Was haben angebliche russische Spionage in Serbien und ein Mordversuch in Bulgarien gemeinsam?

Hinter der anti-russischen Berichterstattung in den Medien stehen Netzwerke, die immer wieder überraschend sind. Dieses Mal will ich über eine Schlüsselfigur berichten, die hinter sehr vielen Berichten über Ereignisse auf dem Balkan steckt.

Manchmal finden sich bei völlig unterschiedlichen Themen plötzlich Zusammenhänge, die man nicht erwartet hat. Ich habe letzte Woche Artikel über einen angeblichen Mordversuch des russischen Geheimdienstes GRU in Bulgarien gelesen und einen Artikel über angebliche Spionage der Russen im mit ihnen befreundeten Serbien. Gerade, als ich beschlossen habe, darüber nicht zu schreiben, fiel mir auf, dass in beiden Fällen der gleiche „unabhängige“ Journalist die Quelle der Meldungen ist. Da wurde es dann plötzlich sehr interessant.

Die erste Meldung

Am 22. November berichtete der Spiegel über einen angeblichen Spionagefall, bei dem ein Vize-Militärattaché der russischen Botschaft in Belgrad einem pensionierten Oberst der serbischen Armee Geld übergeben haben soll. Das ganze sei schon im Dezember 2018 geschehen und wurde auf Video gefilmt. Das Video wurde erst jetzt veröffentlicht.

Serbien und Russland sind eng befreundet. Russland unterstützt Serbien bei seiner Position zum Kosovo, Serbien hat als einziges Land in Europa keine Sanktionen gegen Russland verhängt und beide Staaten führen auch gemeinsame Militärübungen durch und Serbien kauft moderne russische Luftabwehrsysteme. Die Freundschaft zwischen Serbien und Russland ist historisch gewachsen und steht auf sehr festen Füßen.

Das ist den USA ein Dorn im Auge, die Russlands Einfluss auf dem Balkan zurückdrängen wollen. Aber dessen ungeachtet haben sich Putin und der serbische Präsident Vucic schon 16 Mal getroffen und am 4. Dezember ist das nächste Treffen in Sotschi geplant. Und nun wurde, kurz vor dem Treffen, das Video anonym auf YouTube online gestellt. Im Spiegel konnte man dazu lesen:

„Die anonym geposteten Videoaufnahmen seien nicht von serbischen Stellen aufgezeichnet worden, doch hätten diese davon gewusst, sagte Vucic. Der bulgarische Investigativ-Journalist Christo Grosev hatte Kleban auf dem Video bereits am Mittwoch identifiziert und ihn dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordnet.“

Russland bestreitet, dass es in Serbien spioniert und der serbische Präsident sieht keinen Grund, das geplante Treffen mit Putin abzusagen. Er nannte Putin sogar demonstrativeinen wahren Freund Serbiens„.

Der politische Skandal, den man nach der Meldung erwarten musste, ist ausgeblieben. Den USA gefällt das nicht, sie hätten gerne, dass Serbien jetzt böse auf Russland ist. Das US-Außenministerium teilte mit:

„Wir sind besorgt über Berichte über eine unanständige russische Einmischung in die serbische Politik. Die Vereinigten Staaten unterstützen Serbiens Bemühungen, den Vorfall zu untersuchen und ermutigen die Regierung, die Verantwortlichen für den Vorfall zur Verantwortung zu ziehen. Die russische Regierung versucht, Europa mit militärischem Druck, bösartigen Cyberangriffen und bösartigem Einfluss in vielen Ländern zu destabilisieren, die Verbündete, Partner und Freunde der Vereinigten Staaten sind. Wir haben der russischen Regierung auf höchster Ebene klargemacht: Ihr müsst eure destabilisierenden Aktionen auf der ganzen Welt stoppen.“

Diese Meldung wurde von der Balkan-Redaktion des US-Auslandsstaatssenders „Radio Free Europe“ am folgenden Tag, dem 23. November, verbreitet. Der Versuch der USA, diesen angeblichen Spionage-Skandal zu nutzen, um einen Keil zwischen Belgrad und Moskau zu treiben, ist offensichtlich.

