Europäische Solidarität? Warum Kuba, China und Russland Italien und anderen EU-Ländern Hilfe schicken

In der EU herrscht ein Mangel an so ziemlich allem, was jetzt gebraucht wird. Aber vor allem in Deutschland ist politische Linientreue anscheinend wichtiger, als Hilfe für Corona-Infizierte und Krankenhäuser.

China hat den Anfang gemacht und schon am 12. März eine Hilfslieferung mit dringend benötigter Schutzausrüstung, erfahrenen Ärzten und Beatmungsgeräten nach Italien geschickt. Die Hilferufe aus Italien sind damals bei den „Freunden“ in der EU ungehört geblieben, Deutschland hat sogar mit einer Genehmigungspflicht für die Ausfuhr der dringend benötigten Hilfe reagiert.

Ausgerechnet die „Bösen“ helfen nun.

Nach China, das inzwischen auch anderen EU-Ländern wie Tschechien Hilfslieferungen schickt, helfen auch Russland und Kuba unbürokratisch und schnell. Kuba hat 52 Ärzte nach Italien geschickt, wo sich auch viele Ärzte infiziert haben, die nun in den Krankenhäusern fehlen, weil sie selbst unter Quarantäne stehen. Kuba hat – auch wenn darüber in Deutschland nie berichtet wird – ein vorbildliches und kostenloses Gesundheitssystem aufgebaut und gehört – vor allem, wenn man die Größe des Landes betrachtet – zu den aktivsten Helfern bei medizinischen Krisen weltweit. Allerdings hat Kuba seine Ärzte bisher nur in Länder Afrikas oder Lateinamerikas geschickt, dies ist das erste Mal, dass das arme und von westlichen Sanktionen gebeutelte Land Ärzte nach Europa schickt.

Über Russlands Hilfe für Italien habe ich am Sonntag bereits berichtet. Nach einem Telefonat von Putin mit dem italienischen Ministerpräsidenten Conte am Samstag hat Putin sofort auf die Bitte um Hilfe reagiert und neun Transportflugzeuge mit Schutzausrüstung, Beatmungsgeräten und erfahrenen Ärzten nach Italien geschickt. Auf den Verpackungen steht auf Russisch, Italienisch und Englisch zu Lesen „From Russia with Love“, also „Liebesgrüße aus Russland“ in Anspielung auf den James-Bond-Klassiker.

Am Sonntag ging der erste Flieger, schon am Montagmorgen waren alle neun Flugzeuge in Italien angekommen. Der italienische Außenminister hatte das letzte Flugzeug in Italien empfangen und sich bei Putin und Russland für die Hilfe bedankt.

Während Länder wie Russland, China und Kuba den betroffenen Ländern in der EU helfen, zeigt sich mal wieder, was die Worthülsen von „gemeinsamen Werten“ und „europäischer Solidarität“ wert sind. In der Tschechei ist ein chinesisches Flugzeug mit Hilfsgütern gelandet, von denen ein Teil für Italien bestimmt war. Die Tschechei hat die Hilfe für Italien jedoch kurzerhand konfisziert, wie die italienische Zeitung La Republika Samstag meldete.

Dass zwischen den EU-Staaten keine Solidarität, sondern blanker Egoismus herrscht, ist keine russische Propaganda. Foreign Policy schrieb darüber am 14. März einen ausführlichen Artikel, in dem unter anderem zu lesen war:

„Letzten Monat, als COVID-19 begann, sich rasch in Italien auszubreiten, bat das Land über das Emergency Response Coordination Centre um Hilfe. „Wir haben um medizinische Ausrüstung gebeten und die Europäische Kommission hat den Appell an die Mitgliedsstaaten weitergeleitet“, sagte mir Italiens ständiger Vertreter bei der EU, Maurizio Massari. „Aber es hat nicht funktioniert.“ Bisher hat kein einziger EU-Mitgliedstaat Italien die erforderlichen Lieferungen geschickt.“

Deutschland sticht durch eine besonders bemerkenswerte Politik hervor. Es verweigert den „Partnern und Freunden“ Hilfe, was man vielleicht noch verstehen kann, weil Deutschland selbst ein Problem hat. Sowohl die Anzahl der Krankenhausbetten, der Beatmungsgeräte, der Schutzmasken und auch die Anzahl des medizinischen Personals reichen nicht für die erwartete Anzahl von Infizierten in Deutschland. Der Spiegel schrieb über die Gemeinde Heinsberg, die in Deutschland am schwersten betroffen ist und in der der Landrat im Alleingang eine totale Ausgangssperre verhängt hat:

„Anderswo bereiten sich die Menschen noch auf den massenhaften Corona-Ausbruch vor, in Heinsberg ist er längst da. Bei einer Karnevalssitzung hatten sich mehrere Menschen angesteckt, inzwischen zählt der nordrhein-westfälische Kreis mehr als tausend Infizierte und 21 Tote. (…) Die im Kreis verfügbaren Masken oder Schutzkittel reichten nur noch für ein paar Tage, schrieb Pusch in einem offenen Brief an den chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping.“

