offensive im Norden – Syrische Regierung ruft Kurden zum gemeinsamen Kampf gegen Türkei auf“ gesehen hat.

Das klingt dramatisch, ist es aber nicht. Man muss wieder Assads Motive verstehen. Die Kurden haben sich, nachdem die USA sie im Stich gelassen haben, notgedrungen an Assad gewandt. Das ist aber keineswegs aus Liebe geschehen, sondern weil sie eben keine andere Wahl hatten. Die Kurden haben davon geträumt, nun endlich ihren eigenen Staat zu bekommen und dieser Traum ist über Nacht geplatzt. Das müssen sie nun erst einmal verarbeiten.

Assad hingegegen will wieder die Kontrolle über die Kurdengebiete gewinnen. Die syrische Armee rückt dort nun ein und bisher scheint die Zusammenarbeit mit den Kurden ganz gut zu funktionieren. Aber es liegt noch ein steiniger Weg vor Assad. Bekanntermaßen schweißt nichts die Menschen mehr zusammen, als ein gemeinsamer Feind. Daher war es zu erwarten, dass Assad diesen gemeinsamen Feind beschwören muss, um sich als Freund der Kurden zu präsentieren.

Und genau da ist geschehen, wie man im Spiegel lesen konnte, der Teile der syrischen Erklärung zitiert hat:

„Wir stehen in Syrien einem gemeinsamen Feind gegenüber“, teilte das Verteidigungsministerium der staatlichen Nachrichtenagentur Sana zufolge mit. Kurden und Araber müssten sich angesichts der „türkischen Aggression“ vereinen“, um „jeden Zentimeter der geliebten syrischen Gebiete wiederherzustellen“

Assad beschwört in erster Linie die syrische Einheit, weil er die Kontrolle über die Kurdengebiete wiedererlangen möchte. Nach der krawalligen Überschrift kann man das dann auch im Spiegel-Artikel irgendwo lesen:

„Der Aufruf der Regierung in Damaskus an die von den YPG angeführten SDF scheint auch ein Versuch zu sein, in der Region wieder Fuß zu fassen.“

Zu einem Kampf gegen die Türkei wird es nicht kommen, die Türkei wird die besetzten Gebiete ohnehin wieder räumen müssen, wenn die Grenze gesichert ist. Da wird Russland dann schon für sorgen. Das kann auch ein Jahr dauern, aber nach über acht Jahren Krieg ist das ein überschaubarer Zeitraum.

Die Panik, die es vor allem in sozialen Netzwerken gegeben hat, dass die kleinen Gefechte gar den Nato-Bündnisfall auslösen könnten, sind völlig übertrieben und auch unsinnig. Nach dem türkischen Einmarsch in Syrien haben mehrere Nato-Staaten klar gemacht, dass dies ein türkischer Angriff sei und dass daher in der Folge der Nato-Bündnisfall ausgeschlossen ist. Der gilt nur, wenn ein Nato-Mitglied angegriffen wird, nicht wenn es selbst jemanden angreift. Außerdem muss der Bündnisfall muss einstimmig beschlossen werden, was in diesem Fall völlig utopisch ist.

Fun-Fact zum Schluss: Die Nato hat schnell festgestellt, dass das türkische Vorgehen in Syrien völkerrechtswidrig ist. Warum dann aber die Operationen von Nato-Truppen in Syrien – inklusive der Bundeswehr-Tornados – vom Völkerrecht gedeckt sein sollen, haben sie nicht erklärt.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Ein Gedanke zu „Was die Zusammenstöße zwischen syrischen und türkischen Truppen bedeuten“

  1. Was ich besonders bemerkenswert finde, ist dass der Spiegel eine Computeranimation als Titelbild gewählt hat! Das erinnert an ABC in den USA, die kürzlich ein Video von einer „Schießveranstaltung“ genutzt haben, um damit Bilder zu haben für den „Angriff“ der Türkei in Nordsyrien. Das ist wahrer Qualitätsjournalismus. 😉

Schreibe einen Kommentar