Bolivien: Wenn der Spiegel heute nicht mehr weiß, was er gestern berichtet hat

Die Bolivien-Berichterstattung des Spiegel ist eine Farce, denn dort wird über Bolivien heute das exakte Gegenteil von dem geschrieben, was der Spiegel ein Jahr lang berichtet hat. Eine Erklärung für seine 180-Grad-Wende bleibt der Spiegel schuldig.

Zunächst eines vorweg: Natürlich kann es in einer Redaktion, wie der des Spiegel, vorkommen, dass zwei Redakteure mit einigen Monaten Abstand über ein Thema schreiben und dabei unterschiedliche Sichtweisen in ein und derselben Zeitung erscheinen. Aber im Fall von Bolivien reden wir von ein und demselben Korrespondenten, der heute das Gegenteil von dem schreibt, was er vor einem Jahr geschrieben hat. Leider bleiben der Spiegel und der Autor der beiden Artikel, die wir uns nun anschauen werden, eine Erklärung für die 180-Grad-Wende schuldig.

Ich habe vor knapp einem Jahr, als in Bolivien der Staatsstreich lief und der Wahlsieger, Präsident Morales, aus dem Amt geputscht wurde, ausführlich darüber berichtet, dass es sich dabei um einen von langer Hand geplanten und vorbereiteten Putsch gehandelt hat und dass es dafür auch öffentlich zugängliche Belege gab, die schon vor der Wahl bekannt waren und im Detail aufgezeigt haben, wie der Putsch ablaufen sollte. Und es ist auch genauso geschehen, wie es dort beschrieben wurde. Um nicht alles zu wiederholen, finden Sie hier die Details in meinem Artikel von vor einem Jahr.

Der Spiegel hat einen Lateinamerika-Korrespondenten namens Jens Glüsing. Am 11. November 2019 hat der in einem Spiegel-Artikel den Putsch in Bolivien schön geredet. Das klang damals so:

„Wenn das Militär einen demokratisch gewählten Präsidenten vorzeitig zum Rücktritt drängt wie jetzt in Bolivien, nennt man das normalerweise einen Putsch. Doch was ist, wenn eine Volksbewegung den Sturz des Präsidenten unterstützt, weil er seine jüngste Wiederwahl einer Manipulation an den Urnen verdankt?“

Der Spiegel hat, wie alle westlichen „Qualitätsmedien“ damals, behauptet, Morales habe die Wahl gefälscht und der Putsch sei eine „Volksbewegung“ gegen den bösen Morales gewesen. Dabei war damals schon bekannt, wie dieser Putsch im Vorwege geplant worden ist. Und ich gehe davon aus, dass Herr Glüsing das auch wusste, er ist seit 1991 Lateinamerika-Korrespondent des Spiegel, der Mann sollte sich in der Region also auskennen und davon gewusst haben. Aber er hat seinen Lesern alles verschwiegen, was nicht ins gewollte Bild der Wahlfälschung gepasst hat.

Das überrascht nicht, wer den Anti-Spiegel verfolgt, der weiß, dass der Spiegel ständig wider besseren Wissens die Unwahrheit verbreitet, um die Sicht der USA zu propagieren, die auch die Initiatoren des Putsches in Bolivien waren. Was überrascht ist, dass Herr Glüsing nun umgeschwenkt ist. Dazu kommen wir gleich.

Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) hat nach der Wahl eine Untersuchung durchgeführt und bestätigt, dass Morales die Wahl gefälscht habe. Nun muss man wissen, dass die OAS von den USA finanziert und dominiert wird, das Ergebnis war also nicht überraschend. Anfang Juni 2020 hat eine neutrale Untersuchung jedoch ergeben, dass die OAS bei ihrer Untersuchung nicht korrekt vorgegangen ist. Wörtlich hieß es dort:

„Die These eines Wahlbetrugs beruht auf falschen Daten und ungeeigneten statistischen Techniken.“

Darüber hat am 7. Juni 2020 auch die New York Times berichtet. Dort hieß es:

„Die Schlussfolgerung, dass Morales‘ Stimmenanteil in den letzten Wahlgängen unerklärlicherweise sprunghaft angestiegen ist, beruhte auf falschen Daten und ungeeigneten statistischen Techniken der OAS.“

In Deutschland fanden sich darüber keine Meldungen, wer beim Spiegel in der Suchfunktion „Bolivien“ eingibt, findet seit Juni 2020, als die Untersuchung veröffentlicht wurde, keinen einzigen Bericht darüber, dass die Wahlfälschung eine Erfindung der von den USA unterstützten Putschisten war. Nur RT-Deutsch hat im Juni einen Artikel darüber geschrieben. Aber das ist ja bekanntermaßen böse Russenpropaganda und da in Deutschland niemand von der Untersuchung oder dem Bericht in der New York Times erfahren hat, konnten die „Qualitätsmedien“ ihren deutschen Lesern verheimlichen, dass es in Bolivien eben keine Wahlfälschung und keine Volksbewegung gegeben hat.

Gestern habe ich über die aktuelle Wahl und vor allem darüber berichtet, dass die deutschen Medien diese Wahl weitgehend ignorieren, denn bei der Wahl hat der Kandidat von Morales´ Partei gewonnen und die Putschisten haben krachend verloren. Nachdem Bolivien, die angebliche Wahlfälschung von Präsident Morales und die angebliche „Volksbewegung“, die Morales gestürzt hat, vor elf Monaten die Medien beherrscht haben, ist es für die Medien wohl schwer, ihren Lesern einzugestehen, dass das damals alles Unsinn war, was sie berichtet haben. So meine These in meinem gestrigen Artikel.

Die muss ich nun ein wenig korrigieren, denn aus irgendeinem Grund habe ich den aktuellen Spiegel-Artikel von Korrespondent Glüsing zu Bolivien übersehen, der schon zwei Tage vor meinem Artikel, am 19. Oktober 2020, erschienen ist. Und dieser neue Artikel von Glüsing hat es in sich, denn er schreibt heute das exakte Gegenteil von dem, was er vor einem Jahr geschrieben hat. Und zwar ohne auf den Unsinn einzugehen, den er vor einem Jahr geschrieben hat. Menschen machen schließlich Fehler und er könnte ja in einem kurzen Absatz erklären, warum sich seine Sichtweise geändert hat. Aber nichts dergleichen.

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr hat Glüsing im ersten Absatz seines Artikels erklärt, warum das alles kein wirklicher Putsch, sondern eine „Volksbewegung“ wegen einer „Manipulation an den Urnen“ gewesen sei. In seinem aktuellen Spiegel-Artikel beginnt der erste Absatz hingegen so:

„Knapp ein Jahr nach dem Putsch gegen den demokratisch gewählten Linkspräsidenten Evo Morales sagen die Hochrechnungen privater Umfrageinstitute voraus, dass Morales‘ Partei „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) auf demokratischem Weg an die Macht in Bolivien zurückkehren wird“

Nun ist es plötzlich doch ein Putsch gewesen. Selbst der Spiegel schreibt heute ganz offen, was böse „Verschwörungstheortiker“ wie ich oder die böse „Russenpropaganda“ von RT-Deutsch und anderen schon vor einem Jahr gesagt haben. Es war damals schon alles bekannt, aber trotzdem haben „Qualitätsmedien“ wie der Spiegel die US-Propaganda vom Volksaufstand gegen die angleich gefälschte Wahl verbreitet. Und ich behaupte, sie haben es wider besseren Wissens getan, denn die Informationen waren damals schon offen zugänglich und müssen den Redaktionen bekannt gewesen sein. Die deutschen Konzernmedien haben ihre Leser also bewusst belogen.

