Wikipedia – Online-Lexikon oder Propagandainstrument?

Wikipedia ist eine der meist besuchten Webseiten der Welt. Diese Woche werde ich in einer Sonderreihe beleuchten, was Wikipedia tatsächlich ist. Denn eines ist es nicht: Es ist kein Online-Lexikon.

Als ich 2015 mein Buch über die Ukraine-Krise geschrieben habe (für das ich erst 2019 einen Verleger gefunden habe), da habe ich viel mit Wikipedia gearbeitet. Dass Wikipedia keine wissenschaftliche Quelle ist, war mir klar. Auf Wikipedia gab es aber viele Artikel über den Maidan, die Ukraine-Krise, die Krim und so weiter. Interessant war dabei, wie sich Wikipedia in den verschiedenen Sprachen unterscheidet, denn ich habe Wikipedia-Artikel auf Deutsch, Englisch, Russisch und Ukrainisch analysiert.

Man muss wissen, dass es in jedem Land eine eigene Wikipedia-„Redaktion“ gibt, die Artikel sind also sehr unterschiedlich, ja nach dem, in welcher Sprache man sie liest. Und das war bei der Arbeit an meinem Ukraine-Buch sehr lehrreich, denn ich konnte sehen, dass in den deutschen Wikipedia-Artikeln viele Informationen fehlten und auch viele Unwahrheiten in den Artikeln waren.

Dennoch war Wikipedia – ungewollt – sehr hilfreich, denn ich habe mir damals angewöhnt, nichts zu glauben, was in den Artikeln steht, sondern immer die angegebenen Quellen zu lesen. Und siehe da: Im deutschen Wikipedia war man besonders dreist, denn teilweise stand in den Quellen das Gegenteil von dem, was in dem Wikipedia-Artikel unter Bezug auf die Quelle zu lesen war.

Was ich damals schon verstanden habe war, dass das deutsche Wikipedia nicht objektiv über Ereignisse berichtet, sondern sie nach Lesart der transatlantischen Propaganda darstellt, auch wenn man dafür die Wahrheit stark verbiegen muss. Etwas später bin ich auf den Film „Die dunkle Seite der Wikipedia“ gestoßen, den Markus Fiedler gemacht hat. Der Grund, den Film zu machen, war der Wikipedia-Artikel über Dr. Daniele Ganser. Ganser ist Friedensforscher und ich war damals schon ein Fan seiner Vorträge, die man auf YouTube anschauen kann. In seinen Vorträgen zu verschiedenen Themen geht Ganser sehr korrekt vor und nennt transparent seine Quellen, was er erzählt ist also nachprüfbar. Aber er stellt unbequeme Fragen zu 9/11, zu den Kriegen der Nato und zu der Berichterstattung der Medien über diese Themen.

KenFM zeigt: Die dunkle Seite der Wikipedia

In seinem Wikipedia-Artikel wird Ganser daher als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnet und sogar in die Nähe von Holocaust-Leugnern gestellt und wer das ändern möchte, der wird bei Wikipedia kommentarlos auf Lebenszeit gesperrt. Das war Fiedler aufgefallen und daher hat er angefangen zu recherchieren. Das Ergebnis war der verlinkte Film, in dem er aufgedeckt hat, wie die Wikipedia in Deutschland funktioniert und wer dort das Narrativ vorgibt.

Heute macht Fiedler zusammen mit Dirk Pohlmann die Sendereihe „Neues aus Wikihausen„, in der sie die Wikipedia weiter analysieren und kritisieren. Dabei hat sich herausgestellt, dass es keineswegs nur ein „deutsches Phänomen“ ist, was in der Wikipedia abläuft, sondern dass das international System hat. In den USA sind ebenfalls Journalisten dabei, über die Wikipedia zu recherchieren und sie sind – völlig unabhängig von Fiedler und Pohlmann – zu den gleichen Ergebnissen gekommen: In der Wikipedia herrscht ein System, bei dem einige wenige User fast alle Artikel bearbeiten und „beherrschen“. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass dabei konsequent die transatlantische und die pro-israelische Linie vertreten wird und jeder, der Fakten in Artikel einarbeiten möchte, die dem widersprechen, wird verwarnt oder sogar gesperrt. Und natürlich werden solche Änderungen in den entsprechenden Artikeln nicht zugelassen.

Dass das nicht nur auf die deutsche und englische Wikipedia beschränkt ist, habe ich vor kurzem erlebt, als ich auf einer Konferenz über Pressefreiheit war. Dort hat auch Dirk Pohlmann einen Vortrag gehalten und den versammelten internationalen Journalisten über seine Arbeit berichtet. Er erzählte mit Beispielen, wie Journalisten, Kabarettisten, Autoren und so weiter, die sich gegen das Narrativ der Wikipedia stellen, systematisch verleumdet werden. In den Wikipedia-Artikeln über sie werden sie in die „rechte Ecke“ gestellt, als Spinner dargestellt und so weiter. Für einen Kabarettisten kann das den Ruin bedeuten, denn selbst Veranstalter weigern sich oft, jemandem einen Saal zu vermieten, wenn bei Wikipedia derartiges über sie steht.

Nach seinem Vortrag wurde Pohlmann von dutzenden Journalisten aus verschiedenen Ländern bestürmt, denen es in ihren Ländern genauso ging: In ihren Artikeln werden sie verleumdet und wenn sie etwas richtig stellen wollen, wird das nicht zugelassen. Sie alle haben gedacht, dass sie Einzelfälle wären, aber die Traube von Menschen, die da um Pohlmann stand, war der beste Beweis dafür, dass es sich dabei um systematische Arbeit handelt.

