Bloß keine Zusammenhänge aufzeigen: Wie der Spiegel über soziale Entwicklungen berichtet

Wozu das neoliberale Wirtschaftssystem führt, zeigen gleich mehrere heutige Spiegel-Artikel auf. Allerdings nennt der Spiegel das tatsächliche Problem nicht beim Namen, sondern lenkt davon ab.

Das neoliberale Wirtschaftssystem führt dazu, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Das ist nicht neu. Nur getan wird dagegen nichts. Der Spiegel hat heute in verschiedenen Artikeln die Situation in Deutschland und den USA beschrieben, ist dabei aber nicht auf die Ursachen eingegangen. Unfreiwillig hat der Spiegel dabei auch noch aufgezeigt, was den Menschen in Deutschland blüht.

Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten konsequent den Sozialstaat abgebaut und das Gesundheitssystem reformiert, was aber nicht zu einer Verbesserung geführt hat, sondern zu nur zu höheren Zuzahlungen von Patienten. Deutschland nähert sich mit dem Sozialabbau Stück für Stück den USA an und wenn wir sehen wollen, wohin das führt, müssen wir nur über den Großen Teich schauen.

Katastrophale Entwicklungen in den USA

Der Spiegel hat in dem Artikel mit der Überschrift „Suizide, Drogen, Alkohol – Das stille Sterben der amerikanischen Mittelschicht“ über die Situation in den USA berichtet. In der Einleitung hieß es:

„Die Lebenserwartung in den USA bleibt immer stärker zurück hinter anderen Industrieländern. Die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton dokumentieren eine schleichende Katastrophe.“

Der Artikel geht ausführlich darauf ein, dass die Lebenserwartung in den USA nicht mehr steigt und man erfährt auch, woran es liegt. Überraschenderweise nicht an den Schwarzen, deren Situation derzeit die Medien beherrscht:

„Am stärksten davon betroffen ist eine Bevölkerungsgruppe, Case und Deaton nennen sie white working class: weiße Beschäftigte ohne akademischen Abschluss.
Während die Sterblichkeit in dieser Bevölkerungsgruppe im Alter zwischen 45 und 54 Jahren in praktisch allen anderen Industrieländern rückläufig ist, steigt sie in den USA seit Ende der Neunzigerjahre sogar noch an. Verglichen mit Schweden liegt für weiße Amerikaner mittleren Alters die Wahrscheinlichkeit zu sterben mehr als doppelt so hoch. Seit 1999 summieren sich diese zusätzlichen und vermeidbaren Todesopfer auf insgesamt 600.000 Amerikaner, die meisten mittleren Alters.“

Es sind also die Menschen der sogenannten Mittelschicht betroffen. Über die Gründe erfahren wir:

„Der Ursprung dieses Elends sind laut Deaton und Case die tektonischen Verschiebungen am US-Arbeitsmarkt. Beschäftigte, die früher auch ohne Hochschulabschluss ein auskömmliches Leben führen könnten, geraten dort immer stärker in Schwierigkeiten. Korrigiert um die Inflation seien die Löhne der ärmeren Hälfte der US-Bevölkerung ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr gestiegen – weiße Männer ohne Hochschulabschluss hätten zwischen 1979 und 2017 sogar 13 Prozent ihrer Kaufkraft verloren.“

Vergleich mit Deutschland

Diese Entwicklung sehen wir auch in Deutschland. Wie ich schon öfter aufgezeigt habe, sind auch in Deutschland die Reallöhne seit 1990 praktisch nicht mehr gestiegen. Inflationsbereinigt verdienen die Deutschen nicht mehr, als vor 30 Jahren. Wir haben in Deutschland also einen Prozess, wie in den USA, nur um ungefähr ein Jahrzehnt zeitversetzt und (noch) nicht ganz so extrem. Wobei: Wenn man die Situation der Rentner anschaut, dann ist der Trend aufgrund der Rentenkürzungen und der daraus resultierenden Altersarmut durchaus mit den USA vergleichbar.

In einem weiteren Artikel hat der Spiegel heute unter der Überschrift „Einkommensauswertung – Deutschlands acht Millionen Topverdiener“ auch über die Situation in Deutschland berichtet. Die Essenz des Artikels ist, dass wir in Deutschland eine Entwicklung sehen, in der schon Lehrer, wenn sie Single sind, nach zehn Jahren Berufserfahrung zu den Top-Ten der Verdiener in Deutschland gehören können:

„Nach dieser Rechnung zählen nicht nur Manager bei der Deutschen Bank oder Chefärzte zu den Topverdienern der Republik. Sondern auch eine Hamburger Studienrätin mit zehn Jahren Berufserfahrung (Besoldungsgruppe A13, Qualifikationsebene 4, netto circa 3600 Euro). Oder der Bürgermeister einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt (Besoldung B2 für Städte mit bis zu 10.000 Einwohnern, netto circa 6000 Euro). Oder ein Teamleiter bei VW (netto circa 3800 Euro). Zumindest wenn alle drei Singles wären.“