Ja, Sie haben richtig gelesen: In seiner Verzweiflung wendet sich ein deutscher Landrat an den chinesischen Staatschef und bittet um Hilfe. Der Spiegel berichtete weiter:

„Im Kampf gegen das Virus hätten die Verantwortlichen in China immer wieder betont, wie wichtig ausreichendes Schutzmaterial sei, so Pusch in dem Schreiben, das an die chinesische Botschaft in Berlin adressiert ist. „Soweit der Krisenstab und die Krankenhäuser hier vor Ort nicht ausreichend Schutzmaterialien besorgen können – was mehr als schwierig ist -, hätte das weitreichende schwere Folgen für das Gesundheitssystem im Kreis Heinsberg und für die Menschen hier. In meiner Funktion als Landrat bitte ich daher die Volksrepublik China um Unterstützung“, heißt es in dem Brief weiter.“

China ist auch bereit, Deutschland zu helfen, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete.

Aber hier kommt der zweite Teil von Deutschlands merkwürdiger Politik ins Spiel: Deutschland will sich anscheinend nicht von den „Bösen“ helfen lassen. Im Spiegel konnte man lesen:

„Seit Wochen fehlt es Ärzten, Schwestern, Pflegern und Sanitätern an elementarem Material für ihre Arbeit. Am Dienstag schlug der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Walter Plassmann, Alarm. „Wir versuchen seit Wochen verzweifelt, irgendwo auf der Welt Schutzausrüstung zu kaufen, das ist fast nicht möglich“, zitiert ihn der „Ärztenachrichtendienst“. Vor Wochen hätte ihnen die Bundesregierung versprochen zu helfen. Bisher jedoch ohne Ergebnis. „Da ist nichts gekommen. Nicht eine einzige Maske haben wir gekriegt“, sagte Plassmann. Es müsse jedoch allen klar sein: „Wenn uns die Schutzausrüstung ausgeht, sind wir am Ende“.“

Dass dieses Problem nicht etwa unvermeidbar war, kann man im gleichen Spiegel-Artikel lesen:

„Glaubt man Achim Theiler, sind an der Misere unter anderem schwere Versäumnisse des Bundesgesundheitsministers schuld. Theiler ist Geschäftsführer des Buchloer Unternehmens Franz Mensch, das Hygienebekleidung, Mundschutz und Atemschutzmasken für Krankenhäuser und Ärzte herstellt und vertreibt. „Wir haben gemahnt, und keiner hat uns gehört“, sagt Theiler. Dennoch seien die Behörden seit Wochen untätig geblieben. „Das ist grob fahrlässig und verschärft die Krise unnötig.““

Wir fassen zusammen: Die Bundesregierung hat wochen- oder monatelang gepennt und nun gibt es in Deutschland einen Engpass bei Schutzausrüstung und anderen notwendigen Dingen, aber von China, das die Dinge hat und produziert, will man sich anscheinend nicht helfen lassen. Stattdessen versucht man, sie auf dem freien Markt zu kaufen, wo Deutschland aber – weil die Regierung gepennt hat – einen Platz ziemlich weit hinten in der Warteschlange einnimmt.

Das geht ebenfalls aus dem Spiegel-Artikel hervor, denn Theiler hat schon am 5. Februar in einer Mail an Gesundheistminister Spahn gewarnt:

„Durch die Corona-Epidemie in China sei es Ende Januar zu einer Flut von Bestellungen von Mundschutz, Atemschutz und Hygienebekleidung gekommen. Bei den meisten habe es sich um Neukunden gehandelt, die im Auftrag von Chinesen bestellten. Innerhalb nur eines Tages seien dadurch Monatsbestände versandt worden. „Das war nicht nur bei uns so, sondern auch bei allen anderen Importeuren, mit denen wir in Europa gesprochen haben“, so Theiler an den Minister. Deutschland drohe dadurch ein Engpass. Denn von einfachen Produkten wie Mundschutz werde in Krankenhäusern oftmals kein besonderer Vorrat gehalten.“

All das konnte man vor wenigen Tagen im Spiegel lesen. Aber der Spiegel hat wieder einmal andere zitiert, selbst aber kein Wort der Kritik an der Bundesregierung geäußert. Er nimmt seine selbst gewählte Rolle als Pressesprecher der Regierung wahr, wie man am Montag im Spiegel unter der Überschrift „Coronakrise – So will Spahn den Kollaps im Gesundheitswesen verhindern“ lesen konnte:

„Geld für mehr Intensivbetten, Zuschlag für jeden Patienten: Gesundheitsminister Spahn plant, Kliniken finanziell zu unterstützen, die sich auf die Behandlung von Covid-19-Kranken vorbereiten. Doch nach wie vor fehlt Personal.“

In dem Artikel ging es dann um finanzielle Hilfen für die Kliniken und darum, dass auch Medizinstudenten zur Arbeit herangezogen und dafür finanzielle Anreize geschaffen würden. Aber was nützt das, wenn es keine Schutzkleidung mehr für die Ärzte, Schwestern und Studenten gibt?