Am gleichen Tag haben serbische Zeitungen jedoch unter Berufung auf serbische Sicherheitskreise berichtet, dass das Video wahrscheinlich vom rumänischen Geheimdienst stammt und ein „Versuch des Westens ist, die serbisch-russischen Beziehungen zu zerstören„.

Damit ergeben sich ein paar Fragen. Wenn das Video vom Dezember 2018 ist, warum wurde es erst jetzt veröffentlicht? Und warum wurde es überhaupt anonym veröffentlicht? Der normale Weg wäre, dass ein Geheimdienst seine Erkenntnisse an den anderen weitergibt. Sprich ein westlicher Geheimdienst hätte das Video dem serbischen Geheimdienst übergeben und wenn das Video echt ist, hätte Serbien sich bei Russland beschwert.

Hier wurde aber ein anderer Weg gewählt. Irgendein YouTube-Kanal veröffentlicht das Video anonym und ein bulgarischer investigativer Journalist, Christo Grosev, ist sofort zur Stelle und identifiziert die gefilmten Personen und ordnet das Video entsprechend ein.

Über diese Sache wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, denn für sich genommen enthält die Geschichte keinerlei Fakten. Es sieht wie psychologische Kriegsführung der USA aus, die Russlands Ruf in Serbien beschädigen wollen. Aber auch das lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Daher war mir das zu wenig für einen Artikel. Eigentlich, bis ich den zweiten Artikel gefunden habe.

Die zweite Meldung

Außerdem stieß ich auf einen Artikel, den der Spiegel am 23. November veröffentlicht hat. Darin ging es unter der reißerischen Überschrift „Mutmaßlicher Geheimdienstanschlag in Sofia – Auftrag: Mord“ um einen angeblichen Mordanschlag in Bulgarien im Jahre 2015. Der Artikel stellte dann Verbindungen zwischen dem angeblichen Giftanschlag in Bulgarien und dem Fall Skripal her, die Details zum Fall Skripal finden Sie hier.

Der Spiegel-Artikel war das übliche Propaganda-Machwerk. Obwohl es im Fall Skripal keine gesicherten Erkenntnisse gibt, konnte man im Spiegel lesen:

„Wie sich herausstellte, ging der Anschlag in England zweifellos auf das Konto von Mitgliedern einer Sondereinheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU.“

Der Spiegel stellte also wahrheitswidrig die Behauptung auf, der Fall Skripal sei aufgeklärt und Russland sei schuld. Das ist nicht neu, das tun die deutschen Medien immer. Hier ging es jedoch einen Schritt weiter und der Spiegel stellte dann auf Basis dieser unwahren Behauptungen Parallelen zu dem Fall in Bulgarien aus dem Jahr 2015 her.

Auch darüber wollte ich nicht schreiben, denn diese Lügen der Presse zum Fall Skripal sind schon so oft aufgezeigt worden, dass ich es nicht alles wiederholen wollte. Zumal der Spiegel so viel in den Artikel gepackt hatte, dass mein Artikel, der all die Unwahrheiten hätte belegen müssen, drei Mal so lang geworden wäre, wie der Spiegel-Artikel.

Aber dann wurde es doch noch interessant, denn man konnte in dem Artikel lesen:

„Britische und bulgarische Behörden tauschten sich nach Gebrews Hinweisen aus. Doch es waren Journalisten der Investigativnetzwerke „Bellingcat“ und „The Insider“, die Anfang des Jahres eindeutige Verbindungen zwischen den Mordversuchen enthüllten“

Es ist bekannt, dass Bellingcat ein Propaganda-Instrument des Westens ist. Immer wenn es keine Belege für eine These des Westens gibt, liefert Bellingcat die angeblichen Belege. Bellingcat, eine britische Plattform, weiß alles über syrische Giftgasangriffe, über MH17 und über die Skripals. Und nun also auch noch über Mordversuche in Bulgarien.