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland auseinander geht. Immer weniger Menschen werden immer reicher. Das hat inzwischen dazu geführt, dass sogar schon Normalverdiener – wie zum Beispiel Lehrer – beim Einkommen zu den oberen zehn Prozent gehören. Und zwar nicht, weil sie so viel verdienen, sondern weil es immer weniger Menschen gibt, die gut verdienen. So sind auch Normalverdiener bereits in die oberen zehn Prozent gerutscht, wie man Spiegel lesen kann:

„Schon ab einem Einkommen von 3529 Euro netto pro Monat gehört ein Alleinstehender zu den oberen zehn Prozent der Topverdiener.“

Sicher, 3.500 Euro netto pro Monat sind ein anständiges Gehalt für einen Single. Aber es ist nun wirklich kein Reichtum, mit dem man schon zu den oberen zehn Prozent gehören sollte. Reichtum bedeutet für mich zum Beispiel, dass man sich problemlos ein Auto der Oberklasse leisten kann. Aber eine Mercedes E-Klasse kostet in der „kleinen“ Motorisierung nackt ca. 50.000 Euro und wer noch ein wenig Ausstattung dazu haben möchte, kommt schnell auf 70.000 oder 80.000 Euro. Kann man sich das mit einem Nettoeinkommen von 3.500 Euro monatlich leisten? Wohl kaum.

Und auch ein anderer Trend aus den USA ist nach Deutschland übergeschwappt: Der Trend zum Zweitjob, weil viele Kleinverdiener von einem Job gar nicht mehr leben können.

Keine rosigen Aussichten

Da Deutschland seit Jahrzehnten den wirtschaftspolitischen Tendenzen der USA folgt, immer mehr neoliberale Reformen umsetzt und den Sozialstaat Stück für Stück abbaut, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die in dem Artikel über die USA genannten Phänomene auch in Deutschland einstellen. Bei der Altersarmut hat Deutschland ja schon einen großen Schritt in die Richtung getan.

Ein Umdenken der Politik ist aber nicht zu erwarten, denn das neoliberale Wirtschaftsmodell der Globalisierung wird uns weiterhin als alternativlos angepriesen. Wohin es führt, sehen wir in den USA und auch schon in Deutschland. Aber keiner der beiden Spiegel-Artikel hat auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Die Worte „neoliberal“ oder „Globalisierung“ finden sich in den Artikeln nicht einmal.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Gedanken zu „Bloß keine Zusammenhänge aufzeigen: Wie der Spiegel über soziale Entwicklungen berichtet“

  1. Hier soll doch einmal an den guten, alten Hegel, aber nicht nur an ihn, erinnert werden, der bereits vor über 200 Jahren den grundsätzlichen Widerspruch zwischen Arm und Reich hervorhob, der auf Ungleichheit des Eigentums (an Produktionsmitteln …) beruht. In seinem System der Sittlichkeit formulierte er: „Der einzelne ungeheuer Reiche wird eine Macht“, die „gleicherweise mit der tiefsten Armut verbunden ist …“.
    Das bedeutete ein besonderes Herrschaftsverhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft, das auch gegenwärtig mittels des Staates aufrechterhalten wird. In summa: die wenigen Reichen werden in der Tendenz immer reicher, die Masse der Armen immer ärmer.

  2. Eigentlich wissen wir das doch schon seit 30 Jahren. Seitdem der Kommunismus tot ist und es nicht wie erhofft in Richtung Utopia ging, sondern abwärts in den Neoliberalismus.
    Aber versucht mal, eine Debatte über Vermögenssteuer oder Erbschaftssteuer anzustossen. Es ist wie die Omerta. Ein absolutes Tabu. Dabei ist doch genau das der offensichtliche Weg.
    Man braucht kein neues Wirtschaftssystem, Geldsystem oder sonstwas. Eine bessere Verteilung von Geld hat eine bessere Verteilung von Macht zur Folge, was automatisch zu mehr Demokratie führt. Stellt Euch mal vor, jeder hätte die Freiheit, einfach mal ein paar Jahre lang nicht arbeiten zu müssen. Was wäre denn die Folge? Schlechte Arbeit wäre viel besser bezahlt. Sinnvolle Automatisierung. Die Leute würden plötzlich sinnvolle Dinge erfinden, die man wirklich gebrauchen kann. Weil sie einfach mal die Zeit hätten, sich mit was Sinnvollem zu beschäftigen.

    Und nein, niemand will Oma ihr Häuschen wegnehmen.

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