Diese Woche werde ich jeden Tag einen Artikel über die Ergebnisse der Recherchen von Fiedler und Pohlmann schreiben und an Beispielen aufzeigen, wie die Wikipedia funktioniert. Der Grund ist, dass am Freitag eine neue Folge von „Neues aus Wikihausen“ veröffentlicht wird, die ich schon anschauen konnte und in der Fiedler und Pohlmann ein Gespräch mit der amerikanischen Journalistin Helen Buyniski geführt haben. So viel kann ich schon sagen, das Video hat Sprengstoff, denn es zeigt völlig neue Hintergründe über die Art und Weise, wie Wikipedia international gesteuert wird.

Damit diese Hintergründe auch für diejenigen unter Ihnen verständlich werden, die von dem Thema noch nicht viel gehört haben, habe ich beschlossen, in dieser Woche diese Sonderreihe über Wikipedia zu veröffentlichen und über die Arbeitsweise von Wikipedia zu informieren.

Den 2. Teil der Wikipedia-Serie finden Sie hier.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Gedanken zu „Wikipedia – Online-Lexikon oder Propagandainstrument?“

  1. Vielen Dank vorab Herr Röper.
    Nachdem ich die Sache mit Dr. Ganser und der Wikipedia seit Jahren verfolge, kleiner Pro-Tipp für Ihre Leser vorab.
    Mittels dem Analysewerkzeug https://tools.wmflabs.org/wikihistory/ können einem „verdächtig“ vorkommende Wikipedia-Artikel vollautomatisch nach der Autorenschaft analysiert werden.
    Einfach den Seitentitel (und nur diesen) in Wiki-History eintragen.

    Also beispielsweise bei Dr. Ganser **NICHT** den kompletten Pfad https://de.wikipedia.org/wiki/Daniele_Ganser,
    sondern nur den Text nach dem wiki/ kopieren. In diesem Fall „Daniele_Ganser“.
    Fertig.
    Viel Spaß beim ausprobieren.

  2. Vorab super Idee und längst fällig, dass sich jemand oder einige „unsere“ selbstlose Wikipedia mal unter die Lupe nehmen. Ich kann auch ein ganz kleines Bsp. dazu beisteuern:

    Ich wollte zu einem „Interview“ über Hongkong auf SRF vom 12.06.2019 (Schweizer Radio und Fernsehen) mit dem Titel «Die Demonstranten sind bereit, lange auszuharren», respektive eigentlich zu einem übertriebenen Kommentar von Bendicht Häberli der Wikipedia zitiert, einen Kommentar einstellen.

    Kommentar von B. Häberli (Interview ist bei SRF noch online):
    Zitat: „… Bemerkung: Nach Tian’anmen Massaker gabe es 49 öffentliche Hinrichtung der Rädelsführer (Wikipedia).“

    Kommentar von mir (der nach zweimaligem Senden um 17:38 und 19:08 Uhr von SRF NICHT veröffentlicht wurde):
    Zitat: „Machen wir mal eine Queranalyse desjenigen Kommentarteils, der am übertriebensten erscheint:
    Wenn wir Wikipedia konsultieren sehen wir, dass der Titel lediglich in der deutschen Version „Massaker“ und sonst in allen Sprachen „Protest o.Ä.“ genannt wird. Auch die Aussage der 49 Hingerichteten finden wir lediglich auf Deutsch und zwar OHNE Quellenangabe (Pkt. 28 sagt nichts darüber aus, sondern lediglich etwas über die 400 Geflüchteten). Dies ist m.E. ein klassischer Fall, wo Einträge in Wikipedia von Gruppen national verfälscht werden.“

    Den Wikipedia Auszug vom 12.06.19 der deutschen Version liegt mir als PDF vor (mache ich bei Wikipedia immer), inzwischen hat er sich aber nur leicht verändert: Mein beschriebener Pkt. 28 von damals ist neu der Pkt. 25, die Quelle ist aber noch dieselbe. Auch bei den Titeln hat sich nichts geändert. Das „Massaker“ auf der deutschen Seite entspricht auf E/F/SP/I den jeweiligen Entsprechungen für das Wort „Protest“.

    Dass man dies im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (resp. dessen Internetseite) nicht publizieren darf, sagt viel über unser System aus, das bei Lügen oder Verzerrungen meistens harmonisch zusammenarbeitet. Auf SRF werden von mir ganz gezielt diejenigen Kommentare gesperrt, die Fehler im Artikel selber oder bei Kommentaren aufdecken. Dies hat nichts mit einer Netiquette zu tun, sondern stellt eine handverlesene Zensur dar.
    Cool – unsere „brave new world“ oder unser „1984“ oder wie man die begonnene Entwicklung auch immer behelfsmässig umschreiben mag.

    Grüsse aus der Schweiz
    und nochmals super Idee mit dieser Serie „Wikipedia“ in dieser Woche

  3. Ja, mit Wikipedia kann man etwas erleben. Hatte vor kurzem ja so einem US Vorgang beschrieben. Ich nutze Wiki Links gern, denn es gibt keine leichtere Möglichkeit Meinungsmanipulation aufzuzeigen. Daher gehört es schon zur Routine immer einen Blick in die Historie zu machen. Einfach nur die Zahlen vergleichen die von Änderungen betroffen sind. Gerade neue Profile findet man überall da wo man sich mit den „neutralen“ Ergebnissen der Meinungszensur auseinander zu setzen hat.
    Böse Zungen behaupten ja das das Bildungsniveau noch zu hoch ist weshalb es ja die Spezial- Edition Psiram gibt.

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