Und auch „The Insider“, mit dem Bellingcat zusammen arbeitet, ist bekannt. Dabei handelt es sich um einen Russen, der angeblich Zugriff auf russische Paßdatenbanken hat. Der Mann ist namentlich bekannt, wohnt in Moskau und ist auf freiem Fuß, was merkwürdig ist, wenn er sich angeblich Zugang zu russischen Datenbanken verschafft hat. Das ist nämlich illegal. Und „The Insider“ hat in einem Interview ganz freimütig erzählt, dass er aus dem Westen finanziert wird und 10.000 Dollar monatlich bekommt. Dafür liefert er angebliche Belege aus Russland, auf die sich Bellingcat dann berufen kann.

Es ist also wieder diese Kombination aus Bellingcat und Insider, die die Informationen liefern. Im Spiegel-Artikel geben sie Angaben über Pässe, Visa, Reiserouten und so weiter bekannt, die man als Blogger nicht bekommt. Es handelt sich dabei um Angaben von Behörden, Fluggesellschaften und so weiter. Ob diese Angaben stimmen, kann niemand überprüfen. Aber wenn sie der Wahrheit entsprechen, dann bedeutet das, dass Bellingcat von Behörden, wahrscheinlich Geheimdiensten, mit Material versorgt wird, um es zu veröffentlichen. Anders kann man an die dort veröffentlichten Informationen nicht herankommen.

Wer das nicht glaubt, kann ja mal beim deutschen Außenministerium anrufen und nach Angaben über ausgestellte Visa für eine bestimmte Person fragen. Schon aus Gründen des Datenschutzes dürfen solche Informationen nicht einfach weitergegeben werden. Bellingcat aber hat all diese Informationen aus den verschiedensten Ministerien, Staatsanwaltschaften und so weiter. Und das nicht nur aus einem Land, sondern aus ganz Europa. Wie soll man diese Informationen bekommen, wenn nicht über einen Geheimdienst, der sie zur Verfügung stellt?

Wenn Bellingcat über andere Kanäle an die Unterlagen herangekommen wäre, müssten längst in ganz Europa Ermittlungen laufen, um die undichten Stellen in all den Behörden zu finden, die unerlaubt Daten (sogar aus laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen) an Bellingcat durchstechen. Da es aber keine derartigen Ermittlungen gibt, kann man davon ausgehen, dass Bellingcat von staatlicher Seite mit den Informationen versorgt wird, die veröffentlicht werden sollen. Von einer „Rechercheplattform“ kann bei Bellingcat keine Rede sein, es ist vielmehr ein Instrument für Geheimdienste, mit dem sie das an die Öffentlichkeit bringen können, was die Öffentlichkeit wissen soll. Ob es der Wahrheit entspricht, ist noch eine ganz andere Frage.

Was haben Spionage in Serbien und der Mordversuch in Bulgarien miteinander zu tun?

Der Zusammenhang ist der bulgarische Journalist Christo Grosev. Der arbeitet nämlich für Bellingcat. Und er hat nicht nur rein zufällig das Spionage-Video kommentiert und die nötigen Leute identifiziert, wie wir im Spiegel lesen konnten, er hat auch den angeblichen Zusammenhang zwischen dem angeblichen Mordversuch in Bulgarien und den Skripals aufgedeckt.