Auf dieses Problem ist der Spiegel aber gar nicht eingegangen, stattdessen hat er die Maßnahmen von Spahn in ein gutes Licht gestellt. Aber sollen sich die Ärzte Euroscheine vor den Mund binden, um sich selbst vor Infektionen zu schützen?

Eine Antwort auf die Frage, wie die Bundeskasper in Berlin den Engpass bei notwendigem, medizinischem Material beheben wollen, habe ich nirgends gefunden. Für Heinsberg und seinen Landrat sind das keine guten Nachrichten.

Nachtrag: Inzwischen hat auch der Spiegel in einem kurzen Videobeitrag über die chinesischen, russischen und kubanischen Hilfslieferungen berichtet, nachdem Deutschland – so behauptet der Spiegel – auch ein paar Beatmungsgeräte geschickt hat.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

6 Gedanken zu „Europäische Solidarität? Warum Kuba, China und Russland Italien und anderen EU-Ländern Hilfe schicken“

  1. Ich habe es im Bekanntenkreis jetzt selber erlebt, wie groß der Mangel an allem, insbesondere auch an Testmaterial ist! Es ist nicht zu glauben, was hier abläuft! Da werden Kontaktpersonen von Corona-positiv Getesteten nicht getestet, erst beim Auftreten von Symptomen, d.h., die können noch als Keimschleudern tagelang herumlaufen! Wenn man die alle testen würde, wären vermutlich die Testmöglichkeiten aufgebraucht und das System würde bei weiteren Infektionen zusammenbrechen! Und wie irrsinnig die halbe Ausgangssperre ist, während die Leute dann bei der Arbeit dann ziemlich eng zusammen sind, obwohl es auch bereits einen Corona-Fall gibt! Das ist die deutsche Politik! Es ist einfach nicht mehr vermittelbar!

    1. Hallo Kutusow, es ist noch weit schlimmer! Ich arbeite in der Pflege. Unsere Mitarbeiter müssen, wenn sie Kontakt mit einem nachgewiesen Corona-Infizierten hatten weiter arbeiten! Sie bekommen dann einen Mundschutz (was für ein Modell, kann sich jeder hier vorstellen; das billigste, was es überhaupt auf dem Markt gibt, einlagiges extrem dünnes Papier mit zwei rangepappten Gummis). Alle anderen Mitarbeiter haben natürlich keinerlei Schutzausrüstung. Woher auch? Vor einer Woche (in der Nachrichten): „Spahn kümmert sich persönlich um Schutzausrüstung, telefoniert persönlich mit Herstellern“ ein Tusch…, Fanfaren…. Sterne & Glitzerregen…. (das Polit-Schönred-Kombinat GEZ-Medien wieder). Was machen mit dieser Regierung? Diese Stümper und Korrupten, Kriegstreiber und Hetzer anklagen und aburteilen (was schon sehr, sehr lange fällig wäre…).
      Und mit denen die Monopol-Medien.

      1. Das glaube ich dir sofort. Was machen wir mit dieser Regierung? Du siehst es doch, diese Phrasendrescher haben in den Umfragen wieder Zulauf! In ihrer Arroganz haben sie sogar die Hilfe aus China abgelehnt! Man glaubt, im falschen Film zu sein! Und ich bin mal gespannt, was die hinterher mit den Kosten machen.

  2. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch interessant um zu erwähnen dass Italien auch die USA um Hilfe gebeten hat. https://www.lastampa.it/cronaca/2020/03/23/news/contro-il-virus-l-italia-chiede-aiuto-al-pentagono-mandateci-i-medici-militari-anche-voi-1.38626948
    Italien hat nicht beim Aussenministerium angefragt (oder wo man das normalerweise so macht), sondern beim Pentagon. Italien bittet um Beatmungsgeräte, Masken und vor allem um Ärzte und anderes medizinisches Personal, die ja schon in den zahlreichen Basen in Italien anwesend sind. Sollten die Basen dann doch noch für etwas gut sein?
    Das Pentagon hat bislang noch nicht reagiert.

  3. Nach dem Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz von 2012…

    https://www.danisch.de/blog/2020/02/02/bundestagsdrucksache-17-12051-der-plan-zur-pandemie/

    hier nun die Verfilmung dieser Fiktion…?!🤨 Okay anders herum könnte es eher sein. Erst der Film 2011 und dann haben die Experten des Bundestages ende 2012 ihre fiktive Risikoanalyse da einfach abgeschrieben…? Wäre auch möglich!

    https://www.danisch.de/blog/2020/03/23/zur-gepflegten-unterhaltung-in-der-quarantaene/

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