Aber es geht noch weiter bei Herrn Glüsing. Nachdem er auf Fehler von Morales eingegangen ist, die Morales auch selbst eingestanden hat, schreibt Glüsing weiter:

„Damit lässt sich allerdings nicht Morales‘ Sturz vor knapp einem Jahr rechtfertigen. Rechte Kreise hatten zusammen mit der Polizei und dem Militär Morales zwei Monate vor Ablauf seiner verfassungsmäßigen Amtszeit zum Rücktritt gezwungen. Sie stützten sich dabei auf einen vorläufigen Bericht der „Organisation Amerikanischer Staaten“ (OAS), wonach es bei der vorausgegangenen Präsidentschaftswahl zu schwerwiegenden Manipulationen gekommen sei, um Morales die Wiederwahl zu sichern. Nach Ansicht von Experten US-amerikanischer Universitäten, die den Wahlverlauf analysiert haben, wurde der Bericht voreilig veröffentlicht und war in Teilen nicht korrekt.“

Ach was! Der Bericht ist seit Juni öffentlich. Der Spiegel hat ihn aber seinen Lesern verschwiegen. Nun erst wird dieser Bericht überhaupt mal in einem kurzen Satz im Spiegel erwähnt. Es sind ja auch erst vier Monate seit der Veröffentlichung des Berichts vergangen, in denen der Spiegel das bisherige Narrativ am Leben erhalten hat.

Wo ist denn im Spiegel nun die Entschuldigung an die Leser? Immerhin hat der Spiegel vor einem Jahr (wahrscheinlich) wider besseren Wissens seine Leser belogen, diese Lüge nie korrigiert, nie darauf hingewiesen, dass sich die Berichte über Wahlfälschung als manipuliert herausgestellt haben und so weiter und so fort.

Nun erst, ein Jahr später darf Korrespondent Glüsing das schreiben und handelt es in einem kurzen Satz ab. Auch hier keine Erklärung für den Meinungsumschwung und keine Entschuldigung für das, was er vor einem Jahr (als erfahrener Korrespondent sicher) wider besseren Wissens geschrieben hat.

Bleibt die Frage, wie lange dieser Meinungsumschwung beim Spiegel anhält. Die USA werden die Partei „Bewegung zum Sozialismus“ kaum mögen und akzeptieren, dass eine solche Partei weiterhin in Bolivien regiert, denn unter ihrer Regierung hat das Land einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung durchgemacht, der auch in den Geldbeuteln der Menschen angekommen ist. Das ist für die USA jedoch inakzeptabel, zumal es auch noch um Rohstoffe geht: Bolivien hat die wohl größten Lithumvorräte der Welt und Morales wollte das Lithium selbst zu Batterien für Elektroautos verarbeiten. Und das finden die USA gar nicht gut, denn daran verdienen deren Konzerne nichts.

Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, wann Herr Glüsing wieder über „Volksbewegungen“ in Bolivien fabuliert.


Wenn Sie sich für mehr Beispiele für freche Verfälschungen der Wahrheit in den „Qualitätsmedien“ interessieren, sollten Sie Beschreibung meines neuen Buches lesen. Das Buch ist eine Sammlung der dreistesten „Ausrutscher“ der „Qualitätsmedien“ im Jahre 2019 und zeigt in komprimierter Form, wie und mit welchen Mitteln die Medien die Öffentlichkeit in Deutschland beeinflussen wollen. Von „Berichterstattung“ kann man da nur schwer sprechen. Über den Link kommen Sie zur Buchbeschreibung.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Bolivien: Wenn der Spiegel heute nicht mehr weiß, was er gestern berichtet hat“

  1. Ja, gut gemacht! Aber für wie dumm muß der spiegel seine Leser halten, wenn er solchen Mist verzapft. Ich weiß, der spiegel macht es immer so. Aber jeder weiß doch, dass die Wahrheit früher oder später ans Licht kommt. Das war immer so, manchmal gehts schnell, manchmal dauert es etwas länger. Irgendwann wird das alles wie ein riesiger Komet auf das Verlagshaus stürzen. Liebe spiegel Journalisten, dann möchte ich nicht in Eurer Haut stecken.

Schreibe einen Kommentar