In dem Spiegel-Artikel über den Mordversuch in Bulgarien wird lang und breit über die Reisen eines angeblichen russischen Agenten berichtet:

„Eine zentrale Rolle in den Enthüllungen um Skripal und Gebrew spielt ein Geheimdienstler mit dem Decknamen „Sergej Fedotov“ (…) Kurz vor dem Skripal-Attentat im März 2018 reiste „Fedotov“ mit einem auf diesen Namen ausgestellten Ausweis nach England. (…) bei „Sergej Fedotov“ handelt es sich tatsächlich um den 45-jährigen GRU-Agenten Denis Sergejew. Gemeinsame Recherchen von „Bellingcat“ und dem SPIEGEL dokumentieren seit 2012 zahlreiche Reisen des Mannes nach Europa. Bei den belegbaren Trips in den Westen war der Geheimdienstler immer mit seinem Decknamen „Fedotov“ unterwegs.“

Es folgen in dem Artikel dann Angaben zu ausgestellten Visa von Fedotov, über seine Flugtickets und so weiter. Also alles Angaben, an die man legal kaum herankommt, wenn man sie nicht zugespielt bekommt.

Und dass ausgerechnet Christo Grosev hier das Verbindungsglied ist, zeigt sich zum Beispiel auf seinem Twitter-Account.

Und damit nicht genug. Laut BBC-Russia ist Grosev der „Chefermittler“ bei Bellingcat in Sachen Verstrickung des russischen GRU in den Fall Skripal. Alles, was wir über angebliche russische Agenten im Fall Skripal wissen, kam demnach von ihm.

Wer ist also Christo Grosev? Der Mann, der so zuverlässig die „Belege“ liefert, die Grundlage für die anti-russischen Pressekampagnen sind, in der sein Name jedoch fast nie erwähnt wird, weil die Erwähnung des immer gleichen Namens die Leser ja misstrauisch machen könnte.

Grosev hat an der American University in Bulgarien und an der IMADEC in Wien studiert. Letztere war damals Partner von US-Universitäten. Und die American University in Bulgarien wurde von der U.S. Agency for International Development und von Soros finanziert, Soros war sogar zeitweise persönlich in die Leitung der Universität eingebunden.

Grosev ist die Hauptquelle, wenn es um Russlands angebliche Aktivitäten auf dem Balkan geht.

So hat sich bei auf den ersten Blick völlig verschiedenen Meldungen, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben, wieder ein Kreis geschlossen. Den Namen Christo Grosev sollte man sich merken, denn bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich darauf gestoßen, dass Grosev bei vielen „Untaten“ Russlands auf dem Balkan die Hauptquelle war. Das lässt manches, was in den letzten Jahren in Montenegro und Mazedonien geschehen ist, in einem ganz neuen Licht erscheinen, aber das führt jetzt hier zu weit.

Interessant ist jedoch, dass die Medien seinen Namen tunlichst nicht nennen. Obwohl er Quelle vieler Nachrichten ist, findet sich sein Name nur in einem einzigen Spiegel-Artikel, wie eine Suche im Archiv zeigt.

Dafür möchte ich dem Spiegel an dieser Stelle danken, denn hätte er den Namen von Grosev nicht vor einigen Tagen zum ersten Mal erwähnt, wüssten wir bis heute nicht, wie diese Dinge zusammenhängen.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

5 Gedanken zu „Was haben angebliche russische Spionage in Serbien und ein Mordversuch in Bulgarien gemeinsam?“

  1. Zuerst möchte ich ihnen meine Bewunderung aussprechen für ihre Produktivität. Ich übersetze selbst auch und weiss wieviel Zeit dies kostet.
    Der Name Christo Grosev hat mich neugierig gemacht. Grosev ist nicht einfach ein unbedeutender investigativer Journalist, sonder er ist seit seiner Studienzeit zielstrebig damit beschäftigt ein Medienimperium aufzubauen. So ist er z.B. Miteigentümer der zwei meistgelesenen bulgarischen Tageszeitungen, 24-Chasa un Utro. (Kein Wunder dass Bellingcat sich gerne auf ihn bezieht) Hier ein interessanter Artikel über seinen Werdegang (auf Russisch) https://tsargrad.tv/articles/hristo-grozev-rusofobskaja-imperija-lzhi_50949

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